Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Aignerparkhöhlen bei Salzburg


Das persönliche Interesse an einer Höhle kann aus den unterschiedlichsten Gründen erwachsen. Es kann z.B. aus einer gemütlichen Zeitungslektüre am Wochenende erwachsen. So hielt ich am 27. Januar 2001 die Süddeutsche Zeitung in der Hand und blätterte da herum, als mein Blick auf dem Artikel "Die Wahrheit hinter der Märchenfassade" hängen blieb. Helmut Mauró machte sich da Gedanken, wo das originale Bühnenbild zu Mozarts Zauberflöte herkäme.

Es geht um das Titelblatt von Schickaneders Textbuch. Eine erleuchtete Höhle mit symbolischen Gegenständen und Zeichen. Und einem Bach, der mitten durchs Bild fließt. "Und hier: das originale Bühnenbild des Finales. Links der Wasserfall, rechts der Höhleneingang, darüber eine Tafel. Wissen Sie, wo das ist?"

Das Ergebnis der Recherche war, daß es diese kleine Höhle im Aignerpark bei Salzburg gewesen sei, die zu Mozarts Zeiten sehr bekannt gewesen sei in Freimaurerkreisen und den Anstoß zu der berühmten Szene gegeben habe.

Natürlich haben auch die Höhlenforscher das Objekt schon registriert. Mit der Katasternummer 1527/3 ist sie als "Höhle im Aignerpark" längst schon im Salzburger Höhlenkataster aufgenommen. Die Eingangshöhe betrage 510 m, sie sei circa 25 m lang, das Gestein sei Gosaudolomit und der erste Hinweis auf die Höhle sei 1787 gemacht worden - so informiert zog ich am 18. Februar 2001 selber mal los, um zu sehen, ob da noch etwas zu sehen sei - "illuminiert" durch die neu gewonnenen Informationen.

Stefan Vegh war auch dabei, schließlich liegt die Höhle nicht weit von seinem derzeitigen Domizil in Salzburg und lag längst schon auf seiner Langlaufstrecke. Man kann bis zum Rand des Parks mit dem Auto fahren. Von dort sind es noch 5 Minuten zu Fuß. Zu finden ist die Höhle ganz einfach. Man braucht nur dem Bach auf breiten Wegen zu folgen. Dann stößt man unmittelbar auf die untere Höhlenöffnung aus der der Bach kommt. Früher strömte das Wasser im unsprünglichen Bett, ist aber heute für eine kurze Strecke in den Untergrund abgeleitet. Geht man von unten hinein, so betritt man die geräumige Höhle durch einen künstlich erweiterten Gang von etwa 2 Metern Höhe und gut einem Meter Breite. Am Eingang ist sowohl das Höhlenkatastertaferl mit der Katasternummer als auch ein Schild, auf dem die Höhle den Namen "Hexenloch" hat. Bei unserem Besuch strömte ein breiter Bach aus dem Mundloch, so daß die Höhle nur mit etwas Mühe betretbar war, wollte man keine nassen Füße bekommen. Eine weite Halle tat sich auf vor uns, die vom anderen Tagloch erleuchtet war. Der Bach stürzt in einem spetakulären Wasserfall herein und durchfließt den Raum. Nach rechts kann man etwas hochsteigen, wo es ein bißchen baazig wird. Kleine Plattformen sind da in den Hang geformt worden. Menschliche Spuren sind keine vorhanden, außer ein, zwei Bohrlöchern an der Höhlendecke. Das Ganze ist recht eindrucksvoll und durchaus besuchenswert, insbesondere wenn der Bach eine starke Wasserführung hat.

Bühnenbild zur "Zauberflöte"
mit der Eingangsumgebung der
"Aignerparkhöhle"
Der Eingang war damals offenbar
mit einer Tür verschlossen.

Der Zustand heute
Carl Friedrich Thiele nach Schinkel, "Decoration zu der Oper: Die Zauberflöte Act. I."
Quelle: Sabine Röder, Höhlenfaszination in der Kunst um 1800, Remscheid,
ohne Jahresangabe
Karl Friedrich Schinkel, Dekoration zu Spontinis Oper "Olympa", Akt III,
Quelle: Sabine Röder, Höhlenfaszination in der Kunst um 1800, Remscheid,
ohne Jahresangabe
Hier zwängt sich der Bach nach links unter die Felsen Der Blick auf den Höhlenbach von oben
- an der markierten Stelle verschwindet er im Fels

Der Wasserfall am Höhleneingang Wiederaustrittsstelle des Bachs im Stollen

Die Wiederaustrittsstelle des Bachs
mit dem künstlichen Stolleneingang
18.1.2004

Auf einen Hinweis von Walter Klappacher hin wurde mir auch ein Gedicht kund, das aus dem Jahre 1817 stammt und von Dr. Aloys Weißenbach in seinem Buch über "Aigen" steht. Der Titel ist "Obere Grotte" und es schildert dramatische Ereignisse während eines gewaltigen Gewitters um Mitternacht, wo in "feuriger Nacht auf des Watzmanns oberster Spitze stürzet des Regens schüttender Guß". Eine Hirtin vermißt ihre Tochter, sucht sie im Wald und findet sie tatsächlich. Just in diesem Moment passiert es: "Da wälzt im Sturz, mit entsetzlich grausem Getose der Felsbach herab, und thürmet Gestein in ungeheuren Stücken, und mauret das süße Töchterlein ein." Die fleht zu Gott, daß er doch statt der Tochter sie selbst als Opfer nähme, worauf sie gleich umsinkt und leblos liegt sie auf dem Stein".
Nun kommt noch der Hirt ins Spiel, der weder Tochter noch Frau mehr findet, und nun selber auf die Suche geht. Tatsächlich findet er erst seine Frau, die wieder erwacht und mit dem Finger "deutet hinab, und weist mit starren Blicken hinunter auf das entsetzliche Grab aus schwarzen Felsenstücken." Plötzlich geschieht etwas wie ein Wunder: "Und wie der Schmerz den Stein anruft vor dem ungeheuren Gerölle, da schreitet aus der finstern Gruft, so entsteigt ein Engel der Hölle, die liebliche Mimli lächelnd heraus, die Blumen all' im Schurze, denn gewölbt hat sich zum schirmenden Haus der Felsen mitt' im Sturze, auf daß nicht der Schrecken, nicht die Gefahr der Unschuld krümme je ein Haar."
Zuletzt gibt uns Weißenbach den Rat: "Und wer in jene Grotte geht, zu den schwarzen Schrofengeschieben, der seh, wie Fels' auf Felsen steht, wie der Sturz ist hangen geblieben; er denke des Kind's, das Kränze da wand, der Mutter, die gebethet, des Vaters, der beyde wiederum fand, des Herren, der gerettet, der mächtig gebeut dem stürzenden Stein, der Unschuld Schirm und Dach zu seyn!" Ein halber Erziehungsroman.

Diese "Obere Grotte" liegt etwas oberhalb des Hexenlochs und ist auch auf guten Wegen leicht erreichbar. Am 18. Januar 2004 war ich wieder einmal dort, diesmal mit Willi Adelung, da uns die Bruneckerhöhle wegen ihrer Eingangsenge und unseren "gewachsenen Figuren" nicht so zugesagt hatte. Es ging richtig zu. Nebenan gibt es jetzt einen Hunderführerplatz und der war voll mit Leuten, die ihre vierbeinigen Begleiten durch die Landschaft führten. Auch Erholungsbedürftige gab es zuhauf. Sonntag nachmittags um 3 Uhr war hier jedenfalls keine Ruhe. Wir stiegen zum Hexenloch hinauf und teilten uns dieses Erlebnis gleich mal mit einem Mann, einem Kind und zwei Frauen. Mann und Kind gingen allerdings nicht durch den künstlichen Eingang mit dem Bachwasser am Boden, sondern umstiegen diese Region auf einem schmalen Steig und kamen beim Wasserfall wieder zum Vorschein. Willi und ich wählten die nasse Route, die direkt in den Konglomerathohlraum hinter dem Eingangsstollen führt. Ein schöner Wasserfall toste herein, erfüllte den Raum mit seinem Tosen, aber angenehm und zu einem Aufenthalt einladend, das war das alles nicht. Ein alter Treffpunkt der Freimaurer? Fragezeichen, Fragezeichen, Fragezeichen. Ich machte ein paar Bilder, dann verließen wir schnell wieder diese Stätte. Ziel war noch die "Obere Grotte". Unterwegs kamen wir noch beim "Felsdach" vorbei. Vollkommen zeitgemäß lagen unter ihm die schlafbaren Reste von nicht mehr daseienden Menschen. Sofort habe ich an Budapest gedacht. Vor einem Jahr waren wir mal dort, hatten die Schlafstätten der unendlich vielen Obdachlosen in den U-Bahnstationen gesehen und eine in einer Felsenhöhle am Stadtrand. Hatten auch hier "Obdachlose" wieder wenigstens ein Dach über ihrem Kopf gefunden, nachdem sich unser Wirtschaftssystem als immer unfähiger herausstellt, "Wohlstand für alle" fertig zu bringen. Ob es jemals dieses Ziel wirklich gehabt hatte?

Die "Obere Grotte" ist nicht ganz ganz einfach zu erreichen. Da gibt es viele Öffnungen nach draußen, aber irgendwo ist immer wenigstens ein "mutiger Schritt" notwendig. Beim unteren Eingang gibt eine Jubeltafel, die in blumigen Worten der Naturbegeisterung einiger, wohl reicher, Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts Ausdruck gibt. An einer Stelle war ein Eisenpfosten mit einem Seil dran noch vorhanden und hatte wohl mal als Haltegriff bedient. Eigentlich läßt sich die Höhle ohne eigenes Licht durchqueren, allerdings sieht man dann nicht viel. Sie ist erstaunlich geräumig und an dem Konglomeratgestein, in dem sie liegt, arbeitet das Wasser wohl öfters gewaltig.

Literatur:

Klappacher, Walter, Gesamtredaktion Salzburger Höhlenbuch, Band 5, Salzburger Mittelgebirge und Zentralalpen, Salzburg 1992
Mauró, Helmut Die Wahrheit hinter der Märchenfassade, Süddeutsche Zeitung Nr. 22, 27./28.1.2001, Seite VII
Hübner, Ludwig Beschreibung der hochfürstlich- erzbischöflichen Haupt- und Residenzstadt Salzburg und ihrer Gegenden verbunden mit ihrer ältesten Geschichte, Eigenverlag (Salzburg), Bd. 1, 1792
Schultes, J.A. Reise durch Salzburg und Berchtesgaden. 1. Theil, Wien 1804
Weissenbach, Alois Aigen. Beschreibung und Dichtung. Salzburg 1817

Links:

 


[ Index ] [ Englisch version ] [ Höhlen und Höhlengebiete ] [ Kunst ]
[ HöRePsy ] [ Höhlenschutz ] [ VHM ] [ Veranstaltungen ] [ Links ]-