Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Höhlen um Starnberger und Ammersee, Oberbayern


Höhlen in der Maisinger Schlucht
Schatzloch bei Dießen

Die letzten Eiszeiten mit ihren Gletschern haben die Landschaft in Oberbayern geprägt. Von den Alpen bis zur Donau reicht die Schotterebene, in der all das lagert, was von ihnen noch übrig ist. Mehr als 10000 Jahre sind da inzwischen auch schon vergangen, und so wird auch dieses relativ junge Relief auch schon wieder in der "Natur" neu gestaltet. Wer mal sehen will, was da passiert, der kann mal in die Pähler Schlucht südlich des Ammersees wandern.

Noch vor wenigen Jahren war die noch gut erschlossen mit Wanderwegen, aber die hat man inzwischen aufgelassen. Inzwischen (20. März 2005) gibt es zwar noch ein kleines Schild in Pähl, das zur Schlucht weist und ein Weglein führt auch noch hinein, aber irgendwann ist dann Schluß. Deutlich ist sichtbar, daß sich aus dieser Region im Moment zumindest, der Mensch sich mit seinen technischen Produkten zurückzieht. Ein allmählich verfallendes Gebäude steht da, war wohl mal eine Mühle oder einen Wasserkraftwerk, eine Eisenbrücke gibt es noch über einen Bach, ohne daß so recht ein Weg vorher oder hinterher erkennbar wäre, wahrscheinlich wird hier wieder alles einfach der "Natur", diesem rätselhaften Ding, das auch mit der feinsten "wissenschaftlichen" Sprache im Grunde nicht "Herr" zu werden ist, überlassen wird. Immerhin hängt an einem Baum noch deutlich sichtbar ein Schild, das darauf aufmerksam macht, daß, wer hier weitergeht, keiner anderer als er selber dafür verantwortlich ist. Ist das nicht eine komische Welt, in der wir leben, daß man uns darauf erst noch aufmerksam machen muß?

Erstaunlicherweise ging es, trotz der kleiner Mißlichkeiten auf dem schmalen rutschigen Weg , der von den Menschen, die dorthin trotzdem wanderten, recht zu. Besonders junge Familien mit kleinen Kindern habe ich dort getroffen. Das Risiko, daß man da ausrutschen könnte, scheint für sehr gering gehalten zu werden. Es wurlte nur so von Kindern. Kein Hubschrauber mußte geholt werden - an diesem Tag, und auch sonst wohl kaum, aber passieren könnte da immer was.

Wer Weg endet, für jeden sich selbst erläuternd, am großen Wasserfall. Jahreszeitentsprechend gab es im Bodenbereich noch einen großen Eisklotz, der noch nicht abgeschmolzen war. Ein eindrücklicher Ort zum Nachsinnen. Wo war nur die "Höhle in der Pähler Schlucht"? Klaus Vater hatte einen Plan davon gezeichnet. Erst auf dem Rückweg fiel mir rechterhand ein kleiner ausgetretener Steig im Felshang auf, der emporstieg.

Tatsächlich. Da öffnet sich in den Konglomeraten des orographisch rechten Schluchthangs des Burgleitenbachs ein weites Felsdach. Ganz vorne war ein kleiner Steinkreis mit Asche drin. Da hat wohl jemand vor gar nicht so kurzer Zeit seinen romantischen Neigungen nachgegeben und ein Feuerl entzündet. Der Boden der Spalte war voller Laub. Lohnte es sich, sich da wirklich hineinzulegen und hineinzukrabbeln? Licht hatte ich keines dabei, aber einen Kamera. Wenn ich da hinkroch und ein Bild "schoß", dann konnte ich sehen, was sich vielleicht in der Tiefe des Raums zeigen würde. Tatsächlich, eigentlich nicht glaublich, ging es weiter hinter! Auf dem Foto zeigte sich ein Gruppe Eismanderl. Ich kroch noch weiter hinter, im weichen Laubbett ein angenehmes Thema, und macht noch ein Bild.

Hinter den Eisfiguren zeigte sich aber endgültig das "Aus". Nichts führte weiter in die "Tiefe", diese mythische Größe, die ja die Hauptfaszination der "Höhle" ausmacht. Was tun, wenn aber nichts "weiterführt"? Nicht aufgeben und weitergraben? Vielleicht gar sprengen? Irgendwo wird es schon weitergehen! Spätestens ab dem Erdmittelpunkt wird es nicht so weit nach draußen sein, als wenn man wirklich umdreht! Das Ganze überhaupt klugerweise aufgeben und sich mit was "Vernünftigerem " beschäftigen, z.B. der eigenen Karriere, sich der Familie zu opfern oder gar den Elektro- oder Autokonzernen, damit die Traumjahresbilanzen vorweisen können, oder lebenslang nur noch "Jesus" zu lieben, oder dem "ganz anderen" solange ich noch lebe, zu widmen?
Plato hat das schon lange vor mir gespürt. Angesichts einer Höhlenwand, das gilt überall auf der Welt, die einfach nicht weitergeht, stellt sich der Mensch Grundfragen.

"First things first" - so heißt das in der englischen Sprache. Jeder sollte sich hoffentlich entscheiden können. Kann er es nicht, dann muß er zumindest das tun, was halt im Sinne seiner innersten Werte ist. Da haben sich manche von den Löwen fressen lassen. Andere haben sich mit ihren Peinigern in AbuGhraib im Namen der "Freiheit" abfotographieren lassen müssen.

In dieser kleine Höhle in der Pähler Schlucht ist es allenfalls in der Nacht überall dunkel, wenn nicht Mond- und Sternenlicht stören. Der Ausgang war leicht zu finden.

 
 

März 2007. Nochmal ein Ausflug zur Pähler Schlucht. Diesmal von einer anderen Seite her. Seltsam. Als ich gerade vor der Höhle stand und zum ersten Mal hineinblickte, kam mir ein älterer Herr entgegen, der sich verrannt hatte und gerade zurückkam. Als er mich sah, da kam ihm sofort das Wort "Höhlenforscher" über die Lippen.


Januar 2013

Mit Georg Kellerer bin ich diesmal hier. Vor unserer Wanderung zum Kloster Andechs entlang des Höhenzuges oberhalb des Ammersees suchen wir den Zugang zur Schlucht. Wir finden im Ort keine Zeichen, erst etwas außerhalb sehen wir dann endlich "Zur Schlucht". Wenige Leute scheinen hier unterwegs gewesen zu sein, wir treffen nur einen einzigen Mann, der uns dann erzählt, daß er jedes Jahr einmal herkommt, um die winterliche Eispracht zu bewundern. Tatsächlich hängen viele viele Eiszapfen links und rechts des Weges die Wände und Überhänge herunter. Rutschig ist es schon unterwegs und jeden Moment könnte man ausgleiten und es einen hinunterhauen ins Bachbett. Wir haben Glück und gelangen so, vorsichtig unserem Weg folgend, bis zum großen Wasserfall. Bizarrste Eisformen hängen fragil an der Konglomeratwand. Immer wieder fallen ein paar Steinchen und Eisstückchen herunter, große Vorsicht ist schon angebracht. Am Rückweg steigen wir zu dem kleinen Felsdach hinauf, das im Höhlenkataster aufscheint. Prachtvolle dünne Eisstalaktiten hängen massenhaft von der Decke und auf dem Boden haben sich auch schon einige Eisstalagmiten auf dem Laubboden gebildet. Wer genau hinschaut, der sieht hier die Pracht im Kleinen, extrem vergänglich, die höchstens auf einem Foto für ein paar Jahre länger aufbewahrbar ist.

 


 

März 2007

Ich bin mit Klaus Vater an einem Mittwochvormittag unterwegs nach Andechs. Wir wählen nicht den Weg durch die Schlucht des Kientals, sondern wir gehen auf dem Bergrücken zum Ammersee hin. Nur ein Postauto überholt uns unterwegs und eine Gruppe junger Leute, die einfach schon ein viel schnelleres Gangtempo hinlegen.

Kurz vor dem Kloster geht es abwärts und in der Talsohle überqueren wir auf einem kleinen Brückerl ein Bächlein, das gleich danach in die Tiefe stürzt. 10 m tiefer ist wieder ein Teich, aus dem der Bach dann weiterströmt. Der Blick auf eine große Wasserfallhöhle unterhalb ist möglich. Hufeisenförmig geht das Felsdach in beiden Richtungen auseinander. Bei alten Gebäuden, 50 m Richtung Andechs gelegen, ist ein leichter Abstieg möglich. Die "Höhle", die eher ein großes Felsdach ist, ist noch nicht vermessen. Wir werden das bald mal anpacken.

 

Oliv-Freia berichtet von einer Höhle im Kiental: "Die Höhle liegt im Kiental zwischen Herrschung und Andechs. Sie hat wohl der Kutta-Midel als Unterschlupf gedient, wie es heißt im Sommer und Winter. 1735 starb sie am Lichtmess-Tag im Erlinger Krankenhaus mit circa 80 Jahren. Ihre Geschichte wurde vom Pfarrvikar ins Sterbebuch eingetragen. Als man 1853 eine Straße durch die Schlucht baute, wurde in den Nagelfluhwänden, "wohl nahe oder in ihrer Höhle" ein Totenkopf gefunden. "Vermutlich hat er der Klausnerin als Anschauungsobjekt gedient." Da ist gut vorstellbar, denn Maria Magdalena, das große "Vorbild" all dieser Frauen, die sich von der Welt abscheiden, um in der Natur allein zu sein, wurde auch gerne mit einem Totenkopf in nächster Nähe gezeigt. 1655 soll die "Kutta-Miedl" geboren worden sein, eine uneheliche Tochter einer sächsischen Adeligen, die für ihre letzten 40 Jahre ein karges Dasein gewählt habe, ohne "Mantel und Bett". Noch heute sollen manche Eltern sie als "Kinderschreck" zur Erziehung ihrer Kinder einsetzen."

 

Westlich von Tutzing zweigt das "Kalktal" ab, in dem ein Bach das Wasser aus der Umgebung in den Starnberger See abführt. Auch dort gibt es ein katasterwürdiges Felsdach...

Nicht weit weg davon ist oder war einmal eine Höhle, von der es noch eine alte Aufzeichnung aus dem Jahre 1784 von Lorenz Westenrieder gibt. Stimmt die Angabe, dann lag/liegt sie in der Nähe eines Teiches für "eine Privatmühle zum Gebrauch des Bräuhauses in Tuzing". Ein kleiner Auszug daraus: "Wir giengen ißt über gelind aufsteigende Hügel einige Wiesen, durch welche häufige kleine Quellen durch das Gras schliechen, hinan, und kamen dann durch ein anmuthiges Wäldchen. Die Stille, welche darinn herrscht, und die schweigenden sanft schauerlichen Schatten bereiten, und heiligen die Seele zum Eingang in jene geheimnißreiche Grotte, aus der man allmählig das Geräusch des Wassers vernimmt. Durch Gebüsche, welche eine rührende Dunkelheit verbreiten, stiegen wir hinab, und befanden uns dann auf einmal in der bezauberndsten Höhle. Welch ein Ort der Begeisterung! Welches herrliche Werk der Natur! Das Wasser, das sich hier sammelte, hat nach und nach die Erde und Steine mit sich fort in den See geführt, und in undenklichen Jahren ein geraumiges tiefes Beete sich ausgehohlt. Westwärts läuft die kristalne Quelle von oben, wie von einer Cascade, über Duftsteine herab, und auf der Seite rieselt sie durch ein herrliches Gewölb, das in dieselbe hineingegraben ist, in dem dicksten Regen herab, so daß man die Duftsteine, durch welche er tröpfelt, gleichsam entstehen sieht."

Die Beschreibung klingt so, daß es sich wohl um eine Tuffhöhle handelt/gehandelt hat. Viele dieser früheren Höhlen sind später dem Abbau zum Opfer gefallen. Solange uns nichts bekannt wird, daß es sie wirklich noch gibt, sollten wir davon ausgehen, daß sie heute nicht mehr existiert.


Paehl aus der Ferne, 2014

Oktober 2017 

Wir (Guy, Georg und ich) führen die Tradition fort und gehen wieder bei unserer Herbsttour durchs Kiental. Zwei haben abgesagt, bei anderen geht es beim besten Willen nicht mehr, denn das, noch von ihnen existiert, liegt in einer Mauer des Ostfriedhofs oder in der Erde des Waldriedhofs. Georg leitet uns an der rehten Talseite entlang und da sind einige schwarze Öffnungen zu sehen. Weit gehen sie nicht in den Talhang, aber immerhin. Wenn die geeignete Perspektive wählt. dann macht eine kleine Naturbrücke richtig etwas her.

Ein Literaturhinweis:


Literatur:

Göttner-Abendroth, Heide, Derungs, Kurt, Hrsg. Mythologische Landschaft Deutschland, edition amalia, Bern 1999
Greune, Armin Romantisches Gelände in ständiger Veränderung - Das enge Tal des Burgleitenbachs mit der Pähler Schlucht ist als Geotop wie als Biotop besonders schützenswert, Süddeutsche Zeitung 16. April 2009, Seite R2 /Fürstenfeldbrucker SZ Nr. 87
Oliv, Freia (Texte), Leinfelder, Erwin (Ölbilder) Sagen vom Ammersee, EOS-Verlag, Erzabteil St. Ottilien, 2002
Weidner, Christopher Mystische Orte in Oberbayern - Die schönsten Wanderungen und Spaziergänge, terra magica, München 2013
Westenrieder, Prof. Lorenz Beschreibung des Wurm- oder Starenbergersees, und der umliegenden Schlößer samt einer Landkarte, München 1784, Reprint 1977 Süddeutscher Verlag München

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