Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle
Die Eiskapelle
Die Eiskapelle von der Priesbergalm aus
3. November 1999. Zwischen zwei herbstlichen Hochdruckgebieten liegt gerade ein Tief. Düstergrau ist es gerade am Königsee. Kein Mensch verlangt von einem Parkgebühr. Eines der hervorragendsten landschaftlichen Kleinode wird heute nur von fast niemandem gewürdigt. Am Kassenhäuschen der Schiffahrtsablegestelle ist niemand. Um 13 Uhr legt das fast leere Boot ab und bringt uns wie immer in einer halben Stunde hinüber nach St. Bartholomä. Genug sind es, daß der Schiffsbegleiter seine Trompete hervorholt und ein paar Töne herauslockt. In Bartholomä. bin ich der einzige, der aussteigt. In fast einer Stunde bin ich oben bei der Eiskapelle. Es ist nicht ganz einfach hinzukommen. Ein breiter Bach aus der Region der Hachelwände ist so hinderlich, daß es mir fast nicht möglich war, trockenen Fußes hinüberzukommen. Ein relativ kleines Loch bildet diesmal die Eingangsöffnung zur Eiskapelle. Das Schild, das noch vor wenigen Jahren ausdrücklich das Betreten der Eiskapelle verbot, ist nicht mehr da. Heute hängt da ein Hinweis, daß das Betreten der Firnflächen lebensgefährlich sei, weil sie völlig unterhöhlt seien. In der Tat.
Bei der Eiskapelle hole ich die Helmlampe heraus, baue mein Stativ auf. Fotographiere mich am Eingang. Dann gehe ich hinein. Unheimlich ist es heute. Es ist nicht still hier. Laut strömt der Bach aus dem weiten Tunnel hervor. Ich springe hinüber auf die andere Seite, um besser vorwärtskommen zu können. Es dröhnt immer mehr. Es ist so, als würde ein Hubschrauber gleich überhalb kreisen. Kündigt sich da etwas an? Ich blicke zurück zum Eingang. Er ist noch offen. Ist die ganze Decke über mir in Bewegung? Kommen die starken Geräusche von den Veränderungen in der Decke? Für einen Moment ist mir, als ob sie sich schnell um 10 cm gesenkt hätte. Sofort schießt mir die Geschichte des ganz plötzlichen Einsturzes einer Gletscherhöhle im Großglocknergebiet in den Sinn. Ohne jegliche Vorwarnung begrub dort das Eis eine Gruppe von Menschen plötzlich unter sich. War ich zum falschen Zeitpunkt gerade da? Stand ein Einsturz gleich davor? Wieviel Zeit hatte ich noch, den Ausgang wieder zu erreichen? Ich stürzte los, ein paar Schritte, hinüber über den Bach, hinaus ins Freie, jetzt konnte mir nur noch der Himmel auf den Kopf fallen, aber nicht mehr die Eiskapelle. Draußen beruhigte ich mich wieder ein bißchen. Alles stand ja noch, nichts war eingestürzt. War ich nicht ein bißchen hysterisch geworden, übervorsichtig gewesen, alles nicht so tragisch? Sollte ich nicht ruhig wieder umkehren und doch wieder hineingehen? Ich entschied mich für die sichere Variante. Heute nicht, vielleicht ein andermal, drehte um und wanderte wieder talwärts hinunter zum Schiff nach Bartholomä. Es regnete immer noch, als ich dort eintraf. Perfect timing. Das Schiff fuhr sofort los und brachte mich wieder sicher zurück. Das nächste Abenteuer konnte beginnen.
Jahre vorher hatte ich schon einmal eine Alleintour in die Eiskapelle unternommen. Diese Tour und der Bericht darüber "Die Eiskapelle - ein Speläokleinod in den Bayerischen Alpen" hatten ein starkes Echo. Auf einmal fuhren alle hin, was vorher die "Höhlenforscher" überhaupt nicht interessiert hatte. Ein Bericht in GEO erschien, Andreas Wolf schrieb seine Diplomarbeit über die Eiskapelle. Jährlich findet im November nun eine Vermessungstour in die Eiskapelle statt, um jeweils der neuesten Zustand dieser wirklich außergewöhnlichen Höhle zu dokumentieren. Sie stellt einen Höhlentyp dar, der uns bislang nur wenig vertraut war, die "Dynamische Höhle", die nicht Jahr für Jahr gleich ist, sondern die sich laufend ändert. Mal ist sie groß, mal klein, mal lang, mal kurz, mal trocken, mal sehr feucht, mal zu, mal offen. Ihr Besuch ist nicht ungefährlich, aber was ist schon ungefährlich? Das Autofahren etwa?
Die früheste Erwähnung einer Begehung der Eiskapelle, die mir bekannt ist, stammt vom 28. November 1797. Damals ließ sich Wilhelm von Humboldt, zusammen mit Leopold Freiherr von Buch, dem "größten Geognosten unserer Zeit", so von Humboldt bezeichnet, über den See rudern. Sie stiegen dann den Weg zum Watzmannfuß hinauf. "Hier in einem Winkel zwischen den abgeschnittenen zwey- und dreytausend Fuss hohen Felsen rinnt der Bach dieses Thals aus einem prächtigen Eisgewölbe hervor, dass der Witterung trotzend sich immerwährend erhält. Ein dämmerndes Licht erhellte das Innere; tropfen- und stromweis kamen Bäche von der hohen Decke herab, aus kleinen Oeffnungen in milchweissem, durchscheindendem opalähnlichem Eise." Sie kamen 600 Fuß hinein, was ungefähr 175 Meter sind.
Im Jahre 1801 erschien eine "Beschreibung der größten und merkwürdigsten Höhlen der Erde" vom Christian Wilhelm Ritter. Auch in diesem Buch gibt es ein Kapitel über die Eiskapelle: "An dem Fuße des kleinen Watzmannes, eines Berges in der gefürsteten Probstei Berchtesgaden, liegt die sogenannte Eiskapelle. Um zu dieser zu gelangen, muß man ein fürchterlichen gegen Südwest etwa eine Stunde lang sich fortziehenden Graben durchwandern, indem unser Reisender alle Spuren jener gräßlichen Verwüstungen, die von reißenden Bergströmen und Schneelawinen verursacht worden sind, mit Muß überschauen konnte. Jenseits des Baches, der bald im Sande sich verliert, bald wild aus demselben wieder hervorsprudelt, an der Nordseite dieses Grabens, hat ein kleiner Bergstrom eine herabgestürzte Schneelawine ausgehölt und ein förmliches Gewölbe daraus gebildet, dessen Decke und Wände mit hundertjährigem Eise und den schönsten Krystallen geschmückt sind. Dieses ist die Eiskapelle, die lange unter neuen Lawinen bedeckt blieb, vor einigen Wochen aber durch die heißen Sonnenstralen von ihre Hülle wieder befreiet wurde. Mich freuete es, - sagt der Verfasser - dieses Kabinett des ewigen Winters gesehen zu haben, und jeder Reisende wird seine Mühe bei diesem seltenen Anblicke nicht minder belohnt finden. Nur ist jedem zu rathen, der über den stets einbrechenden Schnee sich dahin waget, vor dem Eintritte in diese Eisgrotte lange auszuruhen und nicht mit erhitztem Körper hineinzugehen, wei sonst deren schreckliche, plötzlich auffallende Kälte unfehlbar sehr schädliche Folgen haben würde." Wie sich doch die Zeiten wandeln und doch gleichbleiben. Die Orthographie verschiebt sich, die Punkte, die man für wichtig hält, und doch gibt es da gemeinsame Kerne.
Andere sind an der Eiskapelle vorbeigekommen, aber sind offenbar nicht stehengeblieben und haben sich beeindrucken lassen. So heißt es bei Heinrich Noe: "Als eines der Kinder des Forstwartes krank lag und dringend einer Arznei bedurfte und weder Wasser noch Eis einem Menschen Bahn boten, da entschloß sich der Knecht rasch und ging durch das lawinengefährliche Eisthal zur Eiskapelle und von dieser an den schauerlichen Wänden hinauf zur Herrenroint-Alpe, und von dieser durch den klaftertiefen Schnee herab nach Berchtesgaden..." Für alles gibt eine Zeit, hier ist die Eiskapelle nur eine Stelle am Weg, weiter nichts.
Man darf die Gefahr in der Eiskapelle nicht unterschätzen. Es kann plötzlich zu einer Katastrophe kommen. Das zeigt auch der folgende kleine Bericht, der mich im November 2005 erreicht hat:
"Ich war gestern mit der I in der Eiskapelle - Watzmann. Wir haben uns das mal angeschaut. Als wir gerade am Ostwandfuß in der Höhle standen krachte es ganz furchtbar!!!!! Wir konnten nicht sagen was da runtergefallen, bzw. was da los war. Scheinbar war es aber hinter uns, das heißt Richtung Höhlenausgang, aber auf gar keinen Fall weit weg!!!!! Meiner Meinung nach ca. 20 mtr. Auf jeden Fall war es nicht klein. Die I setzte sich sofort mit Laufgeschwindigkeit in Bewegung, ich hatte Schwierigkeit sie zu bremsen, um nicht in eine Gefahrenzone reinzulaufen. Es waren noch weitere Leute im Eingangsbereich. Diese zogen sofort den Schwanz ein und kehrten mit ihren Stirnlampen sofort um. Das war schon ein Erlebnis der besonderen Art. Überall tropfte es runter, sehr beeindruckend mit den fast 20 mtr. breiten Hauptgang und den rieseigen Hacheln. ".
Kleine Kontaktgeschichte mit der Eiskapelle:
| 1797 | Besuch der Eiskapelle durch Alexander von Humboldt |
| 1804 | Besuch durch den Naturforscher und Arzt Joseph August Schulte |
Literatur:
| Burghardt, Joachim | Vergessene Pfade um den Königssee, Bruckmann-Verlag, München 2009 |
| Flügel, Helmut W. | Leopold von Buchs Tagebuch, Briefe und Publikation über seine Wanderung durch das Salzkammergut, JAHRBUCH DER GEOLOGISCHEN BUNDESANSTALT Heft 3+4 Jb. Geol. B.-A. Band 150 S. 431441 Wien, Dezember 2010 |
| Klappacher, Walter | Salzburger Höhlenbuch, Band 2, Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg, Salzburg 1977 |
| Lindenmayr, Franz | Die Eiskapelle - Ein Speleokleinod in den Bayerischen Alpen, Der Schlaz Nr. 45, 1985,S. 26-28 |
| Peter, Carsten | Die Kapelle im Eis - Auf Bayerns Landkarte wurde ein weißer Fleck getilgt, GEO 1989, S. 120ff. |
| Rödder, Tobias | Lawinen sichern den Bestand der Eiskapelle, Nationalpark Berchtesgaden 1/2009 Nr. 25, S. 15 |
| Stankiewitz, Karl | Das Geheimnis der Eiskapelle, Süddeutsche Zeitung Nr. 42, 20. Februar 1997, S. 21 |
| Wolf, Andreas | 10 Jahre Eiskapelle, Festschrift/Der Schlaz, Heft 74, September 1994, S. 78ff. |
| Wolf, Andreas | Die Eiskapelle am Königsee, Kartographie 2001 - mulitdisziplinär und mulitmedial, Beiträge zum 50. Deutschen Kartographentag, Berchtesgaden 2001 |
| Wolf, Andreas | Die Eiskapelle am Königsee (11344/5), in: Münchner Höhlengeschichte II, hrsg. vom Verein für Höhlenkunde in München, 2004, S. 183ff. |
| WOLF, A. | Die Eiskapelle beim Königssee, Watzmann (Berchtesgadener Alpen). In: Salzburger Geographische Materialien Vol. 28: 111-121. Salzburg 1998 |
| WOLF, A. | Die Eiskapelle am Königssee. In: Karst und Höhle. Band Berchtesgaden 2005: 140-149. München. |
| WOLF, A. | Die Eiskapelle am Königssee ein schmelzendes Naturwunder? 23 Jahre Höhlenforschung im Gletschereis des Nationalpark Berchtesgaden. In: Untertage Alpin 2007: 86-88. |
| Wolf, A. | Die Eiskapelle, DER SCHLAZ 117-2011, S. 91ff. |
Geocache:
http://www.geocaching.com/seek/cache_details.aspx?guid=2ed6ea0a-b4f2-4205-bdfa-53d82c4eb2eb
Links:
www.geologie.ac.at/filestore/download/JB1503_431_A.pdf
http://austria-insiderinfo.com/fuss/eiskapelle.htm
http://www.carto.net/neumann/caving/fotos/icecave_watzmann_2001_10/
http://www.rainerkoller.de/viewer3.php?stwnr=1&kategorie=Ort
Die Eiskapelle - Nationalpark Berchtesgaden
http://www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/avh/de/Blanko.2004-12-14.3730549301#chronologische%20Uebersicht > Zu Alexander von Humboldts Besuch der Eiskapelle
Landschaft und Höhlen der Bayerischen Alpen
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