Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Salzgrabenhöhle
Steinernes Meer


"Solltet ihr die Grand Canyons vor den Stürmen abdecken wollen, würdet ihr nie die Schönheiten ihrer Formungen erblicken können."
Elisabeth Kübler-Ross

"Die Aussperrung, die Trennung des Menschen von der Natur gehört in unserer Zeit zu den größten Problemen des Naturschutzes. Sie ist nur dort und nur zu solchen Zeiten zu rechtfertigen, wo es wirklich (und für die Naturfreunde nachvollziehbar) um den Schutz vor Störungen oder Zerstörungen geht. Wären die Ausnahmen intuitiv plausibel, gäbe es auch keine Akzeptanzprobleme. Wo Sperrungen, Betretungsverbote und Wegegebote jedoch keinen ersichtlichen Grund haben, wird man solche Einschränkungen als unangemessen empfinden. Natur, die vorenthalten wird, eignet sich nicht dafür, das Anliegen des Naturschutzes zu verbreiten..."Naturschutzgebiet - Betreten verboten!" ist jedenfalls die schlechteste Werbung für den Naturschutz". Josef H. Reichhoff, Naturschutz - Krise und Zukunft, Berlin 2010, S. 146


Lange war sie Deutschlands längste Höhle. Für viele Jahre. Ihr Typ ist ganz anders als die meisten andern Höhlen bei uns. Sie paßt eher hinüber ins Salzburgische. Sie lag da ja auch, bis der Wiener Kongreß im Gefolge des Untergangs Napoleons dazu führte, daß da eine Grenze künstlich gezogen wurde - das Berchtesgadener Land kam zu Bayern, der andere Teil blieb bei Salzburg. Den Bergen ist das, was diese Wesen, die sich gerne selber die "Krone der Schöpfung" zu nennen pflegen, treiben, wohl ziemlich wurscht. Das Wasser fließt, wo es Platz findet und wo der Fels "Löcher" in sich hat, die Luft bläst auch durch, wo es halt geht, und von oben her schmilzt der Kalk eh zusammen wie ein Schneemann, langsam zwar, aber stetig. Nichts hält - alles verändert sich.

Nach ihrer Entdeckung war die Höhle für viele Jahre ganz einfach offen. Jeder, der wußte, wo der Eingang lag, konnte hingehen und sie besuchen. Von dieser Möglichkeit machten viele Gebrauch. Sie wurde zu einer der beliebtesten "Wilden Höhlen" Deutschlands. Besonders reizvoll war es, dort zu übernachten. Das im Mittelteil der Höhle sich befindende Biwak war eine bevorzugte Schlafstelle, aber auch schon vorher in den großen Gängen war genügend Raum, um auch größeren Gruppen Aufenthaltsraum zu bieten. Was sich da abgespielt hat, ist schier unglaublich. Da wurden Ölfässer hinaufgeschleppt und abgefackelt, Sylvesterraketen wurden eingesetzt, um entsprechend zu feiern. Der Müll häufte sich und das Fäkalienproblem ist bei vielen Menschen auch allmählich sehr schwerwiegend. Irgendwann war es genug.

Mit einem Schlag wurde das Betreten der Höhle von der Nationalparkverwaltung verboten. Übernachtungen wurden überhaupt nur noch für Forschungszwecke genehmigt, eine mühsame bürokratische Prozedur wurde eingeführt und praktiziert. Man mußte sich bis zu einem Stichdatum für eine Besuchmöglichkeit im nächsten Jahr bewerben und bekam dann, falls man Glück hatte, auch den gewünschten Timeslot zugeteilt. Falls mehrere für den gleichen Termin nachgesucht hatten, dann wurde nach ich weiß nicht was entschieden. Hatte man dann die gesuchte Erlaubnis, dann stellte sich immer noch die Frage, ob man sie auch wirklich wahrnehmen konnte. Was war z.B., wenn das Wetter nicht wirklich paßte. Sollte man riskieren eingeschlossen eventuell zu werden, nur weil man eben gerade dafür das Permit hatte?  Ein wenig vergiftetes Blut gab es auch, weil es offenbar einige Leute mit guten Beziehungen gab, für die keinerlei Beschränkungen zu bestehen schienen. Sie gingen auch im Winter hinein, wo alle anderen aus "Naturschutzgründen" ausgeschlossen waren, verständlich, denn die Forschung in bestimmten Teilen ist eben nur zu dieser Jahreszeit ratsam. Aber waren es gerade diese Leute und keine anderen?

Am 27. Juni 2011 waren wir jedenfalls wieder selber einmal in der Höhle und das war ein großartiges Erlebnis. Nur für ein paar Stunden, aber die hatten es in sich. Edu Koch hatte die Idee und kümmerte sich erfolgreich um den bürokratischen Kleinkram. Was da alles zu beachten ist, das steht sicherlich auf der Webseite der Nationalparkverwaltung. Haftungsausschlußerklärung unterschreiben, Liste der Teilnehmer mit Adressen, Kautionsleistung, persönliche Schlüsselabholung und -rückgabe bei der Nationalparkverwaltung, das gehört dazu.

In der Praxis zeigen sich dann die kleinen und größeren Stolpersteinchen. Für die Überquerung des Königssees ist man an die Boote der staatlichen Schiffahrt dort gebunden. Und fahren halt bis Ende Juni erst ab 8.30 Uhr. Warum gibt es denn z.B. kein eigenes Bergsteigerboot, das schon um 7 Uhr in der Frühe schon mal über See fahren würde? Jeder, der die langen und steilen Steige um den Königssee schon einmal benutzt hat, weiß wie ausgezeichnet so etwas wäre. Aber so etwas gibt es, bis jetzt, noch nicht. Und man muß spätestens mit dem letzten Boot zurück, denn das Übernachten in Bartholomä ist sogar verboten! Mehr als 200 € würde eine Extrafahrt kosten, falls sie notwenig würde.

Genau in diesem Zeitrahmen haben wir uns bewegt. Um 8.30 Uhr ging es los und mit letzten Boot kamen die letzten von uns gerade noch mit. Allerdings hatten sie sich ja auch noch ein Vollbad im See nach der schweißtreibenden Tour geleistet.  Wir anderen hatten uns innerlich in den Wirtschaften durchgespült mit Radlermassen und Russen.

Es dauert, bis man über dem See ist und dann aufgestiegen ist, um endlich die Höhle betreten zu können. Es war wirklich schon 12 Uhr, als der letzte im Sturmwind des Eingangsportals stand und um 16 Uhr sollten alle schon wieder draußen sein, damit noch genug Zeit blieb, das Boot unten am See zu erreichen. 4 Stunden in dieser riesigen Höhlen, die inzwischen schon fast 10 km vermessene Gesamtganglänge aufweist. Viele sind bis zum wieder aufgebauten Biwak über den wieder installierten Klettersteig hinaufgestiegen, nachdem ja vor einigen Jahren ja ein Jahrhundertunwetter praktisch die allermeisten Spuren des Menschen in der Höhle einfach hinweggefegt hatte. Wo ist da des Menschen "Größe"?

Es wurde eine Menge fotographiert. Offenbar bestand ein großes Bedürfnis danach, besonders bei den jungen Leuten, von denen viele zu allerersten Male hier waren und sicherlich auch gestaunt haben, was sich da im Innern des Steinernen Meeres für gewaltige Hohlräume befinden. Bei mir kamen immer wieder sehr melancholische Gefühle auf, denn ich habe Bilder, auf denen von den drei Personen, die darauf zu sehen sind, gerade noch einer lebt. Zwei sind schon vor vielen Jahren gestorben, Christian Deubner und Willi Hermann. Und warten wir noch ein Weilchen, dann sind wir alle über Grenze hinaus, die der Tod bedeutet. Es ist mir wichtig, daß nach uns auch noch jemand kommt, und es war schön, daß so viele Junge dabei waren. Sie werden hoffentlich die sein, die weitermachen.

 
 

 
 
 
 
 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

 


Literatur:

Klappacher, W., Knapczyk, H.,
Gesamtredaktion
Salzburger Höhlenbuch, Band 2, Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg, Salzburg 1977
Lagally, Ulrich et al Geowissenschaftlich schutzwürdige Objekte in Oberbayern - Ergebnisse einer Erstaufnahme, Erdwissenschaftliche Beiträge zum Naturschutz, hrsg. von: Bayerisches Geologisches Landesamt, München 1993, S. 134f.
Meyer, Ulrich Forschungsbericht Salzgrabenhöhle, Atlantis Heft 3/4, 2002, S. 25ff.
Meyer, Ulrich Vom berauschenden Gefühl, die ersten zu sein..in der Salzgrabenhöhle, DER SCHLAZ 98, 2002, S. 20ff.
Keim, Gertrud Hochwasserspuren in der Salzgrabenhöhle, DER SCHLAZ 98, 2002, S. 23ff.

Links:

Die Wetterführung der Salzgrabenhöhle (1331/29) bei Berchtesgaden

Speleotek - Lästerliches

untitled - 172h005.pdf

Landschaft und Höhlen der Bayerischen Alpen


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