Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Höhlenburg Stein an der Traun, Bayern


Ein Blick in den Brunnenschacht! Juli 2006 anläßlich des 20. Jubiläums der Chiemgauer Höhlenbären bei YouTube


Die Höhlenburg von Stein an der Traun liegt in der Konglomeratfelswand im gleichnamigen Ort. Der DEHIO-Reiseführer charakterisiert die Gesamtsituation des Schlosses, zum dem auch die Höhlenburg gehört, mit folgenden Worten: "Durch einen in den Fels gehauenen unterirdischen Gang verbundene Anlage aus drei Burgen, vor, in und auf der steilen Nagelfluhwand, die kurz vor der Mündung der Traun in die Alz die Ostseite des Tales abriegelt. Dem markanten Klosterbau von Baumburg am jenseitigen Hang gegenübergestellt."

Über die Höhlenburg ist dort zu lesen: "Vom inneren Hof des Unteren Schlosses durch eine Holztreppe zu erreichen. Grotte unter einer überhängenden Wand zu System von Gängen und Räumen erweitert: u.a. ein rundgewölbter 30 m langer Wehrgang, Eßzimmer, Tanz- und Rittersaal, Gerichtssaal, Küche, weitere Wohnräume sowie ein Brunnen und der aushauene Gang zum kleinen Burghof des Hochschlosses. Gegen den unteren Schloßhof zu durch eine dicke Tuffsteinmauer mit Schießscharten abgeschlossen, dort Wappen der Toerring-Seefeld und der Fugger von Kirchberg und Weißenhorn; der Komplex von 1565 und 1705 (Inschrift); renoviert 1956. Gilt als die best erhaltene Burg dieser Art in Deutschland."

Früher war der Gang hinauf zur oberen Burg im Besuchsprogramm enthalten, heute (2006) ist das nicht mehr der Fall. Aus Sicherheitsgründen unterbleibt das, weil angeblich Steinschlaggefahr droht. In der Burg wickelt man offenbar ein Ausbauprogramm der Anlage ab, renoviert verschiedene Räume, möbliert sie wieder mit Stücken aus der Zeit von Heinz von Stein, will auch wieder einen "Blutfleck" an einer bestimmten Stelle an die Wand schmieren, die Folterkammer besser bestücken, überhaupt den Besucher in eine "Erlebniswelt" führen.

Auf dem Weg zur Felswand

Der Hungerturm

Der "Kerker" im Schloß

mit Falldeckel

Die "Folterkammer"

- "im Aufbau"


Der Burgbrunnen
Das Wappen der Thoeringer
In der Burgküche

Wohnräume in der Burg
Der Burgplan

Der Aufgang zur oberen Burg
In der Brauerei

- viele schauen auf die Braukessel


andere aus dem Fenster in den Garten
darunter..........
Auf dem Weg in den kühlen Bierkeller

links die natürlich Konglomeratwand

In den Bierkesselräumen
Im Bierträgerlager
Der Unhold von einst

- die cash cow von heute

Ein besonderes Erlebnis ist es, auch die Brauereiführung mitzumachen. Da bekommt man Einblick in die Herstellung von Bier nach traditionellen Methoden und in die Kühlkeller im Schloßberg, für die große unterirdische Kavernen in das Gestein gesprengt worden sind. Im Lager für die fertigen Bierträger kommt fast sakrale Stimmung auf, da hier von oben durch Deckenfenster nur das Licht eindringt und man die Berge aus Bierträgern mit einiger Phantasie auch als Alter ansehen könnte.

Nicht weit von der Burg entfernt ist noch die "Klause" auf halber Höhe des Felsens. Der Dehio weiß darüber: "Reste der bis 1936 bewohnten Anlage: fünf Felsgrotten, eine noch durch Blockwand und Pultdach nach außen abgeschlossen. Dort wohnende Eremiten unterrichteten ab Ende des 17. Jhdts die Kinder des Ortes."

Östlich der Brauerei sind eine Reihe von Häusern direkt an die Konglomeratfelswand gebaut worden, so daß wie hier richtige kleine Felsenhäusl noch haben.

 

 


Die Höhlenburg von Ferne

Die Felswand mit der Höhlenburg

Mai 2004

Die Höhlenklause von unten

Auf dem Weg in die Klause

Der Weg in der Felswand zur
Klause
Die Klause wird langsam sichtbar

DieKapelle bei der Klause

Das Bett des Klausners
Alte Fotos von den Klausnern

Die wichtigste Figur im Zusammenhang mit der Höhlenburg ist sicherlich der Ritter Heinz von Stein. Carl Oskar Renner hat ihm ein literarisches Denkmal mit seinem Buch "Heinz von Stein, genannt der Wilde" gesetzt. Er zeichnet darin sehr treffend die Zeit Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts und das darin hineingewobene Schicksal des einstigen Ritters. Schon sein Vater Rapoto war ein rauher Geselle, der nur im Höhlenschloß in der Mitte und im Neuschloß am Fluß was zu sagen hatte, weil nur die bayerisch waren, das Hochschloß darüber gehörten nach Salzburg. Wir erfahren aus der Geschichte: "Immer wenn Herr Rapoto sich ärgern mußte, zog er sich ins Höhlenschloß zurück. Dort schrie er dann die Wände an und die Teppiche, die an den Wänden hingen; dort stampfte er auf den Estrich und nahm wohl auch Lanze und Schwert vom Balken und drosch damit auf die zweifach gelederten Schilder. So auch jetzt..."

Später zieht in dieses Schloß der Sohn Heinz ein, der sich auf viele Weise sehr verdient gemacht hat, z.B. ein Kreuzzug des Kaisers ins Heilige Land wurde von ihm durch ein beherztes Eingreifen beim einem heimlichen Angriff der Ungarn auf die Transportflöße gerettet und erhielt persönlich vom Kaiser die "Schwertleite". Andererseits "verdient" er einen Großteil seines Lebensunterhalts durch Raubzüge, in dem z.B. Transportschiffe mit Waren auf dem Inn ihrer Ware entledigt werden. Solange genügend "Raubritter" beisammen sind, führen die ein lustiges Leben auf der Burg. Der auf krummen Wegen erworbene Reichtum ermöglichte Umgestaltungen und so heißt es von der Höhlenburg: "Ebenso sollte ds Innere der Höhlenburg ein ganz anderes Gesicht kriegen: Der Tanz- und Rittersaal brauchte einen neuen Estrich; das Eßzimmer mußt vom Weinkeller durch eine feste Wand getrennt werden; der Gerichtssaal ist vollkommen zu überholen und - gleich wie das Aussichtszimmer - mit eichenen Bohlen und Brettern zu verschalen. Beim gegenwärtigen Zustand hätte mann keinen Gast empfangen können. Im Winter aber kehrten die Gäste am liebsten in der Höhlenburg ein, weil es da am wärmsten und gemütlichsten war. Den Wehrgang, der zwar klafterdicke Gesteinsmauern hatte, wollte Heinz noch zusätzlich durch eine Ziegelwand festigen, desgleichen für die Küche einen neuen Rauchabzug bauen lassen. Schließlich sollten ihm die Ortenburgschen Knechte den vierzehn Klafter tiefen Brunne inwendig neu verputzen. Diese gewaltige Schacht führte geradewegs hinab zur Traun, die hier durch den Berg floß. Um diesen Brunnen beneidete man ihn ihm ganzen Bayernland."

Eine Episode erzählt von 2 Nönnlein, jungen Frauen, die eigentlich im Chiemseekloster nach dem Willen ihrer Eltern leben sollten. Sie büchsen aus und finden Unterschlupf bei Heinz von Stein. Alle Welt sucht die beiden und der Ex-Liebhaber Ulrich Erlinger wird angesetzt, sie zu finden. Er erlernt die Kunst, heimlich in die Höhlenburg einzudringen. "Hinter der Klause, die in den Fels hineingehauen, aber jetzt leer war, stiegen sie in die fünfundvierzig Klafter hohe Wand, der Alte voraus. Jede Nacht denselben Weg bis zur Kucheltür des Felsenschlosses, weiter nicht." In der Fastnachtszeit dringt er heimlich in die Höhlenburg ein und erlebt folgendes: "Vor der Kücheltür strömte ihm der Duft von gebratenem Wildschwein, von gebackenen Fasanen und gesottenen Fischen entgegen, und ein Geschrei und Gekreische von Mägden war zu vernehmen, die bei all ihrer Arbeit von den andrängenden Junkern immer wieder betastet und gezwickt wurden. Jetzt machte er die Tür auf. Dampf und Qualm schlug ihm entgegen. Da sah man keine zwei Ellen weit. Rasch ergriff er einen Korb voll Zinnbecher und ging hinter einigen Dienstknechten drein. Im Rittersaal ging es wild her. Da lagen schon etliche unter der Tafel. Einer drehte sich gerade zu einer Pechnase hin und erbracht sich darein, ein anderer hatte eine Magd mit hereingezerrt und entblätterte sie...." Renner beschreibt das Geschehen so anschaulich, daß man bei einem Besuch der Höhlenburg ja eigentlich nur enttäuscht sein kann, wegen der Nüchternheit eines solchen realen Ereignisses. Die Lektüre des Buches lohnt, ehrlich.

Darin sind dann auch noch die weiteren wichtigen Stationen des Lebens von Stein und der Höhlenburg beschrieben, der Bau der unterirdischen Verbindungswege zwischen den Burgen, nachdem die Salzburger das äußere hölzerne Stiegenhaus verbrannt hatte, schließlich der Niedergang und das Ende des Heinz von Stein.

Am 25. Januar 2010 geriet auf einmal Stein an der Traun in die Schlagzeilen der Medien. Ein großer Felsbrocken war aus der Wand herausgebrochen, an die ein Wohnhaus gebaut war, und zerstörte damit das gesamte Haus. Zwei Menschen konnten noch lebend geborgen werden, zwei starben.

Der Münchner Ingenieurgeologieprofessor Kurosch Thuro stellte später in einem Gutachten fest, daß der Felssturz "von einer Grotte im Fels ausgelöst worden sei....Die als Keller genutzte Grotte hinter dem Haus habe erhebliche mechanische Auswirkungen auf das Unglück gehabt und müsse als "schadensursächlich" angesehen werden."


Februar 2010

 


Literatur:

Weidner-Weiden, Heidi

Das Ungeheuer der Felsenburg, Süddeutsche Zeitung 4. Juli 1991, S. 46
Werner, Paul Das Raubritternest im Fels, UNSER BAYERN Jahrgang 39 Nr. 4 April 1990, S.1ff.
Haselbeck, Franz Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung 19. Mai 1995, S. 46 "Montags mit dem Stock, freitags mit der Lederrute"
Seitz, Helmut Besuch in der Unterwelt 7 Raubritters Höhlenburg, Süddeutsche Zeitung 9.8.1991
Dehio, G. Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bayern IV, München und Oberbayern, München 1990, S. 1128
Fisch, Ludwig Denkmalschützer retten Eremitage, Süddeutsche Zeitung 18. April 1995, S. 42
Werner, Paul, Schubert, Hans-Jürgen Hochschloß und Höhlenburg Stein an der Traun, Schöne Heimat, Bayer. Landesverein für Heimatpflege, München, 77. Jhg., 1988/H.1, S. 287ff.
ohne Verfasserangabe Ein echter Grobian..., Postbank, Mach was-Planer 95/96
Berle,I. und andere Die Schwarzen Führer - München/Oberbayern, Eulen Verlag Freiburg i.B. 1998
Renner, Carl Oskar Heinz vom Stein, genannt der Wilde, Süddeutscher Verlag 1979
Käppner, Joachim Der wilde Heinz aus der Höhle, Süddeutsche Zeitung Nr. 74, 30. März 2009, S. 52
Effern, Heiner Tonnenschwerer Felsbrocken begräbt Einfamilienhaus unter sich, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 26. Januar 2010, S. 10
Effern, Heiner Vom Fels zerschmettert - 100 Jahre lang steht ein Haus sicher am Burgberg, dann gibt der Stein nach und begräbt eine Familie, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 27. Januar 2010, S. 33
Petzold, Dominik, Prummer, Karin, Sebald, Christian Den Berg im Rücken, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 28. Januar 2010, S. 22
Prummer, Karin Auf der Suche nach der Zukunft - Mutter und Sohn überlebten den Felssturz von Stein an der Traun - wie sie leben werden, ist unklar, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 2. Februar 2010, S. 33
apn Ein Hohlraum im Gestein, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG Nr. 103, 6. Mai 2010, S. 37
Werner, Paul Frommes Leben in der Felswand, in: Bayerisches Sonntagsblatt, Wochenzeitschrift für den katholische Familie Nr. 38 / 1994, 113. Jahrgang
Werner, Paul Zur Rekonstruktion der Eremitage von Stein an der Traun, in: Ars Bavarica, 1993, n° 69-70, p. 144-159
ohne Verfasserangabe Ging hier da Unglück los? Felssturz von Stein: Risse im Haus übersehen, TZ 15./16. Januar 2011, S. 13
Hägler, Max Die Zeichen an der Wand - Vor einem Jahr zerschmetterte ein Fels das Haus der Familie B. - die Gefahr war bekannt, aber keiner warnte davor, Süddeutsche Zeitung, 25. Januar 2011, Nr. 19, Seite R 13
Süddeutsche Zeitung Edition Bayerns schönste Seiten, München 2010
Effern, Heiner Die quälende Frage nach dem Warum - Vor zwei Jahren zermalmte eine Felslawine ein Haus und tötete zwei Bewohner - Angeklagt wurde niemand, Süddeutsche Zeitung 25.  Januar 2012, Seite R 16, Nr. 20
Staudinger, Melanie Geschichten vom wilden Heinz, Süddeutsche Zeitung 2. April 2013, Nr. 76, R18

 

Kunstwerke:

Quaglio, Domenico Schloßhof in Stein an der Traun, Vorzeichnung für die "Sammlung malerischer Burgen", Bleistift auf weißem Papier, entstanden zwischen 1831 und 1837
Wenig, Michael Schloß Stein an der Traun, Topographia Bavariae, Rentamt Burghausen, München 1721
Cogels, Joseph Stein an der Traun, Innenhof des Schlosses, Lithographie 1814
ohne Verfasserangabe Kunstdenkmäler des Königreiches Bayern, Bezirksamt Traunstein, Tafelband (1902), Tafel 238
Apian, Philipp Burg Stein an der Traun im Jahre 1560, Holzschnitt

Links:

http://www.traunreut.de/stadttraunreut/index/FREIZEIT/burg.htm

http://www.bayern-im-web.de/news/wmprint.php?ArtID=96

http://www.showcaves.com/german/de/misc/SchlossStein.html

http://www.steiner-bier.de/

http://www.erlebniswelt.steiner-bier.de/fuehrungen/

 

Anthropospeläologische Führung durch den Chiemgau 2004

20 Jahre Chiemgauer Höhlenbären 2006

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