Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle
Höhle und "Weihnachten"
2009
Alle Jahre wieder. Alle Jahre wieder Weihnachten. Was täte unsere Wirtschaft ohne Weihnachten? Da würden keine noch so raffiniert gestalteten und kreditfinanziert üppig ausgestalteten Konjunkturprogramme mehr helfen. Unser überdrehtes Wirtschaftssystem ohne Nachhaltigkeit würde endlich wirklich zusammenkrachen. Ganze Wirtschaftszweige würden zusammenbrechen ohen den Umsatzstoß um den 24. Dezember.
Was spielt sich in unseren Seelen eigentlich ab an diesem besonderen Datum? Bischof Wolfgang Huber führte es mal in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung auf das "Neu-gefragt-Sein der spirituellen Dimension menschlichen Lebens" zurück, das bei der "verbreiteten Ökonomisierung des Denkens" einen Gegentrend bildet.
Eine Schauhöhle in Deutschland hat um die
Weihnachtstage offen, ein Vorgang, der überhaupt nicht
selbstverständlich ist, angesichts der überzogenen
Winterhöhlennichtbetretungskampagne von interessierten Kreisen
(Fledermausschutz), die es seit Jahren gibt. Und sie hat genau in
dieser Zeit den Besucherrekord des Jahres! Nie besuchen auf
einmal so viele Menschen diese Höhle an einem Tag.
Was treibt die Menschen dorthin? Das ganze Jahr wäre sie ja auch
offen, nein, aber genau da strömen sie in die dunklen kalten
Räume und passieren dabei die eigens in dieser Zeit gestalteten
Stationen, wo es weihnachtliche Musik im Höhlenambiente zu
erleben gibt.
Diese Art der Kommerizialisierung ertrage ich ja noch, aber andere.... Es gibt scheinbar heute nichts mehr, was irgendwie "heilig" noch ist... Ein Blick auf die Links zum Thema Weihnachten / Christmas / Noel macht das klar.
2008
Wie kann man ein Ereignis so intensiv "feiern", das nie stattgefunden hat? Angeblich leben wir ja in so aufgeklärten Zeiten wie noch nie. Das, was mit "Wissenschaft" bezeichnet wird, hat Dinge über dieses Universum herausgefunden, das nur staunen machen kann.
In die weitesten Weiten und in das innerste Innere sind die Forscher schon vorgedrungen - zumindest so weit es Menschen zugänglich ist - und was haben sie gefunden? Einen Gott? Eine Göttin? Das Göttliche? Viele Götter? Göttinnen? Abgründe? Teufel? Teufelinnen?
Bilder sehe ich da, Zahlenreihen, Zeichenfolgen,
Buchstaben zu Sätzen mit Hilfe von Sprachen geformt,
unterschiedlichste Sprachen und Zeichensysteme zugrundeliegend.
Hängt das alles irgendwie sinnvoll zusammen? Drückt sich damit
wirklich so etwas aus, was "Sinn" für sich
beanspruchen kann? "Wahrheit"? Ich zweifle daran. Immer
mehr.
Es gab Zeiten, da haben Menschen für sich ein Weltverständnis
schaffen können, wo es nur "eine" Quelle gegeben hat,
symbolisiert in der "Höhle", wo "die" Krippe
gestanden hat, wo "der" Retter der Welt geboren worden
sein soll.
Das war und ist eine sehr populäre Idee. Einheitlichkeit, Eindeutigkeit, Uniformität, Klarheit - ein Loch, durch das alles muß.
Wer sich viel mit den Höhlen beschäftigt hat, der wird nachdenklich. Es gibt sie, diese Einlöcherhöhlen. Aber es gibt halt auch noch vieles anderes. Vor vielen Jahren schon habe ich eine "Lochtheorie der Welt" formuliert - Muscheln, Röhren und den Schweizer Käse. Es gibt "natürliche" (wir Menschen sind ja auch "Naturprodukte", so daß wir uns eigentlich nicht ausnehmen dürften) Hohlräume ohne Öffnung nach außen. Muscheln sind ein wunderbares Beispiel dafür. Sie haben eine harte Außenhaut und ein weiches Innere. Genug Höhlen wurden auf dieser Erde schon gefunden, als Menschen "hineingestochen" haben ins Erdinnere, z.B. beim Berg- oder Tunnelbau. Sehr viele Erdhohlräume haben nur eine Öffnung oder halt gerade zwei. Das ist dann wie bei einer Röhre. Rein, raus oder durch. Der Normalzustand. Ich will auf den Schweizer Käse hinaus, auf die Vielfalt. Wenn die Haut dünn wird, dann brechen überall die Oberflächen durch oder die Unterseiten hinauf. Oben zu gehen, das wird aufs Äußerste riskant, was trägt denn dann noch? Versicherungen vielleicht? Oder Banken? Grundbücher? Handelsregister? Im Grunde trägt nichts mehr für die Ewigkeit. Alles ändert sich.
Hat es je eine Geburt "Christi" gegeben? Hat sie in einer "Höhle" stattgefunden? Viele Bilder suggerieren das - wie das auch die in Österreich jüngst erschienene Briefmarke kundtut. Es lohnt sich, die alten Texte und deren Übersetzungen mal selber zu lesen. Wäre nicht zu erwarten, daß so ein "bedeutsames" Ereignis, von allen Evangelisten in gleicher Weise beschrieben wird? Weit gefehlt. Bei LUKAS kommt man dem Ereignis noch am nächsten, aber da heißt es lapidar: "Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge." Etwas später heißt es, nachdem es den Hirten kundgetan war: "Und das habt ihr als Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." Wieder überhaupt kein Hinweis darauf, wo denn die Krippe steht. Ich hab hier die Übersetzung von Luther hergenommen. Da ist nirgends auch nur von einem "Stall" die Rede.
Anselm Grün liefert eine lesenswerte Interpretation dieses Stallmotivs, das vor allem bei mittelalterlichen Künstlern beliebt war. Er zitiert C.G. Jung, der bemerkte, daß es nur der "Stall" sei, in dem "Gott" geboren werde, nicht der "Palast". "Dort, wo die Tiere aufgestellt sind, dort findet die Geburt Jesu statt. Wo die Menschen wohnen, wo sie sich daheim fühlen, dort sind die Türen verschlossen. Stall, das steht für den Bereich in uns, in dem die Tiere wohnen, d.h. die Instinkte, die Triebe, die Vitalität, die Sexualität. Diesen "tierischen" Bereich möchten wir am liebsten vor uns selbst und vor den Menschen verstecken. Wir genieren uns davor. Denn diesen Bereich haben wir nicht im Griff. Er ist nicht sauber. Er riecht nicht angenehm. Er ist nicht chemisch gereinigt. Auch wenn er geputzt wird, erinnert der Stall noch an Kot und Urin. Das möchten wir lieber nicht anschauen. Das ist uns peinlich. Aber gerade dort will Gott in uns geboren werden." Grün meint nun, daß wir "Gott" nicht in erster Linie dort finden würden, wo wir arbeiteten, wo wir uns häuslich einrichten würden, wo wir andere Menschen einladen würden, "sondern in unserem Stall. Das verlange von uns die Haltung der Demut. Wir bräuchten den Mut, den eigenen Stall für Gott zu öffnen....Er begnüge sich nicht damit, nur in unseren fein geputzten Gästezimmern zu wohnen. Er wolle auch in unsere Tiefe hinabsteigen....
Seltsam, warum nur wird hier nicht das Wort "Stall" mit "Höhle" ersetzt? Da geht es schon von Natur aus um das Hinabsteigen in die Tiefe. "Er möchte auch unsere Dunkelheiten erleuchten." Das tun wir Speläophilen in dieser Erde dauernd...
Wie heute dieses Motiv richtig verschlammt wird, das zeigt sich heute ganz schnell, wenn man einen Blick unter dem Stichwort "Weihnachten - Höhle" bei Google wirft. Unglaublich.
"Als die Olchis morgens aus ihrer Höhle krabbeln, ist die Müllhalde verschneit. Gemeinsam mit den Spielern schieben sie den Schnee zur Seite und entdecken dabei 24 interaktive Kalenderfenster, eines für jeden Tag bis Heiligabend. Dazu gehört: Schnee-Olchi-Bauen, Rodeln, Müllschmuck für den Weihnachtsbaum basteln, Stinkerplätzchen backen." - eine Annoce von SCHLECKER.
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Gummibärchen und Weihnachten: Was machen die Gummibären nach Weihnachten? .... Am Zielort angelangt wurde zunächst die Höhle aufgebuddelt und die witzigen Mützen, Papierschlangen und .www.gummibaeren-forschung.de/xmas/txmas.htm - 26k
Grauslig.
Literatur:
| Wunram, Heinrich | Die Weihnachtsgeschichte in den Evangelien - Warum nur ein Evangelist die Geschichte von Jesu Geburt schildert, St. Johann Baptitst AKTUELL - Advent und Weihnachten 2007, herausgegeben von der Katholischen Pfarrgemeinde St. Johann Baptist, Gröbenzell |
| Grün, Anselm | Weihnachtlich leben, Herder-Verlag, Freiburg i. Breisgau 2000 |
| Koranyi, Stephan, herausgegeben von | Reclams Weihnachtsbuch, Stuttgart 2009 |
| Huber, Wolfgang | Ein Raum für das Heilige, Süddeutsche Zeitung 24.12.2003, S. 2 |
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