Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Frauenmauerhöhle im Hochschwab, Steiermark, A


Manchmal mag man sich kaum vorstellen, was wirklich schon passiert ist. "Im Oktober 1929 wurde in der Frauenmauerhöhle die Leiche des Kontoristen R.M. gefunden, der sich dort wegen Arbeitslosigkeit erschossen hatte." Dieser Satz aus einem alten Bericht über die Höhle gibt etwas wieder, was mich erschauern läßt. In was für einem Gesellschafts- und damit auch Wirtschaftssystem leben wir, das die Menschen zu solchen Verzweiflungstaten führt? (Die Verantwortlichen haben wohl nur den ersten Band von Adam Smiths "Wealth of nations" gelesen, für den zweiten Band, die "Moral sentiments" reichte es wohl nicht mehr). Und was ging in den Menschen vor sich, die die sterblichen Überreste wieder aus der Höhle getragen haben?

In der Frauenmauerhöhle wurde schon viel gestorben und wer die Geschichten darüber gelesen hat, etwa die von dem Salzburger Realschuldirektor Franz Rathschüler, der sich 1928 dort erst verirrte und dann in ein "tiefes lehmiges Loch" fiel, aus dem er nicht mehr lebendig herauskam, oder die von den drei Touristen, die weil sie fast kein Licht mehr hatten, versucht hatten sich immer an der Wand entlang nach außen zu tasten, aber halt Pech hatten. Sie waren gerade am Umgang, einer Art Felssäule von 20 bis 30 m Umfang, die sie mehrmals umkreisten. "Man fand später drei Skelette neben vielen verbrannten Zündhölzern liegen". Wer mehr darüber erfahren will, der sollte "Die Frauenmauer - Saga vom Höhlentod" von Hans Hofmann-Montanus lesen.

Wohl die meisten, die diese Geschichten gelesen haben, werden bei einem Besuch der Höhle an diese Vorgänge denken. Werde ich den Ausgang finden oder ähnlich wie diese Unglücklichen enden?

Gut 600 Meter geht es heute von einer Seite der Frauenmauer, einem 1828 m hohen Gipfel im Westteil des Hochschwabmassivs, zur anderen und dabei einen Höhenunterschied von gut 100 m überwindend. Wer vom Westeingang kommt, der in etwa 2 Stunden Fußmarsch durch den Gsollgraben bei Eisenerz und über die Gsöllalm erreichbar ist, den kann auf den ersten hunderten Metern heute die Wasserleitung hoch oben unter der Decke leiten. Steigt man weiter in dem großen Tunnel bergauf, dann kann man dem Wind folgen, der ein verläßlicher Führer insbesondere im östlichen Teil ist. Trotzdem, auch diesmal haben wir uns kurz verlaufen. Schließlich war es schon 40 Jahre her, daß ich zum letzten Male drin gewesen bin. Es war wohl bei der "Klamm". Da schien der Weg entlang der rechten Wandseite eng und unbequem, weil man sich bücken mußte. Wir versuchten es in der Mitte des Ganges, kletterten eine kurze Felsstelle hoch und folgten dem Gang weiter. Auf einmal war da ein Abbruch, gut 10 m tief, kein Weg weiter, außer mit Seilzeug. Waren wir noch richtig? In der Ferne war eine Holzleiter zu sehen, also mußte hier wohl der richtige Weg sein, nur wie konnten wir da hinkommen. Also wieder zurückgeklettert, und kurz die Möglichkeiten gecheckt. Und tatsächlich war es dann doch die kurze unbequeme Stelle. Danach ging es gleich wieder in gewohnt bequemer Weise weiter. Trotzdem, zu sorglos sollte man nie bei einer Höhlentour sein. Schnell ist man ausgerutscht, ist das Licht ausgelöscht, und ist man erst einmal im falschen Gang, dann heißt es Ruhe bewahren - im Zweifelsfall auch lieber umkehren und kein Risiko eingehen. So lebt man einfach länger! Und das Leben jenseits der Höhlenpforten kann doch auch so schön sein, oder?

Gleich beim Westeingang, der ohne Steiganlagen für Normalmenschen kaum erklimmbar wäre, führt eine Eisenleiter hinauf zu einem weiteren Portal, in dem die Hütte des Höhlenführers steht. Der ist in den Sommermonaten dort und kann Personen, die das wünschen, sicher durch die Höhle begleiten. Wer selber ausreichend Lampen dabei hat, kann auch ohne seine Hilfe den Durchgang machen. Sofort verzweigt sich die Höhle in zwei Äste. Geradeaus zweigt der Eisteil ab, über den das Rathschülerlabyrinth zugänglich ist. Außerdem ist dort schon bald ein Eisengitter, das den Zugang zum 750 m langen Verbindungsgang in die Langstein-Tropfsteinhöhle heute verwehrt. Um in den Hauptgang der Frauenmauerhöhle zu gelangen muß man sich rechts halten. Der Gang wird immer gewaltiger und führt ziemlich geradeaus und ansteigend weiter. Man hat den einzelnen Abschnitten Namen gegeben: "Kirche", "Klamm", "Umgang", "Dom", "Kreuzhalle", "Elisabethhalle". Beim "Umgang" wird man an die grausliche Geschichte mit den drei Touristen erinnert. Dort sind an der Wand ein Gedenkkreuz und vertrocknete Latschenzweige angebracht. Ziemlich kalt ist es in der Höhle, was dazu führt, daß bis in den Frühsommer hinein in der Höhle oft prachtvoller Eisschmuck anzutreffen ist. Auf der Ostseite erwarten einen Brotzeitbänke und ein prachtvoller Ausblick auf die Berge der Umgebung. Und wer genau hinschaut, der sieht in den Wänden des Langsteins eine Reihe von schwarzen Höhlenöffnungen.

Sie sind weitere Eingänge in das das große Frauenmauer-Langstein-Höhlensystem, das am 5. Dezember 2011 von steirischen Forschern der Höhlenvereine "Höhlenbären" und "Fledermaus" mit der bis dahin separaten Langstein-Eishöhle verbunden wurde. Damit hat die Höhle eine neue Gesamtlänge von ca. 32 km und, wie es heißt, sind noch lange nicht alle Forschungsmöglichkeiten ausgeschöpft.

 

   
   
   
 
   
 
     
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 
 
 
   

Literatur:

Hofmann-Montanus, Hans Die Frauenmauer, Saga vom Höhlentod, in: Die Welt ohne Licht, Josef Habbel-Verlag, Regensburg 1952
Kusch, Heinrich und Ingrid Höhlen der Steiermark, Steirische Verlagsgesellschaft, Graz 1998
Lorenz, Monika Ein Besuch der Frauenmauerhöhle, Der Fränkische Höhlenspiegel 4-1975, S. 28-29
Pacher, Georg, Illek, Günther Frauenmauer-Langstein-Höhlensystem: Ergebnisse der Forschungen von 2008-2012, DIE HÖHLE 2013, S. 119ff.
Pfarr, Theo, Stummer, Günter Die längsten und tiefsten Höhlen Österreichs, Wissenschaftliche Beiheft zur Zeitschrift "Die Höhle", Wien 1988
Reiter, Annemarie Kleiner Höhlenführer, Leykam-Verlag, Graz-Wien 1974
Weißensteiner, Volker Die Langsteineishöhle, Mitt. Landesver. f. Höhlenkunde i. d. Stmk., 9, (3), 1980, S. 51-87

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