Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Höhlen bei Wieselburg, A


Manchmal ist es schon komisch, wie man zu seinen "Höhlenerfahrungen" kommt. Bei einigen mag das schon äußerst geplant sein, und in bestimmten Kreisen mag das vielleicht richtig "Ansehen" verschaffen. Im Gipfelpunkt mag man sogar "wissenschaftlich" dann dazu sagen. Aber oft, und das in öfters ziemlich "erfolgreichen" Fällen, geschieht das ziemlich chaotisch, zufällig, aber äußerst "lebenswert".

So ging es uns im August 2001, Willi und mir, als wir uns auf dem Weg ins Waldviertel und den Mährischen Karst eigentlich befanden. Unterwegs im Auto fiel Willis Blick auf ein paar Zeilen in Karl Lukans "Wanderungen in die Vorzeit" und schon waren wir beim Verlassen der Autobahn Richtung Wien nicht nach links, Richtung Melk, sondern nach rechts, Richtung Wieselburg, unterwegs. An einer Straßenbaustelle stoppte uns ziemlich lange eine rote Ampel, der Blick schweifte umher, blieb an einer ziemlich heißen Reklame für eine heiße Show an irgendsoeiner Landwirtschaft hängen, dann wurde es wieder grün, und wir suchten uns weiter vorwärts.

Östlich von Wieselburg und südlich der Straße nach Ruprechtshofen liegt Grabenegg und das wollten wir finden. Schließlich waren wir auf der Suche nach dem "Fisch von Hollenstein". Hin und her und vor und zurück ging es in meinem VW Diesel, dann war es soweit. Willi war aufgrund einer Zeichnung im Buch (S. 121) der Überzeugung, daß es da, bei einem einzeln stehenden Bauernhof, nicht weit weg davon sein sollte, wonach unser Begehr war. Wir zogen die Wanderschuhe an, packten Taschenlampe und Fotozeug ein und zogen los. Erst hinein in ein Tälchen, heraus durch Fichtenjungwald, noch ein Tälchen und da gähnte auf einmal vor uns ein schönes schwarzes Loch. Das mußte es wohl sein.

Tatsächlich war es dann doch nicht die gesuchte Höhle, aber dafür war da etwas ganz anderes. Erwartet hatten wir so etwas nicht. Wahrscheinlich ist es eine der "Sandlucken" oder die "Sandluckenhalbhöhle", alle in den "Melker Sanden". Bequem war der Raum zu betreten, bequem ihn zu durchqueren, angenehm wäre es durchaus, sich dort zu von der Außenwelt abzuschirmen. Hier wäre so ein "Schutzraum", den man sich graben würde, wenn man sich vor "Feinden" zu verstecken hätte, wenn man einen "Fluchtraum" bräuchte, um von der Erdoberfläche zu verschwinden, falls Gefahr drohte. Man müßte ihn nur noch erfolgreich so tarnen, daß keiner von Außen erkennen könnte, daß da sich jemand versteckt hätte. Diese Sätze werden vor allem geschrieben, weil bei der Frage, warum die "Erdställe" geschaffen worden sind, von der Seite der "Wissenschaft" gerne die "Fluchthypothese" ins Spiel gebracht worden ist, ohne ausreichend wirklich darüber nachzudenken, wie denn ein Raum ausschauen würde, wie wohl so ein "Fluchtraum" architektonisch wohl ausschauen würde. Wer würde wohl so aussehen wie diese "Sandgrube" und nicht wie ein "Erdstall".

Es dauert erst eine Weile, bis man Wegbeschreibungen wirklich versteht, und so ging es uns auch da. In Grabenegg fragten wir einen Jungen, der fragte seine Mutter, die sagte, sie wüßte, wonach wir suchten, wir fuhren ihr hinterher bis zu einem Waldstück, wo sie uns letzte Instruktionen gab. Wir suchten den Wald ab, kamen bis zu einem Steilhang, den wir ergebnislos absuchten, kehrten zurück zum Auto, ich erblickte eine alte Bäuerin in ihrem Gemüsegarten, fragte sie, sie gab mich wieder weiter an ihren Sohn, der uns dann endlich den entscheidenden Hinweis gab. Lukan scheint noch den Vater dieses Mannes getroffen zu haben, den er als "sehr alt" beschrieben hat, und der sich als "gar nichts mehr wert" sich selbst beschreibend uns überliefert hat. Der Straße nach bis zur Weggabelung, dort nach rechts hinein in den Wald, dort bis zur Hangkante und dann halb hinunter. Dort öffneten sich dann tatsächlich die Löcher. Im Österreichischen Höhlenkataster sind sie unter den Nummern 1881/2a,b,c und 9 geführt. Gesehen haben wir wohl nur die Nummer 1881/2c und 9. Besonders die Nummer 9 ist spannend. Sie ist nur über einen schmalen Felssteig zugänglich, der nicht jedermanns Sache ist. Den Eingang zur Höhle sieht man erst, wenn man unmittelbar davorsteht. Man bereits die beiden seitlichen Löcher passiert, die Lukan noch sehr phantasievoll als "Stoßlöcher" bezeichnet hat: "Diese Löcher sind für die Begeher des Pfades kaum erkennbar. In der Höhle lauernde Wächter konnten daher durch einen Stoß mit einem Stock oder Speer jeden Feind, der über dieses schmale Felsband die Höhle erreichen wollte, in die Tiefe stoßen." (Lukan 118). Höhlen, aber nicht nur die, scheinen die Menschen zu besonderen Interpretationsleistungen, in Bezug auf die dort vorfindbaren Erscheinungen anzureizen. Der "Höhlenkannibalismus...". Die Löcher sind wohl einfach dadurch entstanden, weil die Sandsteinwand an dieser Stelle schon besonders dünn geworden ist und so halt Löcher gekriegt hat. Den Fisch hab ich bis heute noch nicht gefunden, obwohl ich danach gesucht habe. Er soll auch schlecht zu finden sein.

Nun suchten wir noch nach dem "Fluchtstall" bei den "Römischen Felsengräbern". Hat man ein bißchen einen Blick für geographische Strukturen, dann fällt einem diese Örtlichkeit gleich auf, gibt es doch in der Umgebung überhaupt nichts Vergleichbares. Am jenseitigen Talhang läßt sich ein kleines Felswandl ausmachen und genau dort, oberhalb des Schlatterbauernhofes, ungefähr 3 km westlich von Ruprechtshofen, lag dieser "Erdstall" und die Felsengräber. Ein schmucker geschliffener Stein erklärt einem die Situation.

Ein paar Meter weiter steht man selber davor und kann den Ort erkunden. Wer überall hin will, der muß sich eine Taschenlampe mitnehmen, weil es in einigen Ecken durchaus dunkel wird. Kammer an Kammer reiht sich, kleine Verbindungsgänge verknüpfen alles. "Erdstall"? Mir scheint, daß es auch da an entscheidenden Merkmalen (Schluf) fehlt. Der niederösterreichische Kataster führt diesen Platz unter der Nummer 1881 5 a,b,c unter der Bezeichnung "Römerhöhlen". Andere Bezeichnungen sind Türkenhöhlen oder Türkenlöcher, wohl einige historische Momente widerspiegelnd, als man in Not war. Die "Südliche Römerhöhle" bringt es immerhin auf erstaunliche 44 m Gesamtganglänge, ein "labyrinthartig angelegtes Gangsystem", das meist nur 1 1/2 Meter hoch ist. Früher waren die Menschen ja auch kleiner! Das Gestein war geeignet für solche Unternehmungen: Melker Sand nennt der Geologe heute die Formation. Highlight des Ortes ist die heute kaum mehr lesbare Inschrift an der geglätteten Wand. Die Archäologen haben sich natürlich der Sisyphusarbeit unterzogen und sie entschlüsselt. Sie enthält die Namen und ein paar Eigenschaften der dort einmal Begrabenen: "URSIO, DES MARCIANUS SOHN 50 JAHRE ALT, COCINA, DER FREIGELASSENE DER AIU 52 JAHRE..." (Lukan 218).

Wir suchten noch ein bißchen im Gelände herum, aber mehr war nicht zu sehen. Zurück zum Auto und ab nach Zwettl.

 


Kurze Wegbeschreibung von Franz Bachler:

Westautobahn A 1 Abfahrt Ybbs -> Wieselburg (km 100, zwischen Linz und Wien)

nach Wieselburg weiterfahren, ca. 5 km

6. Ampel (kein Scherz!) in Wieselburg links abbiegen Richtung Ruprechtshofen
/ St. Leonhard

vom Ortsende Wieselburg nach 7,5 km rechts abbiegen
(oder leichter zu merken: Es kommt nach 5,5 km ein verwachsener Bahnübergang
und dann noch 2 km weiterfahren)

von der Hauptstraße zum Parkplatz ca. 500 m


Literatur:

Hartmann, Helga und Wilhelm Die Höhlen Niederösterreichs, Band 2, Wien 1982
Lukan, Karl Wanderungen in die Vorzeit, J&V Verlag, Wien 1995

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