Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Prax-Eishöhle


Beim Tourismus würden sich Menschen hauptsächlich etwas aneignen und ausnutzen, was von ihnen in der Hauptsache gar nicht geschaffen und gemacht worden wäre. Hieran ist viel Wahres. Wer hat denn die herrlichen Berglandschaften entstehen lassen, wer die alten Orte, wo sich noch heute so gut leben läßt? Die "Natur", "Gott", viele Generationen, die Aufbauer und die Zerstörer (weil sie z.B. wieder Raum für Neues geschafft haben), viele Antworten sind möglich.

Viele Qualitäten gehen verloren, wenn z.B. die Natur zu sehr verwaltet, gestaltet, in den "Dienst des Menschen" gestellt wird, auch in den Dienst des Tourismus. Es geht dann einfach nur noch ums Geldverdienen bei so vielen, obwohl sie doch längst schon genug oder mehr als genug haben müßten. Traurig, aber wahr - heißt ein Liedtitel von Georg Danzer. Sehr, sehr treffend.

Weshalb solche "nachdenklichen" Gedanken? Ich versetze mich 25 Jahre zurück, Juli 1976. Wenige Jahre zuvor hatte man in der altbekannten (1925 wurde sie von Czoernig, Rullmann und Sporer erforscht) Prax-Eishöhle oberhalb von Lofer in den Loferer Steinbergen bedeutende Fortsetzungen entdeckt. Man konnte den ganzen Felsriegel durchqueren und auf der anderen Seite in der senkrechten Felswand wieder herausschauen Richtung Westen, Richtung Schmid-Zabierow-Hütte. Dazwischen lag eine relativ einfach zu begehende Höhle, wenn man die paar Hilfsmittel benützen konnte, die da waren. Ein paar Quergangsseile, eine Eisenleiter.

Ich bin dreimal dort gewesen. Und dann nicht mehr. Auf einmal hieß es, sie sei eine Schauhöhle. Ein Gitter versperre den Zugang. Man müsse sich nun anmelden. Ein Führer führe einen durch das Loch - gegen einen Obulus. Sogar einen Teppich würde es jetzt dort oben geben, um eine bestimmte Stelle auch von weniger Geübten besser begehen zu können. Einen "Teppich"? Wahnsinn. In einer solchen wilden Naturumgebung einen Teppich? Der paßt nun wirklich dorthin. In unsere "Turbonatur"!

Schade, denn die Höhle ist z.B. für den Fotographen ein Schmuckstück, aber nur in manchen Jahren und meist nur zu Zeiten, wo sich üblicherweise keiner den Berg dort hochquält. Wir steckten wirklich bis zum Bauch im Schnee, pflügten mühsamst durch die steile weiße Pracht, erschöpft, durchnäßt und ziemlich durchfroren, aber wir erreichten den Eingang, der nicht blockiert war, stiegen ein, fanden unberührtes Eis vor, noch im Wachsen begriffen, an einer Stelle hing ein knallroter dünner Eisstalaktit von der Decke, so etwas hatte ich noch nirgends gesehen. Wenn wir ihn nicht gesehen und fotographiert hätten, wär er halt einfach mal von oben nach unten gefallen, wie so viele andere auch, es hätte ein feines Geräusch gegeben, wenn er unten aufgekommen wäre, niemand hätte es gehört hat, weil keiner sonst da war. Wen interessiert so etwas schon? Wirtschaftlicher Nutzen? Keiner. Das BSP beeinflußt? Einfluß auf die Börse? Nein. Uninteressant.

"Wilderness is necessary". Diesen Satz von John Muir habe ich vor Jahren einmal in einem Informationcenter im Yosemite Nationalpark in Amerika gelesen. Er hat mich sofort angesprungen. Ja. Ja. Hier in Mitteleuropa wird er nicht mehr wahrgenommen, scheinbar. Wie geht es weiter? Auf der einen Seite (auf englisch heißt das so schön: "on the one hand") tickt die Sanduhr der Lebenszeit jedes Menschen, auch dessen, der im Augenblick den Höhlenführer / Höhlenbesitzer spielt. Das gilt ja auch für andere Höhlen. Man kann darauf warten, daß irgendwann das letzte Sandkorn heruntergefallen ist. Wenn sich dann keiner findet (manchmal ist es sehr schade, weil sie ihr Leben wirklich den "Schutz" einer ganz bestimmten Höhle verschrieben haben und der ohne sie meist nicht mehr gegeben ist), dann öffnet sich alles wieder. Dann ist mit einem (Herz) Schlag wieder alles offen. "Wildheit" wieder. Oder auch nicht. Hoffentlich nicht. Langfristig sowieso nicht - weil sich die "Krone der Schöpfung" als was herausstellt? Ich sollte wieder so ein Gästebuch einrichten, wo sich die Leser dieser Seite auch einmal öffentlich zeigen könnten.......... Allein, ich habe schon mal eine Pleite erlebt.... mit "Reduce to the max - Leben aus dem Rucksack"....

Ein paar Bilder von einer Tour im Juli 1976 mit meinen berggeübten Verwandten aus Gersthofen, den Lamprechts....



6. Juli 2003

Auf einmal tat sich eine Gelegenheit auf, die Höhle wieder einmal zu besuchen. Alfred hatte das arrangiert. Zusammen mit der Alpenvereinssektion Trostberg. Ich fuhr zusammen mit Dr. Werner Zettl auch hin, schloß mich der Gruppe an. Seltsame Gefühle kamen in mir da hoch. Soviel Zeit ist da inzwischen vergangen gewesen. 2 EURO 90 wurden mir abgenommen an der Mautstelle, wer hätte Mitte der Siebziger Jahre an so etwas wie eine gemeinsame europäische Währung z.B. gedacht, an ein Österreich ohne Schilling? 
Die Straße war in einem Topzustand, niemand war sonst unterwegs, der Bus mit den Bergsteigern aus Trostberg stand schon am Parkplatz, wir mischten uns unter sie.

Wer da rauf geht, der hat sie sich eigentlich wirklich verdient. 2 Stunden steht da, und die braucht man. 800 Höhenmeter sind es, erst auf einem breiten Schotterweg und dann auf einer steil in die Höhe führenden Mischung aus Waldboden, Karren, Steinen. Man durchläuft fast alle Vegetationszonen. Vom Fichtenwald über die Lärchen bis hinein in die Latschen. Oben sieht man schon die kahlen Karstflächen, in denen sich selbst die Gräser schon verstecken.

Der Eingang entgeht dem kundigen Auge nicht. Ein breites schwarzes Maul öffnet sich in den gebankten Felszonen. Ein ausgetretener Weg führt hinein in die Eingangszone der Höhle. Man steht am Grunde eines großen Schachts, der seitlich mittels ein paar Stahlstiften und einem Halteseil wieder verlassen werden kann und als Weg hinauf ins Plateau benutzt werden kann. Außerdem ist hier die "Waschstelle" und nicht weit davon der mit einem Stacheldrahtnetz abgedeckte zweite Schachteinfang. Der Haupteingang ist voll mit Material. Große Plastiklagertonnen stehen herum, Schnüre sind gespannt, an denen Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt sind, mehrere Schüsseln sind aufgestellt, wo Wasser aufgefangen wird, tibetische Gebetsfahnen flattern im kalten Höhlenwind und der Klang eines Windspiels ist dauernd zu hören. 

Mit einem festen Eisengitter ist der Weiterweg in die Höhle versperrt. Wird es aufgesperrt, dann ist der Weg frei in den geräumigen, leicht aufwärts führenden Tunnel. Dort fand sich bereits die erste schöne Eisfigur. Im Tunnel ist eine große Platform geschaffen worden und seitlich steht ein Bergsteigerzelt fertig aufgestellt. An jeder kleinsten Geländestufe ist ein Seil angebracht, wo mal der Fuß zu heben ist, da ist schon ein Stahlstift, wenn es etwas niedriger wird, dann sind da dicke Holzbretter, auf denen mal schliefen kann, an lehmigen Stellen sind die Gänge mit Flies bedeckt, wo es ein bißchen schwieriger ist, da steht gleich eine Leiter. So kommt man heute unschwierig in ständigem Auf und Ab bis zum zweiten Eingang. Das ist schon eine große Überraschung, auf einmal wieder Tageslicht zu sehen und einen völlig anderen Landschaftseindruck als auf der Seite des Eingangs. In der Ferne ist das Schmidt-Zabirow-Haus auszumachen, die Kalkpyramiden anderer Gipfel der Loferer Steinberge bauen sich vor einem auf, in der Ferne ist auch das Sonntagshorn zu sehen.

Zurück ging es den denselben Weg. Es hieß wieder hinein in das kalte Loch zu klettern, wo es doch draußen so schön warm war. Es half nichts. Also wieder leiterhoch und seilrunter, Rutschen auf dem Holzbrett, in einem niedrigen Gang, wo man sich seitlich bücken mußte, lagen schon Skistecken bereit mit denen man sich abstützen konnte. Beim Rausgehen wusch sich keiner mehr die Stiefel vorher ab, eh er aufs Brett ging. Die kleine seitliche Kammer blieb diesmal unbeachtet, wo ein kleines Podest an die Wand gemacht worden ist, auf dem eine Schnapsflasche und ein paar Gläser dauernd in der Höhle stehen. Auch die kleinen Kinderspielfigürchen wurden nicht mehr wahrgenommen, die an verschiedenen Stelle der Höhle postiert sind: eine Ratte, eine Riesenspinne, verschiedene Saurier. 

Wenn man in einer großen Gruppe unterwegs ist, dann dauert es an einigen neuralgischen Punkten sehr lange, eh es wieder weitergeht. Das war beim Rückweg glücklicherweise nicht mehr der Fall. Alle wollten wieder schnell hinaus aus dem Berg, hinaus in die grüne Welt draußen mit ihrer Wärme und ihrem Licht.

Der Abstieg hats es auch in sich, denn der Weg ist ziemlich rutschig und steil. Da kann es leicht sein, daß es einem hin und wieder die Beine plötzlich wegzieht und man blitzschnell auf dem Boden landet. Zuletzt verbreitert sich der Steig wieder, ein geschotterte Waldweg wird draus, am Ende ein kleines Stück Teerstraße und der Parkplatz ist wieder erreicht....

Eine anstrengende und sehr lohnende Tour....

Maria Kirchental

In 1600 m Seehöhe

Im Eingang
Im Eingangsraum
Blick vom Eingang ins Tal

und auf die Loferer Steinberge

Karrenboden  
Der versperrte Höhleneingang
Beim Schachteingang
Höhleneis
 
Eissäule und letzter Eisrest
   
 
  Der "Schnapsaltar"
 
Plastikdinos
Wandtexturen
 

Beim Stiefelputzen

Neuzeitliche Wandzeichnung

Die niedrigste Stelle
Der Ausgang auf der anderen Bergseite
Das Panorama auf der anderen Seite
Auf dem Rückweg
  Die Hilfsskistecken
 
  Zurück beim Schachteingang
  Ein Thermometer: man sieht gleich wie kalt es ist - knapp über null Grad
Im Eingangstunnel
   
Windspiel und Gebetsfahnen
Tages- und Karbidlicht
  Ein letzter Blick aus dem Eingang
Auf dem Rückweg ins Tal
 

 

Literatur:

Morokutti, Albert 75 Jahre Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg, Die Höhle 2-1986, S. 52
Auferbauer, Günther und Luise Leo, Lofer und die "Stoaberg'", Der Bergsteiger Mai 2001, S. 30ff.
Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg, Klappacher, W., Knapczyk, H., hersg. von Salzburger Höhlenbuch Band 2, Salzburg 1977

Links:

 


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