Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Landschaft
und Höhlen in der Sulzfluh, CH/A


An der Schiefer/Kalk-Kontaktlinie


"Die Sulzfluh (2817m) ist ein mächtiger Kalkstock im östlichen Teil des Rhätikon an der Grenze zwischen Graubünden und Vorarlberg. Nach Süden bricht dieser vielbesuchte Aussichtsberg mit eindrucksvollen Steilwänden ab. Die hellen, fast weissen Felsen (aus Ober-Jura-Kalk, "Sulzfluhkalk", aufgebaut" bilden einen reizvollen Kontrast zhu den darunter liegenden Flysch-Sedimenten (Sandgestein- und Mergel-Folgen), die bis zum Wandfuß hinauf begrünt sind...Im Norden, auf der Montafoner Seite, bildet die Sulzfluh ein Hochplateau, das sog. "Karrenfeld", das durch zahlreiche Erscheinungen wie Karren, Schächte und Dolinen erkennen läßt, dass dieser Teil der Sulzfluh stark verkarstet ist." So beginnt der Bericht von Gernot Rabeder über einige Höhlen der Sulzfluh.

Viele Menschen wandern da heute hinauf - und wer kommt enttäuscht zurück? Wahrscheinlich nur die, die Pech gehabt haben, schlechtes Wetter, sich verlaufen, miese Stimmung. Wem es so gegangen ist wie Alfred Schlagbauer und mir, die wir vom 30. August bis zum 31. August bei bestem Bergwetter mal die Standardtour machen konnten, was soll dem noch fehlen zum absoluten Wohlgefühl? Das Leben kann auch außerordentlich schön sein - so eine Erfahrung kann man hier machen, und bei uns war das so.

Morgens in Gröbenzell sind wir losgefahren, zum Bodensee gings, dann auf den Landstraßen rheinaufwärts, wegen der Mautgebühren, denen wir ausgewichen sind, weil wir einfach viel Zeit hatten, bei Bludenz gings es dann erst Richtung Arlberg und dann Richtung Tschagguns. Da gab es dann auch Wegweiser zum Lift von Grabs und dort einen vollgefüllten Parkplatz. Der hat noch humane Dimensionen, aber auf der anderen Bachseite gabs dann auch für Alfred neuen Schlitten, einen Toyota, noch Platz.

Eine freundliche hübsche Dame verkaufte uns untere Billeten und half uns einzigen Fahrgästen hinein in den Ein-Sitz-Sessellift. So etwas gibts auch nicht mehr oft heute. Steil ging es bergwärts. Von 700 m Seehöhe hinauf auf 1400 m. 700 Höhenmeter Muskelarbeit gespart! Geschenkt bekamen wir trotzdem nichts. Steil ging es auf der Skilifttrasse erst hoch, dann spaltet sich der Weg. Wer es luftig liebt, der kann Richtung Mittagsspitze hoch, wer es "gemütlich" mag, der folgt dem ungeteerten Sträßlein Richtung Alpe Alpila. Geschenkt bekommt keiner was. Ein Landschaftskleinod ist unterwegs der Tobelsee, der für alle Mühe entlohnt. Dort hat man es aber noch lange nicht geschafft. Es geht hoch und höher, an einem Joch trifft man wieder auf die Mittagsspitzler, auf der anderen Seite geht es wieder steil nach unten, aber der Weg ist in einem guten Zustand, so daß das gut zu machen ist. Wunderbare Seeaugen sind in die hügelige Wiesenlandschaft hineingesprenkelt. Am Ende geht es wieder bergauf und man erreicht unschwierig die Tilisunahütte.

Die Tilisunahütte bietet für rund 150 Leute Platz. Mitten in der Woche war da leicht Platz für alle. Der nächste Morgen begann für mich schon um 5 Uhr. Herrlichstes Bergwetter draußen. Kein Wölkchen am Himmel. Die geographische Situation macht es möglich, ein einmaliges Schauspiel für eine halbe Stunde immer wieder zu wiederholen - nämlich den Sonnenaufgang. Wer von der Hütte den Hang Richtung Sulzfluh hinansteigt, der sieht schon lange bevor die Sonne über der Hütte aufgeht, sie über dem Kamm des gegenüberliegenden Berges aufgehen. Ist sie voll da, dann muß man nur ein paar Meter tiefer steigen, und schon kann man das Schauspiel sich wiederholen sehen und spüren. Sofort wird es wärmer und heller. Der weiße Kalk rundum wird rötlich vom Morgenlicht angestrahlt, eine Seelenruhe herrscht dort, nur ab und zu von Mankeipfiffen unterbrochen.

 

Um 6 Uhr brachen die ersten Leute auf, um den Gipfel der Sulzfluh zu erreichen. Viele lassen ihr ganzes Gepäck auf der Hütte, weil sie ein paar Stunden später ohnehin wieder dorthin zurückkehren. 2 Stunden Marsch sind es bis zum Gipfel. Ein großes Erlebnis wegen der unschlagbaren Aussicht und einer geologischen Besonderheit. Man wechselt nämlich vom Glimmerschiefer im Norden mit einem Schritt hinüber auf den schneeweißen Kalk. Er sitzt als gewaltige Kalkplatte auf dem Urgestein oben drauf und hat auch hier den gesamten Formenschatz, den es auch in den großen Kalgebieten der Ostalpen gibt, z.B. dem Toten Gebirge, dem Tennengebirge oder dem Steinernen Meer.

Weglos geht es meist über das steinige Gelände, große Steinmänner markieren die Richtung, dazwischen sucht sich jeder selbst den Weg. Immer wieder durchziehen Felsspalten die Platten und zwingen zum Außen-herum-Wandern. Dann gibt es auch viele horizonale Platten mit einer rauhen Oberfläche, auf der sich in einer anderen Kleinebene wieder kleine Landschaften gebildet haben. Man kommt an einigen Schächten und Steildolinen vorbei, die ahnen lassen, daß es da unten große Hohlräume geben muß. An einem vom Weg aus sichtbaren Höhleneingang ist "K 8" mit roter Farbe gepinselt. Sie zieht als Spalte hinein in den Berg. Mangels Ausrüstung haben wir uns damit begnügt, einen Stein hineinzuwerfen. Der Weg führt in Kehren an der Südseite des Plateaus hinauf eine breite Steinschulter, über die man unschwierig immer höher gelangt. Es ist schon erstaunlich, wie einfach man hier bis auf den Gipfel gelangen kann. Überall geht es senkrecht in die Tiefe, an einer Stelle kann man durch ein Felsfenster hinaus in die lotrechte Wand auf der anderen Seite schauen, allein, dorthin muß man überhaupt nicht, sondern kann auf einfachen Weglein bis zum Gipfel mit seinem mächtigen Kreuz. Der Ausblick ist nicht zu überbieten. 360° rundum nur Berge, Berge, Berge. Am Gipfel begegnet der Normalbesucher noch einer anderen Klasse von Menschen. Da kommen sie mit Kletterhelm und Sitzgeschirr über einen Grat herauf, meist ein glückliches Gesicht machend, die Leute, die über den Klettersteig aus dem Süden die lotrechten Wände hier herauf sind.

Auf dem Rückweg fällt noch einmal der starke Szenenwechsel auf, wenn man aus der Steinwüste des Karstes hinübertritt auf die Wiesenmatten und hinunter zur Hütte. Noch etliche Stunden Marsch liegen vor einem, wenn man wieder zurück will nach Grabs. Die Fahrt im Sessellift hat schon was für sich, wenn man an die Alternative denkt, diese 700 Höhenmeter auch noch selber zu Tale steigen zu müssen.

 

Die Sulzfluh ist auch ein bedeutendes Höhlengebiet. Die Broschüre "Info Sommer 2005" der Sesselbahn Grabs ist als "Tour 2" eine Tour zu den "Sulzfluhhöhlen" aufgeführt. Ein Steiglein soll hinführen und den Weg zu den drei nächstgelegenen, der "Kirchhöhle", der "Abgrundhöhle" und der Herrenbalme" ermöglichen. 76 Höhlen soll es inzwischen dort geben. Seltsam klingt der Vorschlag in der Broschüre: "Fackeln sind notwendig!" Nun ja, eine kleine PETZL-TIKKA-Lampe wäre heutzutage wohl viel besser - walnußgroß, brennt fast ewig und rußt nicht!
Als längste Höhle gilt die Apollohöhle, für die Wildberger/Preißwerk eine Länge von 3080m und einen Gesamthöhenunterschied von 245 m nennen. Weitere Höhlen sind die Seehöhle mit 1500 m und die Kirchhöhle mit 800 m Länge. Die Höhlen sind alte unterirdische Wasserwege, was man am Formenschatz leicht erkennen kann. Kristalline Gerölle aus Urgestein in Höhle zeigen, daß sie schon sehr alt sein muß. Heute nimmt das Wasser viel tiefere Regionen im Berg ein. Die Entwässerung erfolgt hin zu Quellen im Vorarlberger Gargellner Tal fast 1000 Meter tiefer. Bei Grabungen in der Höhle 1990-1992 wurden Reste von Höhlenbären gefunden und eine große Überraschung: ein aus rotem Hornstein verfertigtes Steingerät. Damit ist erwiesen, daß mindestens einmal in der Zeit zwischen 80.000 und 120.000 Jahren einmal ein Mensch den Mut gehabt hat, 150 m tief in diese im steilen Gebirgsgelände liegende Höhle einzudringen!

Wann hat die Geburtsstunde der Schweizer Höhlenforschung geschlagen? Manche verlegen dieses Datum ins Jahr 1782, als zwei Prättigauer Geistliche, deren Namen man sogar noch kennt, Johann Babtist Catani und Luzius Pool, erstmals ihre Nase in die Sulzfluhhöhlen.

Der Schweizer Alpenclub unternahm 1865 eine Höhlentour dorthin, worüber es einen, die Zeitumstände gut beleuchtenden und amüsant zu lesenden, Bericht gibt. "...wir atmeten wieder wohlig auf, als wir uns dem Ausgang näherten und endlich wieder in unsere Welt hinaustraten. Aber welch' traurigen Anblick boten die Einzelnen dem Felsen nach und nach entschlüpfenden Clubisten! Welch' merkwürdige Metamorphose ist mit ihnen drinnen vorgegangen! Alle, ohne Ausnahme, so verschiedenfarbig auch ihre Kleidung vor dem Einfahren gewesen, alle tragen jetzt nur eine Farbe, die mattgelbe und nur an wenigen Stellen tritt das ursprüngliche Colorit in unbestimmten Umrissen hervor. Haben die guten Leute in den unterirdischen Räumen ein Schlammbad genommen? Jeder lachte den Nachbarn aus wegen seines komischen Aussehens und mußte erstaunt dem gleichen Gelächter verfallen".

Inzwischen sind auch auf der Österreichischen Seite der Sulzfluh, der ja einen großen Teil des Plateaus ausmacht, auch bedeutende Höhlen gefunden worden, insbesondere die Mäanderhöhle, die nun als tiefste Höhle Westösterreichs gilt. "Über steile Schächte und gewaltige Hallen führt die Höhle 369 m tief ins Bergesinnere." (Info Sommer 2005, Sesselbahn Grabs).


Der Ausblick aus einer Sulzfluhhöhle - ein Foto in der Tilisunahütte


Der Abstieg ins Tal....


Ergänzung aus dem Internet:

16.07.2006 | Klettersteig in Vorarlberg führt durch eine Höhle

TSCHAGGUNS Auf der Sulzfluh in Vorarlberg wurde der erste Klettersteig in den Alpen gebaut, der durch eine Berghöhle führt. Das meldet ORF.at Es handele sich um ein Naturjuwel ersten Ranges, mit einer farbenprächtigen Höhlenkathedrale. Heißt es in der Meldung.

Im Gauertal oberhalb von Tschagguns, im nördlichen Teil des Sulzfluhmassiv verstecken sich mehrere Höhlen, meldetr ORF.at. Die größte bekannte Höhle sei seit Samstag auch offiziell über einen Klettersteig zugänglich. Manfred Kessler und Leander Bitschnau sind dafür verantwortlich.

Etwa auf halber Höhe des Klettersteigs, befinde sich der Einstieg zur 350 Meter langen Höhle. Im Winter sei sie zugeschneit. Derzeit betrage die Temperatur rund drei Grad Celsius.

Den Höhepunkt, so wird berichtet, ist ein Naturjuwel, das sich rund 20 Meter unterhalb der Gauenblickhöhle befindet: eine Eisseekathedrale. Allerdings sei dieser Teil nicht restlos erschlossen und deshalb nicht öffentlich zugänglich.

Er ist 20 Meter lang und 35 Meter hoch, von Eiswasser über Jahrhunderte geschliffen, bis vor kurzem mit einem kleinen See bedeckt.  

Die mittelschwere Route wurde nach Angagen von ORF.at zusammen mit 14 Helfern in elf Monaten angelegt. Insgesamt wurden in 800 Arbeitsstunden rund eine Tonne Material verbaut.

Dieser Klettersteig sei erst der zweite Klettersteig in ganz Vorarlberg. Die Tour dauere


Literatur:

Am Stein G., Coaz J., Killias E., Szadrowsky, H. & Theobald, G.

Excursion der Section Rhätia uf die Sulzfluh im Rhätikongebirge. - Chur, Hitz, 1865
Benz, F., Marriott, A. Apollohöhle, Höhlenpost 7, 21, 1969, S. 2ff.
Donatsch, Peter Reise in die Praettigauer Unterwelt, Höhlenpost 84 - 1990, S. 29ff.
Kuntscher, Herbert Höhlen - Bergwerke - Heilquellen in Tirol und Vorarlberg, Steiger Verlag, Berwang 1986
Krieg, Walter Karst zwischen Sulzfluh und Gargellen, Bludenzer Geschichtsblätter H. 24-26 (1995) Festschrift für Eleonore Schönborn
Klampfer, Alexander Rätikon, in: Spötl, C., Plan, L., E. Christian (Hrsg.), Höhlen und Karst in Österreich. - Linz 2016 (Oberösterreichisches Landesmuseum), 457-466
Rabeder, Gernot Die Bärenhöhlen inder Sulzfluh, Rhätikon, Stalactite 45, 1, 1995, S. 36ff.
Rabeder, Gernot Die Bärenhöhlen in der Sulzfluh, Rhätikon, Höhlenpost 95 - 1994, S. 5ff.
Weidmann Y., Preiswerk TH. & Lutz R. Die Höhlen in der Sulzfluh, Stalactite 46/2: 95-111
Wildberger A. Zur Geologie und Hydrogeologie des Karstes der Sulzfluhhöhlen, Stalactite 46/2: 112-118
Wildberger, Andres, Preiswerk, Christian Karst und Höhlen der Schweiz, Basel 1997

Links:

St. Antönien Ihr Urlaubsort

www.swissmountains.ch - Sulzfluh Fotos - Rätikon Graubünden Montavon Vorarlberg - freeclimbing skiing trekking

Die Gauerblickhöhle auf der Sulzfluh

http://www.hoehenrausch.de/berge/sulzfluh/index.php

eigelb.at - Paul Schmidinger - Screendesign and Webprogramming

eigelb.at: Forschungstage Sulzfluh (21. 8. 2007)

Das Karrenfeld der Sulzfluh von oben — OGH - Ostschweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung


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