Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Im Muotatal - das Hölloch und andere Höhlen in der Umgebung, CH


Glattalp

Lauiloch


Das Hölloch im Muotatal ist außergewöhnlich. Ein einziger Fakt genügt schon, die Länge. Lange Zeit galt sie gar als längste Höhle der Erde, heute hat sie die Optimisteskaja in der Ukraine auch vom "Thron" der längsten Höhle Europas "verdrängt", aber etwas ganz Besonderes wird sie immer bleiben. Seit 2012 sind immerhin 200 km Gangstrecken bekannt und vermessen.

Die Umgebung, in der sie liegt, ist zwar ansehnlich, aber daß sich unter sich unter dem kleinen Felsbereich, den man erst einmal vom Tal aus sieht, ein so riesiges Höhlensystem verbirgt, das nimmt niemand sofort wahr. Was ich damit meine, das kann jeder nachvollziehen, der noch ein bißchen weiterfährt, über den Pragelpaß hinweg. Im Gebiet des Klöntales, da tun sich auf einmal spektakuläre, mehr als 1000 m hohe, fast lotrechte Kalkfelswände vor den Augen des Besuchers auf. Über dem Hölloch ist erstmal nur Waldfelsgebiet mit Almen, das dann im höheren Teil in das Karstgebiet der Silberen übergeht.

Wer beim Eingang zum "Hölloch" einen Eingang zur Hölle vermutet (eine Assoziation, auf die ein bißchen angespielt wird durch die beiden kleinen Hörnchen, die auf dem o beim ö auf der Höhlentafel sitzen), der liegt wohl vom Wortursprung her unwissenderweise schief. Das "Hol" heißt ursprünglich "Tal" oder "Tobel", und da gibt es ja tatsächlich unterhalb des Höhleneingangs eine große gerade Schlucht. Das Hölloch ist wohl einfach das Loch oberhalb des Tobels.

Am 5. September 2003 war ich zum dritten Male dort. Diesmal mit Willi Adelung. Viel hat sich inzwischen geändert. Der alte Höhlenbesitzer hat die Höhle verkauft an eine Outdoorsportfirma, die nun kommerzielle Höhlentouren anbietet. Vom klassischen Höhlenbesuch bis zur mehrtägigen Untertageunternehmung gibt es alles im Angebot. Als wir da waren, bekamen wir davon schon was mit. Eine 28köpfige Gruppe hatte sich angemeldet und nicht nur die normale Tour gebucht. Am Ende wurden sie auch noch in einem kleinen Seitenraum in der Nähe des Eingangs verköstigt. Im Kerzenschein an kleinen Tischchen gabs belegte Brote, Wasser, aber auch Wein. Ein Apero nennt sich so etwas. Das kleine bißchen Extra bringt halt Geld in die Kasse.

Wir hatten großes Glück mit unserem Führer. Martin Reber war es, selber Höhlenforscher, der uns mit großer Begeisterung durch die Höhle begleitete. Und solche Begeisterung ist durchaus nötig, um aus einem solchen Besuch wirklich ein Erlebnis zu machen. Denn der Schauhöhlenteil des Höllochs läßt sich ganz gut mit dem Bergwerk im Deutschen Museum in München vergleichen - lange einförmige dunkle Tunnels, um es einfach zu sagen. Vor etwa 50 Jahren hat das Hugo Nünlist in seinem noch heute sehr lesenswerten Buch "Abenteuer im Hölloch" schon ganz ähnlich über die Zitierung des um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch aktiven, aber schon damals "greisen Höhlenaufsehers" gesagt: "Ist euch eigentlich das Loch nicht lang genug? Mehr als zweitausend Meter sind es meines Wissens bis ans Ende des Riesengangs. Es gibt keine Schätze darin. Kaum jemand geht hinein, und mehrmals überhaupt niemand. Mich gelüstet es nicht." Und an anderer Stelle: "Die Besucher können keine Tropfsteine bewundern, lediglich einige Strudeltöpfe, Versteinerungen und den "Geßlerhut", einen Klotz im Rittersaal, der einer Vogtmütze täuschend ähnelt. Den aber hat der Wärter im Starzlenbach gefunden und hierher verpflanzt!"

Aber wenn es an die Details geht, dann zeigt sich eine spannende wechselvolle Geschichte. Schon die Gesteine, in denen sich die Höhle entwickelt ist, haben es in sich. Man hat gleich beim Höhlenführerhaus eine Art Schaugarten geschaffen, wo die einem näher gebracht werden. Da wurde ein großes Stück Seewerkalk freigelegt. Unter der Grasnarbe kamen bildschöne Karren zum Vorschein. Seltsam ist hier, daß es sich da befindet, wo es ist. Normalerweise ist er die oberste Gesteinsschicht und nun ist er hier an der Sohle des Tales zu sehen. Wie er bloß dahin kommt? 95 % liegt im Schrattenkalk, einem sehr dunklen Gestein. Und dann kommt noch der Grünsandstein in einer relativen dünnen Schicht vor, wasserundurchlässig, der hauptsächlich mechanisch von den Bächen im Berg bearbeitet wird.

Vor der Höhle ist eine lange tiefe Schlucht, wohl ein alter Höhlenteil, der seine Decke verloren hat und im Mittelteil eine höhlige Seitennische hat. Vor dem Höhleneingang gibt es noch eine kleine Naturbrücke, auch die Zerstörung der obenflächennahen Teile bezeugend. Oberhalb des Normaleingangs ist eine weitere Öffnung. Die wird benützt, wenn das Hölloch gerade wieder Hochwasser führt. Dann ist kein Besuch möglich, aber man kann dann von oben auf die wild daherrauschenden Wasser schauen. Um 90 m steigt dann der Wasserspiegel hier, in einem anderen Teil sind es gar 180 m.

Der Schauhöhlenweg ist sehr gut ausgebaut. Viele viele massive Stufen hat man in den Fels geschlagen, so daß die ersten 700 m, sofern es das Wasser zuläßt, leicht begehbar sind. Kleine Alutreppen erleichtern an einigen Stellen die Überwindung der Höhenunterschiede. An Besonderheiten gibt es in den glatt gewaschenen Höhlengängen nur wenig zu sehen, außer den herrlichen Strudeltöpfen, die zu Dutzenden vorkommen. Der Fels selbst ist der Betrachtung wert, weil feine weiße Bänder ihn durchziehen und so abwechslungsreiche Strukturen hervortreten. Beim Umkehrpunkt am Rande eines Gangabfalls winden sich im Lehm zahlreiche Regenwürmer, eine außergewöhnliche Besonderheit der Höhlentierwelt. Tropfsteine gibt es in diesem Teil fast keine, nur an einer Stelle, aber die sind dort nicht "echt". Sie wurden hierher verpflanzt vom Menschen, damit die Schaulust der Besucher und nach diesem Schaustück der Höhlenwelt befriedigt werden kann. Noch etwas Künstliches gibt es im ganzen Schauhöhlenteil: Porzellanisolatoren der ersten elektrischen Beleuchtungsanlage. Sie sind heute ein Relikt einer vergangenen Zeit. Das nächste Hochwasser nach ihrer Errichtung schon vor rund 100 Jahren hatte sie gleich wieder kaputt gemacht. Eine "Überraschung" gibt es auch gelegentlich, aber nur dann, wenn der Wasserstand im Hölloch niedrig ist. Da sie als solche den Besuchern offeriert wird, soll sie hier auch nicht verraten werden. Sie ist gewaltig, atemberaubend, lichtauslöschend, für manchen wohl auch beängstigend - der Atem des "Drachen" hätte man sie wohl früher genannt.

Noch heute wird mit Karbidlampen geführt, es gibt, noch, nichts Besseres. Ein hoher Erlebniswert, einfache Handhabung und spannendes lebendiges Licht.

 

Am Parkplatz -
im Hintergrund die Eingangsregion
des Höllochs
Das Höhlenführerhaus
oben Seewerkalk

mitte Grünsandstein

unten Schrattenkalk

- die Höhlengesteine des Höllochs

 
Unser Höhlenführer: Martin Reber
Die Quelle des Höllochwassers

der Schleichende Brunnen

Der Höhleneingang
Martin beim Erklären
Ein Relikt aus alten Zeiten:

ein Isolator der früheren Elektrobeleuchtung

>> Karst und Küche  
 

Das Hölloch ist aus speläologischer Sicht inzwischen nicht mehr alleine "das Muotatal". Denn die Höhlenforscher kennen inzwischen eine ganze große Leermenge mehr von dem, was es unterhalb der Oberfläche der leuchtenden Berge gibt, wenn die Sonne scheint. In beiden Felsflanken sind inzwischen bedeutende Systeme erkundet worden, die meistens nur von dafür geeigneten Menschen auch erreicht werden können. Schwindelfrei, biegsam, trittsicher - die Liste läßt sich noch verlängern.

Wer sich nicht in Gefilde der hardcore-Höhlenforscherei verstricken will, dem bleibt ja zum Beispiel noch die "Lourdesgrotte". Da steht am Straßenrand auf einmal ein Schild, das zum Parkplatz für die "Lourdesgrotte" weist. Kein Geldeinsammler steht dann da, jeder kann sein Gefährt vor dem Bauernhof abstellen. Man folgt dem ausgeschilderten Weg und kommt nach 10 Minuten zur Abzweigung zur Nachbildung dieses höchst seltsamen Kulturphänomens. Auf der Südseite eines Riesenblocks wurde in eine Felsnische die klassische Figur einer in weiß gekleideten Frau gestellt, mit einem blauen Band um den Körper geschlungen. Von dort tropft ständig Wasser in einem Vorhang herunter zu einer zweiten Grotte, in der ein Wasserbecken alles wieder einsammelt. An der Rückwand kommt aus einem Rohr dauernd etwas Wasser herausgetröpfelt, eine Mininachbildung der Lourdesquelle. Manche Leute glauben wohl, daß es sich da um "heilkräftiges" Wasser handelt, jedenfalls sahen wir im April 2010 ein Paar, die große gefüllte Plastikbehälter herunterschleppten.
Eine Art Gebetsraum mit Holzdach ist der Aufbewahrungsort der vielen Devotionalien, die schon 50 und mehr Jahre auf dem Buckel haben und von der erfolgreichen Hilfe in Notlagen Zeugnis ablegen.

Auf dem Weg zur Lourdesgrotte
 
 

Die Höhlenforscher haben inzwischen auf beiden Talseiten bedeutende Höhlensysteme entdeckt. Momentan, 2010, ist die Gütschtobelhöhle mit ihren 13 km Länge das bedeutendste Höhlenobjekt. In derselben südlichen Talflanke befindet sich auch die Lochbachhöhle, deren Eingang schon bei der Ortschaft Ried von der Straße aus sichtbar ist. Oft stürzt ein Wasserfall aus einem Loch in der Felswand und markiert so unübersehbar den Zugang. 1973 erfolgte die erste Begehung, nachdem die 10 m hoch in der Wand gelegene Eingang erklommen war. Inzwischen kennt man noch 2 weitere Öffnungen, die noch höher oben liegen. Ein Höhlensystem setzt dahinter an, das bald zu einem Siphon führt. Er ist inzwischen schon durchtaucht worden und große Strecken dahinter sind erforscht und vermessen. Seit 2007 zeichnet eine Meßstation die Veränderung der Wasserstände auf.

   
  Die Muota von der Brücke bei Ried

In der südlichen Talflanke des Muotathals im Gebiet des Bawanglis, 900 m über der Talsohle, wurde vor einigen Jahren eine Doline in einer Wiese mühsamst aufgegraben. Sehr enge und dreckige Gänge waren erst zu überwinden, ehe allmählich die Gänge canyonartig wurden und besser befahrbar wurden. Inzwischen hat man einen Seitengang etwa in der Mitte des heute 1,4 km langen Systems begehbar gemacht, so daß ein etwas besserer Zugang möglich ist. Nach unten zu vergrößern sich die Dimensionen der in der Wangschicht ausgebildeten Höhle. Wasserfälle müssen überwunden werden, dann kommen zwei größere Räume und danach bald das Ende der Höhle. Die große Hoffnung, eine Verbindung zu der direkt unterhalb liegenden Gütschtobelhöhle zu finden, scheitert wohl an den geologischen Verhältnissen.

   
   

Literatur:

Berg, Paul Terra incognita - Erlebnisse und Erkenntnisse bei der Forschung im Hölloch, Neue Züricher Zeitung 24. April 1976, S: 36
Betschart, Dieter Pumpernickelschacht und Neumondschacht, zwei alpine Großhöhlen, Stalactite 57,1,2007, S. 4ff.
Black, Anne, Hall, Andy, St. Lawrence, Hugh Holloch: Europe's Longest Cave, Caves & Caving 44 - 1989, p.2 ff
Bögli, A. Das Hölloch und sein Karst, Suppl. 4 à Stalactite, 1-110
Bögli, A. Der Karst im Muotatal - Akten 7. nat. Kongr. Höhlenforschung 1982, Suppl 11 zum Stalactite, 89-97
Bögli A. Im Banne der grossen Höhle - Spectrum-Verlag, Stuttgart / Zürich 1972
Bögli A. Zauber der Höhlen - Silva Verlag, Zürich 1976
Egli P. Beitrag zur Kenntnis der Höhlen in der Schweiz - Universität Zürich 1904
Bögli, A. Le Hölloch et son Karst/Das Hölloch und sein Karst.- Ed. la Baconnière, Neuchâtel 1970
Bögli, A Karsthydrographie und physische Speläologie, Springer Verlag, Berlin Heidelberg New York 1978
Höhn, Regula Pragelschacht: Entdeckt - vergessen - wieder gefunden, Stalactite 57,1,2007, S. 19ff.
Imhof, Walter, Auf der Maur sen, Franz Milchbalm-Höhle, Stalactite 53, 2, 2003, S. 4ff.
Möckli Urs Hölloch, Naturwunder im Muotatal, 2003
Nünlist H. Abenteuer im Hölloch - Huber & Co. Frauenfeld 1960
Oellig, Tobias Geh zum Teufel! Das Hölloch..., Die ZEIT N°52, 17.12.2014, S. 62ff.
Preu, Dieter Das Hölloch im Muotathal (CH) - Eine gelungene Vereinigung von Höhlenforschung und kommerziellen Erlebnistouren, DER FRÄNKISCHE HÖHLENSPIEGEL Heft 56, 2009,  S. 58f.
Schweyher, Fabian Hinab ins Reich der Unterwelt - Höhlenwandern/Das Schweizer Hölloch erstreckt sich über viele Kilometer. Touristen können einen Teil erkunden und erproben, wie viel Dunkelheit sie aushalten, Allgäuer Zeitung, Reisejournal, 11. Januar 2011, Seite 9
Seewald, Friedrich Über Regenwürmer in Höhlen, Die Höhle 2-1982, S. 41ff.
var. Höllochnachrichten Nr.6 / Stalactite 1/86, Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung SGH / Swiss Speleological Society SSS 1986

Wildberger, Andreas, Preiswerk, Christian

Karst und Höhlen der Schweiz, Speleo Projects, Basel 1997
Wildberger, A. Karstsysteme im Muotatal, vom Hölloch und dessen Nachbarn. - Stalactite, 36, 1986

Links:

http://www.muotathal.ch/

http://www.hoellochforschung.ch/

http://www.lucerneworldclass.ch/pages/04_hoelloch.html

http://www.geo.unizh.ch/~heller/Diatoporama/Gallery/Hoelloch/

http://www.trekking.ch/#

http://www.swissfot.ch/htm_public_d/Adressen/adressdand_faechergeo_Hoehlenc.htm

Textatelier Hess von Biberstein

http://www.zie.ch/AGH/Uebersicht.pdf

http://www.heinzer.ch/hgm/

http://www.aufdermaur.info/frali/cave/Karstgeotope Kt. Schwyz.pdf

Grotte de Hölloch


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