Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Hochgrat


Im Herbst 2004 hatte Stefan Glaser einen Höhlenvortrag im Verein für Höhlenkunde in München organisiert. Thema: "Hydrogeologische Untersuchungen in der Molasse des Hochgratgebietes". Eine Geologin berichtet dabei von ihren umfangreichen Forschungen und macht uns so mit einem Gebiet vertraut, das bislang speläologisch völlig jungfräulich war. Normalerweise wird in der Molasse nicht nach Höhlen gesucht. Im Vergleich zum Kalk gibt es viel natürlicherweise weniger Löcher, aber vollkommen ausgeschlossen ist es nicht, daß man auf befahrbare Hohlräume im Untergrund trifft. Die Forschungen in den Ablagerungen der Piave am Südrand der Alpen in Italien und im Departement Aude in Frankreich haben in große Höhlensysteme geführt. Nur wenige Kilometer entfernt, am Kojen in Vorarlberg, gibt es ja auch eine richtige Höhle im Konglomeratgestein.

Das Gebiet verdiente mal mit den Augen eines Höhlenforschers angeschaut zu werden. Am 24. Juni 2005 machten das mal Willi Adelung und ich, schon eine Woche später war Stefan Glaser und andere VHM-Mitglieder mal dort.

Mit zwei Autos kann man eine schöne Rundwanderung dort machen. Wir fuhren auf der Mautstraße von Hittisau hinauf Richtung Höfle. Auf einem Wanderparkplatz kann man sein Fahrzeug stehen lassen. Man sieht es Stunden später erst wieder. Es geht zurück nach Hittisau und Krumbach Richtung Oberstaufen. Von dort zweigt dann ein Sträßlein Richtung Steibis und die Talstation der Hochgratbahn ab.

In kleinen Gondeln schwebt man bergwärts und kommt unterhalb des Gipfels in der Bergstation an. Ein breiter, ausgetretener Gratweg führt aufwärts. Links geht es senkrecht hinunter, rechts liegen sehr steile Bergwiesen. Man bemüht sich, den Schaden durch die vielen Besucher in Grenzen zu halten und hat links und rechts einen Trampelpfad ausgesteckt. 1833 m Seehöhe hat der Hochgratgipfel. Ab da geht es auf wesentlich schmälerem Steig wieder abwärts. Ein Schild macht darauf aufmerksam, daß nur trittsichere Leute ihn benützen sollten. In der Nähe der Brunnenauscharte erfaßt der Blick, wenn er südwärts die Hänge abwärts gleitet, in den Wiesen ein schwarzes Loch in einer Felsrippe. Ein Bächlein strebt genau darauf zu und verschwindet darin. Ich stieg hinunter. Das war ein klassischer Ponoreingang. Allerdings ist die "Höhle" dahinter kaum erwähnenswert. Das eingeschwemmte Material hat alles fast wieder zugeräumt. Und außerdem kann sie auch beim besten Willen nicht groß sein. Steigt man über die Felsrippe, wie ich es getan habe, dann kommt man auf der anderen Seite wieder zu einem Bächlein, das in einer Rinne aus dem Gestein erst tropft, dann rinnt. Das Ohr, in eine handtellergroße Öffnung gesteckt, erlauscht ein Fließen des Wassers. Hier ist man schon auf der anderen Seite, des kleinen Wasserdurchgangs. Für kurze Zeit fließt tatsächlich wieder ein Bächlein, aber auf einmal ist es wieder weg. In der Felsrinne fließt nur bei größerem Wasserangebot ein Bach bis hinunter in eine Senke, die keinen Ausfluß hat. Ohne daß auch nur die geringste Öffnung auszumachen ist, ist hier Schluß mit dem Wasser.

Bei der Oberen Gelchenwangalpe fand dann Willi Adelung tatsächlich links vom Weg eine katasterwürdige Höhle. Ich war schon daran vorbeigelaufen, weil mir der Trichter in der Wiese nicht spannend genug aussah. Willi ging wirklich hin - und siehe da, da war ein befahrbarer Eingang. Lampe raus und in kurzen Hosen und im kurzen Hemd stieg ich hinunter und hinein. Ich kletterte erst mal 2 m ab, dann spaltete sich die Spalte, die einfach in die Tiefe zog. Zwei Fortsetzungen waren zu sehen, wobei eine richtig befahrbar aussieht. Nur in meiner Kleidung wäre das ein bißchen Harakiri gewesen. Ein paar Fotos noch, auch von den Kuhknochen, die da rumliegen, dann entstieg ich gleich wieder da Hundekälte, die da unten herrscht. Da müßte mal jemand mit Schlaz vorbeischauen.

Von da geht es auf einem beschilderten Weg immer westwärts ins Tal. Rechts von einem sammelt sich so langsam ein richtig ansehnlicher Bach, der in einer Klamm fließt. Zwischendurch verschwindet er mal und das Bett fällt trocken, aber dann kommt er wieder zum Vorschein. An einer Stelle ist in einer tiefen Grube links vom Weg ein richtiger Ponor zu sehen. Beim Nachstieren mit einem Ast kam Willi ein bißchen tiefer hinein, aber große Ausdehnungen darf man nicht erwarten. Schließlich ist die Bachschlucht nicht weit.

Auf der Höflealpe ließen wir uns zu einer genußvollen Jause nieder in einer prachtvollen Umgebung nieder. Übrigens ist der Bergkäse, der dort verkauft wird, ein Gaumengenuß.

Von da ist es nicht mehr weit bis zum Parkplatz und eine Stunde später war unsere Rundtour auf dem Bergbahnparkplatz bei Steibis zu Ende. Da gehen wir noch einmal hin, es gibt nämlich noch Varianten dieses Weges.

 

   
 
 
   

 

Im 2010 hatten wir mal wieder unser Tradition gewordenes 4-Männer-Treffen, zu dem wieder mal nur 3 da waren. Willi hatte über sieben Ecken herum Kunde von einer angeblich 70 m langen Höhle in Obergelchenwangtobel bekommen. Mehr wußten wir nicht. Manchmal ist es gut, so wenig zu wissen, sonst würde man sich nämlich gar nicht auf den Weg machen, so ein Unternehmen zu starten. Wie soll man in einer etwa 5 km langen Bachschlucht, in die man oft nicht hinabsieht und die manchmal nur schwer zugänglich ist, die Stelle ausmachen, wo eine Höhle ihren Eingang hat?

Das Wetter war in München noch hervorragend, in Kempten schon getrübt, bei der Auffahrt mit der Seilbahn regnete es. Eine Regenwolke warteten wir ab, dann stampften wir mit Regenschutz die 130 hinauf zum Gipfel. Von dort geht es ja nur noch bergab - immer im Nebel. In der Gegend herumsuchen, das wäre verrückt gewesen, wir waren froh, wenn wir den Weg noch ausmachen konnten. Bei der großen Abzweigung bei der Brunnenauscharte folgten wir schrittgenau dem offiziellen Weg zur Gütlealm. Und genau da ragte aus dem Nebel ein Schacht mit einer Stacheldrahtumzäunung. Am Grund lag noch etwas Schnee, aber eine kleine Öffnung war schon freigeschmolzen. War das der "Konglomeratschacht"?
Beim Willischacht schauten wir natürlich auch vorbei. Die Kuhrippe war noch immer da, allerdings ist alles schon wieder ein wenig mehr zusammengebrochen, so daß es noch wenige Spaß machte, tiefer hineinzuschauen. Alles war wir in der Umgebung noch an "verdächtigen Stellen" anschauten, entpuppte sich als nichts.

Unterhalb der Oberer Gelchenwangalpe begann der Tobel, der sich allmählich immer tiefer ins Relief einkerbte. Eine Höhle sollte es da geben, bloß wo? Eine Quellhöhle sollte es sein, also mußte da Wasser herauskommen. Die anfängliche Aufregung, wenn wieder irgendwo von der Seite etwas mehr Wasser aus dem Fels quoll, wich bald der Ernüchterung und der Erschöpfung. Nirgends war etwas auszumachen, dann wurden die Wände senkrecht und überhängend, da kam man gar nicht mehr irgendwo hin. Abwärts und abwärts ging es. Eine Art Fahrspur querte die Schlucht, verhieß eine einfachen Zugang zur Schluchtsohle. Zu sehen war auch da nichts. Einen trockenen Seitenbach verfolgten wir aufwärts bis er in die Aussichtslosigkeit immer weiter noch oben führend endete. Das Tobelbach aufwärts folgen, das war äußerst mühsam und irgendwann steckten wir das auch auf. Zurück zum Hauptweg. Abwärts, abwärts. Eine Bruchzone wurde vom Tobel durchquert, noch eine. Höhlen waren hier nirgends auszumachen, weiter, weiter. Irgendwann sagte ich, ich wolle doch noch mal zum Bach absteigen. Eine felsige Schluchtwand, ein Blick durch den Nebel, irgend etwas Schwarzes war da auszumachen, eine Höhlenöffnung? Absteigen, ausrutschen, sich an Zweigen festhalten, dann war wieder etwas Kies unter den Füßen. Ein Blick zur Wand. Tatsächlich, da quoll ein 4 m breiter Bach aus einer 2 m hohen dreieckigen Pforte. Ein paar Schritte weiter und ich stand tatsächlich in einer richtigen Höhle. Nicht irgendein Verbruchhaufen, sondern eine richtige Wasserhöhle im Konglomeratgestein. Es ging weiter hinein, horizontal. Ich eilte zurück, rief zu den Freunden: "Höhle, Höhle, Höhle". Irgendwann tauchten sie tatsächlich hinter den Felsen auf und gemeinsam schauten wir nach, was wir da im Nebel aufgestöbert hatten.

Ein horizontaler Gang lag vor uns, bachdurchflutet und gleich in eine tiefe Gumpe führend. Wie tief sie war? Unsere Spekulationen gingen auseinander: Knietiefe, einen Meter. Keiner hatte heute Lust, ein Halbbad zu nehmen, einen Versuch seitlich vorbeizuklettern und auszurutschen und damit vollkommen einzutauchen, niemand war da, der solche Gedanken umgesetzt hätte. Im Herbst ist ja auch noch Zeit wiederzukommen. Dann läßt sich auch die kleine Felsstufe, über die das Wasser herabrinnt auch gleich überwinden und noch ein wenig weiter vordringen. Alle Versuche, gute Bilder zu machen, scheiterten. Es ist offenbar soviel Feuchtigkeit in der Luft, daß alle digitalen Fotos wie Bilder im Schneesturm aussahen.
Beim Rückweg zum Hauptweg fanden wir auch den schmalen Steig, der längst hierher führt. Wenn man allerdings nicht wirklich weiß, wo die Höhle liegt, nützt diese Information nichts.

Beschwingt von der Freude, daß wir mit viel Glück und einiger Intuition tatsächlich die Höhle gefunden hatten, stiegen wir vollends ab, kehrten wieder auf der Höflealpe ein, wo unsere Gaumen mit einem herrlich sauren Wurstsalat verwöhnt wurden, und schlossen dann der Kreis mit der Rückkehr zum 2. Wagen am Lecknersee. Von dort ging es dann zurück zum Parkplatz der Hochgratseilbahn, von wo aus wir in 2 Autos zurückkehrten nach Kempten. Wieder einmal war eine schöne, gemütliche und doch durchaus erfolgreiche Tour zu Ende. Und die Spannung ist noch da. Wie sieht es in der Höhle aus?

 
 
     
     

 

Literatur:

Heinig, R. Der Konglomeratschacht am Hochgrat, DER SCHLAZ 106/107, 2005, S..15
Glaser, Stefan Die Nagelfluhkette, DER SCHLAZ 109 2006, S. 15ff.
Bayerisches Landesamt für Umwelt Hundert Meisterwerke - Die schönsten Geotope Bayerns, Augsburg 2011

 

Links:

Höhle am Kojen

http://www.hochgrat.de

Steibis - Ortsteilpräsentation der Urlaubsregion Oberstaufen-Steibis-Aach mit Schindelberg, Hagspiel und Alpgebiet, D-87534 Oberstaufen im Allgäu

Landschaft und Höhlen im Allgäu

Landschaft und Höhlen der Bayerischen Alpen

 

 

 


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