Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Landschaft und Höhlen bei Erdbach-Breitscheid, Hessen


Die Schauhöhle Herbstlabyrinth


"The times, they are changing" sang einmal Bob Dylan. Für "Places" könnte man das auch singen. 2013 geriet ich eigentlich unbeabsichtigterweise wieder einmal in diese Gegend, und einiges hatte sich geändert. Eine Menge Schilder mit der Aufschrift "Tropfsteinhöhle Herbstlabyrinth" zeigten, wo es hinging. Ein großer Höhlenparkplatz am Ortsrand von Erdbach lag da fast verwaist. Ein markierter Weg führt von dort zum einige hundert Meter entferntem Höhleneingang, jetzt unter einem kastenförmigen betonierten Häuschen. Etwa 100 Meter vom Parkplatz entfernt auf der linken Seite steht ein altes Trafohäuschen. Das dient den Höhlenforschern als Standquartier, wenn sie sich in der Gegen aufhalten. Entlang eines Karst- und Höhlenwanderweges sind an vielen Stellen Informationstafeln aufgestellt, wo man mehr darüber erfährt, was man gerade sieht.

Bernd Kliebhan hatte mit einem der Mitglieder der Höhlenforschergruppe ausgemacht, daß wir am Freitagnachmittag mit ihm in die Höhle könnten, um uns einmal umzusehen, weil er sowieso wegen eines wissenschaftlichen Monitorings hineinwollte. Dann passierte so einiges und am Ende wurde daraus gerade noch ein kurzer Besuch des Schauhöhlenteils, wobei sich Oliver Heil, der Schöpfer der ausgezeichneten Höhlenbeleuchtung, um mich annahm. Das Photographieren hier war im Grunde ganz einfach. Die Tropfsteinpartien sind so ausgeleuchtet, daß man mit den modernen Digitalkameras nur noch draufdrücken muß. Ich verwende dazu auf meiner COOLPIX P7100 eine Einstellung für schwaches Licht, gekennzeichnet durch eine brennende Kerze. Das Ding zaubert! Ein Blitz ist erst einmal überflüssig, aber es wäre spannend einmal Vergleichsaufnahmen zu machen.

Auf einmal rührte sich in der Tiefe der Höhle etwas. Drei Forscher kamen von einer Tour an das äußerste Ende des bekannten Höhlenteils zurück. Ihr Verschlammungsgrad war nicht groß,  rund 1 1/4 Stunden sie in einer Richtung unterwegs gewesen, hatten den Stand des Wassers des Erdbachs angeschaut, nachdem eine kräftige Pumpe eingesetzt worden war. Für den nächsten Tag war ein großes Forschungsunternehmen angesetzt, das vielleicht zur Verbindung mit der nahen Erdbachhöhle führen könnte. Von zwei Seiten wollten am nächsten Tag Leute in die Höhle und sich am Ende vielleicht begegnen. Auch einen Taucher hatte man dabei, dessen Material bis zum Endpunkt gebracht werden mußte. Würde der Zusammenschluß gelingen, dann wäre das gesamte System über 10 km lang.

Immer mehr Leute versammelten sich in der Nacht im Aufenthaltsraum des Trafohäuschens, wo noch lange organisiert und diskutiert wurde. Um Mitternacht verließ ich die Truppe Richtung Innenraums meines Golfs, wo ich die Nacht verbrachte. Noch vor Sonnenaufgang ging es für mich wieder Richtung Süden, näher familienwärts.


Mit dem Stand Mai 2008 weist die Liste der längsten und tiefsten deutschen Höhlen zwei Objekte in dieser Region auf:

11 10 Herbstlabyrinth-Adventshöhle-System (H) 5,500 m (+) 5,300

und das

45 45 Erdbachhöhlensystem (H) (1.900) 1.797 m (+)

Wo liegt es überhaupt? Ich gebe zu, ich wußte das auch lange nicht. Erst eine Fahrt zum 2008er Höhle-Religion-Psyche-Treffen bei der Dechenhöhle im Sauerland am 1. Mai 2008 bot einmal die Gelegenheit, diesen weißen Fleck auf der inneren Landkarte Deutschlands ein wenig zu färben. Bei Herborn muß man von der Autobahn abbiegen. Auf der Landkarte war zwar eine "Erdbachhöhle" eingetragen, aber vergebens suchten wir irgendwelche Hinweisschilder, die uns zu der angekündigten Schauhöhle führen würden.
Eigentlich hatten wir ja Hunger, weil es Mittagszeit war, aber nirgends war eine Gaststätte auszumachen, wo wir was Gescheites hätten essen können. Am Ende landeten wir auf dem Töpfermarkt in Breitscheid, wo es sogar gegrilltes Fleisch und ein Bier aus der Hand des Bürgermeisters gab! So etwas passiert einem nicht jeden Tag.

Dem kundigen Auge taten sich unterwegs schon einige Hinweise auf. Da gab es Wegschilder zu den "Steinkammern", gleich neben der Straße öffnete sich ein großes künstliches Felsloch mit einer großen Portaltür davor und am Rand von Breitscheid war gleich neben der Straße ein Bach zu sehen, der auf einmal in der Erde verschwand (Das war offenbar die "Schwinde C", beschrieben als: "Schachthöhle mit 2 Direktschächten (25 m, 35 m) Wasserfall.... 1900 m GGL, -100m). Alles das fügte sich dann zu einem Eindruck. Ein Karstwanderpfad verbindet die meisten dieser Stationen und führt noch zu weiteren Plätzen.

Das Schauhöhlenerschließungsprojekt ist offenbar noch nicht so weit gediehen, daß nun die Besucher strömen. Es gibt zwar die künstliche Erdöffnung am Rande der Straße, aber die gesamte Infrastruktur fehlt noch. Wo will man in dieser noch ziemlich einen ziemlich "heilen" Eindruck machenden Gegend allein schon die Parkplätze unterbringen? Die frischen Wiesen in der Umgebung einfach zuteeren? Wird ja zur Genüge überall auf der Welt gemacht, auch hier? Irgendwo ist das ja auch eine "falsche" Idylle, denn überall lugen die Kalksteinbrüche hervor. Damit wurde und wird "Kohle" gemacht, aber halt nur einmal. Dann ist das Gestein hinweg. Läßt man Touristen herein, dann kann man wahrscheinlich länger davon leben. Allerdings sollte man dann den Kalk auch nicht mehr länger einfach sprengen und wegschaffen - der klassische Konflikt zwischen Steinbruchbetrieb und Höhlenschutz.

Die Steinkammern im Rolsbachtal scheinen sehr bekannte und beliebte Höhlenobjekte zu sein, denn auch während wir da waren, das waren wir alles andere als alleine. Hier saßen zwei in einer mühsam erreichbaren Seitenkammer, da wurlte es von unten, weil sich ein Vater mit seinen beiden Kindern gerade durch den Durchgang mühte.
Bei dem Ausgrabungen im Jahre 1884 fand man Keramikfragmente aus der Jungsteinzeit und der späten Bronzezeit, komplette Gefäße aus der Hallstattzeit und der frühkeltischen Periode. In der "Kleinen Steinkammer" fand man menschliche Knochen, u.a. den Unterkiefer eines Kindes. Auch zwei Armknochen fand man, an denen noch Bronzeringe steckten. Armreifen fand man und Ohrringe, Glas- und Bernsteinperlen und einen eisernen Ring mit eingefügten Bronzespiralen. Opfergaben?
Völlig irreführenderweise ist die "Kleine Steinkammer um einiges länger als der "Große" Bruder. Die "Kleine" besteht aus einer fast 10 m langen Eingangskammer, von der zwei Fortsetzungen weiterführen. Nach obenhin muß man in einen ehemaligen Bachtunnel hinaufklettern, der wiederum etwa 10 m höher führt, eh er in einer engen Spalte wieder zu Tage führt. Das zweite schmale Gang führt abwärts durch ein ca. 15 m langes unschwieriges Gangerl auch wieder zu Tage.

Von der "Großen Steinkammer" schrieb BECKER schon 1922, daß sich eine "ausführliche Beschreibung dieses schon stark zerstörten Systems kaum lohnen dürfte". Nun, an eine Nische von 5 m Tiefe und 2 m Breite schließt sich ein horizontaler Gang an, der nach hinten "11m" bis zu einer "auskeilenden Spalte" führt. Trotzdem, es ist halt eine typische Höhle, unspektakulär, ein wenig Platz zum Vorwärtskommen bietend, man kann sich an den Füßen dreckig machen, weil der Bohn aufgeweichter Lehm ist..."

 
 
 
 
 

2013

 

2016: Eine Meldung über den Einbruch in die Höhle und die Entfernung von Tropfsteinen



-------- Weitergeleitete Nachricht --------

Betreff:

WG: Höhlenaufbruch und Sinterraub Herbstlabyrinth

Datum:

Sun, 29 Nov 2015 22:32:18 +0100

Von:

Ingo Dorsten <ingo.dorsten@hoko-data.de>

An:

Hallo zusammen,

 

am 28.11.2015 wurde im Rahmen einer Routinekontrolle der Aufbruch zweier Höhlenverschlüsse am alten Eingang im Steinbruch festgestellt.

Neben den Beschädigungen an den Stahlverschlüssen wurden im Bereich der Willi-Hoffmann Halle etliche Stalagmiten und Stalaktiten aus dem Verband gebrochen und entwendet.

Dabei hatten es die Täter auf ausschließlich reinweißes Sintermaterial abgesehen, leicht verfärbte, gelbliche Sinter wurden stehen gelassen. Es wurde mit massiver Gewalt vorgegangen und offensichtlich mit Hammer und Meißel gearbeitet.

An den beiden Verschlüssen wurden die Schlösser aufgebrochen und mit einer Flex die Stahlplatte durchtrennt.

Über den Tatzeitpunkt können keine genauen Angaben gemacht werden, jedoch waren die Spuren im Bereich der Zugänge noch nicht verregnet. Bei einer Kontrollbegehung in den angrenzenden Bereichen wurden keine weiteren Beschädigungen festgestellt.

Der Vorgang wird morgen über die Gemeinde Breitscheid als Eigentümer der Höhle zur Anzeige gebracht.

Möglicherweise werden auch Stücke über das Internet angeboten. Also, wenn jemand Langeweile hat, dann werden evtl. Hinweise gerne entgegen genommen.

 

Gruß…….Ingo

 

 

Ingo Dorsten

Auf der Bitz 8

35767 Breitscheid

02777-8125777


Literatur:

Bauer, Gerd Geheimnisvolles Hessen- Fakten, Sagen und Magie
Steiner, Helmut Zweiter Vorstoß in die Erdbachhöhle, Jahresbericht der Höhlenforschergruppe Rhein-Main, Heft 1984, Seite 66-69
Krankl, Alois Stand des Projektes "Erdbachhöhle Breitscheid" nach einem Jahr Grabungstätigkeit im Kleingrubenloch, Jahresbericht der Höhlenforschergruppe Rhein-Main, Heft 1984, Seite 104-106
ohne Verfasserangabe Hessen Südlicher Teil, Die Schwarzen Führer
Dorsten, Ingo, Hülsmann, Thomas Das Herbstlabyrinth-Adventhöhlensystem, STALACTITE 58, 1, 2008, S. 3ff.
Schnitzspan, Anne Vom Erdboden verschluckt - die Erdbachschwinde bei Erbach, in: Jahresbericht der Höhlenforschergruppe Rhein-Main 2001-2002, S. 132-135
Dorsten, Ingo, Hüser, Anette, Hülsmann, Thomas Neue Forschungsergebnisse aus dem Herbstlabyrinth-Adventhöhlensystem, Jahresbericht der Höhlenforschergruppe Rhein-Main 2003-2005, S. 159ff.
Dorsten, Ingo Neue Wege beim Ausbau einer Schauhöhle, Der Fränkische Höhlenspiegel 56 - Oktober 2009, S. 42ff.
Kraus, Dieter, Dorsten, Ingo Neuland im Herbstlabyrinth, DER SCHLAZ Heft 119, 2013, S. 34-39
Becker, Dr. Hans Karl Die beiden Erdbäche im Odenwald und Westerwald, Mitteilungen über Höhlen- und Karstforschung 1925, S. 48ff.
Kraus, Dieter Herbstlabyrinth, DER SCHLAZ 120, 2014, S. 15ff.
Kraus, Dieter Erdbachtunnel, DER SCHLAZ 120, 2014, S. 20ff.

 

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