Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Etretat - im Schatten der großen Naturbrücken


August 1993

Als im April 1999 in der Reisebeilage der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über die Seebäder der Normandie erschien, da war Etretat nicht einmal in der beigefügten Karte erwähnt. Der Journalist hatte ein paar Fakten über Dieppe, Fécamp, Honfleur oder Trouville zusammengetragen, zitierte Maupassant und erwähnt Marcel Proust. Etretat war ihm keine Zeile wert.

Schade, denn Etretat im Departement Seine-Maritime ist wirklich einen Abstecher wert, zumindest für jeden, der sich für schöne Natur, vielleicht auch für Naturbrücken, ganz speziell vielleicht für Kreidekarst, interessiert. Soviele Orte gibt es auf diesem Planeten auch nicht, wo man alles auf einmal haben kann.

Mir kommt es so vor, als scheine vielen die Welt immer am schönsten, wo sie am weitesten weg ist, vielleicht auf der Kerkuelen, im Innersten Kirgisistans oder in Shangrila. Dabei haben wir rund um uns wunderbare Fleckchen Erde, die es nur gilt, wieder anzuschauen, sei das die Fränkische Schweiz, Niederbayern oder halt die Küste bei Etretat. "Neuland" gibt es da keines mehr zu entdecken, aber eine wunderbare Landschaft - Meer und Land - sich direkt dramatisch berührend, mehr oder weniger, je nach dem, ob nun Ebbe oder Flut ist. Die Wasserspiegelschwankungen sind hier ja besonders groß.

In dem "Reiseführer mit dem hohen Gebrauchswert" aus dem Martin-Velbinger-Verlag "Bretagne Normandie" von Schröder und Pagenstecher heißt es über Etretat: "Der reizvollste Badeort an der Kreideküste, die haushohen Felsentore direkt vom Strand aus im Blick. Herrliche Farbkontraste: die weißen Arkaden im Meer, Wiesenplateaus und grüne Hänge, in der Mulde die Schieferdächer der kleinen Stadthäuser, Superblick von den Steilklippen zu beiden Seiten." So klingt das im Telegrammstil, trifft aber ganz gut die Atmosphäre.

Höhlenmäßig muß man sich links halten. Je nach Wasserstand ist dann ein ziemlich langer Abschnitt der Küste begehbar. Man kann drei riesige Torbögen durchqueren, zum Teil auf eingebauten Eisenleitern, die einem den Aufstieg durch die Felsriegel erleichtern. Hier oben wäre wohl auch ein Rückzugsort, sollte man vom anrückenden Meer eingeschlossen werden. In den Durchgängen ist wenig zu sehen, außer einigen Einritzungen in den relativ weichen Kreidefelsen. Die bedeutendste Höhle ist der "Trou à l'Homme" oder auch "grotte à l'Ilôt", die 52 m lang ist und mehr oder weniger mit Kieselsteinen verfüllt ist. Der Eingang, etwa 20 m breit, ist auf unzähligen Postkarten, Fotographien und Gemälden festgehalten. An dieser Höhle setzt der Tunnel an, der künstlich geschaffen worden ist, um den "Plage de Jambourg" leichter zugänglich zu machen.

In diesem Küstenabschnitt liegt auch der "Trou du Chien", der schon von E.-A.Martel 1930 auf eine Länge von 106 Metern vermessen worden ist.

Literarisch sind diese Höhlen auch schon registriert worden, z.B. in dem Roman von Maurice Leblanc "Arsène Lupin et l'Aiguille Creuse" aus dem Jahre 1909.

Besucht man heute dieses Gebiet, dann fallen natürlich auch die Bunkeranlagen auf den Klippenrändern auf. 50 Jahre ist es ja erst her, daß es da ganz ernst zugegangen ist, kein Highlife und kein Savoir-vivre, sondern Kampf um die Macht oder halt ums Überleben.

 
 
Kleine Höhle am Strand
 
 
 
 

 


Literatur:

Rodet, Joel Approche du karst de la craie du bassin de Paris, Actes de Congrès susse de Spèleologie, Porrentruy, sep. 1978, S. 245ff.
Rodet, Joel La Craie et ses Karsts
Esser, Elger Cap d'Antifer - Étretat, Schirmer/Mosel Verlag,  München 2002

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