Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Antiparos / Kykladen / Griechenland

 


"Wenig Spektakuläres" habe die "kleine Schwester von Páros", so der Griechenlandführer aus dem Michael-Müller-Verlag.

Das stimmt und stimmt auch nicht. Denn die Tropfsteinhöhle im Süden der Insel, Spilion Agiou Ioánnou, die ist anthropospeläologisch betrachtet, ziemlich einmalig auf der Erde.

Rein speläologisch gesehen ist sie erstaunlich, aber nicht wirklich herausragend. In rund 180 m Seehöhe öffnet sich unvermittelt in der Flanke des Profitis Ilias der 20 m breite und bis 8 m hohe Eingang in die Höhle. Was erstaunlich ist, ist, daß es hier überhaupt eine Höhle gibt und noch dazu so eine so großräumige. Die Überdeckung ist fast null und trotzdem quellen die Sinterfiguren in dem im Grunde sackförmig nach unten führenden großen Saal nur so über. Die Angaben über die tatsächliche Größe der Höhle sind recht unterschiedlich. Der Show Caves-Führer im Internet nennt eine Höhlenlänge von 95 m, eine Breite von 30 m und eine Höhe von 25 m, um eine grobe Vorstellung davon zu geben.
Der Sinter in der Höhle befindet sich heutzutage natürlich in einem verheerenden Zustand. Hier kann man ausgezeichnet studieren, wie eine Höhle aussieht, die seit Jahrtausenden bekannt ist und seit rund 300 Jahren häufiger aufgesucht und, dem jeweiligen Naturverständnis entsprechend, damit umgegangen wurde. Da hat der Aufruf "Save the cave" am Eingangsgebäude vor der Höhle geradezu etwas Rührendes an sich.

Die Höhle war sicherlich schon seit den ersten Anlandungen des Menschen auf der Insel diesem bekannt. Der weite Eingang ist einfach nicht zu übersehen, wenn man dorthin kommt. Die Ausgrabungen im Eingangsbereich haben sicherlich einige Funde geliefert. Veröffentlicht habe ich darüber nichts gefunden, aber sie können halt auch nur liefern, was einmal gewesen ist und davon noch übrig war. Ein Name für die Höhle ist "Katafigi" und das steht für "Flucht" und "Versteck". In Notzeiten haben sich sicherlich die Bewohner immer wieder dorthin geflüchtet, um vielleicht eine größere Überlebenschance zu haben. Es ist schon immer spannend, solche Orte selber aufzusuchen. Nichts ist von all dem, was sich dort sicherlich zugetragen hat, Gutes und Schlimmes, mehr materiell vorhanden. Alles weg. Wir können immer nur den momentanen Zustand wahrnehmen - der ja auch ein guter Spiegel unserer jeweils anderen Zeit ist.

Heute wird die Höhle in allen Veröffentlichungen über die Insel Antiparos (gelegentlich auch Andiparos) angeführt. Sie ist ihr Touristenmagnet Nummer 1, denn was sonst sollte einen Urlauber dazu bewegen, auch dort sich einmal umzusehen?

Ich war Ende Februar 2013 selber einmal dort und habe meine Erfahrungen gemacht. Von wegen Touristenmagnet. Ein Straßenschild sah ich hinter dem Hafen mit dem Höhlenhinweis. Nur wo ging es von dort aus weiter? Da stehst du da als armer Tourist und frägst dich, ob es an Weggabelungen links oder rechts weitergeht. Und nichts erleichtert dir deine höchst persönlichen Entscheidungen. Viel später habe ich ein zweites, schon leicht verbeultes Straßenschild gesehen, hinterher, nachdem das ganze Abenteuer schon ziemlich gelaufen war, und zwar auf einer ganz anderen Route, wo ich den Erfolg gesucht hatte.
In Antiparos, dem kleinen Ort und Fischerhafen, gibt es, ganz zentral gelegen, einen Laden, über dem, nicht zu übersehen, "CAVE TRAVEL" steht. Da hätte man sich wohl melden können, alles für ein paar Euros arrangieren lassen können. Ich hatte meinen eigenen Ehrgeiz und wollte mir selber die Höhle "erobern". Hinweise dazu gibt es nicht viele auf der Insel. Eine große Tafel mit Wandervorschlägen zog mein Interesse auf sich. Da war tatsächlich ein Höhlenzeichen drauf und ein sich hin- und herwindender Weg? dorthin. Er führte mitten durch die Insel und als Entfernung waren 8 km angegeben. Von einem Bus war nichts irgendwo zu sehen, was bedeutete, daß ich die Entfernung wohl zu Fuß zurücklegen müßte. Hin und zurück ergab das nach Adam Riese 16 km Wanderstrecke. Ob ich das packen würde? Am nächsten Tag schlug die Stunde der Wahrheit. Nach einen Milchkaffee im Kafenion am Hafen zu dem relativ hohen Preis von 3 Euro brach ich auf. Hinten raus aus Antiparos, langsam aufsteigend auf einer Teerstraße in das Zentrum der Insel. Leider breitet sich auch hier krebsartig das Neuhäuseln aus. Überall wachsen die Ferienhäuser aus der grünen Landschaft, glücklicherweise einheitlich zwar in einer "Kykladischen Bauweise", aber halt doch schwammerlartig die Hügelflächen allmählich überziehend. Ein einziger Hirt mit Ziegenherde ist mir noch begegnet. Der Rest hat wohl schon aufgegeben. Irgendwann ging es über einen Kamm und auf der anderen Seite wieder abwärts. Die neue Straße macht einen weiten Bogen, der alte steinige Pfad strebte gradaus den Hang hinunter und auf der anderen Seite genauso kräftefordernd wieder hinauf. Dann kam die nächste Paßhöhe und der nächste Abstieg. Eine weite Ebene tat sich auf, nirgends ein Hinweis. Wohin sollte ich wandern? Besonders blöd war die Situation, wenn es gleich in drei verschiedene Richtungen auseinander ging. Es galt Entscheidungen zu treffen und die hatten Folgen. Einmal "falsch" gelaufen und ich hätte mich gleich mindestens eine halbe Stunde länger bewegen müssen. Dabei gab es keinerlei Hinweise, wo denn die Höhle war. GPS-Fans mit eindeutigen Positionswerten können natürlich nur lachen über solch "steinzeitliches" Fortbewegungsverhalten, aber es hat seinen Reiz! Es geht nicht darum, sich möglichst schnell und effektiv durch die Landschaft zu bewegen, sondern intuitiv, suchend, vermutend, entdeckend. Da ist unendlich viel mehr "Seelensaft" drin als bei der exaktesten Feinsteuerung durch irgendwelche Gerätschaften. Ich mußte irgendwelche Vermutungen anstellen, wo denn die Höhle sein könnte, strebte auf mein vermutetes Zielobjekt langsam zu, schnell geht zu Fuß mit kleinem Höhlengepäck gar nichts, und wurde dann natürlich "enttäuscht". Es war mir ja gar nichts anderes übrig geblieben, als an einem ganz bestimmten Ort in der Landschaft die Höhle zu vermuten, weil er der einzige mögliche Ort erschienen war, den ich sehen konnte. Tatsächlich war die Höhle weit jenseits des Bergkammes, den ich da gerade sehen konnte, aber wohin soll man sich denn wenden? Ich marschierte einfach weiter, wieder einmal mühsam auf breiter Fahrstraße einen Hügel erklimmend, die so breit war, daß sie gut den Verkehr einer Bundesstraße hätte aufnehmen können. Wie viele Autos waren tatsächlich unterwegs? Keines. Es gibt eigentlich gar keinen Grund für so eine überdimensionierte Straße in einer solchen Zone. Aber es war wohl einmal Geld da für so ein Projekt - oder auch nicht. Man hat halt bezahlt und woher das Geld dafür kommen würde, wen kümmert das? Eine weitere Absonderlichkeit wartete noch auf mich. Meine abwärts führende Teerstraße führte plötzlich auf eine noch viel größere Straße direkt in einer Kurve. Wohin sollte ich mich wenden? Nach links, wo es hoch ging oder nach rechts, da führte die "Riesenstraße" bequem Richtung Küste. Von einer Höhle war sowieso weit und breit nichts zu sehen. Wieder war Ahnung und Intuition gefragt, rationales Kalkül half da kaum weiter. Eine so große Straße in ein solches karstiges Niemandland zu bauen, da konnte eigentlich nur bedeuten, daß sich da irgendwo irgendetwas verbarg, das ich noch nicht sehen konnte. Ich probierte es, folgte der geteerten und kräftig aufwärts führenden Straße, auf der leicht zwei große Busse oder Lkws aneinander vorbei hätten können, und kam zu einem Wendeplatz. Hier war endgültig Schluß mit Fahren. Ein Schild "Welcome to the Cave" grüßte - ich hatte wohl die Erfolgsstraße gewählt. Noch ein paar Meter auf einem gepflasterten Weg hinauf und da war endlich ein menschliches Artefakt zu sehen, das Gebäude vor dem Eingang der Höhle. Rundherum Mauern und die in Griechenland zur Zeit überall vorzufindenden Eisenzäune. Sie sollen wohl auch jeden Blinden daran hindern, in plötzliche Abbrüche im Gelände zu fallen. Rundherum um den schönen Eingangsbereich reicht dieses Sperrsystem. Man könnte es nur an einer Stelle "unterlaufen", an einer Stelle, die wohl schon in dem alten Bericht von M. Tournefois, 1741 geschrieben, von ihm erwähnt worden ist, die "Grotto di Antipater". Das ist meine Interpretation, denn die alte Beschreibung läßt diese Interpretation für den Kenner durchaus zu.

Dann stand ich da, vor dieser anthropospeläologischen Kostbarkeit, und niemand sonst war da. Ich wartete und wartete und wartete. Irgendwann wendete ich mich zu und ab.

Ein Erlebnis war auch der Weg zurück. Die moderne Variante mit der breiten Fahrstraße durch die wilde, ansonsten ja weitestgehend unversehrte Karstlandschaft, ist ja eigentlich verheerend. So etwas als "Fortschritt" zu preisen - was ist da in unseren Hirnen durcheinander gekommen? Vor vielen Jahren hat man mal diskutiert, eine Seilbahn auf das Matterhorn zu bauen - unter anderem mit dem Argument, daß der Blick von dort damit auch endlich für Menschen möglich würde, die ansonsten keinerlei Möglichkeiten hätten, so etwas einmal zu sehen - Behinderte zum Beispiel! So ein Irrsinn ist auch hier passiert. Es gab immer schon einen Weg hier hinauf. Er führt von einer Landestelle am Meer in einer sehr kommoden Weise, immer nur leicht ansteigend, nie dramatische Anforderungen an das menschliche Leistungssystem stellend, bergauf. Es sollen übrigens immer genug Eselsrücken zur Verfügung gestanden haben, um es den "Herrschaften" zu ermöglichen, nichts selber laufen zu müssen. Es dauerte halt. Es gibt diesen Weg noch immer, langsam verfallend und von der Vegetation überwuchernd werdend. Es ist ein Genuß, dort zu laufen. Diesen Weg sind früher alle gegangen, die diese "Modehöhle der Aufklärung" besucht haben. Vor allem natürlich der französische Marquis von Nointel, der sich damit in die Annalen der Speläologie eingeschrieben hat. Das Jahr 1673 war das Schicksalsjahr. Da fand in dieser Höhle die erste richtige "Höhlenweihnachtsfeier" statt. 500 Leute sollen ihn begleitet haben und drei Tage hat das Ereignis gedauert. Die vielen Details dieses Ereignisses sind einzigartig, z.B. daß ein richtiger Seeräuber, Leventi, ehe der ganze Tross nachkam, erst einmal sein Leben einsetzte, und die Höhle vorerkundete. "Ein Mann, der steinfest geworden, daß er keine Lebensgefahr mehr achtete", so J. Valvasor in seiner Schilderung des Ereignisses, drang erst einmal vor, erzählte "wunderbare Dinge", und alle anderen folgten nach.


Aus dem Rheinischen Konversationslexikon von 1837:

S. 637 "Die H. auf der griech. Insel Antiparos zeichnet sich nicht sowohl durch ihre Größe als vielmehr durch die Schönheit ihrer Tropfsteingebilde aus, welche Früchte, Blätter, Festons usw. bis zur täuschendsten Aehnlichkeit vorstellen und von blendend weißer Farbe sind."


Nach viel ist dort vorher und nachher passiert. Diese Literatur ist voll von Aufzeichnungen darüber. Wen es interessiert, der lese dort nach.

Es ist interessant, die Höhlenbilder auf GOOGLE EARTH  von der Höhle auf Antiparos einmal anzuschauen. Da gibt einige Allerweltsbilder und die sind verteilt über eine ganze Fläche rund um die tatsächliche Lage der Höhle. Eigentlich sollten die ja alle auf ziemlich einen einzigen Punkt zeigen. Das tun sie aber nicht. Woher das kommt? Auch die Einmeißelung des Namens von Lord Byron ist abgelichtet. Auch ein Dokument.

Antiparos ist 11 km lang, bis zu 5 km breit und hat eine Gesamtfläche von 38 qkm. Der höchste Punkt ist der 308 m hohe Aghios Illias. Von Paros ist die Insel durch eine Art Naturkanal getrennt, weniger als 1,5 km breit ist und eine Tiefe von 5 m hat.

Einige Bilder von der Insel:

 

Literatur:

Blumenberg, Hans Höhlenausgänge, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1989, S. 543ff.
Engel, Johann Jakob Die Höhle auf Antiparos, in: Der Philosoph für die Welt, online lesbar unter: Der philosoph für die welt. Neue vermehrte und verbesserte ausg. 2 pt. 1810 - Johann Jacob Engel - Google Books
Holzmann, H. Höhlenweihnachtsfeiern - einst und jetzt, Höhlenkundliche Mitteilungen Wien und Niederösterreich 2-1986, S. 36ff.
Kircher, A. Mundus subterraneus. 3. erw. Aufl., Amsterdam 1679
Meinardus, Otto F.A. Die Höhle von Antiparos aus der Sicht der Reisenden des 17. bis 19. Jahrhunderts, Die Höhle 1-1980, S. 1ff.
Michael Müller Verlag Reisehandbuch Griechenland, Erlangen 2010
Panseri, Eleonora La grotta di Anitparos, Speleologia p 9
Petrocheilou, Anna Die Höhlen Griechenlands, Athen 1984
Pirker, R. Weihnachten 1673 in der Tropfsteinhöhle auf Antiparos, Höhlenkundliche Mitteilungen Wien und Niederösterreich, 12, 1, S. 2f.
Rossiter, Stewart, edited by THE BLUE GUIDE GREECE, London, Chicago1973
Tournefois, M., An Early English Language Description of the Cave of Antiparos, in A Voyage into the Levant, London 1741, Vol. 1, submitted by Trevor Shaw, in: Journal of Spelean History, Vol. 29 No. 2, page 48ff
Utili,, Franco Storia della Speleologia prima parte, Speleologia 16, 1987, S. 35ff.

Links:

Antiparos - Paradiesischer Urlaub auf den Kykladen
Antiparos - Griechenlandreisen
Antiparos, Cave
Relation d'un voyage du Levant: fait par ordre du Roi contenant l'histoire ... - Joseph Pitton de Tournefort - Google Books
Antiparos Map | Travel Information, Sightseeing & Attractions
The cave of Antiparos
The stalactic cave, Antiparos, Cyclades Greece
The cave in Antiparos, the island in Greece, pictures and information
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Kykladen


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