Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Tivoli


"Tivoli war das beliebteste Ausflugsziel der deutschen Maler in Rom, und es gab kaum einen in Italien weilenden Künstler, der den Ort nicht aufgesucht und zumindest in einer Skizze bildlich festgehalten hätte. Druckblätter mit Ansichten der Wasserfälle und der Neptunsgrotte fanden reißenden Absatz...." Röder 94


Ende des 16. Jahrhunderts begannen niederländische und flämische Maler nach Italien zu reisen, wo sie "neue Ansätze in der Landschaftsmalerei entwickelten" (Röder 18). Zum ersten Mal finden sich hier Naturstudien, die mit einer einzelnen, genau identifizierbaren Höhle zu tun haben, der Neptunsgrotte in Tivoli.

Tivoli, östlich von Rom gelegen an den Hängen des Monte Tiburtini, spielte wegen seiner günstigen geographischen Lage, schließlich ließ sich hier der gesamte Verkehr von und nach den Abruzzen kontrollieren, und seinen klimatischen Vorzügen, schließlich lebt man hier schon nicht mehr in der Ebene, sondern schon ein paar hundert Meter höher mit einem prachtvollen Fernblick nach Westen, schon immer eine bedeutende Rolle.

Drei herausragende Anlagen sind hier entstanden. Zum Weltkulturerbe ist inzwischen die Villa d'Este aus der Renaissancezeit erklärt worden, die Hadriansvilla stammt aus der römischen Zeit und schließlich noch die "Villa Gregoriana". Dort liegen die beiden Höhlen, die in dem 2004 erhältlichen Fremdenverkehrsprospekt von Tivoli als eine "stimmungsvolle, wilde Naturschönheit" bezeichnet wird, die "diese Villa zu einem einzigartigen Ort in der Welt" mache.

Im "Rom-Latium"-Führer aus dem Michael-Müller-Verlag wird der Besuch so geschildert: "Man gelangt zuerst zur oberen Aussichtsplattform des großen Wasserfalls (Belvedere). von dort aus sieht man, wie der Fluß durch einen künstlichen Felsstollen gelenkt wird. Weiter gelangt man zur Sibyllengrotte, zu den kleinen Wasserfällen und dem Bernini-Wasserfall. Das Schauspiel des schäumenden Wassers, das beim großen Wasserfall immer aus einer Höhe von 160 m hinunterstürzt, ist faszinierend und verbreitet eine romantische Atmosphäre,. Von dem mittleren Belvedere aus gelangt man über die Sirenengrotte und die Neptunsgrotte hin zum Vestatempel."

Dies wurde hier so ausführlich ziteriert, weil wir heute nur diese kurzen Beschreibungen mehr haben, um uns vorzustellen, was da los ist. Anfang Juni 2004 waren jedenfalls die Pforten zu diesem Naturschauspiel zu. Und das nicht erst seit gestern. Eine Tafel informiert alle, die es wissen wollen, daß es da Restaurierungsarbeiten gibt, und daß man da Werke ist. In ein paar Jahren darf man wohl erst wiederkommen.

Was haben die Künstler damals an diesem Orte so aufregend gefunden, daß sie ihm so viel Aufmerksamkeit geschenkt haben? Röder formuliert das so: "Das beeindruckende Naturschauspiel der Wasserfälle, die in einer engen, steilen Schlucht über unterhöhlte Felsen herabbrausen". Dazu kam dann noch der Zusammenhang zwischen Ruine und Höhle, die "motivisch dicht beieinander liegen" (Röder). "Ob ein unterirdischer Raum natürlich entstanden war oder den Überrest eines antiken Gebäudes bildete, war nur für streng geologisch interessierte Italienreisende von Wichtigkeit. Für die ästhetische Wahrnehmung und Goutierung zählte in erster Linie die Individualität des Ortes. die Höhle als kunstvolles Werk der Natur verbindet sich mit der Ruine als wieder zur Natur gewordenes Werk der Kunst." (Röder 93).

Speziell die Landschaft um Tivoli "mit seinen Ruinen und den berühmten Wasserfällen wurden als Kulturraum empfunden, in dem sich Kunst und Naturwunder auf beispielhafte Weise vereinigen und auch die rein natürlichen Höhlen Gedanken an die Welt der Antike wachrufen" (Röder 93).

Welche Künstler kamen?

Adam Elsheimer 1609
Paul Bril 1626
Claude Lorrain (..einer der ersten Landschaftsmaler, der die Malerei im Freien praktizierte) 1646
Johann Heinrich Roos 1797
Schinkel 1824
Adrian Ludwig Richter 1824
Friedrich Wilhelm Gmelin 1793
J. Ch. Reinhart 1813, 1792
Joseph Anton Koch 1818
Johann Martin von Rohden 1825, 1816
Jakob Philipp Hackert 1790
Erdmannsdorff
Johann Martin v.Rohden 1808
Ernst Fries 1830
Carl Blechen 1832
Johann Georg von Dillis 1830/32

Auch die Dichter hat dieser Ort nicht ruhig gelassen. Von Wilhelm Friedlich Waiblinger stammt die Erzählung "Francesco Spina". In ihr heißt es: " Er kam zur Neptunsgrotte. Ungeheure Schatten lagen in diesem ewig feuchten Gewölben, die der donnernde Wassersturz mit seinen Gewölken anstäubt: schwarz starrten die Ruinen von der Villa des Vospiscus herein in die brausende Kammer, worin das Element mit der Gewalt eines Orkans seine gewaltigen Geheimnisse feiert, und der Meergott nach der Sage des Alterthums sein Heiligthum bewahrt. ...er wagte sich soweit vor, ..bis sich ..die Fantasie sich einen unermeßlichen Abgrund träumen konnte." (Röder 95)

 



 

"Wenn man sich dort hinsetzt, und seine Einbildungskraft ein wenig darinnen herumwandern läßt, so glaubt man gleich Nymphen und Faunen da scherzen und tanzen zu sehen." (Erdmannsdorff in einem Brief, zitiert nach Röder, S. 94)


"Ansicht von Tivoli mit Rom in der Entfernung" von Gaspard Dughet, um 1650

Literatur:

Büttner, Frank, Rott, Herbert W., herausgegeben von Kennst du das Land - Italienbilder der Goethezeit, Pinakothek-Dumont, München-Köln 2005
Hagen, Hemmie, Peter, Carmen ROM - LATIUM, Michael-Müller-Verlag, Ebermannstadt 1985
Röder, Sabine Höhlenfaszination in der Kunst um 1800, Druckhaus Arns Remscheid, ohne Jahresangabe
Josenhans, Frauke "Tivoli - Heiligtum der schaffenden und wirkenden Natur", in: KENNST DU DAS LAND - Italienbilder der Goethezeit, PINAKOTHEK-DUMONT; München 2005

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