Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Am Südrand der Alpen
- die Monti Berici


Südlich von Vicenza liegt ein dem Alpensaum noch vorgeschobenes vielbesuchtes Karstgebiet, die Monti Berici. 170 m² umfassen sie, die höchste Erhebung ist 444 m hoch. Das Kalkgestein stammt vor allem aus dem Oligozän. Immerhin 432 Höhlen hat man bislang erforscht, die längste davon, die Grotta die San Gottardo, mißt 750 m.

Mich interessiert das Gebiet vor allem wegen seiner engen Bezüge zum Thema "Mensch und Höhle". Auf kleinstem Raum finden wir zahlreiche Höhlenwohnungen, -kirchen, Fluchtorte und andere Nutzungen, kein Wunder bei der herausragenden Lage.

Ein Felsdach, genutzt als Unterstand für landwirtschaftliche Geräte,
hinten an der Wand noch ein eingehauener Viehtrog

Beginnen wir mit Costozza. In ihm liegen mehrere Villen, die eine außergewöhnliche Klimatisierung haben. Über Windkanäle sind die Räume in den Häusern mit den großen Höhlen dahinter in den Bergen verbunden. Sie liefern im Sommer kühle, im Winter warme Luft. Andrea Palladio, der berühmte Baumeister, beschrieb diese Besonderheit so: "In den Bergen dieses Landgutes gibt es nämlich sehr große Höhlen,...(in denen) einige sehr kühle Winde (entstehen), die die edlen Herren mittels einiger unterirdischer Gewölbe, die sie Windleitungen nennen, in ihre Häuser gelangen lassen. Und mit Hilfe von Röhren, die den oben erwähnten ähnlich sind, bringen sie dann diese frischen Winde in alle ihre Zimmer, schließen oder öffnen sie nach Belieben, um je nach der Jahreszeit mehr oder weniger Kühlung zu erhalten." Besonders in der schlecht erhaltenen Villa Aeolia soll man eine gute Vorstellung davon bekommen können. Sie wird heute als Restaurant genutzt. Auch gegenüber kann man in eine kuppelförmige Kellerweinstube, die etwas von dieser Atmosphäre wiedergibt.

 
Eine Venusstatue in einer Nische Ein Detail von der rechten Wandseite- ein Tropfstein!

Oberhalb der Villen sind in den Wänden gleich mehrere Höhlenöffnungen zu sehen, die meisten davon abgemauert. Sie führen in bedeutende unterirdische Steinbrüche, in der eine sehr gefragte Art von Kalkstein, die Pietra di Costozza, abgebaut wurde. Schon oft wurden die Höhlen genutzt, zuletzt von den Deutschen gegen Ende des zweiten Weltkriegs, um dort eine gewaltige Kriegsproduktion bombensicher unterzubringen. 800 Maschinen hatte man dort hineingeschafft, eine 5000 Kilovolt-Stromleitung von Vicenza hergelegt und am Ende war doch wieder alles umsonst. Beim Rückzug wurde ganze Zerstörungsarbeit geleistet und sogar eine Baudenkmal aus dem Mittelalter noch zerstört, die "Prigione di Ezzelino". Heute soll in einem Teil der großen unterirdischen Anlage eine Pilzzucht sein. Frei zugänglich ist hier nichts, alles abgemauert und verschlossen.

Sogar eine Straße ist danach benannt!

Von Costozza folgt die Straße dem Fuße der Bericiberge nach Longare. Ein überraschendes Panorama öffnet sich vor einem, steile Felswände ragen senkrecht in die Höhe, durchsetzt mit vielen dunklen Löchern, den vielen Covolis.

Mitten in der Wand ist ein rötliches Gebäude zu sehen, das sich unter ein Felsdach schmiegt.

Die größte Höhle in der Gegend ist die Grotta della Guerra, durch einen künstlichen Tunnel verbunden mit der Grotta della Mura, ist leicht zu erreichen und gut gekennzeichnet.

 
Die Eingänge  
Der Verbindungsloch nach draußen Höhlenflora

Geht man langsam, dann kommt man in einer halben Stunde zu den Eingängen, die einen unübertrefflichen Panoramablick auf Longare bieten. Wie der Name schon andeutet, hat die weite Höhle früher wohl der Bevölkerung als Fluchtort im Kriegsfall gedient. Sie bietet Schutz wegen seiner Verborgenheit und es gibt Wasser. Viele Stellen sind geräumig und der Boden ziemlich flach, so daß man sicherlich einige Zeit dort gut leben kann. Allerdings erreicht wohl nur selten ein Sonnenstrahl die Eingangspartien. Erstaunlich ich der künstliche Tunnel. Von der Grotta della Guerra her wäre er nur mit Hilfe einer vielleicht 5 m hohen Leiter erreichbar, von der Grotta Mura her ist einer gebückt leicht bis zum Abbruch zu begehen. Wer tiefer eindringen möchte, muß sich Gummistiefel mitnehmen. Schon kurz nach dem Eingang besteht der Höhlenboden nur noch aus flüssigem Schlamm. Es geht bequem aufrecht weiter und weiter hinten sollen sogar ansehnliche Tropfsteine kommen.
Eine weitere Fortsetzung wurde 1985 vom Club Speleologico Proteo di Vicenza erschlossen. Man kann gut in den hohen Schlot in der Eingangshalle hinaufblicken. Dort oben ginge es großräumig weiter, aber ohne großen technischen Aufwand geht da im Normalfall gar nichts.
Die Grotta della Mura ist leicht auf dem Steig außen erreichbar. Eine ganze Anzahl kleiner Kammern tun sich da auf mit flachem Boden. Dort haben wohl frühers des öfteren Menschen gelebt, als sie sich vor den Kriegswirren zurückziehen mußten. Die Örtlichkeit hat eigentlich nur einen Nachteil - es kommt kaum Sonne hin. Der Verbindungsgang zur Nebenhöhle ist auch leicht auszumachen. Inzwischen ist er schon wieder mit Material teilweise gefüllt, so daß man sich schon recht bücken muß, um durchzukommen. Nach außen zu führt ein schmales Loch. Es führt einen auf einen breiten Felsbalkon mit prachtvollem Blick. Sicherlich haben sich die Menschen des öfteren dort aufgehalten. Ein schöner Platz, der Duft von Buchsbaum dringt einem in die Nase, der Blick schweift hinunter nach Longare, das schon völlig von der Sonne verwöhnt wurde, während ich hier noch im Schatten saß.

Man findet noch mehr solche Stellen, wenn man den Südhängen der Monte Berici folgt. Aber davon ein andermal....

Literatur:

Federazione Speleologica Veneta
a cura di Mietto, Paolo, Sauro, Ugo
Grotte del Veneto - Paesaggi carsici e grotte del Veneto, 1989

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