Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Höhlenkirchen in Südwestrussland


Divnogorye


Südwestlich von Moskau bis zur Grenze zu Weißrussland und der Ukraine liegt ein riesiges, meist ziemlich flaches Gebiet. Viele Teile davon sind sehr fruchtbar wegen der schwarzen Erde, die sehr gute Voraussetzungen für die Landwirtschaft bietet. 

Große Flüsse durchziehen das Gebiet, insbesondere der Don, der quer hindurchfließt bis hinunter ins Asowsche Meer. An dessen Ufer gibt es oft eine Geländestufe, verursacht durch einen geologischen Wechsel im Untergrund. Kreidegestein ist dort abgelagert, was zu einem Landschaftscharakterwechsel führt. Viele Täler und Senken sind nun eingekerbt in die Hochflächen und unterbrechen die Eintönigkeit der großen Flächen.

In diese Geländestufen haben Menschen sich hineingegraben, haben Höhlenkirchen und Einsiedlerklausen hineingehauen, haben darin gelebt und sie dann zurückgelassen als sie gestorben sind. Über 50 Objekte gibt es alleine in der Region von Voronezh, weitere kommen im Bezirk Belgorod dazu. 

Als im April 2016 in Voronezh ein wissenschaftlicher Kongreß zum Thema "CAVES AS OBJECTS OF HISTORY AND CULTURE" stattfand, bot sich die Gelegenheit, einige wichtige Örtlichkeiten dort aufzusuchen und sich selbst ein Bild davon zu machen. Davon wird hier berichtet.


Kostomarovsky cave complex  http://www.kostomarovo.ru

Der Höhlenkirchenbezirk von Kostomarovsky liegt südöstlich von Divnogorye in den Kreidekalkgebieten westlich des Don in einsamster Lage. Wie alt das Höhlenkloster ist, das weiß, mangels schriftlicher Zeugnisse, niemand. Es heißt, es sei im 17. Jahrhundert von Mönchen aus der Ukraine gegründet worden, die sich den Kosaken angeschlossen hätten, die sich in der Gegend niederließen. Aber es könnte auch schon viel älter sein, manche haben schon spekuliert, daß es aus der Zeit der ersten Einführung des Christentums in Russland stammt.

Das erste schriftliche Zeugnis stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts, wo es als eine "Skete" des Belogorsky Voskresensky Klosters erwähnt wird. Eine "skete" ist ein Mittelding zwischen einer Einsiedelei und einem richtigen Kloster - man will nicht alleine leben, aber auch nicht zusammen mit vielen anderen Mönchen. Nach der russischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Kloster geschlossen, aber einige Mönchen lebten dort weiterhin im geheimen. Als man einen von ihnen dort entdeckte, Pyotr den Älteren, Ende der 30er Jahre, wurde es gleich ins Gefängnis gesteckt, wo er auch starb. Während des Zweiten Weltkriegs lag das Kloster im von den Deutschen besetzten Gebiet und es heißt, daß sich dort einige Leute versteckt hielten. 1997 wurde das Gelände und die Bauten an die Orthodoxe Kirche zurückgegeben. Seither gibt es dort ein Nonnenkloster. Die Klosterschwestern betreuen die Kirchen und den Klosterladen, mit dem sie ein wenig Geld einnehmen.

Wollen Frauen das Kloster besuchen, dann müssen sie sich entsprechend kleiden, wieder. In einer Wühlkiste stehen entsprechende Kleidungsstücke bereit, die sie sich umhängen müssen. Über die Hosen kommt ein Rock und die Haare verschwinden unter einem Kopftuch. Auf die Frage, was das für einen Sinn machen soll, bekamen wir die Antwort, es sei wegen der Mönche. Sie sollen durch den Anblick eines Damenbeins oder schöner Frauenhaare nicht verwirrt werden. Eine möglicherweise ausgelöste sexuelle Erregung soll vermieden werden und nicht die klösterliche Kontemplation stören.

Es gibt hier nicht nur eine einzige Höhlenkirche, sondern gleich eine ganze Reihe davon. Die Idee eines "Biblischen Gartens" wurde aufgenommen und gestaltet (siehe Grevtsova et. al). Nach kurzem Anstieg erreicht man einen Pfad, der alle miteinander verbindet. Die Hauptkirche ist die "Erlöserkirche", die in einem Kreidekalkturm liegt, einen Glockenturm und einige Ikonen über dem Eingang. Eine Ikone in der Kirche, der man wundertätige Wirkungen nachsagt, wurde wohl von Zar Alexander I gestiftet. Sie wurde auf einer Metallplatte angebracht, um ihr ein längere Haltbarkeit in der feuchten Höhlenatmosphäre zu sichern. Nach der Russischen Revolution wurde sie zwar nicht zerstört, aber man schoß auf sie. Die Einschußlöcher kann man noch heute seheMn. Tief in der Anlage zweigt hinter einem Bückeingang ein Seitenteil ab, der außergewöhnlich ist. Dahinter öffnet sich eine Felskammer, die im Boden eine Öffnung hat. In sie kann hinuntersteigen, noch einmal durch eine Bücköffnung kriechen und man erreicht die Endkammer. Es heißt, dort habe viele Jahre hindurch ein Mönch gelebt, der sich weitestgehend von der Welt zurückziehen wollte.

Draußen im Gelände bei der Kirche gibt es auch einen kleinen Eingang in eine natürliche Höhle, die sich in den Fels nach unten kluftförmig zieht. 

Folgt man dem ziemlich horizontalen Bergweglein, so kommt man erst an der heute zugedeckten Trinkwasserzisterne vorbei, dann an kleineren Felsstollen mit kleinen Nebenkammern, die wohl einmal Zellen der Mönche waren, und dann noch an zwei Höhlenkirchen, St. Seraphim of Sarov's Church, die 1903 errichtet wurde, und der Bekennerkirche, der längsten Anlage dort. In ihr sind die Heiligenbilder aus Keramik, die besser der feuchten Witterung in der Tiefe des Berges trotzen. In Gebiet um die Endkammer ist eine herrliche Akustik, die man selber erfahren kann, wenn man zum Beispiel "OM" summt. Das ist wohl kein Zufall.

     
     
Eingang zu einer natürlichen Höhle - eine Felsspalte mit Fortsetzung

Belogorsky cave complex http://www.belmon.ru/

Das Höhlenkloster von Belogorsky liegt im steilen Uferhang des Don in der Nähe von Belogorie, 3 km von Belogorie entfernt. Es kann heute leicht mit dem Auto oder auf einem Fußweg erreicht werden. Zuerst weist nichts auf das Vorhandensein dieser Anlage hin. Man erreicht einen Parkplatz, durchquert die Eingangsanlage, die mit einer Steinmauer, die nur Dekorationszwecken dient, von ihm getrennt ist, geht über ein gärtnerisch gestaltetes Gelände, eine moderne Kirche gibt es auch. Dann geht es auf einen geschotterten Weglein den Hang hinab. Nach vielleicht 50 m ist links schon der mit Ziegelsteinen gebaute Eingangsbereich zu sehen. Von dort ist ein prachtvoller Blick auf den Don und die flache Landschaft dahinter möglich. 

Hinter der Eingangstür befindet sich ein kleiner Raum, in dem es Devotionalien zu kaufen gibt, insbesondere auch die dünnen Wachskerzen, die die Gläubigen gerne in der Kirche brennend zurücklassen. Die ganze unterirdische Anlage gehört zu den längsten in der Region. Mit den neuen Räumen, die man in den Kreidefels geschlagen hat, erreichen die Gänge eine Länge von ca. 1 km. Auf mehreren Etagen geht es, verbunden durch lange Stiegenhäuser, in den Berg. Ein Teil dürfte bereits das Talniveau des Don erreichen, endet aber in einer Schlußkammer.

Über die Entstehungsgeschichte gibt es eine ausführliche Beschreibung. Sie hängt mit Maria Sherstyukova zusammen, die 1745 in Belogorie geborgen worden sei und dort gelebt habe. Sie hat wohl ein lockeres Leben geführt und hielt es mit der "ehelichen Treue" nicht so genau, so die Überlieferung. Wie es heißt, sei sie in ihrem Bemühen, wieder den "Pfad der Tugend" zu gehen, mehrere Male zu Fuß nach Kiev ins Höhlenkloster gepilgert. Bei dem Mönch, bei dem sie Rat einholte, kam ihr der Gedanke, in der Nähe ihres Heimatortes selber so eine unterirdische Anlage zu errichten. Mit eigenen Händen habe sie angefangen mit den einfachsten Werkzeugen zu graben, immer nur kurz die Arbeit unterbrechend, um ein einfaches Essen einzunehmen, zu beten und einen "kurzen Traum" zu haben. In zwei Jahren habe sie sich 17 m hineingegraben, dann hätten andere Gläubige, die sie mit ihrer Aufrichtigkeit und Einfachheit beeindruckte, angefangen mitzumachen.

Besonders intensiv wurde der Bau der Anlage 1817 vorangetrieben, als es hieß daß Zar Alexander I kommen wolle. Man schuf einen eigenen Saal für die Begegnung mit dem Herrscher, der dann aber doch nicht kam. 

Zu dem Höhlenkloster wurden immer mehr Gebäude errichtet: Eine Kirche wurde im Gebiet oberhalb der Höhle errichtet, Werkstätten, eine Schule für Kinder, Stallgebäude, ein Lagerhaus, eine Mühle. Direkt am Don schuf man eine Anlegestelle für Schiffe. In der Zeit russischen Revolution wurde alles zerstört, der letzte Mönch verließ 1928 den Ort. Inzwischen belebt sich die Stätte wieder. Man restauriert und säubert den Platz, hofft wohl auch auf Touristen.

 

     
     

Valuikinsky cave complex

Südwestlich der Stadt Valuiki in der Region Belgorod erhebt sich eine moderne Holzkirche im orthodoxen Stil. Sie gehört zu der schon im Jahre 1613 von Zar Mikhail Fedorovich gegründeten Saint Nicholas Monastery of Dormition, die 800 m entfernt auf der anderen Seite des Flusses Oskol steht. In ihr kann man über eine lange steile Treppe hinab in die Höhlenkirche steigen.

Über die Entstehung ist nur wenig bekannt. Die frühesten schriftlichen Zeugnisse stammen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, als die unterirdische Kirche eingesegnet wurde. Die Gesamtganglänge beträgt 406 m. In einem Abschnitt der Anlage, der eigentlich mit einem Gitter verschlossen ist, kommt man einen Teil, der der modernen Restaurierung entgangen ist. Die Wände sind nur roh behauen, grauer Ruß klebt an den Wänden. Am Ende heißt es auf alle Viere zu gehen und zu kriechen. Ob das Absicht war oder einfach nur entstanden ist, weil sich am Boden viel Schutt angesammelt hat, man müßte dort einmal graben. Fledermäuse hingen an der Decke bei unserem Besuch im April 2016.

     
     

Holkinsky cave complex

Unweit des Zusammenflusses des Kholok und des Oskol, 75 km nordöstlich der Bezirkshauptstadt Belgorod, liegt der Höhlenkirchenkomplex von Kholkov. Die frühesten schriftlichen Zeugnisse stammen aus dem Jahre 1620 und nennen einen Abt namens Gelasius. In diese Zeit fällt der Bau der Höhlenkirche, gewidmet der heiligen Dreifaltigkeit. 1757 errichtete man am Eingang zu den Höhlen eine Kapelle aus Holz. 1764 wurde das verarmte Kloster in der Zeit Katharina der Großen geschlossen und verfiel.

Um 1830 wurde ein erster Versuch unternommen, die Höhlen zu retten. Der Prinz Andrej Borisovich Golitsyn war aus St. Petersburg wegen angeblicher freimaurerischer Umtriebe verbannt und zog sich auf sein Landgut in der Nähe zurück, wo er sich auch den Höhlen widmete. 1909 gelang es einem örtlichen Priester mit Hilfe seiner Gläubigen, den Komplex wiederzubeleben und bis 1915 wieder zu restaurieren. Dann kam die russische Revolution und alles wurde wieder geschlossen. 1990 begann ein ehemaliger kommunistischer Parteifunktionär, Vasily Ponomaryov, sein Leben der Erhaltung der Höhlen zu widmen und erreichte, daß alles in einen modernen Zustand wieder versetzt wurde und es nun als "Museum" der Öffentlichkeit wieder zugänglich ist. Seit 1995 gibt es wieder Gottesdienste und 1997 begann man mit dem Bau eines Klosters.

In Talhang am Fuße der Kirche öffnet sich der Zugang zu einer weiteren, immerhin 105 m langen künstlichen Höhle, der "cave of starets Nikita". Sie führt gewunden in den Berg und endet seltsam. Man kommt an eine Weggabelung, die nach rechts zu einer steinernen Stiege führt und nach links langsam ansteigt. Tatsächlich führen beide Teile zusammen und bilden so eine Schleife. Warum macht sich jemand die Arbeit, so etws zu bauen? Angeblich soll der Eremit vorgehabt haben, einen eigenen Zugang zu der anderen Kirche zu schaffen, was ihm aber nicht gelang.

     
     

Kolybelkinsky cave complex

5 km nordöstlich des Dorfes Kolybelka an den Ufern des Don liegt in weiterer Höhlenkomplex, der bislang allen Restaurierungsmaßnahmen entgangen ist und so in recht ursprünglicher Verfassung ist. Dort sieht man noch, daß die Anlagen schon einige Zeit auf dem Buckel haben. Wie alt sie sind, das weiß man auch da nicht genau. Vermutet wird, daß man mit dem Bau in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann. Es gibt zwei Höhlenkomplexe, die früher einmal miteinander verbunden gewesen sein sollen. Die 1er-Höhle liegt auf 2 Niveaus und weist eine Höhlenkirche auf. Die Ganglänge ist 170 m. Die 2er-Höhle ist ein kompliziertes Labyrinth horizontaler und leicht geneigter Gänge auf drei Niveaus, die insgesamt 264 m lang sind. In einer der vielen Wandnischen liegt ein großer Kieselstein. Es heißt, er stamme aus Athen und wurde von Gläubigen mitgebracht. Ihm wird Heilkraft zugeschrieben.

   > "typical Russion road"  
     

 


Um eine "Höhlenkirche" geht es sich im folgenden nicht, sondern um eine Kirche, in der es viel "Höhlenkunst" für den Kenner zu bewundern gibt. Es ist die wegen ihres angeblich sehr heilkräftigen Wassers viel aufgesuchte Kirche Mitrofan am Ufer des Dons in Voronezh. http://mitrofan-hram.ru/ Angefangen von Darstellungen der Geburtsszene Christi in Bethlehem, die die Geschichte der Siebenschläfer in der Höhle, der Höllenfahrt Christi bis zur Schädelstättenhöhle am Golgatha - es gibt das ganze Bildprogramm der Orthodoxen Kirche.

     
     

 

Literatur:

Grevtsova, V.V., Sorokin, A.N., Stepkin, V.V. The concept of the bible garden in the cultural landscape of the Kostomarovo Cave Complex, in: Proceedings CAVES AS OBJECTS OF HISTORY AND CULTURE - INTERNATIONAL SCIENTIFIC FORUM, edited by A.A. Gunko, S.K. Kondratieva, M.I. Lylova, Voronezh 2016

Links:

http://rusarticlesjournal.com/1/53575/ / Valuikinsky cave complex

http://america.pink/list-eastern-orthodox-monasteries_2636520.html

http://rbth.com/multimedia/pictures/2013/02/08/cave_monasteries_of_southern_russia_22655

http://viola.bz/kostomarovo-cave-temples-in-russia/

http://rusmania.com/central/voronezh-region/sights-in-divnogorye/in-kostomarovo/kostomarovsky-spassky-convent

https://in.rbth.com/arts/travel/2016/02/11/cave-monastery-at-kholki-in-belgorods-chalk-cliffs_566867

http://mitrofan-hram.ru/

 


[ Index ] [ Englisch version ] [ Höhlen und Höhlengebiete ] [ Kunst ]
[ HöRePsy ] [ Höhlenschutz ] [ VHM ] [ Veranstaltungen ] [ Links ]