Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Styx


Michel de Montaigne in seinem Essay: "Das Üben": Und doch, glaube ich, können wir uns irgendwie mit dem Tod vertraut machen und ihn sozusagen probieren. Wir können ihn zwar nicht ganz und vollständig erfahren, aber doch so weit, daß diese Erfahrung nicht nutzlos ist, weil sie uns Kraft und Halt gibt: wenn wir auch nicht wirklich hinkommen können, so können wir doch in die Nähe gelangen, wir können Erkundungsfahrten unternehmen; und wenn wir auch nicht bis zum Geheimnis des Todes vordringen, so ist es uns doch möglich, die Wege, die dahin führen, zu sehen und uns mit ihnen schon vertraut zu machen.


Wo geht es ins Reich der Toten? Wo verlassen wir alle nach dem Ende unseres Lebens diese Welt? Nach der Vorstellung der alten Griechen mußten alle den "STYX" überqueren, um in die Unterwelt zu kommen. Da muß heute wohl schon ein ziemliches Gedrängel sein. Angesichts des explosiven Anwachsens der Erdbevölkerung. Vermutlich muß es dort auch schon eine lange Warteschlange geben, wie bei uns in den Supermärkten. Wenn nur einer für diese Aufgabe da ist. Und nicht rufen kann: "Zweite Kasse, bitte".

In den 70er Jahren bin ich einmal zu diesem Ort gefahren, der am meisten genannt wird als Eingang in die jenseitige Welt in der griechischen Denkwelt, den Styx.

 

 

Beliebt war und ist die Verwendung des Styxnamens als Bezeichnung für Höhlenteile. So heißt der große Siphon in der Frickenhöhle im Estergebirge/Bayerische Alpen so. Dort stößt man nach den langen Eingangsteilen erstmals auf die große Hauptwasserader im Inneren des Hohen Fricken und Taucher haben ihn inzwischen längst schon durchtaucht und sind viel tiefer in den Berg vorgedrungen. Auch in Schauhöhlen gibt es eine solche Namensgebung, z.B. in der Höhle von Han-sur-Lesse in Belgien und der Aggteleker Höhle in Ungarn.

Der Styx, Han-sur-Lesse, Belgien

Viele Künstler haben sich schon mit der besonderen Situation des Styx und dem, wofür dieser Begriff steht, auseinandergesetzt. Ein paar Beispiele:

Schinkel
Quelle: Sabine Röder, Höhlenfaszination in der Kunst um 1800, Remscheid, ohne Jahresangabe
Eine schöne Wiedergabe der Styxsituation stammt von Karl Friedrich Schinkel aus dem Jahre 1817. Sie war eine Dekoration zu der Oper "Alceste" und zeigt ein "Gewaltiges Felsmassiv mit Styx und Eingang in die Unterwelt".
Zerberus, der Höllenhund

Hades am Eingang zu seinem Reich

Szene auf einem weißgrundigen Lekythos aus Athen (Griechenland; 5.Jh.v.Chr.) Hermens führt eine Verstorbene zu Charon, der sie über den Styx bringen soll. Seelen von Verstorbenen fliegen in Gestalt geflügelter winziger Menschlein umher
Am Eingang in die Unterwelt

Literarisch liegt besonders in den "Abenteuern des Telemach", dem Sohn von Odysseus, neu formuliert von Fenelon, eine sehr dichte Beschreibung der Unterwelt des Styx vor.

In dem Gedicht "ZOOO-OOOMS" von H.C. Artmann kommt er auch mal vor:

"steig in n styx steils
entuphre ihn
phruphre ihn
..."

Auch in EURYDIKE von Oda Schaefer:

Immer
Wenn du versuchst
Das Vergangene
Heraufzubeschwören
Eurydike
Von den Ufern des Styx
.....


Der Styx war aber nur ein Teil der gesamten Unterwelt in der griechischen Vorstellungswelt. Romano Guardini skizziert in seinem "Tod des Sokrates" die Vorstellungen von Sokrates, die hier, noch einmal verkürzt, sie aussehen: "Die Welt hat Kugelgestalt: sie ist Kosmos. In ihrer Mitte schwebt die ebenfalls kugelförmige Erde. In die Oberfläche der Erde senken sich riesige Becken ein, die mit Luft, Wolken, kurzum mit allem, was wir Atmosphäre nennen, erfüllt sind. Senkungen solcher Art enthalten Ebenen, Berge, Meere, Flüsse, den ganzen Lebensraum des Menschen. Die Menschen wohne, genau genommen, nicht auf, sondern in der Erde. Noch genauer, in einem Mittelbereich, denn es gibt noch einen darunter, nämlich die eigentliche Erdentiefe.
In den unterirdischen Bereich führt der Weg durch das Wasser. Die Gewässer der verschiedenen Einsenkungen, Meere, Seen und Flüsse, stehen nämlich miteinander und mit dem Innern der Erde in Verbindung und sammeln sich dort in riesigen Massen. Eine schwingende Bewegung des Erdinneren, über deren Ursprung nichts gesagt wird, treibt sie zurück in die Flüsse und Meere hinaus und holt sie wieder in die Tiefe zurück. Dadurch entstehen die Bewegungen der verschiedenen Gewässer. Unter den Flüssen sind 4
besonders wichtig. einmal der Okeanos, die Strömung der den Griechen bekannten Meere. Dann, auf der Gegenseite der Erdkugel, der Acheron, der nach langem Lauf in das Innere der Erde fließt und dort den acherusischen See bildet. Ferner der Pyriphlegethon, der zwischen den beiden Genannten entspringt, um bald in einen feuererfüllten Raum im Innern der Erde zu stürzen und dort ein Meer von siededem, schlammigen Wasser zu bilden; wie er es auch ist, welche die fließende Lava mit sich führt und sie durch die Vulkane emportreibt. Endlich der Kokytos, der das Wasser des Styx-Sees in sich aufnimmt und damit ebenfalls ins Innere der Erde stürzt.
Die Landschaft dieser inner-irdischen Ströme und Seen enthält alles, was sie Phantasie an Mächtigem und Furchtbarem in der Tiefe der Erde vermutet, und bildet die unheimliche Region des Tartaros. Dorthin gelangen, von ihren Schutzgeistern angeführt, die Seelen der Verstorbenen und werden gerichtet.
Die ganz Schlimmen "sinken in die Innerste Tiefe des Tartaros, von wo sie nie wieder hervorkommen." Die mittlere Schicht kommt in den Kokytos, leiden dort furchtbare Qualen und werden jährlich wieder vorgeführt. Wurde ihnen vergeben von denen, an denen sie sich früher vergangen haben, dann dürfen sie in den "Raum der Seligen", ansonsten zurück in den Kokytos.
Die mit dem "vorzüglichen Lebenswandel" steigen wieder zur Erdoberfläche empor und "leben dort den Umgang mit den Göttern".


Literatur:

Paulys Real-Encyclopädie der K.Alt.Wi, 2. Reihe 4,1
Paget, Robert F. In the Footsteps of Orpheus. The story of the finding and identification of the lost entrances to Hades, the Oracle of the Death, the River Styx and the Infernal Regions of the Greeks. Edition Robert Hale, London 1967
Schroer, Silvia, Staubli, Thomas Die Körpersymbolik der Bibel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998
Colettis, Orestis M. Bergwelt Griechenlands - Führer für Wanderer und Bergsteiger, Stuttgart 1979, S. 84
Lossow, Rudolf von Das Licht am Styx. Berlin-Grunewald und Leipzig (Hermann Hillger) 1943
Matthiessen, Peter On the river Styx, . Random House. New York USA. 1989
Durrell, Lawrence La descente du Styx, Paris: La Murene, 1964
Lembourn, Hans Jörgen Hotel Styx, K. Rauch Verlag, Düsseldorf, 1955
LANG Dany Le desir Noir, Edition.Le Styx,1958
Heilig, Matthias R. Conversations on the Styx, New York Philosophical Library 1967
Bangs, John Kendrick A House-Boat on the Styx, NY: Harper & Brothers, 1900
BUCHHEIM LOTHAR-GUNTHER : LE BATEAU un voyage aux limites de l'enfer LE STYX, Format in-8 broche 496 pagesbon etat; PUBLISHER : ALBIN MICHEL; DATE : 1986
GEBHART ( EMILE ) Un pelerinage aux sanctuaires du paganisme : L ' Olympe et le Styx . Extrait de la Revue des Deux Mondes , 15 juin 1867 , pp. 985 - 1006
SMITH, Agnes Glimpses of Greek Life and Scenery. Hurst and Blackett, London, 1884. First edition. 8vo. Wood engraved frontispiece, title vignette, 3 wood engraved plates, folding map showing route, contemporary calf gilt, spine gilt in compartments, morocco labels, top edge gilt, inner dentelles gilt, scuffmarks to upper cover, bookplate. A Greek translation appeared in 1885 with 10 plates. This journey was made in the spring of 1883 and describes unusual routes from Kalawryta to Olympia and Andritsena, as well as a description of the Styx, in addition to the well-known sites.
Lasker=Schüler, Else: Die gesammelten Gedichte. Mchn., Kurt Wolff, 1920. Sechstes bis zehntes Tsd./ 23,5:16 cm. 229(3) S. Illustr. Raabe, Autoren 11; Göbel 375; s. auch Klüsener S. 146. -- Nach Klüsener ist der vorliegende Band die dritte Originalausgabe unter dem Titel "Die gesammelten Gedichte". Die Erstausgabe erschien im Leipziger Verlag der Weißen Bücher (1917), die zweite Auflage ebenfalls in Leipzig, jedoch bei Kurt Wolff und ohne Angabe des Erscheinungsjahres. Neben den eigenständigen Veröffentlichungen wie Styx oder den Hebräischen Balladen enthält diese Ausgabe zahlreiche Kurzgedichte und Essays über Freunde
D'ESTOURNELLES, le Baron Paul de Constant: La vie de province en Grece. Par le Baron d'Estournelles de Constant. Paris: Hachette, 1878; 12mo (kl.-8vo), pp. viii,304; contemporary half cloth with marbled boards, gilt title-lettering to spine, tiny tear to head of spine, internally clean; a very good copy; first edition in book form. This book was first of all made up of articles originally published in the "Revue de Deux Mondes" (1876-1877) -(Weber I, 744). Contents: I. Dix mois de sejour en Achaie; II. Excursion en Achaie et en Arcadie - Les Monasteres. Le Styx; III. La Locride Ozole. Time of the author's residence in Greece are not given. Weber I, 777
REGLER GUSTAV LE DIVIN ARETIN - LA VIE D'UN SEDUCTEUR, CLUB DES EDITEURS PARIS 1957 Traduit de l'allemand par Gaston Floquet. Pamphlets, paraboles et polissonneries ; Pierina ; Les eaux du Styx ; Amadeo. Exemplaire n° 6638/10000. Coll. : Hommes et faits de l'histoire N° 11. HOMMES ET FAITS DE L'HISTOIRE 353 pp
Guardini, Romano Der Tod des Sokrates, München 1966
Artmann, H.C. Sämliche Gedichte, Salzburg und Wien 2003

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