Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle
Angst und Höhle
"Wer Schmerzen hat oder Angst, kann nicht
warten."
Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon
Ein Thema für unser Treffen von HÖREPSY 2001.
Ein Bild dazu..
Ein Text dazu, ein Auszug aus "Angst und Höhle"
..... Welche Arten von Höhlenängsten gibt es?
Tierbegegnungen ein ganz
besonderes, wirklich beängstigendes Kapitel. Hier kommt wieder
die unberechenbare, unvorhersehbare Seite der Höhle zum
Vorschein. Und wenn so eine Situation wirklich eintritt, dann
wird sofort spürbar, wie grau wieder einmal alle Theorie ist.
Mitte der 60er Jahre fuhr ich einmal mit 2 Kameraden auf dem
kleinen Gummiboot in den großen Tunnel der Bue Marino-Höhle auf
Sardinien. Stundenlang waren wir durch die Macchia gewandert,
waren nun kilometerweit von jeglicher menschlichen Ansiedlung
entfernt, nun in der Schwärze der sardischen Unterwelt und
wähnten uns völlig alleine. Da hörten wir plötzlich
undefinierbare Laute vor uns, kein "Muh", kein
"Mäh", sondern irgend etwas Grunz-Belliges, nie vorher
Gehörtes. Erst meinten wir, das hätten wir uns nur eingebildet,
aber es kam wieder. Das Ungeheuer von Loch Ness? Hatten die Alten
mit ihren Vorstellungen von Drachen doch nicht so ganz unrecht?
Wie kann man das rational verstehen, wo die Erklärungsschachteln
leer sind? Wir sahen, daß das Wasser sich leicht zu kräuseln
begann. Irgend etwas Lebendiges war da vor uns, nur was? Da wurde
mir schon bange ums Herz. Hatten wir uns da ein bißchen zu weit
vorgewagt. Wir hatten keine Gewehre mit dabei, wie die drei
Forscher auf der Reise zum Mittelpunkt der Erde, um uns irgendwie
wehren zu können, nur unsere Karbidlampen und ein paar Paddel.
Den Rucksack auch noch. Die Töne wurden lauter, verstummten, das
Wasser wurde unruhig. Auf einmal sahen wir einen großen
schwarzen Fleck unter Wasser auf uns zukommen. Was würde jetzt
passieren? Kein Laut war mehr zu hören. Das schwarze Etwas
tauchte einfach unter uns hindurch, hob ein bißchen unsere
Füße auf dem Gummiboden und verschwand meerwärts. Alles wieder
im grünen Bereich? Würden wir noch mehr dieser unbekannten
Organismen begegnen?
Auf Schlangen in und um die Höhlen zu
stoßen, das hat für mich immer etwas besonders Aufregendes, ja
Angstmachendes an sich. Eine Schlange gar berühren?
Das unangenehmste Erlebnis hatte ich in der Goul de Foussoubie an
der Ardèche. Wir, das waren Reinhard Wagner und ich, hatten uns
gerade durch den Eingangssee bewegt, hatten den ersten kurzen
Schacht hinter uns, dann landete ich auf einem schmalen Felssims
im Wasser. Von hier aus muß man am rechten Seerand entlang, um
auf ein Felsband zu kommen, von wo aus der nächste Schacht in
die Tiefe geht. Ich stand also gerade auf dem kleinen Felsstück
im See, versuchte den Abseiler gerade wieder aufzumachen um
weiterzukommen, da sah ich etwas. Da ringelte sich vor mir in
etwa 5 m Entfernung, genau auf dem Felsstück, das ich zu
gewinnen trachtete, eine lange, höchst lebendige Schlange. Wie
war die bloß hereingekommen? Vielleicht von den Hochwässern
hereingeschwemmt? Jedenfalls war sie da und ich, und wie sollten
wir nun miteinander auskommen? Sie kam jedenfalls langsam auf
mich zu, und ich wollte dahin, wo sie war. Schwierig. Ich wurde
innerlich sehr unruhig. Schnell wieder hinauf zum Ausgang? Da
wäre die Schlange schneller gewesen als ich. War sie überhaupt
gefährlich? Woher sollte ich das wissen? Es auszuprobieren
erschien mir zu gefährlich. Also versuchte ich es mit einer
Vorwärtsstrategie. Ich schlug mit dem Stiefel heftig ins Wasser,
spritzte umeinander, hängte mich schnell aus, rannte, dem
schmalen Band unter Wasser folgend, ans Ufer, die Schlange war
inzwischen ins Wasser getaucht. Ich hatte erst einmal überlebt.
Als sie wieder auftauchte, war ich drinnen und sie, relativ zu
mir, draußen, an der Stelle, wo das Seil aus dem Eingangsschacht
herunterhing. Reinhard und ich stiegen weiter in die Tiefe der im
Eingangsbereich Schachthöhlencharakter habenden Riesenhöhle. Da
waren wir vor der Schlange wohl sicher. Den Gedanken an den
Ausstieg verdrängte ich erst einmal. Mal sehen. Als wir wieder
an den Ort nach Stunden zurückkehrten, war Ruhe. Ich weiß
nicht, wo das Tier nun steckte, ob sie den Weg nach draußen
geschafft hatte oder in irgend einer Ecke noch herumschlängelte.
Wir haben sie nicht mehr gesehen, worüber ich sehr froh war.
Ehrlich.
Das war nicht die einzige Schlange, der ich in Höhlen begegnet
bin, aber in Vergleich zum Foussoubie-Abenteuer waren alle
anderen Erlebnisse nur recht harmlose Geschichten.
Die Eingangsregion zur Foussoubie - bei Hochwasser
In Griechenland habe ich einmal eine Höhlentour sein lassen, weil aus einem Felsloch seltsame Geräusche drangen, wohl Tiergeräusche. Es war an einem Ponor auf dem Peleponnes, der von den Wasserwirtschaftlern etwas umgestaltet worden war, um das Ablaufen des Wassers aus den bei Hochwasser überfluteten Flächen besser zu gewährleisten. In dem Bauwerk waren die Naturlöcher ausgespart, wo es in die Tiefe ging. Ich war mit Michael, meinem damals noch kleinen Sohn, unterwegs. Da gab es ein relativ großes Loch im Berg, das bereits wenige Meter nach dem Eingang große Tropfsteinformationen zeigte. Man hätte ein bißchen abklettern müssen, nicht schwierig eigentlich. Als ich mich allerdings der Öffnung näherte, da kamen auf einmal unheimliche Laute von unten. Irgendwie grunzig. Ich blieb lieber oben. Wer weiß, was da unten auf mich und meinen kleinen Sprößling gewartet hätte. Ein Herkules hätte da vielleicht aufgeräumt. Ich ging lieber wieder eine Höhle weiter.
Eine Anekdote aus: 75 Jahre Landesverein für Höhlenkunde in
Salzburg von Albert Morokutti, DIE HÖHLE 2-1986, S. 27ff.:
Frau Fahrner-Breuer, Teilnehmerin an den ersten Expeditionen in
die Eisriesenwelt bei Werfen in Österreich, erzählte einmal:
"Beim Anstieg zum Höhleneingang, vom Neunerturm durch den
Achselgraben, wurde mir, mit dem elend schweren Rucksack am
Buckel, schon ein wenig mulmig, am meisten jedoch unserem vom
Eisenwerk gemietetem Träger. Er mußte Seile und Leitern tragen.
Je mehr er sich fürchtete, um so höher stiegen seine
Trägerforderungen. Als er das Maß endgültig überschritten
hatte, sagte ich so laut, daß er es auch hören konnte: Erwin,
der fürchtet sich nur!
Von da an war er still, denn von einem Weiberleut konnte er sich
das nicht sagen lassen. Zitternd trug er die sicher nicht leichte
Last, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zum Eingang
hinauf."
Schöne bildliche Darstellungen von Ängsten, die Höhlenforscher bewegen, gibt es in dem ungarischen Höhlenbuch Szerelmetes Barlangjaim von Laszlo Jakucs, erschienen 1993 in Budapest.
Literatur:
| Lindenmayr, Franz | Angst und Höhle, Tagungsmappe 2001, Arbeitskreis Höhle, Religion und Psyche, hrsg. von Gabi und Peter Hofmann, Oberaudorf 2001 |
| Jeutter, Peter W. | Ist das nicht gefährlich? Eine unvollständige Story über Gefahren in Afrikas Höhlen, Abseiler 13:14f. |
| Mercier, Paul | Nachtzug nach Lissabon, btb-Verlagsgruppe, München, 11. Auflage, Mai 2006 |
Links:
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