Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Körper und Höhle / Körperhöhlen


Der "Riese" am Eingang zu den Kristallwelten von Wattens


Sheela-na-Gigs


Es gibt unendlich viele Anknüpfungspunkte für dieses Thema. Auf dem 2000er Treffen von HÖREPSY unternahm ich einmal den Versuch, mich ihm nicht aus "rein medizinischer" Sicht zu nähern, wie dies Dr. Walter Kick auf einer vergangenen HÖREPSY-Tagung gemacht hatte (das ist ihm natürlich auch nicht geglückt, denn schließlich sind wir alle nur Menschen), sondern mehr aus künstlerischer, kultureller, alltäglicher Sicht.

Es ist wirklich erstaunlich, was sich da alles zusammengetragen hatte. Zum Beispiel mehrere Videoausschnitte:

Eine kleine Bilderschau:

Im Wald von Bomarzo in der Toskana
Nach dem Gefressenwordensein

- im Bauche des Wolfs

Peter und der Wolf

Wo alles wieder hinausgeht:

in den "Devil's A_se"

Peak Cavern

Damit es weitergeht

..eine Zeichnung von André Masson

Die erschreckendsten Darstellungen von Mundhöhlen stammen aus dem Mittelalter, wo man gerne Teufel gemalt hat, die die "Sünder" fressen

Aus Fra Angelicos Gemälde "Das Jüngste Gericht", Museum San Marco, Florenz

Wie die Erde ihre Kinder frißt

Aus dem Mosaik "Hölle" von Coppo di Marcovaldo, Baptisterium in Florenz
Ein schönes Spiel mit dem Thema
"Körper und Höhle"
- natürlich aus Frankreich....
Eine uralte Felsritzzeichnung
dargestellt ist so etwas wie ein Labyrinth
ein Mensch, der eindringt in einen Körper
vielleicht

Manche Höhle erinnert mit ihrer Form der Gänge
an eine Körperhöhle
- hier ein Teil der Klausenhöhle bei Neuessing
aus SPELUNCA
aus TIME

Höllenabstieg
Befreiung der Gerechten aus der Vorhölle
aus dem Freskenzyklus (14. Jhd.) aus der
Kirche Urschalling, Bayern

Terrakottafigur aus Revadim in Israel (1500-1300 v. Chr.)

In der Literatur gibt es viele viele weitere anschauliche Beispiele, wie sich der "Körper" mit der Höhlenmetapher verbindet.

Tiziano Scarpas amüsanter Führer durch Venedig: "Venedig ist ein Fisch." Es geht da gerade um einen Spaziergang durch das labyrinthische Venedig und der Autor schreibt: "Stell dir vor, du wärst ein rotes Blutkörperchen, das in den Venen dahintreibt: folge dem Herzschlag, laß dich von diesem unsichtbaren Herzen voranpumpen. Vielleicht bist du ja auch ein Bissen, der in den Eingeweisen transportiert wird: die Speiseröhre einer engen Gasse drückt sich mit ihren Backsteinwänden an dich, bis du beinahe zermalmt wirst, speit dich aus, läßt dich durch das Ventil einer Brücke entschlüpfen, die sich über das Wasser spannt, worauf du in einem geräumigen Magen landest, einem Platz, wo du nicht weitergehen kannst, ohne ein wenig ausgeruht zu haben; du mußt stehenbleiben, weil die Fassade einer Kirche dich zwingt, sie anzuschauen, dich im Innern chemisch verwandelt und verdaut."

Allt Nan Uamh Stream Cave
Popularly known by it's initials, ANUS Cave is the most complex subterranean maze in Scotland. Completely different from Uamh An Claonaite, ANUS is mostly dry with some large chambers

Aus Alban Bergs Oper LULU:
"Komm, Heilige Vulva, friss mich auf und tilge mich von der Erde!"

Aus Henry Millers Autobiographie "Opus Pistorum":
"Rosita hat eine großartige Möse , wenn sie einmal geöffnet vor dir liegt (...); ich wünschte, ich hätte eine Taschenlampe, um in dieses dunkle Loch zu schauen. Es sieht aus wie die Höhle von Kalkutta..."

Aus: Das Jüngste Gericht von Rainer-Maria Rilke:
"..Engel kommen an, um Öle
einzuträufeln in die trocknen Pfannen
und um jedem in die Achselhöhle
das zu legen, was er in dem Lärme
damals seines Lebens nicht entweihte;
denn dort hat es noch ein wenig Wärme,
daß es nicht des Herren Hand erkälte
oben, wenn er aus jeder Seite
leise greift, zu fühlen, ob es gälte."s

Aus Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz:
S. 273 "Ein junger dicker Herr mit einer Hornbrille...sitzt auf einem Stuhl und verzehrt seinen Mittagstisch..... Dem liegen gut drei Pfund im Magen, lauter Eßwaren. Jetzt gehts dmit los in seinem Bauch, die Arbeit, jetzt hat der Bauch damit zu schaffen, was der Kerl reingeschmissen hat. Die Därme wackeln und schaukeln, das windet sich und schlingt wie Regenwürmer, die Drüsen tun, was sie tun können, sie spritzen ihren Saft in das Zeug hinein, spritzen wie die Feuerwehr, von oben fließt Speichel nach, der Kerl schluckt, es fließt in die Därme ein, auf die Nieren erfolgt der Ansturm, wie im Warenhaus bei der Weißen Woche, und, sachte, sachte, sieh mal an, fallen schon Tröpfchen in die Harnblase, Tröpfchen nach Tröpfchen. Warte mein Junge, warte, balde gehst du denselben Gang hier zurück an die Tür, wo dransteht: Für Herren. Das ist der Lauf der Welt."

Aus: "Verse gewidmet dem andenken I. Babels" aus Jan Skacel, Fährgeld für Charon

"...Die rothaarige Sehnsucht folgte mir auf den fersen.
Durch die sterne streifte ich, durch nächte,
fremde Gärten.
Und damals war die wahrheit
salzig wie die achselhöhle.
Jungs mit kleinen geigen wateten ihr nach
auf die andere seite des flusses."

Aus: "Steinschlag" von Anne Duden

Im wolkigen Förderstaub deutlich entzündete Nasenlöcher
glühend
vor sich hin nässend.. (20)

HIER im Dickicht der Eingeweide und Innereien
ungeschlacht und blakig beleuchtet
beí großer Frühjahrsmüdigkeit und Mengen von Hundekot
....
in den verwunschenen Tunneln des Verdauungstraktes
von Faulgasen gelähmt
anschließend zu Tode geschoben
und bis auf die unverdaulichen
klettengleich in den Darmwänden
sich verhakenden Rückstände
abgeführt.

Aus: Das Leben und Schlimmeres von Georg Ringsgwandl:

"Wenn man sich etwa vor Augen hält, wie oft man von Ärzten hören muss, sie hätten dem Patienten ein Antibiotika verordnet, wo doch jeder Gymnasiast wissen sollte, dass es in der Einzahl Antibiotikum und nur im Plural Antibiotika heißt; oder dass sei statt Kieferhöhle Kiefernhöhle sagen, als hätte der Hohlraum im Oberkiefer etwas mit einem Nadelgehölz zu tun..." Ringsgwandl S. 222

In dem Lied "Miruna, die Riesin aus Göteborg" von André Heller kommt die folgende Zeile vor:
"Achselhöhlen wie Antoniuskapellen"

Aus: Max Frisch, Antwort aus der Stille:

"Da begibt sich einer mit offenen Augen in eine Situation, in der die Wahrscheinlichkeit, umzukommen, größer ist als die Wahrscheinlichkeit, zu überleben. Russisches Roulette im Hochgebirge. Er rechnet mit dem sauberen Sieg oder dem sauberen Tod. Am Ende aber steht keines von beiden, sondern ein verstümmelter Körper und ein vom Wahnsinn gestreifter Kopf. Wie ein Toter, der nicht weiß, warum er noch lebt, erscheint er unter Menschen, sprachlos, die Augen in schwarzen Höhlen, mit einem Mund, der "so sonderbar ist, so fremd, so schmal und hart, mit einem kleinen Schaum in den Mundwinkeln und auf den Lippen."" (Frisch, S. 149)

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften:

"Sie schämte sich nicht, sie hätte eher weinen mögen, Wenn sie Damals und Jetzt verglich; Aber Clarisse konnte auch niemals weinen, sondern sie preßte die Lippen aufeinander, und es wurde etwas daraus, das ihrem Lächeln ähnlich sah. Ihr Arm, geküßt bis zur Achselhöhle, ihr Bein, bewacht von dem Auge des Teufels, ihr biegsamer Leib, tausendfach gedreht vom Verschmachten des Geliebten..." (S. 442)

Elfriede Jelinek, wir sind lockvögel baby!

"luci schrie gellend als ihr gletscher plötzlich zu leben begann....luci wächst auch noch eiskalt durch alle rettungsringe. ihr geruch schmeisst alles um das in ihre nähe kommt. otto postiert sich genau darunter und lässt den schein der lampe durch lucis scheide wandern. es geht weit nach oben. vielleicht sogar bis hinauf zur spitze des kopfes." (S. 23)

Jakob Wasser, "Der Fall Maurizius":

"Herr von Andergast hatte den Mund halb geöffnet, man gewahrte seine großen Zähne, so, mit halbgeöffnetem Mund, ließ er sich auf den Stuhl nieder, die veilchenblauen Augen traten wie Knöpfe aus den Höhlen, jedes Ausdrucks bar." 54

Monika Maron, Animal Triste

"Kein Zweifel daran, daß sie füreinander geboren sind, daß sie für ewig beieinander bleiben werden. Sie können das noch aussprechen. Franz hat aus seinem Körper eine Höhle gebildet, darin, mit verschränkten Armen und Beinen, hockt das Mädchen." (S.58)

 

wird fortgesetzt.....

Literatur:

Brembeck, Reinhard J. Der Geist, der stets bejaht - Peter Konwitschny führt in Hamburg Bergs Oper "Lulu" als Emanzipationsstück auf, Süddeutsche Zeitung Nr. 259, Seite 11, 11.11.2003
Duden, Anne Steinschlag, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993
Frisch, Max Antwort aus der Stille, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009
Gutknecht, Christoph Ich mach's dir mexikanisch, München 2004
Kick, Dr. Walter Die Höhlen des menschlichen Körpers, Tagungsmappe 1998, Arbeitskreis Höhle, Religion und Psyche, München 1998, S. 101ff.
Jelinek, Elfriede wir sind lockvögel baby! rororo, reinbek 2004
Lindenmayr, Franz Körper und Höhle, in: Tagungsmappe 2000 des Arbeitskreises Höhle, Religion und Psyche, München 2000
Lorenzi, Lorenzo DEVILS IN ART, Centro Di, Florenz 1997
Maron, Monika Animal Triste, S. Fischer, Frankfurt a.M., 2. Auflage
Musil, Robert Der Mann ohne Eigenschaften 1, Rowohlt, Reinbek 2006
Ringsgwandl, Georg Das Leben und Schlimmeres - Hilfreiche Geschichten, Reinbek 2. Auflage 2011
Roßmann, Robert / Kratzer, Hans Stadt, Land, Wort - Bayerns Literaten: 22 Portraits, SüdOst Verlag - Süddeutsche Zeitung Waldkirchen 2004
Schroer, Silvia, Staubli, Thomas Die Körpersymbolik der Bibel, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998
Sephora Die Grotte von Mytilene, in: HAUT-NAH, hrsg. von Francoise Ducout, Goldmann-Verlag, 1985
Skacel, Jan Fährgeld für Charon, Gedichte, Merlin-Verlag, Gifkendorf 1991
Tunström, Göran Der Mondtrinker, Hanser-Verlag, Wien 1998
Wassermann, Jakob Der Fall Maurizius, LangenMüller, München 1985

Links:

Achselhöhle >> Dazu gibt es ein herrliches Zitat von Josef Hader! > YouTube / Menschn san ma alle

Arschloch

Augenhöhle

Darm

"Duttengruam" (Sigi Zimmerschied)

Kieferhöhle

Mittelohrhöhle

Nabel

Nasenhöhle

Ohren

Vagina
-
Lebensgut - Verlag Home Lebensgut, Lebensgut-Verlag, Intimbereich peinlich, Aussehen Intimbereich, Grit Scholz, Yoniformen,
-
http--www.wellness-gesund.info-Artikel-10882.html

Zunge ("Die Höhlenbewohnerin")

 


Links:

Höhle-Religion-Psyche


[ Index ] [ Englisch version ] [ Höhlen und Höhlengebiete ] [ Kunst ]
[ HöRePsy ] [ Höhlenschutz ] [ VHM ] [ Veranstaltungen ] [ Links]