Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

 

Die Höhlen bei der Kammereggalm, Grünten, D


Foto Willi Adelung


Unter 2 Bezeichnungen sind seit langem zwei Höhlen auf der Nordseite des Grünten, des nicht zu übersehenden Berges rechts der Iller am Nordrand der Alpen, im Höhlenkataster Bayerische Alpen enthalten. Außer den Katasternummern 2 und 3 enthält die "Münchner Höhlengeschichte" bei Nr. 2 nur noch folgende Angaben: " T V L=63". Etwas ausführlicher: Es handelt sich um eine horizontale Höhle, die vorwiegend trocken ist, außerdem ist sie vermessen und die Gesamtganglänge beträgt 63 Meter. Bei der "Müllkippe" werden keine weiteren Angaben gemacht.

Am 15. Juli 2001 schaute ich, zusammen mit Willi Adelung, da selber mal vorbei. Bei asphaltierte Straße führt fast hinauf zur Kammereggalm, die auf der Nordseite des Grünten liegt, der wiederum östlich von Immenstadt und nordöstlich von Sonthofen sich befindet. Es steht da zwar eine Tafel, daß es 1200 m bis zur Alm sind, aber die sind im Nu gemacht. Am Weg hoch fällt rechts vom Weg bereits auf, daß da ein paar Gruben im Gelände sind, und wer genau hinschaut, der sieht bereits die Sauerei. In kleinen Spalten liegt überall der Müll herum. Eine von der Fäulnis zersetzte Matratze, die nur noch aus ihrem Metallgerüst besteht, Plastikfarbeimer, Flaschen, Dosen. Folgt man diesem kleinen Steiltälchen, so stößt man am Ende auf einen kleinen Höhleneingang. Er hat nur wenig Überdeckung, aber die trägt noch. Große Fichten stehen darauf. Man kann richtig durch den Untergrund wieder ins Freie sehen. Eine sehr schmale Durchgangskriechhöhle. Davor ist allerdings der Müll massenhaft entsorgt worden. Die leichteste und billigste Lösung ist hier wieder einmal gewählt worden, die halt auf alle später Gekommenen und Geborenen halt die Lasten abwälzt - wie war das doch mit dem Dosenpfand, das ausgerechnet in der Woche zuvor gerade von Bayern im Bundesrat aktiv gekämpft worden ist und siegreich zu Fall gebracht wurde (Stoiber heißt der Mann, der das vor allem zu verantworten hat). Hier sieht man die Folgen "sorgloser Abfallentsorgung". Die eigentliche Höhle liegt kaum 10 Meter entfernt. Die Plattenkalkschichten brechen westlich in einer Wandstufe etwa 10 m ab, bevor der Berghang nur noch schräg abfallend weiter nach unten führt. In dieser Wandstufe, am untersten Ende öffnen sich zwei kleine begehbare Öffnungen, von denen eine über eine kleine Felsstufe in eine Kammer mit Müll führt. Ein Eiseneimer liegt da, ein grüner Flaschenhals, weiteres Zeug. Die flachen Schichtdeckenflächen zeigen gleich, daß es da noch weiter hinein in den Berg geht. Schlitzförmig kann man auf einem mit dunklem Dreck beschmierten Boden tiefer gleiten, die Räume öffnen sich wieder etwas, das Skelett eines alten Sonnenschirms liegt da. Es geht immer weiter nach unten, entlang der recht breiten und wenig hohen Felsplatten. Irgendwann war nur noch das platte Liegen im schwarzen Dreck möglich, um überhaupt noch weiterzukommen. Da verweigerte ich, drehte um und kroch wieder hoch. Ich wollte noch ein paar Bilder von diesem Felsenreich machen, stellte die Fototonne am Eingang auf, um einen Größenvergleich zu haben, und da passierte es natürlich. Sie machte sich selbständig, rollte los, fiel erst eine Stufe hinunter, dann eine weitere. Wo sie wohl war? Ich kletterte und schloff ihr nach, fand sie schließlich glücklicherweise auch wieder, denn das Glück lacht doch besonders den ...., jedenfalls nach etlichen Turn- und Verbiegeübungen und einer Einsauerei an Kieen, Hintern und Rücken, die man meinen Kleidern bis in die Fasern hinein genauestens sah, kam ich wieder nach oben.

Lassen wir das Ganze einfach so? Kümmern wir uns besser nicht drum? Arbeiten wir nicht besser an unserer "Karriere"? Kümmern uns um die Verhinderung jeglichen "Dosenpfands"? Oder fördern mit Steuergeldern die Versenkung auch noch des Atommülls in den "Untergrund"? Oder bezahlen Leute dafür, daß sie andern den Weg in den "Untergrund" versperren, daß die dann später nicht öffentlich schreiben, daß da "unten" auch manchmal gelegentlich ziemliche "Sauereien" passieren, die so manchem "Würdenträger" später ziemlich unangenehm sind?

Fotos Willi Adelung


3. Oktober 2002
Herrliches Frühherbstwetter lockte zum Berggehen. Ich wollte raus, um meinen Ärger mit der Schule etwas abzubauen. Die Tour war erfolgreich, der Ärger blieb. Willi Adelung war wieder dabei, wir hatten uns den Grünten vorgenommen. Über Burgberg hoch auf den Gipfel und hinunter wieder zur Kammereggalm, das Ganze mit 2 Autos, so daß der Rücktransport gesichert war. Die Werbetrommel muß man für so eine Tour heute wirklich nicht mehr rühren. Die Leute sind so zahlreich da, daß man schon eher, wie einige Berggeher schon frotzelten, Platzkarten ausgeben sollte.

Bei der Kammereggalm machten wir Halt und genossen den Ort, die Ruhe, den Blick. Eine Tafel am Hauseck tut kund, daß die Hütte mit Hilfe von Fördermitteln des bayerischen Staats und der EU so gestaltet wurde, wie sie heute ist. Da haben wir wenigstens auch mal was davon. Vielleicht ist damit auch gesichert, daß man nicht die Höhlen im Umkreis weiter versaut. Viel hätte man ja auch gar nicht mehr dort loswerden können, weil schon genug nun in den Löchern liegt. Wir schauten uns noch einmal um, weil einfach die von uns gefundene Höhle mit den mir inzwischen zugänglich gewordenen schriftlichen Aufzeichnungen und der Beschreibung von Klaus Vater überhaupt nicht zusammenstimmten. Zur "Leiterhöhle" im Kalksandstein müsse man am Ende des Parkplatzes durch das Tor und gleich rechts den Abhang 15 m hinunter. Die "Kuhhöhle" liege in einer Baumgruppe rechts vom Weg, 80 m von dem Parkplatztor entfernt. Im Sommer 2001 waren wir eiskalt daran vorbeigerannt, weil sie wirklich recht unauffällig ist. Diesmal schnüffelte Willi gründlich alles ab und hatte Erfolg. Tatsächlich, unter den hohen Bäumen, die am Rande einer kleinen Felswand wachsen, öffnet sich eine leicht begehbare Höhlenöffnung, die spaltenförmig in die Tiefe führt. Eine zweite Spalte gleich daneben ist auch mit Müll angefüllt. Kalte Luft streicht dort heraus. Wir müssen wiederkommen.

Blick auf die Kammereggalm vom Grüntengrat
Blick von der Kammereggalm hinauf zum Gipfel
Die Kammereggalm
 
 
 
 
 
Eingang zum Kuhloch

 


23. Oktober 2004

Nach-Fossilientreffen. Die Nacht zuvor hatten wir bei Jörg Obendorf in der Widenmayerstraße in München mit dem Blick auf den Bayerischen Landtag, heute der Anblick des Grüntens. "Altlasten" aufarbeitend, wenigstens teilsweise. Klaus Vater, Willi Adelung und ich. Angesichts der sehr guten Zugänglichkeit genügte ein Nachmittag, um die wichtigsten Höhlen zu erkunden. Hauptziel war die bislang in den Katasterunterlagen noch nicht auftauchende Höhle aufzunehmen. Willi schlug "Franzhöhle" dafür vor, weil ich sie "gefunden" habe. Nun, da waren schon vor mir einige Leute drinnen, was der Müll belegt, verschiedene roten Striche an der Wand und einige sauber auf die Seite geschlichtete Steinplatten auf dem Weg in den Berg. Sorgfältigst wurde die Höhle vermessen, wobe wir etwa 20 Meter Gesamtganglänge zusammengebracht haben dürften. Am Ende geht es in einen engen Schluf, den ich gerade noch gepackt habe. Danach kommt eine enge Kammer, in der gerade noch das Drehen möglich ist, dann kann man noch tiefer hinabrutschen, und von das aus in einen engen Horizontalschluf sich wieder einfädeln, der, so sieht es aus, auch noch nicht das Ende sein muß. Kindergröße müßte man halt hier haben, dann wäre das alles kein großes Thema, aber als ausgewachsenes Mannsbild stieß ich an meine Grenzen. Auch Klaus robbte noch herein, schließlich hat er den Plan zu zeichnen, aber bis in den letzten Winkel drückte auch er sich nicht mehr hinein. Längere Zeit nahm dann die Vermessung des Geländes vor der Höhle in Anspruch. Die Höhle ist ja durch das Auseinanderdriften ganzer Molassegesteinspakete entstanden, die auch an der Oberfläche verfolgbar sind. Mit einem 25-m-Meßzug wurde hier gearbeitet, was im Hanggelände schon möglich war. Ein größeres Felsdach in der Nähe bekam den Namen "Parasolhöhle", weil mehrere gleichnamige Pilze dort aus dem Boden gekommen waren.

Da ich den Schlaz schon anhatte, kroch ich diesmal in das Kuhloch hinein. Das ist schon eine Sauerei, da es einmal durchaus lehmig drin zugeht und andererseits auch jede Menge Müll drin rumliegt. Die Dimensionen sind durchaus ansehnlich und überraschend.

In einer Doline gleich beim Parkplatz fehlt der Boden. Eine Schachtöffnung führt nach unten. Das scheint die "Leiterhöhle" zu sein, wobei sie allmählich wieder aufgefüllt wird, insbesondere weil dort der Wald weggeholzt worden ist und man so jede Menge Holzreste zur Verfügung hatte, die dorthin entsorgt worden sind, wenn man sie nicht gerade verbrannt hat.

Feuer bei der Leiterhöhlendoline
Eingang ins Kuhloch
Eingang in die "Franzhöhle"
Im Kuhloch

Im Juni 2007 fand der nächste Akt der Erkundung der Höhlen um die Kammereggalm statt. Mit dabei waren Willi Adelung, Alfred Schlagbauer, Klaus Vater und ich. Ziel war es, eine Außenvermessung zwischen dem von Klaus Vater nun "Franzhhöhle" genannten Objekt und dem altbekannten "Kuhloch" herzustellen, eventuell auch noch das "Leiterloch" daran anzuschließen. Der große Vorteil der Kammeregghöhlen ist deren gute Zugänglichkeit. Mit Auto zum Parkplatz rauf, ein paar Minuten laufen und schon ist man da. In einer halben Stunde war die Vermessung passiert, die auch ihre Probleme hatte. Wo sollte man bloß die Meßpunkte für die Strecken anbringen? Felsen gab es da kaum, wo es ging verwendeten wir sie. Aber dazwischen lagen weite Strecken, da war nur ein Baum unser Helfer und der verändert sich, langsam zwar, aber beständig. Wiederholbar ist unsere Vermessung so nicht mehr.
Eine schöne Brotzeit auf der Alm folgte, die in dieser ans Paradies erinnernden Landschaft im vollen Sonnenschein kaum schöner hätte sein können. Da kam uns die Idee mit der Leiterhöhle wieder in den Sinn und wir wollten es versuchen. Dabei blieb es! Hinter diese Höhle kann man ein Kreuz machen. Der Grundbesitzer hat das gesamte Areal verändert und die Höhle einfach zugeschüttet, so daß heute überhaupt nichts mehr zu sehen ist. Vor Jahren war jede Menge Holzabfall dorthinein gewandert, aber ein wenigstens kurzes Eindringen war noch möglich. Vorbei.

So sieht es heute um die "Leiterhöhle" aus!  

14. und 15. Juni 2008

Die Vermessung der Höhlen bei der Kammereggalm wurde an diesen Tagen weiter fortgesetzt. Fertig sind wir immer noch nicht. Diesmal waren Willi, Klaus und ich dabei. Alfred hatte krankheitshalber absagen müssen. Am Samstag war die Tour recht schnell wieder beendet. Wegen der Nähe des Eingangs zum Kuhloch zogen wir uns bereits am Parkplatz um und marschierten schon in der Höfokluft Richtung Eingang. Dort angekommen schien alles nur noch Routine zu sein. Ich markierte schon einmal ein Stück Rinde am Baum oberhalb der maulartigen Öffnung als 1. Vermessungspunkt mit roter Kreide. Klaus baute das Vermessungsgerät aus den verschiedenen Einzelheiten zusammen, und es schien alle sin Ordnung zu sein. Da spielte die arretierte Kompaßnadel uns einen Streich. Sie wollte sich einfach nicht frei hin- und herbewegen. Es mangelte natürlich am passenden Feinwerkzeug, um die Schrauben zu öffnen. So blieb uns nichts anderes übrig, als es an diesem Tag sein zu lassen und zogen wieder von dannen.
Bei Willi zuhause in Kempten war schnell alles gerichtet, und so zogen wir am Sonntagmorgen wieder los. Diesmal war in der Frühe noch viel mehr los. Die Parkplätze wurden schon rar. Lauter Bergsportler hatten sich aufgemacht, um den Grünten von Norden zu erklimmen. Uns drei zog es dagegen wieder ins Loch, wobei wir immer wieder mit Blicken begutachtet wurden, die für ein gewisses Unverständnis für unsere Absichten bei den anderen ausdrückte.
Bei der Höhle schien es schon wieder nicht zu klappen, diesmal zeigte das Gerät wegen vielen Zusammensetzmöglichkeiten der Teile eine gewisse Widerspenstigkeit. Aber dann war tatsächlich alles richtig eingeklinkt, die Nadel pendelte in ihrem Glas- und Messinggehäuse. Es konnte losgehen.

Eine Tour in diese Höhle ist kein Vergnügen. Der Eingangsbereich ist noch immer voller Müll, alte Plastikplanen, Flaschen, verrostete Dosen, Knochen eines Tieres, alles schön miteinander vermixt und in unterschiedlichen Stadien der Auflösung. Holz verrottet, flüssiger dunkler Baaz klebt sich an den Schutzanzug. Erst geht es ein paar Meter hinunter in einer kletterbaren Spalte, dann spaltet sich der Höhlenraum. Geradeaus geht es in einer Kluft bis zur abschließenden Felswand. Hier ist gut zu sehen, wie die Höhle entstanden ist. Der umgebende Sandstein ist ein große Brocken zerbrochen und in den Spalten dazwischen, da kriegt man durch den Berg. Nach links knickt nach unten ein weiterer Raum ab, der am stärksten vermüllt ist. Dahinter geht es noch einige Meter kriechenderweise weiter. Dann ist da Schluß. Die einzige Fortsetzung scheint nur durch einen schlitzförmigen Spalt nach oben zu führen. Für dessen Befahrung muß man ziemlich schlank sein, was keinem von uns mehr als Eigenschaft zukommt. So war hier für uns Schluß. Am Ende brach am Vermessungszeug ein winziger Stift der Kompaßaufhängung ab, so daß es auch aus diesem Grund an diesem Tag vorbei war mit "Höhle". 67 m haben wir noch nicht gesehen und vermessen.


Literatur:

Verein für Höhlenkunde in München,
herausgegeben von
Münchner Höhlengeschichte, München 1982, S.180


Die Kammereggalm an der Nordseite des Grünten vom Parkplatz aus

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