Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Das Schwarzbachloch am Fuß der Reiteralm, D

- ein ziemlich mißglücktes Kapitel bayerischen "Naturschutzes" - oder?

aber auch eine faszinierende Höhle, die inzwischen mehrere Kilometer lang ist


Das Schwarzbachloch (Katasternummer 1337/1) liegt am Fuße der Reiteralm im Berchtesgadener Land/Bayern/D. Es war schon immer den Menschen bekannt, weil es einfach zugänglich ist, leicht zu finden und unschwer zu begehen.

Nun ist das nicht mehr so. Seit 1996 gibt es eine Verordnung, die das, was in der Bayerischen Verfassung in Paragraph 141 (3) allen Bürgern als Grundrecht zugestanden wurde ("Der Genuß der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet. Dabei ist jedermann verpflichtet, mit Natur und Landschaft pfleglich umzugehen"), empfindlich einschränkt. Nun dürfen wir es nur noch mit "Zustimmung des Landratsamts Berchtesgaden" besuchen. Warum und was könnte damit gewonnen werden?

Was hat es mit dieser Höhle auf sich.

Eine kleine Chronik:

1554 Eintragung in der Bayernkarte von Philip Apian >Philipp Apian - Die Vermessung Bayerns (Ausstellung 2014)
1628 Eintragung des Eingangs auf der Reliefkarte des Berchtesgadener Landes von Faistenauer in Merians Topographie, 1643 abgedruckt
um 1790 Eintragung des Höhlennamens in der Karte "Das Fürstliche Stift Berchtesgaden", aufbewahrt heute in der Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Kartenabteilung
1861 Erwähnung in Gümbels "Geognostische Beschreibung Bayerns.." als einer Höhle, von der "man sagt, sehr weit zugängliche Höhlen...te, aus welcher der Schwarzbach in ansehnlicher Stärke zu Tage tritt".
1926 Erwähnung in Czoernigs "Die Höhlen des Landes Salzburg..."
1938/13/09 "Höhlenexpedition, Zweck: Mit Hilfe der Feuerwehr, Salzburg den Syphon zu leeren, Erfolg: keiner" + Aufsammeln von Schnecken in der Umgebung des Höhleneingangs durch Mahler Ein Foto aus dem Salzburger Vereinsarchiv, das die Mannschaft mit ihrem Fahrzeug zeigt - stolz vorne drauf eine Fledermaus
1938/01/11 Besuch und Vermessung der Höhle durch Czoernig
1938/13/11 Pumpversuch mit der Salzburger Feuerwehr mit dramatischen Begleiterscheinungen! Siehe dazu: Klappacher, Gustave Abel 114
1953 Wasserstandsbeobachtungen durch Hans Wolf, Apotheker in Berchtesgaden
60er Jahre Tauchvorstöße durch Jochen Hasenmayer, Norbert Schuch, Georg Ronge, Max Walch
1968 Erste Durchtauchung des Eingangssiphons durch Hasenmayer
1969 Erneuter Pumpversuch durch Ronge (11 cm Absenkung des Wasserspiegels)
1980/23/02 Tauchgang von D. Jurrat und D. Kotzig im Schwarzbachloch, Drehen eines Super-8-Films durch G. Kellerer mit Unterwasseraufnahmen von den Tauchern

1988 Beginn einer neuen Forschunsphase durch die HFGKirchheim (G. Kücha u.a.)
1996 Naturschutzgebietsverordnung mit allgemeinem Betretungsverbot
... Fortsetzung der Forschungen >> siehe Homepage der Kirchheimer

Die erste Karteneintragung:

Die frühesten Pläne:

Grund- und Aufriß von Czoernig 1.11.1938

Viel ist da nicht zu sehen. Bei niedrigem Wasserstand kann man 40 Meter in einem Gang von von 6 bis 8 m Breite und 2 bis 4 Metern Höhe leicht geneigt eindringen. Dann steht man vor einem Siphon, der jeden Weiterweg verwehrt. Hier beginnt das Reich der Taucher.

Das "Höhlenende" - ein Siphon / für "Normalsterbliche"

Trotzdem ist der Besuch dieser Höhle sehr lohnend. Wie es selten nur woanders möglich ist, kann man hier die starke Veränderung ausgezeichnet beobachten, die bei Hochwasser passiert. Geht man im Herbst oder Winter hin, dann liegt das Bachbett trocken, der kleine Aufstieg zum Höhlenportal ist leicht zu bewerkstelligen und die wenigen Meter Höhlenstrecke sind gleich bewältigt. Alles ist still.

14/11/2014

 

Besonders in Zeiten der Schneeschmelze erlebt man das genau entgegengesetzte Schauspiel. Ein Fluß tobt aus dem manchmal bis zur Decke gefüllten Portal. Wildes Wasser verwehrt jeglichen Zugang in den Berg. Hier sind Mächte am Werke, die jede menschliche Einwirkung weit übersteigen!

Das Schwarzbachloch ist eine didaktisch sehr wertvolle Höhle. Viele Menschen kommen mit der Erwartung, daß Höhlen etwas Erhabenes, Labyrinthisches, Wunderschönes seien. Nimmt man sie zum Schwarzbachloch mit, dann erleben sie das genaue Gegenteil davon. Hier ist zwar eine wirkliche Höhle, aber ganz anders im Charakter - nur wenige Meter lang, keine Abzweigungen, kein Schmuck an den Wänden, keine Aktion notwendig und keine Herausforderung geboten (sofern man am Siphon halt macht). Für viele wohl eine Enttäuschung mit eher ernüchternder Wirkung. Nicht jede Höhle ist groß, wunderbar und den ewigen Ruhm dem kühnen Forscher versprechend. Kommt man zweimal, einmal bei Trockenheit und dann bei Hochwasser, kann man selber beobachten, wie sich die Natur verändert - Stille wechselt mit Tosen, Ruhe mit Turbulenz, die Möglichkeit des Eindringens wird von den Wassermassen blockiert.

Nun blockiert leider noch etwas anderes - Paragraphen! Eine Naturschutzgebietsverordnung der Regierung von Oberbayern verbietet jetzt, "Höhlen ohne Zustimmung des Landratsamts Berchtesgadener Land zu begehen", weil das eine Handlung sei, die "zu einer Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung des Naturschutzgebietes oder seiner Bestandteile oder zu einer nachhaltigen Störung führen könne". Stimmt das? Mit amtlicher Erlaubnis die Höhle zu betreten, führt das nicht zu einer "Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung"? Macht der Stempel des Landratsamts wirklich den Unterschied? Jeder gebe sich selber die Antwort! Man bringt damit nur Bürger, die ein einfaches Naturerlebnis suchen, in die Nähe von Gesetzesübertretern, ohne daß ein echter Handlungsbedarf an besonderem "Schutz" vorliegt.

Der Hintergrund für diese Aussperrverordnung war der leider stark zunehmende Canyoningtourismus, auch angeheizt durch kommerzielle Anbieter. Auch eine Sendung im FREIZEITJOURNAL des Bayerischen Fernsehens hat den Bekanntheitsgrad enorm erhöht (mindestens 500 000 Zuschauer). Wenn auch nur jeder Tausenste davon hingeht, dann wären das gleich 500 Besucher mehr! Das Schwarzbachloch selber, so wie es seit Jahrhunderten zugänglich ist, ist in keinster Weise gefährdet, daß es dem Höhlentourismus anheimfallen könnte, dafür ist es viel zu klein und unbedeutend. Es ist eher etwas für den stillen Naturliebhaber, der sich von solchen wilden Orten noch verzaubern läßt.

Nicht mehr aktuell, aber doch noch kolportierbar:

Eigentlich ist das, was im Herbst 1998 auch in der Süddeutschen Zeitung zu lesen gewesen war, unglaublich. Da berichteten die Medien vom Tod eines Menschen, der sich als Führer bei Canyontouren bewährt hatte - und das im Berchtesgadener Land. Da gibt es nämlich nicht viele Möglichkeiten. Da gibt es eigentlich nur eine richtige - die Schlucht des Schwarzbaches. Wie es sich dann herausstellte, haben doch tatsächlich zwei private Firmen eine Ausnahmegenehmigung vom Landratsamt in Berchtesgaden, Touren durch die ansonsten ja für die ganze Menschheit gesperrte Schlucht zu führen - wer hätte das gedacht? Dabei ist es eben zu einem tödlichen Unfall gekommen.

Ist das heute noch ein Skandal? Da wird die Menschheit angeblich aus "Naturschutzgründen" ausgesperrt aus einer "Wildnis", und da wird anderseits einigen "Privilegierten" eine "Ausnahmegenehmigung" erteilt - was stimmt da noch mit unserer Verfassung überein, was trägt halt solange, wie sich keiner beschwert oder keiner mehr schmiert? Naturschutz - Speziwirtschaft - Korruption... worüber beschwere ich mich denn eigentlich, denn auf Borneo oder sonstwo gibt es doch sicherlich auch noch ein paar Löcher, deren Besuch noch nicht aus "Naturschutzgründen" verboten ist, da kann ich doch auch hingehen.. wozu denn bei uns.. in unserem bayerischen "Naturschutzpark" mit BMW-Anschluß...

      im Bild Sigi Tange

Die Höhle ist inzwischen von Höhlentauchern viel, viel weiter erkundet worden. Sogar unterirdische Biwaks sind inzwischen notwendig, um noch weiter voran zu kommen. Vieles läuft hier unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Vielleicht schaut eines Tages ein "Taucher" oben auf dem Plateau wieder ins Tageslicht. Geologisch ist das wahrscheinlich. Menschlich???

Inzwischen gibt es ja heftige Forschungsaktivitäten von "oben" her. Irgendwo und irgendwie wird es wohl mal gelingen in das System hinter der Quelle ohne Tauchen einzudringen. Gelingt es vielleicht über den "Warmduscher" - eine Entdeckung, die nicht von den "Schwaben" gemacht wurde, einer hochgelegenen Überlauföffnung  im Hang, die starken Luftzug führt? (Anmerkung: Wurde untersucht, war aber zu eng.)


August 2018 - Es wurde wieder einmal Zeit, eine kleine Phototour in den kleinen Eingangsteil zu unternehmen, den wir so lange nicht mehr besucht hatten. Michael Krebs und Peter Danner waren diesmal dabei. Beide kannten die Höhle noch nicht - ein mehrfaches Dauerproblemthema, denn der "Nachwuchs" an Höhlenforschern sollte ja wohl auch das kennenlernen, was die "Alten" einmal gesehen und erleben konnten, was durch die kategorischen Betretungsverbote für alle leider zu nur schwer vermittelbaren, aber doch existierenden Problemen führt. Wir brauchen die Menschen, die, wenn wir einmal gestorben sind, weitermachen! Und es darf nicht als schlecht gelten, wenn die Alten sich als "Mentoren" zur Verfügung stellen, das weiterzugeben, was in ihnen steckt, zum Beispiel. Und das sollte nicht erst nach umständlichen Genehmigungsprozeduren möglich sein, die ja ohnehin an den physischen Zuständen überhaupt nichts ändern würden. So manche staatliche Vorschrift ist ja wenig unausgegoren und sollte/muß schon bald nach ihrer allgemeinen Gültigmachung ja auch schon wieder korrigiert werden! Wir erleben das ja überall in der Gesellschaft. Da ist der sog. "Naturschutz" keine Ausnahme. Da werden schier unglaubliche Ungeheuerlichkeiten als mit der "Natur" verträglich genehmigt, siehe "Landwirtschaft", und dann bestraft man den "Schnellfahrer", der mit 57 statt mit den erlaubten 50 km pro Stunde durch ein Dorf "hetzt". 

Vergessen wir ein wenig die allgemeine Malaise und marschieren wir auf dem Weg entlang des Schwarzbaches bis zur Quelle. Als wir das 2018 taten, da zeigte sich eine neue Massenerscheinung: die Radfahrer. Ein sauberer Schotterweg führt entlang des Schwarzbaches, des Begehung und Befahrung ja inzwischen aus sog. "Naturschutzgründen" auch schon verboten ist, ein Erlebnis, das diejenigen, die es noch machen konnten, nie vergessen. Aber der Druck durch die kommerziell unternommenen Touren war wohl so hoch, daß man der Massivnutzung etwas entgegensetzen wollte. Massiv genutz ist jetzt der Weg hinauf zu den Almen von der Brücke über den Schwarzbach, als Fußgänger ist man da nur noch eine Randerscheinung und muß darauf achten, nicht zusammengefahren zu werden, wenn die wie Erdastronauten gewandeten Energiehaufen auf zwei Rädern daherschießen oder sich hinaufdampfen. 

In markierter Steig führt inzwischen bis zum Schwarzbachloch, wo den Besucher Informationstafeln mit einem Höhlenplan zeigen, an welch bedeutendem Ort er sich da gerade befindet. Wir unternahmen eine kurze Phototour bis zum Siphon, es sind ja gerade 40 m Höhlenstecke, was aber immerhin 2 Stunden dauerte. Wir waren keineswegs allein, denn selbst bis in die Höhle kamen andere Besucher, während wir uns mit den modernen Beleuchtungsmethoden bemühten, stimmungsvolle Photographien der Räume zustande zu bringen. Am Eingang dann noch eine Überraschung. Da eilte ein Mensch an mir vorbei, den ich doch kannte. Ein Blick ins Gedächtnis, ja, das war Manfred Kornherr, alter Höhlenphotographenkollege, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Er verbrachte gerade seinen Urlaub in der Gegend. Wenn wir so ein Treffen organisieren hätten wollen, es hätte wahrscheinlich angesichts der unendlich vielen Unwägbarkeiten heute, nicht geklappt. Die Höhle - eine Art Magnet für bestimmte Menschen.

Am Parkplatz an der Straße Jettenberg - 
Schwarzbachwacht 2018

Das trockene Bachbett des Schwarzbachs

Das Schwarzbachbett, gesehen in Richtung Lattengebirge

Der Eingang 

August 2018

 


Literaturhinweise:

Brunner, Cornelia Naturschutzgebiet "Schwarzbach" im Lkr. Berchtesgadener Land, DER SCHLAZ 81-1997, S. 38ff.
Gümbel, C.W. Geognostische Beschreibung des Königreichs Baiern, 1. Abtheilung,  hrsg. v. k. bayerischen Staatsministerium der Finanzen, Gotha 1861
Jantschke, H. Materialhefte zur Karst- und Höhlenkunde Reihe Sonderpublikationen (MKH-S) 7,1988, Heidenheim April 1988
Jurrat, Dietmar Ein Tauchgang im Schwarzbachloch, DER SCHLAZ 31-1980, S.21ff.
Klappacher, Walter, Mais, Karl Salzburger Höhlenbuch Band 1, Salzburg 1975
Klappacher, Walter Salzburger Höhlenbuch Band 6 - Ergänzungsband zu den Bänden 1-5, Salzburg 1996, S. 85
Klappacher, Walter Gustave Abel - Sein Leben als Höhlenforscher und Fotograf, Die Höhle 1-4, 2017, S. 114
Lindenmayr, Franz Bemerkungen und Ergänzungen zu einigen Höhlen im Salzburger Höhlenbuch Band 1, DER SCHLAZ 28-1979, S. 10
Morokutti, Albert Ing. Walter Zach 100 Jahre alt! - 75 Jahre Höhlenvereinsmitglied, ATLANTIS Jahrgang 30, Ausgabe 3-4/08, S. 67ff.
Ronge, Georg, Walch, Max Fortschritte im Schwarzbachloch, DER SCHLAZ 1-1970, S. 21
Verwiebe, Birgit, herausgegeben von, Caspar David Friedrich - Der Watzmann, Ausgabe anläßlich der Ausstellung in der Nationalgalerie, Staatliche Museen in Berlin, Berlin und Köln 2004

Wie wir gehört haben, dient die Höhle zu allerhand Feiern. Weihnachtsfeiern, Geburtstagsfeiern. Was verbinden die Menschen bloß mit diesem Ort? Man müßte sie fragen. Aber er hat "etwas".

In einem Kartenspiel, das auf der Blütentherapie nach "Bach" aufbaut, habe ich jüngst als eine Karte davon plötzlich ein Bild des Höhleneingangs bei Hochwasser gesehen. 99,9 % der Benutzer werden keine Ahnung haben, daß es sich da um das Schwarzbachloch handelt, aber der Eingang ist halt "klassisch".


Links:

http://www.speleotek.de > Lästerliches

Bei den Höhlentauchern wird die Höhle unter dem Namen "Schwarzbachquellhöhle" geführt. Da gab es eine Reihe von Links, die aber wieder verschwunden sind.

untitled - 172q001.pdf

Landschaft und Höhlen der Bayerischen Alpen


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