Franz Lindenmayr / Mensch und 

Scheukofen/Hagengebirge - Gedächtnistour 2018


Franz-Talita-Bernt-Jared


Scheukofen


Gängigerweise wird die "Zeit", was immer das ist oder sein soll, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingeteilt. Schon mancher hat an dieser Einteilung Zweifel geäußert, lebt vielleicht auch eine andere Ordnung, erlebt wohl auch immer wieder, daß das sog. "Vergangene" gar nicht vorbei ist, sondern immer noch sehr lebendig in einem - für manchen in einem guten Sinn, für manchen in einem gnadenlos nicht vergangenem. Die englische Sprache kennt einen wunderbaren Ausdruck für ein Phänomen aus diesem Durcheinander, den "train of thoughts". 

Vor zwei Jahren habe ich plötzlich ein Email bekommen. Ein Email, das mich sehr erstaunt, aber auch sehr gefreut hat. Oft frage ich mich, ob dieses Schreiben im Internet irgend einen Sinn macht, und dann so etwas. Die Tochter von Poldi Wiener, dem Menschen, der unter vielem anderen ein Höhlentaucher war, und der 1975 bei einem Tauchunglück ums Leben gekommen ist, schrieb mir, weil sie auf meiner Webseite zum ersten Male Details vom Tode ihres Vaters erfahren hatte. Der Gedanke nahm Gestalt an, einmal dorthin zu reisen, wo der Vater seine Lebensreise beendet hatte, in den Scheukofen, 

Ganz einfach war das nicht, lebt doch die Tochter, Talita, inzwischen mit ihrer Familie in Utah, USA, und der Sohn, Jared, in Wien. Und die Familie ist gewachsen. Die meisten waren da, einige konnten oder können halt nicht. Die Mutter zum Beispiel einfach aus "Alters-", oder eine weitere Tochter aus Termingründen. Immerhin waren wir dann 9 Personen "Verwandtschaft", blutsverwandt oder "angeheiratet". Ursprünglich war 9 Uhr ausgemacht, aber das tatsächliche Leben heute macht da einfach immer wieder große Striche durch "große" Pläne, was wohl immer schon so gewesen ist. Wegen des nicht angekommenen Fluggepäcks und des sich daraus ergeben habenden Durcheinanders wurde es angekündigterweise 10 Uhr, in weiteren Mails aus wirklich zwingenden Gründen, die ich erst viel später gelesen habe, wurde ein Termin von 12 Uhr gewünscht. Die Digitaltechnik dringt bei mir noch nicht so durch, deshalb habe ich mich nicht gemeldet, aber das Gemenge aus Lebensdringlichkeiten, z.B. Öffnungszeiten von Apotheken, und ausgemachten Verpflichtungen, läßt sich halt wirklich reibungslos auch heute nicht auflösen. 

Im Vorfeld hatte ich versucht, den Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg in Gestalt von Gehard Zehentner von dem Vorgang zu verständigen. Ich habe keine Nachricht direkt bekommen, aber vielleicht ist die ja in dem Internetdschungel verloren gegangen. Gustav Seywald meldete sich und mit ihm hatten wir einen sehr kundigen und umsichtigen Führer für die Tour. Noch einer kam mit: Bernt Niestroj. Wir zwei sind ja die letzten noch lebenden Personen, die das Unglück mitgemacht haben. Christina Deubner, der dritte im "Bunde" starb ja vor vielen Jahren schon bei einem Flugzeugabsturz bei Zell am See. Lange hatte ich von Bernt nichts mehr gehört, nirgends war herauszufinden, ob es ihn überhaupt noch gab, das Internet, das angeblich alles "weiß", lieferte auch nichts, am Ende kam der entscheidende Tip vom Salzburger Höhlenverein, eine Adresse in Moosinning. Dort fuhr ich auf dem Weg in die Berge einfach mal vorbei und läutete. Ein älterer Herr öffnete, ich nannte Bernts Namen, er sagte, ja, der lebe im Haus gegenüber. Dort öffnete eine mir unbekannte Dame, die ins Haus rief, daß da Besuch da sei. Und dann stand er tatsächlich wieder vor mir. Nach Klärung der Sachlage war Bernt sofort dabei. 

So trafen am Samstagmorgen allmählich alle Teilnehmer ein. Bernt war pünktlich, ich ein wenig verspätet, weil es auf der Autobahn einmal stockte. Dann Gustav, dann zwei Autos mit österreichischen Kennzeichen. Ihnen entstiegen dann 4 Erwachsene und 5 Kinder, naja ziemlich erwachsen schon. Gleich ging es los, Gruppenphotos zu machen, schließlich sollte der Event ja auch festgehalten werden. Die Steinbruchbetreiber hatten uns erlaubt, bis zum Ausgangspunkt des Wanderpfades zum Scheukofen hochzufahren, aber wir hatten dann doch das Gefühl, daß es besser wäre, zu Fuß zu gehen, was eine sehr gute Idee war. 

So lernten wir uns allmählich kennen, als wir unterwegs uns Teile unserer Lebensgeschichten erzählten, auch wenn der Atem manchmal knapp wurde, weil es ziemlich steil streckenweise hoch ging. Im Vergleich zu früher hat sich das Gelände vollkommen gewandelt. Eine autobahnähnliche Piste führt bis zu den oberen Teilen der großen Schottergrube, in der heute abgebaut wird. Wer den Abzweiger zur Höhle nicht kennt, der wird ihn leicht übersehen. Schmal und wenig ausgetreten geht es ziemlich rasch nach oben. Schon mit Blick auf das große Eingangsportal kommt noch eine kurze Querung, dann steht man drinnen. Jeder richtete sich für die Höhlentour her, Gustave sogar im Schlaz, ich zog mir mindestens ein altes Hemd noch drüber an. Es stand schon ziemlich fest, daß wir nicht bis zum Siphon gehen würden, sondern vorher bei dem See in den Schwarzenberggrotten umkehren würden. Man bekommt ja bis dorthin auch schon einen sehr guten Eindruck von der Höhle mit ihren Auf- und Abstiegen, der kleinen Seen und den Sinterformen an den Wänden. Natürlich wurde auch aus allen Rohren photographiert. Und am Schluß dann noch das obligatorische Gruppenphoto am Ausgang..

Zum Ausklang fuhren wir erst noch nach Tenneck. Dort ist nämlich die Wirtschaft, in der wir drei 1975 uns viele Stunden hindurch aufgehalten hatten, als noch vollkommen unklar war, was eigentlich passiert war und irgendwann dann die große Rettungsaktion anlief. Die Wirtschaft hatte aber geschlossen, kein Wunder, da ja nur noch wenig Betrieb auf vorbeiführenden Straße herrscht. So fuhren wir weiter nach Stegenwald, wo man die alte Wirtschaft wieder auf Vordermann gebracht hat und wir bestens gastronomisch versorgt wurden.

Hier war dann auch Zeit und Raum, sich über die alten und die neuen Zeiten auszutauschen. Woran erinnerte sich Talita noch, wenn sie an ihren Vater zurückdachte? Tatsächlich ist da auch noch ein Höhlenerlebnis darunter, wahrscheinlich eine Tour in den Lamprechtsofen, von der sie immer noch schwärmt. Und an die Zauberkunststücke, die Poldi ja hervorragend vorführte, z.B. das "Wasser aus Indien". Woran man sich nicht alles noch erinnert und was nicht alles einfach fort ist. Und wir sprachen natürlich auch von den Angehörigen von Günter Hackl, deren Leben ja auch eine schwerwiegende neue Wendung durch die tragischen Ereignisse nahm. Bernt hat sich da ja stark eingebracht und geholfen.

Vielleicht findet diese Begegnung im nächsten Jahr eine Fortsetzung, dann mit guter Ausrüstung, und wir gehen bis zum Siphon, wo ja auch die Gedenktafel an das Unglück angebracht worden ist.

Talit und Jared - 

die Kinder von Poldi Wiener im Scheukofen 2018

Das Leben geht weiter!

Literatur:

   

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