Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Der Lichtenstein und seine Höhle, Harz


"Unter knochenkalter Erde,
im Durchgangsraum..." (Jürgen Nendza, Mikado-Geäst 11)


Die Lichtensteinhöhle, zu Beginn der Erforschung auch "Rotkamphöhle" genannt, liegt im südwestlichen Harzvorland im Lichtenstein (261 m hoch). Westlich der Höhle fließt die Söse und ihr Nebenfluß Salza. Die Eingänge in die Höhle liegen im steilen NNW-Hang in ca. 160 m Höhe. Direkt am Weg steht eine große Informationstafel, die allen Besuchern die Bedeutung dieses Ortes deutlich machen soll. Hohe Stufen führen bergauf bis zu einer kleinen Plattform, wo sich der Stolleneingang in die Höhle öffnet, der mit einer massiven Eisentüre gesichert ist. Ein früherer Schachteingang in die Höhle oberhalb dieser Stelle ist mit einer dicke Betonplatte wieder verschlossen worden, der Entdeckungseingang liegt links von diesem Bereich im Steilhang und ist als kleines vermauertes und verschlossenes Portal unschwierig zu erkennen.

Im Jahre 1972 wurde bei der Suche nach einem angeblichen unterirdischen Gang unter der Burg Lichtenstein von drei Bürgern aus Förste eine Kluft gefunden, aus der deutlich spürbare Bewetterung kam. Mit Hammer und Meißel wurde sie erweitert, so daß bei 30 cm Breite ein Eindringen für eine schlanke Person möglich war. Daran schloß sich eine mehrfach abknickende, bis mannshohe Kluft an. Nachdem Kinder erste Schäden in der Höhle verursacht hatten, begann das Bemühen, einen Verschluß der Höhle zu erreichen. Da wurde dann ein Gitter angebracht, das aber bald wieder aufgebrochen war. Ein neues Gitter, ein neuer Aufbruch. Sogar ein Traktor war einmal für den Aufbruch eingesetzt worden! 

1980 begann ein neuer Abschnitt in der Erforschung der Höhle. Kathrin v. Ehren aus Hamburg drang noch ein wenig weiter in die vorher für unschliefbar gehaltene Spalte vor und sah ihrem Ende einen Knochen liegen. Der Schluf wurde nun von Harzer Höhlenforschern erweitert und die Fortsetzung der Höhle mit der "spektakulären frühgeschichtlichen Fundstätte" (Reinboth 2010) war gefunden. In 20jähriger Ausgrabungstätigkeit wurde die Höhle zwischen 1993 und 2013 wissenschaftlich ausgegraben und das gesamte Fundgut geborgen. Wesentliche Voraussetzung dafür war, daß ein neuer Zugang geschaffen wurde, der auch Normalsterblichen den Zugang ermöglichte. Kurz vor Ende der Arbeiten wurde ein letztes Rätsel gelöst: Wie kamen die Knochen eigentlich in die Höhle, denn auf dem Weg, den die modernen Höhlenforscher genommen hatten, konnten die früheren Menschen nicht gekommen sein! Ein Seitenschacht, der aufgefüllt worden war, wurde von unten her aufgegraben und konnte bis zur Erdoberfläche verfolgt werden.

Was sind nun die Ergebnisse? Die "geologisch alte Gerinnehöhle" (Harries 29) verläuft hangparallel und wurde auf etwa 135 m Länge erforscht. Im "größten" Raum der Höhle, das klingt schon fast ironisch, dem 3 x 4 m messenden Bernd-Saal,  fanden sich gut erhaltene Knochen von etwa 65 bis 70 Individuen aus der Bronzezeit. "Mittels DNA-Analyse konnte weltweit erstmals ein rund 3000 Jahre altes Verwandtschaftssystem rekonstruiert werden." WIKIPEDIA. Ursprünglich war man der Ansicht, daß es sich hier um eine alte Opferstätte gehandelt habe, wovon man aber wieder abkam. Heute wird die Höhle als ein Kult- und Bestattungsplatz interpretiert. Es scheint sich um einen Ort zu handeln, wo eine Art Zweitbestattung von Familienmitgliedern über viele Jahre hinweg stattgefunden hat, ein Brauch, den man noch heute an anderen Stellen dieser Erde finden kann, z.B. auf Madagaskar. Warum man damit dann wieder aufgehört hat, das weiß keiner.

So ein Höhlenfund inspiriert. Zum Beispiel zu einem richtigen Höhlenkrimi: HÖHLENOPFER. Die Kurzfassung liest sich so: "Wieder ein Toter in der Lichtensteinhöhle! Doch dieser stammt nicht aus vorgeschichtlicher Zeit, sondern aus der Gegenwart. Und er gehörte nicht zu den wenigen heute lebenden Nachfahren der Bronzezeitmenschen vom Lichtenstein. Das hatten die spektakulären DNA-Vergleiche ergeben. Aber warum musste Franz Krüger in „seiner Höhle“ sterben, als deren Entdecker er sich fühlte? Und dann geschieht ein weiterer Mord, diesmal mitten in Osterode. Hauptkommissar Behrends und sein Team jagen einen geheimnisvollen schwarzen Mönch, der immer am Tatort auftaucht." Spannend. Und nur für wenige Euros z.B. über das Internet zu beziehen.

Die Originalhöhle ist heute zugesperrt und für das Publikum nicht zugänglich. Ausnahmsweise war einmal anläßlich der Jahrestagung 2016 des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher ein Besuch möglich, wobei ausdrücklich auserbeten war, "Teilnahme nur mit sauberer Höhlenausrüstung!" Ein großer Teil der Funde und eine originalmaßstäbliche Rekonstruktion des Bernd-Saals können heute Touristen im Höhlenerlebniszentrum am Iberg besichtigen. Viele der Knochen sind in einer besonderen Kühlkammer einer Universität untergebracht, um deren Verfall aufzuhalten und den "weltweit größten DNA-Pool der Bronzezeit" WIKIPEDIA für die wissenschaftliche Forschung zu sichern.

 

 

     
     

Literatur:

Flindt, Stefan Die Menschen aus der Lichtensteinhöhle, in: Knaut, Matthias, Schwab, Roland, Archäologie im 21. Jahrhundert, Innovative Methoden - bahnbrechende Ergebnisse, Theiss, Stuttgart 2010
Fröhlich, Bernd Die Konfliktsituation zwischen Rohstoffgewinnung und Naturschutz im Bereich Hainholz und Lichtenstein - Landkreis Osterode am Harz, in: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde in Niedersachsen e.V., 3/4 - 1988, S. 12ff.
Harries, Dennis Höhlenexcursion 21: Förste bei Osterode - Lichtensteinhöhle, in: ABHANDLUNGEN der Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz e.V. Neue Folge Heft 8, Exkursionsunterlagen VdHK-Jahrestagung 2016 in Rübeland/Harz, S. 29f.
Knolle, Friedhart Rettet den Lichtenstein und seine Umgebung! in: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde in Niedersachsen e.V., 3/4 - 1988, S. 3
Lange, Roland Höhlenopfer, Kassel 2010
Nendza, Jürgen Mikado-Geäst, Gedichte aus 20 Jahren, poetenladen, Leipzig 2015
Reinboth, Fritz Zur Erforschungsgeschichte der Rotkamphöhle, Mitt ArGeKH 1+2/2010

Links:

http://www.karstwanderweg.de/kww104.htm

http://www.karstwanderweg.de/publika/vdhk/45/128-131/index.htm

http://www.karstwanderweg.de/publika/argekaha/1+2_10/3-12/index.htm

 

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