Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Grotta Masera, Lombardei, I
2213 Lo Co


Für viele Höhlen ist es unmöglich anzugeben, wann jemand sie "entdeckt" hat. Manche Höhlen liegen einfach so, daß man sie entdecken "mußte"! Das sind dann die, die zum Beispiel am der Mündung eines Baches liegen, der bei Hochwasser als richtiger Fluß aus dem Berg kommt, und, sobald das Wasser weniger wird, trocken fällt. Auf einmal ist nichts mehr von der Dramatik zu spüren.
Ein Loch gähnt da vor sich hin. Läßt einen ein. Man bewegt sich im großen und ganzen gesehen horizontal fort, springt zwar wie ein Springbock über die heruntergekommenen Felsen, aber muß keinerlei Höhenunterschied überwinden. Erstmal.

Wer weiß, wo sie ist, findet sie leicht. Von Como geht es einfach den Schildern Richtung Bellagio nach, dem Ort den die Amerikaner unbedingt in Las Vegas nachbauen mußten. Auf der herrlichen Aussichtsstraße geht es an Torno vorbei, kurz nachher wäre noch die Fonte Pliniana zu besichtigen (ein Karstphänomen, das bereits von Plinius dem Älteren vor 2000 Jahren erwähnt worden ist) und dann erreicht man Careno. Man durchquert den Ort und bleibt am besten beim Parkplatz am Friedhof stehen. Von dort geht es los. Wer es lieber "hard" hat, der steigt das Wildbachbett, gekennzeichnet mit roten Markierungen nach oben, wer es mehr "soft" will, der geht zurück auf der Straße Richtung Kirche, kann dort einen Blick noch auf eine Lourdesgrotte werfen, und biegt dann nach links auf ein steiles, mit Kieselsteinen und Beton befestigtes Bergstraßerl. Wunderbare Ausblicke nach Norden und Süden sind da möglich, die ursprüngliche Ruhe vielleicht auch gestört, wie bei uns, durch ein über dem See kreisendes Wasserflugzeug und einen Hubschrauber. Es geht ein paar Kehren hoch und dann hat man sein Ziel schon erreicht. Eine Brücke überquert ein Wildbachbett, das seinen Ursprung direkt an einer Felswand hat. Dorthin gilt es auf einen schmalen Steiglein zu gehen. Dann ist der Eingang schon zu sehen.

Als wir am 12. Februar 2002 mal die Höhle besuchten, da war der Eingang voller moderner Graffiti. Hammer und Sichel waren da an die Wände mehrmals gesprayt und auch anderes. Halten wird das nicht lange. Denn wenn die Hochwässer aus der Höhle schießen, dann wird alles auf seine Haltbarkeit getestet und solche Farbkleckse sind wohl bald wieder weg.

Ein bißchen Bücken, dann ein bißchen auf den Felsen auf- und abtanzen, bei einer Tropfsteinbarriere sich noch mal ein bißchen Bücken, dann ging es über Schotter einfach geradeaus. Eine Halle, ein See. Wer Gummistiefelträger war, kam trocken durch, Marcus zog sich die Schuhe aus und watete barfuß durch. Noch ein paar Meter weiter in einem horizontalen Gang, ein angeschlagener massiver Tropfstein links an der Wand, dann öffnete sich auf einmal ein steil in die Tiefe führender weiter Gang. Wer gut im Klettern ist, machts so, anderen ist wohl eher ein Seil zum Einhalten zu empfehlen. Unten geht es weiter schräg in die Tiefe, auch über eine Art Sandberg bis zu einem Siphon in 70 Metern Tiefe.

Der ist natürlich schon untersucht worden. Auf das Jahr 1925 gehen die ersten Forschungen der Gruppo Grotte Milano und der Gruppo Speleologico Comasco dort zurück. 1962 wurde er erstmals von Tito Samorè von der GGM überwunden. Er kam in einem lufterfüllten, schlammigen Gang heraus, der bis zu einem zweiten Siphon führte. Dieser hängt mit der Quelle des Systems zusammen, der sorgente perenne nella Frigirola, 34 m tiefer als der Eingang in die Maserahöhle und in 732 m Luftlinienentfernung. Weiter ging die Forschung. Im Moment scheint man an einem Ende angekommen zu sein, zumindest vorläufig. Zu Phantasien gibt die Örtlichkeit allen Anlaß, den oberhalb und hydrologisch mit ihr zusammenhängend ist eines der tiefsten und größten Höhlensysteme der Lombardei, das Abisso di Monte BülGuglielmo-System.


Am Friedhof von Careno
  Blick hinauf in Richtung Höhle
  Eine Lourdesgrotte am Weg
Beim Aufstieg
  Die Brücke über dem
Wildbachbett
Eingang mal mit
mal ohne Mensch
  Blick nach draußen
Marcus Preissner beim barfüßigen
Durchqueren des ersten Sees
Beim Fotographieren

Jenseits des Sees

  Abstieg
Geschundener Stalagmit

- wahrscheinlich waren es Menschen, aber vielleicht auch das Hochwasser

Details

ein paar Felsblöcke am Boden

poliert vom Wasser

an den Wänden
  Kieselsteine am Boden
  Wandpartie
Bodenstrukturen
   

Ein besonderes akustisches Phänomen tritt in dieser Höhle auf - aber auch in anderen, die ähnliche Verhältnisse haben. Stunden bevor das Wasser aus der Höhle zu fließen beginnt, ist plötzlich für die Bewohner der Umgebung bereits zu hören, was dann passieren wird. Mit lauten Getöse dringen Zehntausende Kubikmeter aus. Inzwischen gibt es eine wissenschaftliche Erklärung dafür. In 70 m Tiefe trifft man unter Normalbedingungen auf einen Siphon. Der führt zu einem weiteren Siphon. Kommt nun aus dem Berg viel Wasser heran, z.B. wegen starker Regenfälle, dann ergibt sich ein Druckgefälle. Zwischen den Siphonen kommt eine Luftblase unter immer größer werdenderen Druck, die sich dann plötzlich nach vorne entleert. So bekommt ein sehr gefühlsgeladenes Phänomen eine rationale Erklärung, aber erschreckend bleibt es noch immer, weil es halt "plötzlich" auftritt. Und wer um die Erklärung weiß, der kann sie sich dann auch "erklären". Allen anderen bleibt die Erscheinung "rätselhaft". Vielleicht auch nicht schlecht.

Literatur:

  ULTIME ESPLORAZIONI NELLA GROTTA MASERA; Speleologia 24,1991, S. 64ff.
Regione Lombardia Natura in Lombardia - LE GROTTE, Milano 1977
Sedlmair, Manfred Höhlen im Gebiet des Comer und Luganer Sees, DER SCHLAZ 52-1987, S. 34ff.
Cappa, Giulio La Grotta Masera di Careno, Atti Soc. It. Sc. Nat. e Museo Civ. St. Nat. Milano - 110/1: 39-61. 15-III-1970

 


[ Index ] [ Englisch version ] [ Höhlen und Höhlengebiete ] [ Kunst ]
[ HöRePsy ] [ Höhlenschutz ] [ VHM ] [ Veranstaltungen ] [ Links ]-