Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Wölfe und Höhlen und Mensch


Caspar David Friedrich - Wölfe im Wald



George Monbiot: For more wonder, rewild the world | Video on TED.com (Mit einem Abschnitt über die Bedeutung der Wiedereinsetzung von Wölfen im Yellowstone National Park und seine wertvollen Folgen für ein intaktes Ökosystem)


In der Höhlenromanklassiker Rulaman von D. F. Weinland wird schon eingangs mit der Szene "Vor der Höhle" das friedliche Steinzeitsetting beschrieben: "Nackte, gelbbraune Kinder mit schwarzen struppigen Haaren kollern auf dem weichen Grasboden herum....Die liegt ein zahmer Wolf, neben ihm ein etwa vierzehnjähriger Junge, der ihm Kopf und Nacken streichelt, während das Tier ihm gutmütig das Gesicht leckt." (Rulaman, S. 23) Der Wolf in seiner gezähmten Form wird uns als Freund des Menschen gezeigt.
Später unternehmen 2 Jungen und 1 Mädchen eine Wolfsjagd und das geht es überhaupt nicht so harmlos zu. In "Der weiße Wolf" geht es darum, den seltenen weißen Wolf oder Farka (ungarisches Wort für Wolf) zu erlegen, denn wer dieses Tier erlegt, der darf in Zukunft den Ehrentitel "Farkamate" tragen, denn, so Weinland, er stand "unter allen Jagdtieren jener Zeit, nur den ebenso seltenen Burria (den Höhlenbären) ausgenommen, obenan". (Rulaman, S. 135). Als "gierige Räuber" werden die Wölfe bezeichnet (Rulaman, S. 185) und als schlau: "Das hast du  gut ausgedacht, alter Stalpe." (Rulaman, S. 135). Am Ende nutzt alles "racheschnaubende Heulen" nichts, alles "wutbrüllende" Sich-Stürzen der "wütenden Raubtiere" auf die menschlichen Angreifer. Als "herrliche Beute", als "kostbare" Beute haben sie 5 Wölfe erlegt und fuhren sie "nach Hause". Es wäre nie zu diesem Wolfsschlachten gekommen, hätte man die Tiere nicht angelockt: "Die hungrigen Tiere...zerrissen gierig die Haufen Eingeweide, die ihnen die Jäger zurückgelassen" (Rulaman, S. 138) hatten. Und hätte man ein Feuer angemacht, dann hätte man die Tiere abgeschreckt, weshalb man darauf lieber darauf verzichtet hat und sich auf sichere Bäume zurückzog. Da ist alles schon drin in der Geschichte: vom Kuscheltier bis zur Bestie.

Der Wolf, lat. Canis lupus lupus, war "einst das am weitesten verbreitete Säugetier der Welt" (Heup, S. 29). Durch die menschlichen Nachstellungen, ja das Bemühen um radikale Ausmerzung, sind die Wölfe großenteils aus den Verbreitungsgebieten heute verschwunden. Es setzt aber langsam ein Umdenken ein, in Europa zählt das Tier, wenigstens auf dem Papier, "zu den am besten geschützten Tierarten Europas" (Kalb, S. 266). Auch in Deutschland gibt es inzwischen wieder eine kleine Wolfpopulation - im äußersten Osten der Republik in der Oberlausitz.

Was haben Wölfe mit Höhlen zu tun?

Es gibt eine Menge Höhlen, die den "Wolf" in ihrem Namen tragen:

- Wolfhöhle in der Reiteralm, 117/125
- Wolfschacht beim Mückenbründl, Untersberg, 1339/098
- Wolfsschacht im Hagengebirge, 1335/050
- Wolfsgrabenhöhle, 1911/50
- Wolfsgrube, 6845/124
- Wolfskluft 2861/21
- Wolfsspalte 6845/125
- Wolfssteighöhle 1863/65
- gouffre du loup, Rahon, Doubs
- grotte du Trou au Loup, Morteau, Doubs
- trou du Loup, Amathay-Vesigneux, Doubs   
- grotte des Loups, Vellevans, Doubs

Und in vielen anderen Höhlen hat man Reste früherer Wölfe gefunden, ohne daß ihr Vorkommen gleich namensgebend geworden ist. Eine kleine Auswahl:
- Die Merkensteiner Höhle | Heimatkunde für die Kinder der Volksschule Bad Vöslau / Niederösterreich
- Buchenhüller Mammuthöhle bei Eichstätt im Altmühltal
- Obernederhöhle bei Kelheim im Altmühltal
- Feldhof-Höhle
- Ramesch-Knochenhöhle/Totes Gebirge

Gibt es dazu eine echte Höhle oder ist das nur ein Werbegang?
- Bacharacher Wolfshöhle

 

Die "Wolfshöhle" ist Topos, der gerne verwendet wird. Ein Blick ins Internet genügt und zeigt die vielfältigen Anwendungsformen. Der Wolf ist kein Höhlentier, das sich, anders als z.B. der Bär, zu seinem Winterschlaf dorthin verziehen würde.

An Anfang seines Lebens steht allerdings der unterirdische Bau (beliebt ist der Platz unter dem Wurzelteller eines umgestürzten Baumes), der von den Wölfen angelegt wird, um darin alleine die Jungen zur Welt zu bringen und die ersten Wochen darin zu leben. Diese Bauten können bis zu 9 m lang werden und bis zu 1,50 m unter die Erde reichen. (Eine ausführliche Schilderung und bildliche Darstellung der Wolfshöhle findet sich in Ziemen, Wölfe, S. 32ff.)

Daß Wölfe während ihrer Lebenszeit in Höhlen eindringen, das ist fast nicht bekannt (siehe Herzog/Chauvethöhle).

Wenn sie tot sind, dann findet man ihre Überreste wieder in Höhlen. So kamen bei vielen Ausgrabungen in Höhlen Knochen von ihnen wieder zu Vorschein. Das war z.B. 1874 im Keßlerloch bei Thayngen der Fall. Als man im Heppenloch bei Gutenberg 1889 grub fand man in der Knochenbreccie sowohl die Knochen des sog. Wildhundes oder Alpenwolfs (Cuon alpinus) als auch Reste des Steppenwolfs (Binder, S. 118f.). Bei den Grabungen in der Bocksteinschmiede wurden ein außergewöhnlicher Fund gemacht: "ein durchbohrten Schwanzwirbel vom Wolf und ein anderes durchbohrtes Knochenstück vom Wolf aus der Zeit zwischen 50.000 bis 70.000 v. Chr." (Schulz, S. 20).

 

Kesslerloch

  Bocksteinschmiede

Ein interessantes Thema ist, ob sich auch Wölfe in der steinzeitlichen Wandkunst finden. Tatsächlich scheint das nicht der Fall zu sein. Jedenfalls ist in der vergleichenden Untersuchung sämtlicher bekannter parientaler Bildwerke, durchgeführt und publiziert von Leroi-Gourhan im Jahre 1982, basierend auf der Untersuchung von 72 Höhlensystemen, kein "Wolf" angeführt, allenfalls "Wildkatzen". Dominierend sind Pferd-Bison-Steinbock. Es berührt da schon seltsam, daß in einer großen Publikation über Wölfe, "Wölfe - Ein Mythos kehrt zurück", eine Kapitelüberschrift lautet: "Ur-Wölfe in der Steinzeitkunst". Darin wird von der Lascauxhöhle berichtet. Was fehlt ist allerdings jeder Hinweis auf eine Wolfsdarstellung!

Kann man daraus etwas über die Lebens- und Denkweisen unserer Vorfahren erfahren? Zum Beispiel über den Wolf?

Sahen auch sie den Wolf als ihren Bruder an, wie das bei den I n d i a n e r n gesehen wurde. Er galt bei ihnen als mutig und weise (Zimen, S. 44) und war der "Herrscher auf dem Lande" auf einem berühmten Wappenpfahl in British Columbia, begleitet vom Wal als dem Herrscher der Meere und dem Adler als König der Lüfte. Bei den Irokesen gab es "Sippen des Wolfes", sie sahen sich selbst als "Wolfskinder" (Schulz, S. 50). Bei den G e r m a n e n herrschte als oberste Gottheit Odin, der zu seinen Füßen zwei Wölfe, Geri (der Gierige) und Freki (der Gefräßige), die zu seinen Füßen wachten. Sie bekamen alle Speisen zum Fressen, die Odin in Walhall gereicht wurden, er ernährte sich nur vom Honigwein. Einige asiatische Geschlechter leiten ihre Herkunft direkt von mythologischen Wölfen ab, z.B. der Stamm Dschingis Khan. Und die berühmte Sage von Romolus und Remus steht für ein mütterlich-sorgendes Bild der Wölfin.

Dem vollkommen entgegen steht das negative Bild des Wolfes, als ein "Sinnbild für Kampf und Tod" (Schulz, S. 48). Im Mittelalter wandelte sich das Bild des Wolfes vollkommen. Er galt da nur noch als "schreckenerregender Wüterich, als Stellvertreter des Teufels und als Werwolf" (Zimen, S. 44). Karl der Große ließ in jeder seiner Grafschaften zwei Wolfsjäger (Luparii) einsetzen, der ausschließliche Aufgabe die Jagd auf den Wolf war. 1114 wurde in Santiago de Compostela der Aufruf an die gesamte Christenheit erlassen, jeden Samstag auf Wolfsjagd zu gehen, nur an den christlichen Feiertagen Ostern und Pfingsten nicht. Über Jahrhunderte hinweg ließ die Hatz auf die Tiere nicht nach. 1644 wurden in einem Erlaß in Ostthüringen, bei Todesstrafandrohung, die Bürger sogar gezwungen sich zur Wolfsjagd zur Verfügung zu stellen. Alle Methoden waren recht, Wolfsgruben, Wolfsfangeisen, Wolfsgalgen. Der geistige Krieg wurde auch mit den Mitteln des Märchens geführt: Die beiden Grimmschen Märchen Rotkäppchen und der Wolf und die sieben Geißlein werden noch heute den Kindern erzählt und erzeugen ein entsprechendes Wolfsbild. Eine besonders häßlich Variante ist der Werwolf, ein Ausdruck der schon seit dem 10. Jahrhundert gegen die Gegner des Christentums verwendet wurde. Mit der Inquisition erlebt diese Idee einen einsamen Höhepunkt. Der Werwolf ist Gehilfe des Teufels, ist ein blutrünstiger Dämon, der Menschen frißt, Schafe reißt und mit dem Teufel Kontakt pflegt (Schulz, S. 72) Tausende von Frauen und Männern wurden unter dieser Bezeichnung oft grausamst umgebracht. Am Ende des 3. Reiches erlebte die Idee eine schlimme Wiederauferstehung (Kalb, S. 322).

Haben unsere frühen Vorfahren über Wölfe gut oder schlecht gedacht? Das Nichtvorhandensein von Darstellungen ist ein Rätsel und macht das Nachdenken darüber in keiner Weise leichter. Haben sie einfach mit diesem Tier gelebt wie mit allen anderen Tieren. Der Konkurrenzdruck um die "Beute" war sicherlich niedrig, da es nur wenige Menschen gab und viel "Natur" drum herum. Kam es damals gar nicht zu einer Versymbolisierung ins Gute oder Schlechte hinein? Ein kluger philosophischer Satz, daß es oft wichtiger ist gute Fragen zu stellen als scheinbar die Antwort auf alles zu wissen. Das scheint mir hier auch so zu sein.

Eine außergewöhnliche Literaturstelle gibt es in einem Buch aus dem 1. Weltkrieg: "Der Kampf im Feindesland - Im Schlachtgetümmel des Weltkriegs" von Georg Gellert, erschienen 1915. In dem Kapitel "Auf dem Wege nach Warschau" wird der Protagonist der Handlung, Rudolf Hellwig, mit einem Erkundungsauftrag der feindlichen Stellungen losgeschickt, zusammen mit 2 anderen Kameraden. Diese werden erschossen und ihm bleibt nur noch der schnelle Rückzug. In einer Senke entdeckt er eine "Höhlung", geht hinein, und ist erst einmal "gerettet". Dann hört er aber "klagende, knurrende Laute" und wird sich bewußt, wo er wirklich war: "er befand sich in einer Wolfshöhle". (S. 200). Mit seiner Taschenlampe erleuchtet er das "geheimnisvolle Dunkel" und im "scharfen Lichtstrahl" zeigen sich "drei mächtige Wölfe". "Sein Plan war gefaßt. Er wollte von seinem Platz aus die Bestien niederschießen." Die Wortwahl des Textes ist so, daß sie das damalige Zeitkolorit direkt wiederspiegelt: "Noch standen die drei Bestien zusammengedrängt in der Ecke. Dahin richtete er den Lauf seines Gewehrs. Er legte an, drückte ab und schoß das Magazin hintereinander leer. Eben hatte er neue Patronen in die Kammer geschoben, als er wütend von einer der Bestien an der Schulter angefallen wurde. Jetzt galt kein Besinnen. Mit der Linken riß er das Seitengewehr aus der Scheide und stieß es dem Wolf mehrmals in den Leib. Das Raubtier sank um. Von seiner Schulter rann es warm herab..." Das Ende: "Diese drei Feinde hatte er besiegt." Von Feinden gab es genug damals, im Buch kann man das nachlesen: die "russischen Hunnen", die Menschen aus dem "perfiden Albion", "diesem falschen, eigennützigen, hartherzigen Krämervolk", den Engländern, den Franzosen und vielen vielen andern. Sie stellten sich alle nicht bedacht, daß es da "einen deutschen Mut, eine deutsche Energie und einen deutschen Willen geben konnte, um jeden Preis zu siegen!" (S. 176) Und dann stellt sich auch noch die Natur in Gestalt von "Wölfen" dem Kaiser und dem Vaterland entgegen! Da muß einfach die "Natur" unterliegen, sonst wären das ja alles hybride Hirngespinste gewesen!

In dem Tomb-Raider-Computerspiel im Bereich Peru kommen eine sehr problematische Vorstellungen im Bereich Höhle-Mensch-Wolf klar zum Vorschein: "Wölfe sind gemeine Viecher, wenn sie einem zu nahe kommen und in die Ecke drängen. Am besten mit genügend Abstand erledigen, mit springen und Rollen vermeiden in die Ecke gedrängt zu werden. Immer schön umkreisen und rumhüpfen während des Schießens. Wölfe treten oft zu mehreren auf." Gegen solche Grundannahmen gibt es keinen Widerspruch mehr. So wird die Welt von den sog. Experten gesetzt, egal wie sie wirklich ist. Was dann halt auch nicht folgenlos bleibt, sondern tief hineinwirkt in unseren kleinen Planeten mit Folgen, die wir nicht abschätzen können.

Die "Höhle des Wolfes" als ein Ausdruck, der für einen Ort steht, den fast niemand kennt, so wird der in der Geschichte "Und die Vögel werden vom Himmel fallen" von Yasar Kemal verwendet. Es geht darin um Dolapdere, ein ganz besonderes Stadtviertel von Istanbul. Dort lebt auch Ali Schah, "die berühmteste Persönlichkeit". "Niemand weiß, wo sein Geburtshaus steht, unbekannt ist es wie die Höhle des Wolfes." (Merian 173)


Ein Wolf im Freigehege des Tierparks Hellabrunn in München / 2015


Filmhinweis:

"Die Rückkehr der Wölfe" - ein Film von Thomas Horat, 2019, Schweiz, 90 Minuten, 
Drehorte: Ernstbrunn AT, Salzburger Land AT, Rila Gebirge BG, Vlahi BG, Calanda CH, Eritztal CH, Valle Morobbia CH, Wallis CH, Lausitz DE, Ely MN. USA, Minneapolis-St. Paul MN, USA, Schlesien PL, Warschau PL

Für Wolfsfans ein Muß!


2022 Die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber: "Man muß ein Raubtier, das übergriffig geworden ist und ganz offensichtlich seine Scheu verloren hat, auch mal entnehmen." (Beck, der Wolf als Staatsfeind)


Literatur:

Beck, Sebastian Der Wolf als Staatfeind, SZ Nr. 13, 18.1.2022, R 9
Binder, Hans Höhlen der Schwäbischen Alb, DRW, Leinfelden-Echterdingen 1995
Gellert, Georg Der Kampf im Feindesland, Erzählung aus dem Völkerkriege 1914/15, Verlag Jugendhort, Berlin 1915
Hackländer, Klaus Er ist da. Der Wolf kehrt zurück, Ecowin-Verlag, Salzburg, München 2020
Hartmann, Helga und Wilhelm Die Höhlen Niederösterreichs Band 4, Wien 1990
Heup, Jürgen Bär, Luchs und Wolf - Die stille Rückkehr der wilden Tiere, KOSMOS, Stuttgart 2007
Kalb, Roland Bär Luchs Wolf - Verfolgt Ausgerottet Zurückgekehrt, Leopold Stocker Verlag, Graz Stuttgart 2007
Kemal, Yasar Und die Vögel werden vom Himmel fallen, in: Das große MERIAN Buch - herausgegeben von Manfred Bissinger, Hoffmann und Campe, Hamburg 2008
Knoben, Martina Räuber wie wir, SZ Nr. 217, 19./20.9.2020, 20
Leroi-Gourhan, André Prähistorische Kunst - Die Ursprünge der Kunst in Europa, Herder, 5. Auflage, Freiburg 1982
Morizot, Baptiste Philosophie der Wildnis oder Die Kunst, vom Weg abzukommen, Reclam 2020
Reichholf, Josef H. Der Hund und sein Mensch - Wie der Wolf sich und uns domestizierte, Hanser, München 2020
Sala, Enric Die Natur der Natur, National Geographic, 2020
Schulz, Olaf Wölfe - Ein Mythos kehrt zurück, München 2011
Stangneth, Bettina Sexkultur, Reinbek, 2. Auflage 2020
Weinland, D. F. Rulaman, Berlin 20. Auflage
Weiss, Marlene Erbarmungslos - Die Wölfe sind zurück in Deutschland, ihre Zahl wächst. Süddeutsche Zeitung Nr. 107, 10./11. Mai 2014, HISTORIE V2 9
Weiss, Marlene Die Räuber sind zurück, Süddeutsche Zeitung Nr. 292, S. 16, 19. Dezember 2014
Zimen, Erik Wölfe, Ein WASISTWAS-Buch, Tessloff-Verlag, Nürnberg 2010

Links:

zu Wolf allgemein:

zu Wolfshöhle

 


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