Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Landschaft und Höhlen am Hochkönig, Salzburg

Beim Flug in die Türkei am 4. August 2004 - ein Blick auf den Höchkönig / Ein Schacht am Weg, Juli 2009/ H4 steht am Eingang


Auf dem Gipfel des Hochkönigs in 2.941m Seehöhe hat man den höchsten Punkt der Salzburger/Berchtesgadener Kalkalpen erreicht. Ringsum liegen die Gipfel alle mindestens um ein paar Meter unterhalb von einem, zumindest wenn man Richtung Osten, Norden oder Westen schaut, ein sinnlich nachvollziehbares Erlebnis. Dort oben zu stehen, wenn die Sonne auf- oder untergeht, das kann schon ein ganz großes Erlebnis sein. Ist schlechtes Wetter, dann ist kein Raum für romantische Anwandlungen, dann gilt es im Zweifelsfall auch einmal einen Ruhetag einzulegen. Wenn dann das Wetter wieder etwas besser ist, dann sieht man auch die kleinen Markierungen wieder, die einem den halbwegs sicheren Weg zurück ins Tal, in die Zivilisation zeigen. Und man hat ja noch einige Stunden Wegstrecke vor sich, hinunter vom Matrashaus, das auf dem höchsten Punkt steht.

1865 entstand die erste kleine Unterkunft auf dem Gipfel, nicht gerne gesehen von den "Herrschern", worauf auch immer sich deren "Herrschaftsanspruch" auch gegründet hat, ob auf die "Kirche", ihre "Herkunft", ihr "Geld" oder das "Wählervotum". Denn sie haben gerne dieses Gebiet und das nahe gelegene Hagengebirge, und auch andere Regionen in der Nähe, als ihr ureigenstes Revier nur gesehen ("Erzbischöfe, Adelsherren und Großindustrielle"), in dem eben nur sie das Sagen haben wollten. Früher haben sie sich halt auf "Gott", ihr "Blaues Blut" berufen - heute? Ihre "Moneten"?

Zugänglich ist heute der Hochkönig für jeden, sofern er dazu in der Lage ist und das Wetter mitmacht (Vor 30 Jahren habe ich einmal einen Mann auf dem Matrashaus gesehen, der kam mit einem Bein herauf und einem Holzbein! Er hat es geschafft und es sich selber wohl beweisen wollen). Der einfachste Zugang führt über das Arthurhaus und auf 1.500 m Seehöhe. Das bedeutet zwar immer noch fast 1.500 m Aufstieg, aber ist wesentlich weniger als alle Alternativen, wo mindestens 2.000 Höhenmeter zu überwinden sind. Die kapitalistische Zeit ist allerdings auch hier angebrochen: Wer sein Fahrzeug parken will, der muß schon 2,50 € am Ende in den Schlitz des Geldschluckers am Ausgang bereithalten.
4 bis 6 Stunden Aufstieg liegen vor einem - dies verkünden die Wegschilder am Beginn des Anstiegs (Der Rekord für den Lauf zum Gipfel von diesem Punkt aus soll unter 1,5 Stunden liegen!). Anfangs geht es auf einer geschotterten Straße 150 m hinauf zur Mitterfeldalm, dann beginnt der alpine Steig. Erst führt der Weg noch gut begehbar unterhalb der Mandlwand entlang, dann immer steiler aufwärts zum Ochsenriedel, wo der karstige Untergrund anfängt, links an der Torsäule vorbei, den Schartensteig hoch, an der Schweizertafel vorbei, bei Schweizerweg ist man schon auf 2.700 m Höhe, dann noch den Schlußanstieg, und man steht vor dem Matrashaus auf dem Gipfel.

Aus der Sicht eines Höhlenforschers beginnt die spannende Zone schon viel früher, auf rund 2.000 Metern Höhe. Auf einmal sind überall Karrenflächen, kleine Wändchen, Senken mit Schneeresten. Direkt am Weg ein Schachteingang. "H4" ist mit roter Farbe an den Höhlenmund geschrieben worden. Es würde nur ein paar Meter senkrecht hinuntergehen, aber eine Fortsetzung ist nicht wirklich auszumachen. Müll liegt am Boden, typisch für unsere Zeit, schnell weg.
Schaut man in die Runde, so sind unübersehbar in der Ostwand des Schoberkopfes die Eingänge in die "Teufelskirche" zu sehen. Die Menschen früher haben sie auch schon gesehen und sie genutzt. Eine Steinmauer steht noch heute im Innern der Höhle, die wohl mal als Unterstand der Schafhirten gedient hat. Auch eine Sage rankt sich darum: Ein Senner sei vom Teufel geblendet worden und er habe den Höhleneingang mit einer Kirchentüre verwechselt. Der Senner sei hineingegangen und "nicht mehr an die Oberwelt zurückgekommen". Innen und Außen - wo finde ich das "Lebensglück"? In meinem Inneren oder im Draußen?

Laut dem im Jahre 1996 veröffentlichten Ergänzungsband zu den Salzburger Höhlenbüchern weist der "Hochkönig" 62 bekannte Höhlen auf. Hinsichtlich der Länge ist der "Wandbachfall" der Tabellenführer mit 2,5 km Länge, die tiefste Höhle ist die Höhle "SG 1/1" mit 303 m. Die geologischen Verhältnisse sind so, daß da nur der Anfang ist: "Das hochgelegene Plateau und die Mächtigkeit des Dachsteinskalks lassen sehr tiefe und ausgedehnte Höhlensysteme vermuten." (SHB 3, S. 19).


Im Juli 2009 war ich mit einem Kollegen aus der Schule wieder einmal dort, Karl-Heinz Bürck. Das stressige Schuljahr neigte sich endlich zu Ende, das Wochenende brach an, wir fuhren los. Die Wettervorhersage war mies, aber der Grundoptimismus stärker. Und wir haben was erlebt, wofür ich nur dankbar sein kann, daß es so gewesen ist. Zum Beispiel hatten wir Riesenglück. Denn genau in dem Moment, wo ein massiver Wolkenbruch niederging und eine der Helferinnen vom Matrashaus herunterkam und uns erzählte, daß dort die "Hölle los sei", da standen wir unter dem Dach der Mitterfeldalm, bestens geschützt vor allen Wettern. Gegen 17 Uhr besserten sich die Wetterverhältnisse ganz massiv, auf einmal war nur noch wolkenloser Strahlehimmel überall, um 19 Uhr entschieden wir uns am Fuße der Torsäule dann doch zum Rückzug und nicht zum Durchstarten aufs Matrashaus. Gar nicht so selten ist Weniger Mehr, das war auch hier so. Beim Rückweg schauten wir ein wenig genauer aufs Gelände und fanden den Eingang zu H4. Wie die Höhle im Kataster heißt, das weiß ich noch heute nicht, jedenfalls bin ich ohne Seil nicht zum Grund abgestiegen. Auf dem Rückweg unterwegs stießen wir noch auf ein ausgewachsenes Murmeltier, das sich mitten auf dem Weg hoch aufgereckt hatte und wohl überrascht war, als um diese späte Zeit noch jemand am Eingang seines Baus vorbeikam. Dann waren da noch zwei Gemsen (ich schreibe nicht Gämse, weil ich das für eine Beleidigung meines deutschen Sprachverstandes halte, der halt auch traditionsgeprägt sein muß), die uns zeigten, was wirklicher Umgang mit Bergen ist. Souverän überwanden sie steile Felsstellen ohne auch nur im geringsten eine Schwankung oder Unsicherheit zu zeigen. Von oben herab haben sie uns zwei Erdlingen zugesehen.

Beim Arthurhaus, Juli 2009
   
Mitterfeldalm
 
   
 
 
 
 
 
 
 
 
   
Die Torsäule
Bratschenkopf
 
 
   
Eingänge Teufelskirche 1332/1
  H 4
 

Abends zurück in der urgemütlichen Mitterfeldalm. Sie ist wirklich ein Schmuckstück, das noch gar keine große Geschichte hat. Denn ist eigentlich vor wenigen Jahren erst neu erbaut worden, auf dem Platz wo früher schon andere Hütten gestanden haben. Geld hat offenbar keine Rolle gespielt, es sollte einfach ein handwerkliches Meisterstück hingestellt werden, was auch gelungen ist. Da auch noch ein tüchtiges Pächterpaar das Haus bewirtschaftet, ist der Aufenthalt einfach eine Freude. Schön, daß es solche Orte noch gibt. (Wahrscheinlich sollte ich so etwas gar nicht ins Internet setzen, weil das dann alle lesen und auch hinlaufen, und am Ende dann genau das rauskommt, was woanders auch schon die Atmosphäre verdorben hat.)

In der Nacht auf der Hütte gab es dann so eine Grenzsituation: Alle Anwesenden sind aufgewacht! Gegen 3 Uhr früh hat ein Blitz eingeschlagen, glücklicherweise nicht in die Hütte, sondern irgendwo ganz in der Nähe. Eine Explosion war da zu vernehmen, erschütternd, verunsichernd, so wie im Krieg, der, für uns glücklicherweise, gerade woanders auf unserer Erde stattfindet. Am nächsten Morgen regnete es, was der Himmel hergab, Nebel überall, auf der Höhe Schneefall. Wären wir aufs Matrashaus hinaufgestiegen, dann hätten wir wohl einen Hüttentag besser eingelegt. Am Sonntag wurde das Wetter dann wesentlich besser... Kein Problem dann mehr.

 

Unvollendetes will vollendet werden. Das war schon eine der Kerneinsichten der sog. Gestaltpsychologie. Wir hatten unsere abgebrochene Hochkönigtour unabgeschlossen in uns. Vom 11. bis 13. August 2013 war es so weit. Am Sonntagabend ging es hinauf zum Arthurhaus, dann zu Fuß bis zur Mittelfeldalm, wo wir übernachteten. Das Wetter schien mitzuspielen. Wir brachen früh auf schafften es tatsächlich, bis hinauf zum Matrashaus zu kommen. Inzwischen hatten sich schon dicke Wolken zusammengezogen, verhüllten das Haus auf dem Gipfel. Das letzte Stück hinauf zum höchsten Punkt ist ja mit einer soliden Eisenleiter jetzt ausgestattet und ein schräges horizontales Felsstück ist mit einem Aluminiumrost versehen. Am Ende geht es dann, links und rechts Ketten in der Hand ganz hinauf auf den breiten Rundgrat und dem großen Matrashaus.

Manchmal soll es hier richtig zugehen, denn es können mehr als 150 Personen gleichzeitig Unterkunft finden. Diesmal waren es weit weniger, vielleicht 20, die sich aufs Haus verteilten. Was für ein wohltuender Kontrast in der warmen Stube zu sitzen, während draußen die Temperaturen immer mehr runtergingen. Dramatische Wettersituationen und Wolkenstimmungen draußen, die auch noch alle paar Minuten komplett wechselten. Mal glühte die untergehende Sonne hinter Wolken, dann regnete es und blies der Sturm. Dann bildete sich ein kurzes Stück eines Regenbogens, dann wieder Waschküche vor der Hütte. Um 6 Uhr gab es Essen. Einfaches Essen, Gulasch, Spaghetti usw., aber schmackhaft, und man konnte sich auch noch eine zweite Portion holen, wenn man noch nicht wirklich satt war. Und einen prima Mischsalat auf Krautbasis hab es auch. Das hatte nachts so manches Tönchen im Schlafsaal zur Folge.

Morgens gibt es zwischen 6.30 Uhr bis 8 Uhr Frühstückbüffet. Da es automatisch im Hüttenübernachtungspreis mit einbeschlossen ist, eine Eigenheit, auch möglich, weil die Hütte nicht dem Alpenverein gehört, sondern dem ÖTK, dem Österreichischen Touristenklub. Kaffee, Tee, schmackhaftes Korianderbrot in Scheiben, 2 Marmeladen, Honig aus großen Töpfchen, kleine Butterstückchen, im Wasser treibend. Gute Ideen, um den Müllanfall in Grenzen zu halten.

Ein Kernthema auf der Hütte: Wie wird das Wetter morgen? Viele Tourenpläne hingen entscheidend davon ab? Die Wetterberichte, hereingeholt mit Hilfe des Dutzend Handys, versprachen nur Mieses. Manche ließen das schlechte Wetter über Nacht vorbeiziehen, manche verkündeten es erst für den nächsten Mittag. Nachts stürmte und regnete es so gewaltig, daß wir es sogar noch in den Schlafräumen mitbekamen. Der Blick am Morgen aus der Hüttentür verhieß nichts Gutes. Regen und Wolken draußen. 5 Minuten später riß es auf und ein Blick auf die Berge der Zentralalpen war kurz drin. Dann wieder Nebelsuppe.

Als wir aufbrachen, da hatten wir gerade einen besonders schlechten Moment. Das Paar vor uns hatte sich schon ihre Extremitäten in  Mützen und Handschuhe gehüllt und rauschte talwärts. Dann verliefen sie isch ein wenig und kamen nach einer langen Schleife beim Abzweiger zur Ostpreussenhütte wieder zurück auf den "Pfad der Tugend", bzw. zur Mitterfeldalm. Dann waren mit einem Schlag alle Wolken weg, die Frühsonne strahlte, tauchte alles in ein zauberhaftes Licht mit großer Schärfe, die Körperhüllen wurden in den Rucksack gepackt, alles schien in bester Ordnung zu sein. Zwei Stunden später duschte es richtig, aller Regenschutz war ziemlich umsonst, durchtränkt von der Nässe strebten wir nur noch abwärts. Es war nicht überraschend, daß uns eigentlich niemand entgegenkam. Da waren dann doch einmal zwei Burschen, kurz vor der Mitterfeldalm dann doch ein Paar. Wir beneideten sie nicht. Die hatten noch etwas vor sich!

Im Arthurhaus war wieder gut sein. Wieder trockene Kleider, ein frisch gezapftes Bier, Erdäpfelstrudel mit einer weißen Sauce auf Gemüsebeet, was das Leben nicht doch für Köstlichkeiten und dazu passende Situationen kennt! Nicht nur immer Steine, Steine, Steine.

Abgebrannte Hütte in der Nähe des Arthurhauses

Dunkle ziehende Wolken über den Manndlköpfen

Südflanke des Tennengebirge im Abendlicht

Bei der Mittelfeldalm

 

 
Einsprengsel von Hirlatzkalk
Streichelschaf
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
   
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 
     
 

Literatur:

Klappacher, Walter, Knapczyk, Harald, Gesamtredaktion,
herausgegeben vom Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg
Salzburger Höhlenbuch Band 3, Salzburg 1979
Klappacher, Walter, Gesamtredaktion Salzburger Höhlenbuch Band 6, Salzburg 1996

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