Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Höhlen bei Hintertux, A


Nach Hintertux in 1500 m Seehöhe kommt man, wenn man dem Zilllertal bis ans Ende folgt. Wer sich auskennt, der kann bereits vom Parkplatz der Skiliftstation die Eingangsregionen der beiden bedeutendsten Höhlenregionen ausmachen. Am linken Talschluß sieht man einen kräftigen Wasserfall herunterschießen. Er kommt aus der Schraubenfallhöhle. Und 1000 m oberhalb von einem kann man ganz winzig bereits das Spannagelhaus ausspechten, das direkt über dem Eingang zur bedeutendsten Höhle Tirols steht, der Spannagelhaushöhle.

Wer gerne zu Fuß geht, der kann auf einem gut ausgebauten Weg hinaufsteigen. Wer es lieber einfach hat, den bringen die Gondelbahnen in kurzer Zeit auf diese Höhen. Man braucht nicht zu staunen, dort auch im Hochsommer Leute mit Skistiefeln herumlaufen zu sehen, denn die oberste Sektion der Seilbahn bringt einen hinauf auf über 3000 m Höhe, wo ganzjährig Skilauf möglich ist.

Zur Höhle verläßt man die Seilbahnen bei der zweiten Sektion, dem Tuxerfernerhaus. Ein Blick aus der Gondel lohnt sich in diesem Abschnitt sehr, einmal wegen der grandiosen Naturkulisse draußen, den Gletscher der Gefrorenen Wand, rüber zum Hohen Riffler mit seinen 3228 m und auf das große Karstgebiet um das Spannagelhaus bis hinüber zum Fuß der Lärmstange, die 2684 m hoch ist. Wer es weiß, der kann auch den Eingang in die Schrägplattenhöhle von der Gondel aus sehen.

Verläßt man die Seilbahn in 2610 m Höhe, dann lohnt sich auch der Weg zum Gletscher. Zumindest war das am 28. August 2003 noch lohnend, als wir zwei, Willi Adelung und ich, an einem schönen Sommertag da mal vorbeischauten. Es gab nämlich mehrere kleine Gletscherhöhlen zu besichtigen. Aus den beiden großen Öffnungen schoß das eiskalte Wasser wild heraus, aber in der Nähe waren noch kleinere Löcher, die einen Blick unter die aufgeraute Eisoberfläche möglich machten.

Fast 100 m tiefer steht die Spannagelhütte auf exponiert direkt an einer senkrecht abbrechenden Felskante. Der Weg dorthin ist nicht zu verfehlen. Breite künstliche Wegtrassen lassen einen fast vergessen, daß man im Hochgebirge ist, zumal auch noch mehrere Autos herumstanden. Offenbar kann man heute hierher auch einfach rauffahren. Überall sind kleine und große Schilder, die einen einladen, die ganzjährig besuchbare Höhle sich doch anzusehen. Wir kamen gerade an, als sich die nächste Führung um den urig aussehenden Höhlenführer scharte. Alle hatten Einheitskleidung an, einen gelben Bauhelm und einen gelben Regenmantel mit Schauhöhlenaufdruck. Wer es gebraucht hätte, der hätte auch noch passende Stiefel bekommen können, keine abseitige Idee, denn mit Skistiefeln die Tour zu machen, das wäre ziemlich unpassend. In der Hütte löst man die Eintrittskarten, wofür man ganz schön tief in die Tasche greifen muß, 11 € immerhin. Es sind nur ein paar Meter auf einem Steig mit Geländer zum nur wenige Meter unterhalb der Hütte gelegenen Eingang. Ich war 1974 schon mal hier gewesen und schon ganz gespannt, wie sie aussehen würde, das seit 1994 aus Schauhöhle ausgebaute Loch.

Es ließ sich schnell leicht erkennen, daß sich eine Menge geändert und gebessert hat. Noch 1974 fanden wir in der Eingangszone haufenweise den Müll aus der Hütte vor. Früher war das einfach die bequemste Möglichkeit, den Hüttenabfall zu "entsorgen".

1974 - im Bild Reinhard Maier

Zumindest oberflächlich war man ihn los. Der ist heute aller wieder draußen und es wird wirklich sehr auf den Naturschutz dort geachtet. Eine zweite enge Verbindung mit der Hütte gab es damals auch noch. Die Toilette. Die "entwässerte" nämlich direkt in die Höhle und als wir den Wassergang bis an sein Ende verfolgen wollten, war das eine sehr bittere Angelegenheit. Denn es gab dort einen solch üblen Gestank von den Fäkalien, daß auch der Hartgesottenste irgendwann man aufgab. Auch das ist heute vorbei.

Man hat die Höhle ziemlich schonend ausgebaut, hat z.B. die Wege nicht betoniert, sondern vorwiegend das vorhandene Plattenmaterial hergenommen, um den Boden zu ebnen, hat so viele Stufen geschaffen. Vereinzelt wurden in den Fels Trittflächen geschlagen, Eisenklammern in Felsstufen gesetzt, an vielen Stellen kann man sich an einem ummantelten Stahlseil festhalten. Die Höhle ist elektrisch beleuchtet, so daß individuelles Licht nicht notwendig ist. An einer Stelle überspannt eine Stahlseilbrücke einen tiefe Höhlenstelle. Was man vermieden hat, ist, die Höhle an engen Stellen zu erweitern. Mit ein, zwei Sprengschüssen hätte man die engen Stellen, z.B. beim Postkastl, leicht weiter machen können, aber das hat man unterlassen. Man wird eher vom Führer gefragt, ob man ein Unwohlsein oder eine Beklemmung fühle, und wenn ja, dann solle man besser auf dem selben Weg zurückgehen, den man hereingekommen sei. Denn es geht dann in einen schmalen, felskanalartigen Gang wieder weiter. Das ist alles überhaupt nicht gefährlich, sondern ist eine auflockernde, kuriose Besonderheit.

Auf dem kurzen Stück der Höhle, die für den Publikumsverkehr erschlossen ist, gibt es nicht unbedingt viel zu sehen. Nackter Fels bestimmt den Raumcharakter, aber der hat es an sich. Die Höhle liegt nämlich in einen nur rund 20 m dicken Schichtpaket von Hochstegenkalkmarmor, das direkt auf dem darunter liegenden Gneis aufliegt. Darüber kommt dann gleich das Gestein der Gletschermoräne. In dieses schmale Paket hat nun das Gletscherwasser seinen Weg gewissermaßen gefräst und was dort für Kräfte gewirkt haben, davon zeugen die zahlreichen großen Strudeltöpfe, die im Gneis ausgefräst worden sind. Einen davon hat man ausgegraben. 3 1/2 m kam man hinunter, eh die Sohle erreicht war. Er ist heute ein besonderes Schaustück in der Höhle. Auch große, vollkommen zugerundete dunkelfarbige Felsbrocken liegen immer wieder herum und bezeugen, daß sie vom Wasser hier herein transportiert worden sind. Geologischer Höhepunkt ist sicherlich die Wand mit den vielfarbigen Marmorschichten, die Zeugen eines früheren Flachmeers in dem er sich gebildet hat. Beim genauen Betrachten sieht man auch, daß diese Schichten nicht ungestört sind. Offenbar sind die feinen Kalkplatten bei der Gebirgsbildung zerbrochen und gegeneinander verschoben worden - man kann sehen, daß es sich auch bei den Gesteinen um nichts Totes handelt, im Sinne eines Nichts-rührt-sich-da-Mehr, sondern daß es auch hier Veränderung und Bewegung gibt.


Aus anthropospeläologischer Sicht ist noch interessant, was der Mensch alles in die Höhle gebracht hat. Neben den Dingen, die für den Ausbau zur Schauhöhle notwenig waren, gibt es an drei Stellen Sachen, die wohl ihren "Reiz" erhöhen sollen. An einer Stelle sieht man in einem schmalen Seitengang auf einmal eine in einen gelben Schlaz gestecktes und mit einem Bauhelm versehenes Wesen. Die Puppe eines Höhlenforschers soll dem Besucher zeigen, wie es wohl an vielen anderen Stellen zugeht, wenn mal richtig geforscht wird. Die Reaktion bei den meisten Besuchern wird wohl ein leichter Schauer sein, wenn sie so etwas sehen. Im "Wassergang" wurde eine eiserne Kunstfigur aufgestellt, die aus einer Aneinanderreihung von polierten dunklen Kieselsteinen besteht. Kitsch? Kunst? Am Ende des Ganges stößt der Besucher auf ein spinnenwebartiges Eisengebilde mit einer Fledermaus in der Mitte. Dahinter ist der Weg versperrt und es nur noch ein Durchblicken möglich. Dahinter ist eine Sammlung von verschiedenen Sinterstücken, die man in der Höhle aufgesammelt hat, um sie den Besuchern zeigen zu können. Außerdem gibt es noch Bergkristalle und einen Höhlenbärenschädel zu sehen, die ein Mineralienhändler aus dem Tal zur Verfügung gestellt hat. Kurz zuvor versucht sich der Führer mit einem Witz: "Kinder schauts mal nach, ob der Höhlenbär noch da ist. Hoffentlich hat er schon zu Mittag gegessen."

Was der Besucher zu sehen bekommt, ist nur ein ganz kleiner Teil des gesamten Systems. Lange Zeit hindurch war nur der Eingangsteil bekannt. Im dem 1988 erschienenen Buch "Die längsten und tiefsten Höhlen Österreichs" wird noch eine Länge von 3500 m angegeben und eine Gesamttiefe von 334 m. Das hat sich vor allem in den letzten Jahren gewaltig verändert. Heute ist die Rede von mehr als 10 km Gesamtganglänge und würde immer noch weitere Teile finden. Der heutige Plan zeigt zwei große Äste, von denen einer bis an den Fuß der Lärmstange reicht und tiefenmäßig bis zu einer Liftstation im Talgrund. In der Alpenvereinskarte "Zillertaler Alpen" sind noch zwei weitere Höhlen eingezeichnet, die Sandeckhöhle und die Schrägplattenhöhle. Während die Schrägplattenhöhle wohl jedem leicht auffällt, der man Weg hinunter nach Hintertux folgt, ist die Sandeckhöhle erst sichtbar, wenn man schon unmittelbar davor steht. Bei beiden sind an den Eingängen Alutaferln mit Namen und Katasternummer angebracht. In der Sandeckhöhle sind die vielen, manchmal schon halb herunterhängenden Kalkplatten sehenswert. Ins Eck hatte ein unbekanntes Tier seinen Kot gebracht, der nun süßlich die Luft "verbesserte".

Das zweite bedeutsame Höhlengebiet liegt ein paar hundert Meter tiefer um die Schraubenfallhöhle. Wer mehr davon sehen will, der muß beim Abstieg sich rechts vom Bach halten. Auch dort führt ein Steig talwärts. Erst ist hier eine tiefe Schlucht im Kalkmarmor, in die man an verschiedenen Stellen hinabblicken kann. Dann ist auf einmal der spektakuläre Blick in das Rieseneingangsmaul der Schraubenfallhöhle möglich. Hier verschwindet das Wasser endgültig im Untergrund. Drüber ist eine ganz normale Berglandschaft mit felsdurchsetzten Wiesen. Aber nach 140 m kommt der Bach schon wieder ans Tageslicht und stürzt in einem ansehnlichen Wasserfall das letzte Stück herab bis auf den Talboden.


Wegen der starken Gletscherschmelze gab es eine starke Wasserführung, die jede Befahrung zu diesem Zeitpunkt zu einem Selbstmordunternehmen gemacht hätte. Es muß aber möglich sein, geeignete Wasserverhältnisse vorausgesetzt, eine Durchquerung der Schlucht und der Höhle zu unternehmen. Ein Zettel am unteren Ende des Naturschutzgebiets informierte über NATURSPORT, eine Firma, die hier offenbar aktiv ist. Alles gibts da im Angebot. Vom Höhlentrekking in der Spannagelhaushöhle, über Crevassing (wohl das Abseilen in Gletscherspalten) bis zu allen möglichen Canyoning- und Höhlentouren durch das Gebiet des Schraubenfalls. Und das für Kinder, Touristen bis hin zum Managertrainung. So wird hier alles genutzt.


Literatur:

Pfarr, Theo, Stummer, Günter

Die längsten und tiefsten Höhlen Österreichs, Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift "Die Höhle" 35, Wien 1988

Krejci, Günther

Neuland in der Höhle beim Spannagelhaus! Mitteilungen des Landesvereins für Höhlenkunde in Tirol, Nr. 47-1995, S. 23ff.

Trimmel, Hubert

Die Klamm des Tuxerbaches bei Hintertux (Tirol) und das Alter der Schraubenfallhöhle, Die Höhle 2-1967, S. 54ff.

JACOBY, E. u. KREJCI, G. Die Höhle beim Spannagelhaus und ihre Umgebung. Tuxer Alpen (Tirol), 1992
Bouchal, Robert, Wirth, Josef Österreichs faszinierende Höhlenwelt, Pichler-Verlag, Wien 2000
Prantl, Dominik Zwölf Kilometer Käsekeller, in: Süddeutsche Zeitung REISE 1. Dezember 2011, Nr. 277, Seite 40

Links:

http://www.showcaves.com/english/at/showcaves/Spannagel.html

http://www.natursport.at/

http://www.hoehle-tirol.com/

::Spannagelhaus Spannagelhöhle am Hintertuxer Gletscher::

http://spannagelhoehle.at/

Landschaft und Höhlen in Tirol


[ Index ]

[ Englisch version ]

[ Höhlen und Höhlengebiete ]

[ Kunst ]

[ HöRePsy ]

[ Höhlenschutz ]

[ VHM ]

[ Veranstaltungen ]

[ Links ]