Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Landschaft und Höhlen am Wendelstein

2006


Fakirhöhle

Haidwand und Umgebung


Als der Alpinjournalist Eugen E. Hüsler in einer Ausgabe des Bergsteigers den Wendelstein beschrieb, kamen die Höhlen darin nur in einem einzigen Satz vor: "Wir haben uns für den Rückweg nach Fischbauau entschieden, zunächst aber noch der Wendelsteinhöhle einen Besuch abgestattet." Kein Wort mehr.

Ein bißchen schade, denn so wenig bemerkenswert ist sie nun auch nicht.

2006 2011 2017
Die Eingangs-
umgebung der 
Wendelstein-
Schauhöhle
Der Wendelstein-
gipfel
Der Eingang

 


2017

Der Wendelstein besteht aus ungeschichtetem, massigem Wettersteinkalk, der tektonisch stark beansprucht worden ist. Diese Charakterisierung hab ich mal einfach von Klaus Cramer übernommen. Er hat eine schon klassisch zu nennende Beschreibung der "Wendelsteinhöhle im Wendelstein" in den von ihm lange Jahre hindurch betreuten Sonderdrucken zur Geologischen Karte von Bayern 1:25000 geliefert. Dort kann man sie nachlesen.

Im Nachspann zur Entstehungsgeschichte stehen ein paar bedeutungsvolle Zeilen: "Die Gangprofile zeigen z.T. klammartiges Aussehen und typische Laugungsformen, was als ein Hinweis auf die kombinierte korrosiv-erosive Entstehungsweise der Höhlenräume gewertet werden kann. Die große Höhenlage der Höhle über den heutigen Vorflutern erfordert die Annahme eines relativ hohen Alters, d.h. während der Entstehungszeit müssen die nördlichen Kalkalpen noch den Charakter einer Mittelgebirgslandschaft haben."

Auch hier können wir Menschen ein bißchen viel mehr Bescheidenheit lernen. Denn das, was hier hier und heute sehen, hat wenig von "Ewigkeit" in sich. Was uns heute so fest und dauerhaft vorkommt, die Felsen!, die schmelzen, in geologischer Perspektive, auch nur wie Schneemänner im Frühling. Daß wir die Wendelsteinhöhle noch sehen können, das ist wohl nur ein großer "Zufall". Eine Höhle von diesen Dimensionen dürfte bei dieser Höhenlage wohl gar nicht existieren, weil das Einzugsgebiet für das Wasser, das zur Ausbildung von einer Höhle dieser Größenordnung notwendig ist, eben nur da ist, wenn die Gegend vollkommen anders ausgesehen hat. "Mittelgebirgslandschaft" war das mal, so wie in der Fränkischen Alb heute. Dann gibt es diese hohen Canyons mit 15 Metern Höhe und mehr.

Wer "unterirdische Schönheit" in jedem Felsloch, das sich auftut sucht, so wie ich, der ist von der Wendelsteinschauhöhle enttäuscht. Eine Felskammer fügt sich an die andere, mal schmal, mal so breit, so daß zwei Leute aneinander vorbei kommen. Man kann zum natürlichen Eingang gehen und staunt über das einfallende Tageslicht, man kann auch in Richtung auf "Wendelsteins Herzkammern" gehen, die normalerweise unerreichbar, weil sie jenseits des Führungswegs liegen.

Angeblich wurde die Höhle von einem Bayrischzeller Bürger, dessen wirklichen Namen nirgends erwähnt wird, im Jahre 1864 entdeckt. So ist jedenfalls in der Literatur überall zu lesen. Da der Eingang so gut erkennbar ist, ist anzunehmen, daß der auch schon früher jemand gewesen ist, aber der hat keinerlei nachvollziehbare Spur hinterlassen. M. Kleiber hat dann 1882 die Höhle tiefer durchforscht, was dann auch schnell Niederschlag in verschiedenen Publikationen gefunden hatte. Die erste Vermessung der Höhle fand dann 1920 statt, nachdem sich in München eine erste "Gesellschaft für Höhlenkunde" gegründet hatte. 1921 wurde sie dann gleich für den Schauhöhlenbetrieb eingerichtet und elektrisch beleuchtet. Im Jahre 1962 schließlich war man offenbar endlich in der Lage, die natürlichen Verhältnisse zu "verbessern" und sprengte einen künstlichen Zugangsstollen in die Höhle, der den Zugang wesentlich erleichterte. Ein ganz neues Kapitel haben zwei Münchner Höhlenforscher (Stefan Glaser, Werner Zagler) in der Höhle aufgeschlagen, als sie, wohl für sie selber überraschend, einen ganz neuen und bedeutsamen Höhlenteil, direkt am altbekannten Schauhöhlenweg ansetzend, 1989 entdeckten. Ein sehr schönes Beispiel für die "Überraschungsfähigkeit" der Höhlen. Dabei war ihre Grundüberlegung sehr einfach und einleuchtend. Bis zu einem bestimmten Punkt der Höhle gab es selbst im Juni noch viel Eis und nach keines mehr. "Das müßte doch einen Grund haben. Theoretisch mußte es hier irgendwo einen nach oben führenden Gang oder Schlot geben, der die dynamische Bewetterung des Eingangsteils bewirkt." Und sie fanden ihn darauf auch gleich. Der weitere Gang des Forschung ist in der Münchner Höhlengeschichte II schön darstellt, wo man ihn leicht nachlesen kann.

Heute sind die speläologischen Grunddaten: 523 m Länge bei einem Gesamthöhenunterschied von 97 m.

Die Schauhöhle ist nicht die einzige Höhle in diesem Berg. Beim Bau des Fahrstuhlschachts zum Sonnenobservatorium wurde auf halber Höhe eine Klufthöhle geöffnet, die keinerlei Verbindung mit der Außenwelt vorher hatte. Wie viele Höhlen gibt es wohl sonst noch auf unserer Erde, die keine Öffnung nach außen haben? Wie viele Dinge gibt es nicht, zu denen wir Menschen bislang überhaupt keinen Zugang haben? Wie viele ganz Wesentliche? Und da wird doch gerne so getan, als wüßten "wir" doch schon "Alles". So kriegen z.B. die, die am meisten "wissen", die "besten Noten". Vielleicht "wissen", den was ist das denn, die ja am Allerwenigsten? Jedenfalls hatte ich einmal die Gelegenheit, und die habe ich ganz alleine wahrgenommen, neben dem Fahrstuhlschacht das Leiterstiegenhaus hinaufzuklettern und für mich einmalige Erlebnisse zu machen. Das ist sicherlich, wie so vieles andere, nicht für jeden. "Lighthearted people", die sollten lieber draußen bleiben, alle, die ihre Kinder darauf aufmerksam machen müssen, daß vor ihnen eine Treppenstufe oder eine Pfütze ist, auch (genauso wie alle, die Menschen vorschreiben, daß sie ihr Auto nur in "richtigen Schuhen" fahren dürfen und nicht barfuß oder in Sandalen). Irgendwann stand ich dann auf einmal an einem Felsfenster, schaute hinein, kletterte hinein. Da war ein nackter Felsspalt, Steinblöcke lagen herum, nichts Aufregendes, überhaupt nichts Besonderes war da. Da hab ich dann fotographiert, alleine, mit mir auf dem Bild. Nicht ganz einfach, aber Schwierigkeiten sind schließlich dafür da, daß man an ihnen "wächst", sofern da Raum dafür da ist.

Am Abstieg vom Wendelstein Richtung Talstation der Zahnradbahn in Brannenburg kommt man in der Reindlerscharte am Eingang zu einer kurzen wilden Höhle mit mehreren Eingängen  vorbei, dem Schacht in der Reindlerscharte. Sie ist leicht begehbar.

Ein paar Bilder vom 1. September 2006, wo ich mit Julia, meiner Tochter, und meiner Mutter, die mit ihren 87 Jahren immer noch erstaunlich rüstig ist, mit der Zahnradbahn hinaufgefahren bin. Viele, viele Erinnerungen wurden da wach........

Im Herbst 2011 war ich wieder einmal dort. Inzwischen hat es ja große Veränderungen in der Höhle gegeben. Ein Relaunch des ganzen Schauhöhlenbetriebes hat stattgefunden, insbesondere durch den Einsatz von Peter Hofmann und Hänsel Lehmann. Deren Konterfeie kann man ja heute gleich beim Eingang sehen. Man hat sich viel Mühe gegeben mit der Neubeschilderung, der Beleuchtung und der Neugestaltung der Wege. So hat man z.B. 13 Tonnen Schotter in die Höhle geschafft. Alles macht einen sehr frischen und sauberen Eindruck. An vier Stellen hat man interaktive Stationen aufgebaut zu Themen rund um die Höhle. Kommentar einer Besucherin: "Ich komm mir vor wie in einem Museum. Da fühle ich mich gar nicht mehr so wie in der Natur." Ein anderer Kommentar einer Besucherin: "Praktisch wäre jetzt, wenn man einfach geradeaus hinauslaufen könnte." Sie hatte offenbar die vielen Treppen im Sinn, die noch vor ihr wieder lagen, ehe sie wieder hinaus in Freie konnte.

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2017

 

Im August 2017 nutzten wir einmal einen prachtvollen Sommertag, um wieder einmal den Wendelstein aufzusuchen. Wir hatten "Enkeldienst", da im Moment noch die Kindergärten geschlossen haben. Und wenn die Eltern beide berufstätig sind, dann gibt das einfach Probleme. Gut, wenn da die Großeltern einspringen können. Emily, bald 5 Jahre alt werdend, machte prima mit, genoß auch den allmählichen Höhengewinn mittels einer Zahnradbahn, marschierte tapfer hoch bis auf den Gipfel und ging später sogar auch noch in die Schauhöhle. Das war schon ihre zweite Höhle, das wußte sie noch ganz genau, denn an Petralona in Griechenland erinnerte sie sich noch recht gut. Ich zog alleine los, um in der Schauhöhle ein paar Photos zu schießen, was nicht einfach war. Will man mit drei Blitzlichtern und der dezenten Schauhöhlenbeleuchtung Photos machen, bei denen ausschließlich die Qualtität zählt und nicht der Umstand, daß sie schnell und einfach geschossen wurden, der muß sich schon Mühe geben und braucht Zeit und eigentlich Ungestörtheit. Die hatte ich überhaupt nicht, da dauernd "Trauben", gar "Horden" von Besuchern an mir vorbei hinein und kurze Zeit später schon wieder hinausströmten. Und in den kurzen Perioden dazwischen, da mühte ich mich redlich, etwas Gutes auf die Bildfläche zu bringen. Es macht einfach Spaß, in diesem Feld aktiv zu sein. So sieht niemand, auch wenn er selber dort war, die Höhle. Das Licht, die Reflexionen, die Überschneidungen und noch vieles mehr machen das Ergebnis. Manchmal muß man wieder und wieder dasselbe Motiv wiederholen, aber es hilft nichts. Manchmal kommt man mit einem Quäntchen Glück noch ein wenig weiter.


Blicke auf den Wendelstein aus vielen Richtungen

Blick von der Naunspitze/Zahmer Kaiser Richtung Wendelstein
Blick von Kleinen Traithen auf den Wendelstein

 

 


Bilddarstellungen:

WENDELSTEIN. 5 Ansichten vom Wendelsteingebiet (u.a. Wendelsteinhöhle, Bayrisch-Zell). Kol. Holzstich nach Püttner, 18,5 x 25,5 cm.

Literatur:

Bernrieder, Josef: Sagen und Legenden rund um den Wendelstein. Meißner-Druck 1995
DPA Eispalast in der Wendelsteinhöhle, Süddeutsche Zeitung Nr. 35, 13.02.2018, BAYERN R11
Fraas, Eberhard Das Wendelstein-Gebiet. Separat-Abdruck aus "Geognostische Jahreshefte". 3. Jg. 1890. 2 Abb. im Text. Cassel, Gebr. Gotthelft, 1891
Glaser, Stefan Exkursion in die Wendelsteinhöhle, DER SCHLAZ 102, 2004, S. 14ff.
Glaser, Stefan Die Schachtzone der Wendelsteinhöhle, in: Münchner Höhlengeschichte II, München 2004, S. 102ff.
Großmann, Viktoria Unter Tage auf 1700 Meter Höhe, Süddeutsche Zeitung Nr. 186, Seite R14, 14./15. August 2010
Hofmann, Peter Wege im Inntal, Norderstedt 2005
Hofmann, Peter Anthropospeläologie am Beispiel des Inntals, in: Münchner Höhlengeschichte II, München 2004, S. 317
Hüsler, Eugen, E. Nah, fern.., Herbstwandern im Wendelstein-Massiv, Der Bergsteiger, November 2001, S. 28ff.
Kleemann, Michael Die schönsten Wanderungen zu Höhlen und Schluchten zwischen Inntal und Salzburg, J.Berg-Verlag, München 2013
Lucke, Chr. Der Wendelstein, Ein Beitrag zu seiner Geschichte, Verlag v.Wilh.Sauer, Rossleben ca. 1910
Lückhoff, Rolf Helmut Unterm Kreuz vom Wendelstein. Jagd-, Wilderer- und andere Geschichten rund um den Wendelstein. Bergland-Verlag
ohne Verfasserangabe Der Wendelstein und das Bayerische Inntal. München. Kunstanst. F. Bruckmann. (Um 1930)
Reithmaier, Sabine Zauber der Zeitlosikeit - Vier Künstler bespielen die Wendelsteinhöhle bei dem Projekt "Zeit-Moment-Ewigkeit", Süddeutsche Zeitung Nr. 126, 5. Juni 2015, R5
Sieghardt,A. Der Wendelstein und seine Bergbahn. München, 1937. Mit 11 Abb. u. 3
Steinbacher, Ralf Schluchten, Höhlen, Eismagie, Süddeutsche Zeitung edition 2013
Süddeutsche Zeitung Edition Dunkle Höhlen und geheime Gänge, München 2010
Weilhamer, Carl Auf den Wendelstein : Ein kurzer Touristenführer, München Andelfinger 1898
Wolf, Andreas Wendelstein-Impressionen, DER SCHLAZ 67-1992, S. 31ff.
Wolf, Andreas Neues vom Wendelstein 1279, in: Stautz, G., Schriftleitung, Münchner Höhlengeschichte II, München 2004, S. 97ff.

Links:

 


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