Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Das Kuchler Loch am Königssee


Speläologisches am Königssee 2006

Speläologisches am Hohen Göll  > Gollinger Wasserfall

Die Bärenhöhle im Bluntautal


In einem der Standardwerke der Geologie der Bayerischen Alpen, Wilhelm von Gümbels Gümbels "Geognostische Beschreibung des bayerischen Alpengebirges und seines Vorlandes" von 1861, lesen wir auf Seite 387: 

Wo wird der Leser diesen "unterirdischen Abfluß des Königssees" suchen? Wohl bei der "Ostwand des Königssees". Vermutlich war Gümbel nie dort, sondern hat sich aus der Literatur, die ihm zur Verfügung stand, informiert und sie entsprechend paraphrasiert.

Ein Mysterium war auch lange Zeit dieses “Kuchler Loch”. Aus unserer Sicht: „Hinter“ dem Göll liegt Bayern – genau, der Königssee. Am östlichen Ufer des Königssees öffnet sich eine Höhle im Fels. Diese wird „Kuchler Loch“ genannt. Doch nur bei niedrigem Wasserstand wird bzw. wurde die Höhle sichtbar.

Viele haben schon vor ihm von dieser rätselhaften Stelle berichet, z.B. Joseph Kyselak, der 1825 dort gewesen war. Die Professoren Thurwieser und Stampfer unternahmen im Jahre 1823 einen Markierungsversuch mit Sägenspänen. Angeblich kamen die säckeweise hineingeschütteten Materialien "Stunden später in den Gulinger Kaskaden" wieder zu Tage. Auf diesen Versuch bezieht er sich.

 
Vierthaler, F.M. (1816): Meine Wanderungen durch Salzburg, Berchtesgaden und Österreich, Wien
1838 Die Engländerin Trollope berichtet von dem "chasm in the mouth of the low cavern" auf ihrem "Trip" über den See auf dem Weg zur Eiskapelle S. 151.

Vorangehend ist die lebendige Beschreibung des Kesselbachfalls mit seinem "chaudron".
Übersetzt in die deutsche Sprache
1865 schreibt Trautwein über das Kuchler Loch:

Bemerkenswert ist hier schon, wie groß der Unterschied zwischen Einlauf- und vermuteter Auslauföffnung eingeschätzt wird: 500 Fuß. Legen wir die Formel zu Grunde 1 Fuß = 0,3 Meter, dann kämen wir auf fast 170 m. Das regt schon zum Rechnen an, was für ein Höhenunterschied tatsächlich unterstellt werden dürfte. Davon später.

Natürlich wurden auch Geschichten über dieses rätselhafte Naturphänomen erzählt.. Ein Wassergeist treibe in den Klüften beim Kuchler Loch sein Unwesen und hält die Seelen aller im Königssee Ertrunkenen unter Tontöpfen fest.. Erst, wenn es einem Menschen gelingen würde, die Töpfe umzuwerfen, wären die Seelen frei und könnten in die ewige Ruhe gehen.

Wenn das Wasser eines Sees an der Oberfläche nach unten verschwindet, dann kommt man ins Grübeln. Wo fließt das hin? Verschwinden im Nichts? Ist der Erdboden nicht mehr dicht? Ist unter "unserer Welt" noch eine? 


Ein ähnliches Naturphänomen haben wir in den Meermühlen von Agostolion auf der Insel Kephalenia vor uns, wo das Wasser des Meeres in Kanälen im Innern der Felseninsel verschwindet. Das war so zuverlässig, daß dort Mühlräder aufgebaut wurden, um die Wasserkraft zu nutzen! Ein Rätsel, dem Wissenschaftler auf die Spur gekommen sind: https://www.lochstein.de/hoehlen/Gr/kepha/kephalonia.htm
 

Und gehören die Strudel in den Meeren nicht auch dazu? Der Maelstorm bei den Lofoten etwa? 

Oder der Naruto-Uzushio-Wasserstrudel in Japan.


Lange Zeit war dann nichts mehr los mit dem "Kuchler Loch". Schuld daran war wohl die Aufstauung des Sees, so daß das Phänomen scheinbar verschwunden war. Genauso ein Hirngespinst wie Götter, Feen, Zwerge oder sonstige gute oder böse Geister? Immerhin wurde es reibungslos in den Höhlenkataster aufgenommen mit der Nummer 1335/34 mit einer Eingangshöhe von 60 m ? und einer Gesamtlänge von 4 m. Als Lage wurde der Königssee - Nasser Palfen angegebern. 
Es wird auch eine Sage von ihr erzählt: Ein Wassermann habe da sein Reich. Er leite die Seelen der im See Ertrunkenen in sein Reich. Neu gebrannte farbige Tontöpfe stülpe er über sie. Würde ein Mutiger kommen und die Töpfe wieder hochheben, dann würden die gefangenen Seelen erlöst und vor Freude hochspringen.

Schaut man sich ein wenig die geologische und hydrologische Literatur zum Königssee an, dann kann man vermtuen, daß man da fündig werden könnte. Es gibt so viel, daß wohl niemand sagen kann, er hätte alles gesehen. Mir ist die Arbeit von Lebling aus dem Jahre 1935 aufgefallen, wo folgendes steht:

Das sind immerhin dünne Hinweise, daß da im Seewasser Bewegung ist.

Spannend ist es auch, wenn der See ganz zugefriert. Zeigt sich da etwas an der Oberfläche? Dieses Ereignis passiert nur selten. Beim letzten Male, 2006, hatte ich die Gelegenheit, selber nachzuschauen, und nutzte sie, zusammen mit Willi Adelung. Da war etwas zu sehen, aber viel war das nicht. Siehe Bericht.

 Spannend ist auch, daß auf einmal die Idee, daß es noch einen Abfluß aus dem Königssee, und zwar unterirdisch, tatsächlich geben könnte - und vollkommen überraschenderweise, zeitweise auch einen Zufluß. Wie bei so vielen Dingen und Zusammenhängen auf dieser Welt, wundert man sich dann, daß da keiner schon vorher draufgekommen ist. Laufen nicht die meisten "nur" wie Grottenolme auf dieser Welt herum? Sehen erst dann etwas, wenn ihnen die "Augen dafür geöffnet worden sind" von den Protagonisten? 

Die einfache Idee ist:: Die Verbindung besteht nicht zwischen Königssee und Gollinger Wasserfall sondern mit den Torrener Quellen im Bluntautal. Entscheidend dafür war die Entdeckung, daß der Wasserspiegel in der Torrener Bärenhöhle wohl um die 300 Höhenmeter schwanken kann und das wäre dann 200 m oberhalb des Spiegels des Königssees.

An den Details wird gerade gearbeitet.


Literatur:

Döttl, J. (1882) Vom Gollinger Wasserfall, Der Tourist (Jäger) (Wien) 114 (8) 3-6.
Göttner-Abendroth, Heide (2016) Berggöttinnen der Alpen - Matriarchale Landschaftsmythologie in vier Alpenländern, E-Book, Bozen 
Gümbel, C.W. (1861) Geognostische Beschreibung des bayerischen Alpengebirges und seines Vorlandes, hrsg. v. bayer. Staatministerium der Finanzen, Gotha
Höfer-Öllinger (2015) Zur Hydrogeologie der Torrener Joch Störungzone. St. Leonhard, Grödig, Salzburg
Kyselak, Joseph (1829) Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien, nebst eine romantisch pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätschern auf dieser Wanderung, unternommen im Jahre 1825 von Josef Kyselak, 1. Theil 1829, zweiter Theil 
Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg,
Gesamtredaktion Walter Klappacher und Harald Knapczyk (1979)
Salzburger Höhlenbuch, Band 3, Salzburg
Lebling, Clemens Geologische Verhältnisse des Gebirges um den Königssee, München 1935
Trautwein, (1865): Wegweiser durch Südbaiern, Nordtirol und die angrenzenden Theile von Salzburg
Trollop, (1838) Wien und die Oesterreicher, sammt Reisebildern aus Schwaben, Baiern, Tyrol und Salzburg, Aus dem Englischen von Johann Sporschil, 3 Bände in einem Band, Leipzig, Georg Wigand 
Vienna and the Austrians. — 2 Bände, Bentley, London 1838 Letter XVII
Vierthaler, F.M. (1816):  Meine Wanderungen durch Salzburg, Berchtsgaden und Österreich, Wien 1. Teil 

Links:

http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/salzburg/tennengau/kuchler_loch.html

http://www.kuchl-info.at/de/kuchl/ihr-urlaubsort-im-portrait/sagenhaftes-sonderbares

https://www.tennengau.com/magazin/naturgenuss-in-kuchl-mythos-hoher-goell/

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