Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Landschaft und Höhlen im Berchtesgadener Land


Auf der Terrasse der Nationalparkverwaltung Richtung Süden geschaut / Salzgrabenhöhle


Hoher Göll
Hagengebirge
Hochkalter
Königsee
Steinernes Meer
Lattengebirge
Reiteralm
Untersberg
Watzmann


"Berchtesgadener Land" und "Berchtesgadener Alpen" haben nicht den gleichen Inhalt. Das eine ist ein Landkreis im Regierungsbezirk Oberbayern, der im äußersten Südosten Bayern liegt, 840 km² groß (MERIAN 147), das andere ist ein geographischer Begriff, der jene Berge, "die zwischen Saalach und Salzach, Zeller See, dem nördlichen Alpenvorland und dem Reichenhaller Talkessel liegen" (Zeller 16).

Bewundert wurde dieses Gebiet schon immer. Alexander von Humboldt schrieb schon 1798: "Die Gegenden von Salzburg und Berchtesgaden, von Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde." (Er hat natürlich viele schöne Ecken der Erde nie gesehen!). Ganz "aus dem Häuschen geraten" scheint Max Zeller zu sein, denn er im Vorwort zur 1. Auflage seines Alpenvereinsführers über die Berchtesgadener Alpen: "Berchtesgaden ist ein Wunderland ohnegleichen, das an landschaftlicher Schönheit alle anderen nördlichen Alpengebiete übertrifft. Malerisch ist die Gegend, voll mannigfacher Reize an Farben..."

Die Ansicht vom Watzmann, wobei auch noch viel Landschaft links und rechts vom zentralen Bergspitz zu sehen ist, von Caspar David Friedrich gilt heute, wieder, als eines der größten Meisterwerke "Romantischer Malerei" und hängt deshalb in einem besonderen Saal in der Alten Nationalgalerie in Berlin, und ist ein sehr gekonnter Ausdruck dieser "Berchtesgadenbegeisterun".

"Natur", die keiner sieht, ist keine. Für den Menschen. Denn nur er hat einen "Naturbegriff". Ansonsten geht halt alles seine Gänge. Mal zufällig, mal Regeln folgend, die der Mensch langsam immer mehr, zumindest bilden sich das so manche ein, versteht.

Wann der Mensch das erste Mal die Berchtesgadener "Natur" gesehen hat? Das weiß keiner. Mit dem Jahr 700 beginnen die ersten belegbaren Fakten, der Salzburger Bischof Rupertus bekam vom Bayerischen Herzog Grund und Boden im Berchtesgadener Land zugesprochen. Ein Chorherrnstift entstand, bekam Erz- und Salzschürfrechte. 1805 wurde Berchtesgaden österreichisch, 1809/10 bayerisch, nachdem Ludwig I "rechtzeitig" die Fronten gewechselt hatte.

Im Dritten Reich gewann die Gegend eine heute ziemlich zwielichtig erscheinende Popularität, heute noch erlebbar in den Bauten am Obersalzburg und auf dem Kehlstein.

Für den Höhlenforscher ist das Berchtesgadener Land ein Kuchenstück. Schaut man sich heute (2015) die Liste der tiefsten Höhlen Deutschlands an, dann wird man auf den ersten 15 Plätzen 14 entdecken, die dort liegen, bei den 12 längsten immerhin 5. Das war nicht immer so, sondern ist erst die Frucht der intensiven Höhlenforschung der letzten 40 Jahre.  Momentan ist das sehr bekannt gewordene "Riesending" im Untersberg, wegen eines Höhlenunfalls, der "Tabellenführer", der sowohl als momentan längste und tiefste Höhle gilt. Das wird aber nicht mehr lange so sein. Denn die Trennung in einen "deutschen" und einen "österreichischen" Teil ist längst nicht mehr aufrecht zu erhalten. Denn in der Natur gibt es keine Nationalitätengrenzen. Das Wasser vom Westteil des Untersberges fließt schon seit Jahrhunderttausenden, den Gesteinsschichten folgend, einfach hinüber in Richtung Osten zur "Fürstenbrunner Quelle". Wenn die Forschung weiter so erfolgreich weiterläuft, dann haben wir ein einziges riesiges Höhlensystem im Untersberg, das "Barbarossasystem", das zu den längsten und tiefsten der Erde gehört.

In den anderen Gebirgsstöcken herrschen ähnliche Verhältnisse. Im Göll fließt das Wasser vom Alpeltal bis weit hinüber nach Osten in Richtung Gollinger Wasserfall. Auch im Alpeltal gibt es tiefe Höhlen, die wohl auch noch Fortsetzungen haben. Im Hagengebirge trennt die politische Grenze ziemlich willkürlich Gesteinsverhältnisse, im Steinernen Meer geht die Grenze mitten durch das Karstgebiet, das gleiche gilt für die Reiteralm.

Es gibt kleine lokale Höhlenforschergruppen. Ein paar Forscher gehören zum Alpenverein in Berchtesgaden, in Markt Schellenberg gibt es einen Höhlenverein, nicht zuletzt wegen der Schellenberger Eishöhle, die von ihnen als Schauhöhle betrieben wird. Daneben haben sich schon viele andere Höhlenforscher für die Region interessiert. Da Salzburg direkt vor der Haustüre liegt, war es kein Wunder, daß schon die Forscher der ersten Stunde dort herumsuchten und bedeutende Höhlen fanden, z.B. am Untersberg und im Hagengebirge. Ein Markstein der Höhlenforschung war sicherlich die Entdeckung des Eingangs zur Salzgrabenhöhle durch Erhardt Sommer und K.J. Wohlgeschaffen im Jahre 1959.

Lange Jahre rührte sich wenig. Ende der 60er Jahre kam erstmals eine Gruppe Münchner Höhlenforscher ins Berchtesgadener Land. Ihr Ziel war die Vorbereitung eines internationalen Jugendlagers. Alles war wir besuchten war die Malerwinkelhöhle und das Schwarzbachloch. Immerhin. Dann ging es los. Das Alpeltal mit dem Geburtstagsschacht wurde "entdeckt", der Stiergraben im Hagengebirge "entschleiert", im Steinernen Meer ging es los. Auch andere kamen nun, die Bad Canstätter reklamierten für sich den bayerischen Teil des Untersbergs, Schwaben suchten in der Reiteralm nach Höhlen und fanden auch welche. Münchner schnüffelten am Hochkalter herum und fanden in einer einzigen Tour so viele Höhlen, daß sich die Gesamtzahl der Höhlen dort um über 50 % erhöhte. Eine Explosion an Aktivitäten durch unterschiedlichste Gruppen mit sehr differenter Zielsetzung und Lebensdauer setzte ein. Heute kann keiner mehr sagen, er wüßte alleine über die ganzen Höhlen des Berchtesgadener Landes Bescheid. Es sind einfach heute schon zu viele.

Vieles ist heute schon gründlich abgegrast, aber Neuentdeckungen sind auch heute noch möglich. Vielleicht nur ein paar Meter abseits vom Weg, wo die Vorgänger dahin getrottet sind.

 

Vom Schloß Hellbrunn aus Richtung Staufen geschaut

Von der Terrasse der Nationalparkverwaltung in Berchtesgaden südwärts geschaut

     


Eisbodenhöhle/Hochkalter


Literatur:

Ganss, Ortwin, Grünfelder, Sepp Geologie der Berchtesgadener und Reichenhaller Alpen, Karlstein, ohne Jahresangabe
Klappacher, Walter, Knapczyk, Harald Salzburger Höhlenbuch Band 2, Salzburg 1977
Klappacher, Walter, Mais, Karl Salzburger Höhlenbuch Band 1, Salzburg 1975
Klappacher, Walter, Knapczyk, Harald Salzburger Höhlenbuch Band 3, Salzburg 1979
Langenscheidt, E. LANGENSCHEIDT, E., Höhlen und ihre Sedimente in den Berchtesgadener Alpen. Forschungsbericht 10. 95 Seiten, Forschungsberichte der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden, 1986
Schmitt, Fritz Vom Watzmann zum Rupertiwinkel, in: MERIAN Oktober 1980 Berchtesgadener Land
Schöner, H, Kühnhauser, B. Berchtesgadener Alpen, Bergverlag Rudolf Rother, München 18. Auflage 1997
Verschiedene Autoren Erforschungsgeschichte der Höhlen in den Bayerischen Alpen Die Berchtesgadener Alpen, in: Münchner Höhlengeschichte München 1982
Verschiedene Autoren Forschungsgeschichte und aktuelle Arbeitsgebiete Salzburger Kalkalpen 1330, in: Münchner Höhlengeschichte II, München 2004

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