Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Kopie der Chauvethöhle, 
jetzt "caverne du Pont d'Arc" genannt


Am 10. April 2015 wurde im Beisein des französischen Staatspräsidenten Francois Hollande die Replik der 1994 entdeckten Chauvet-Höhle feierlich eröffnet. Man erwartete pro Jahr zwischen 300.000 und 400.000 Besucher (tatsächlich waren es im 1. Jahr 600.000) . Den Namen "Chauvet-Höhle" durfte man offiziell nicht verwenden und wich auf "caverne du Pont d'Arc" aus.

Warum? 1994 hatten 3 französische Höhlenforscher, Jean-Marie Chauvet, Eliette Brunel-Deschamps und Christian Hillaire, bei der Untersuchung der Höhlen in der Flußschleife der Ardèche beim weltberühmten Pont d'Arc eine kleine Öffnung mit Luftzug entdeckt. Der enge Spalt führte senkrecht nach unten und als man den Boden der Höhle darunter erreicht hatte, stand sofort fest, daß in etwas Außergewöhnliches geraten war: Man stand in einer großen Höhle voller Bilder an der Wand, die seit Jahrzehntausenden von keinem Menschen mehr betreten worden war. Die Bilder haben eine einmalige Qualität und ein extremes Alter. Sie galten eine zeitlang als älteste bekannte Höhlenkunst (Inzwischen hat man Bilder in Nordspanien festgestellt, die fast das doppelte Alter haben). Die Höhle wurde von Anfang an stark geschützt, der Zugang sehr restriktiv gehandhabt, ein zweiter Eingang gebaut, alles genauestens erfaßt, erforscht und interpretiert. Man wollte nicht die gleichen Fehler machen wie bei dem anderen Großfund, Lascaux.

In einem früheren Supermarkt in Vallon wurde ein erstes Museum errichtet, womit man einerseits die Besucher unterrichten, andererseits auch verdienen wollte. Pläne zur Errichtung einer Kopie der Höhle wurden gemacht und mißlangen zweimal. Beim dritten Anlauf gelang es. 55 Millionen Euro wurden ausgegeben, die von der Region, dem Departement, dem französischen Staat, der EU (immerhin 9,9 Millionen) und der Firma Kléber Rossillion stammten. Das Unternehmen läuft nicht auf privater Basis, sondern wird vom Departement Ardèche in Zusammenarbeit mit der Région Auvergne-Rhône-Alpes geführt. Man wollte etwas für die Entwicklung der Region tun und weist überall auf die 60 bis 70 Arbeitsplätze in der Hauptsaison hin und die 300 bis 500 weiteren im touristischen Umfeld.

Als passenden Ort für die Replik wählte man ein 15 Hektar großes Areal im Razalgebiet aus, das oberhalb von Vallon Pont d'Arc an der Straße nach Saint Remeze/Bourg St Andeol liegt. Man setzte 5 Gebäudekomplexe in die ansonsten natürlich belassene Landschaft, die nun als graue Körper über das Baumgrün hinausragen. Wichtigstes Bauwerk ist die "Caverne", die auf einer Grundfläche von 3.500 m²  die Nachbildung des Höhlenraums enthält, wobei 8.180 m² Wände und Gewölbe aus Beton, Kunstharz und Stahldraht entstand. Die Illusion soll perfekt sein, man sieht von der komplizerten Konstruktion als Besucher nichts - im Gegensatz zu Lascaux, der anderen großen Nachbildung einer Höhle mit prähistorischer Kunst, wo gerade diese Elemente sehr geschickt auch verwendet wurden. Auch anderen Aspekten wurde Aufmerksamkeit geschenkt: der Temperatur (man ging aber nicht soweit sie auf die tatsächlichen Werte in der Höhle zu senken, sondern verspricht 16-20°, der Beleuchtung, der Akustik. Oben ist der Bau ganz flach und begrünt, aber das sieht normalerweise niemand. Außen herum sind Betonplatten, mal wählte man eine feine Körnung, dann wieder gröberes Material. Verantwortlich dafür sind die Architekten Xavier Fabre, Vincent Speller und Albert Ollier. Mich hat diese Gebäudegestaltung sehr enttäuscht. Es geht ja auch ganz anders, siehe Lascaux. Wie fein man da auf die Gegebenheiten eingegangen ist und keine brutalen Betonplatten einfach eingesetzt hat, z.B. in dem man mit feinen unterschiedlich gefärbten Schichten gearbeitet hat. Was hätte hier entstehen können! 5 Minuten dieses Thema Peter Zumthor vorlegen oder 10 Minuten Mario Botta! Man ist angehalten, 10 Minuten vor den Führungen, die genau getaktet sind, schon dazu sein, wohl um sich innerlich einzustimmen und durch die Betonpforten ins "Allerheiligste" einzutreten, auch schon ausgestattet mit den Kopfhörern, die einerseits dazu dienen, das Lärmniveau in der Höhle nieder zu halten und fremdsprachigen Besuchern die Erläuterungen in ihrer Landessprache nahe zu bringen. 
Die Höhle im Nachbau zu sehen, das ist jede Reise wert. Gleich nach dem Eintreten ist ein Blick in die Entdeckerspalte nach oben möglich, daneben ist der von mindestens seit 20.000 Jahren verschüttete Haupteingang naturgetreust nachgebaut. Es ist schon fast hyperreal, was man da gemacht hat. Jedes kleinste Sinterbecken wurde in Kunstharz nachgegossen. Es fehlt nur eines: der echte Höhlendreck, der an einem kleben bleiben würde, wenn man die Höhle berühren könnte - aber natürlich nicht hier, wo alles artifiziell ist. Und dann die Kunst: erst sind es Farbflecken an den Wänden, dann Tiere, Tiere. Unglaublich, die Eule, die Löwen, die Nashörner - in 3 D, was einen viel stärkeren Eindruck macht als die Bilder in den Büchern oder auf dem Bildschirm. Man verbietet auch das Photographieren der Kunsthöhle und verweist darauf, daß man ja jederzeit Bilder von der Höhle von der Webseite herunterladen könne - weil man damit einen reibungslosen Ablauf der Tour sicherstellen wolle. Naja, in Lascaux hat man das Thema viel viel besser behandelt und eine zweite Replik hingestellt, wo zwar nur Teile davon drin sind, aber da wo sich jeder photographiermäßig so viel austoben kann wie er nur will. So geht es!

Neben dem Hauptgebäude gibt es noch 4 weitere Baukomplexe: die Galerie des Aurignaciens, ein Museum, in dem man das Leben der Menschen in der Eiszeit vorstellt, das Restaurant, das Bildungszentrum und dem Empfang, wo man die Eintrittskarten bekommt und ein großer Laden mit einem Riesenangebot an Waren rund ums Thema Stein, Höhle, Malerei zur Verfügung steht.

Ich war im Septembe 2018 einmal dort. Um 9 Uhr früh waren noch kaum Besucher da. Es war überhaupt kein Problem sofort eine Karte für die nächste Führung zu bekommen. Das Cafe hatte noch geschlossen, um noch eine Tasse Kaffee vorher zu trinken. Die Galerie des Aurignaciens hatte gab es eine lange Vorlaufswartezeit bis zur nächsten Vorstellung. Dann hätte ich aber meinen Führungstermin versäumt. So eilte ich zum Hauptgebäude und war geschockt. Dieser Betontempel erinnerte mich eher an eine auswechselbare Transporthalle oder ein graudekoriertes Möbelhaus als an ein Gehäuse für eine einmalige Kunsthöhle. Bei den Anthroposophen hat man früher auch schon Versuche unternommen, mit dem Baustoff Beton weg vom rechten Winkel zu kommen, was auch öfters schief gegangen ist. Die Führung verlief reibungslos, fast. Eine Familie war mit einem kleinen Kind dabei, das schnell entdeckte, daß man tollen Lärm verursachen kann, wenn man auf der verschiedenen Eisendeckeln am Boden herumsprang und so etwas die Andachtsatmosphäre ins Wanken brachte. Schließlich gab die Mama auf und verließ vorzeitig die Räume. 

Sieht man die alten Bilder an den Wänden, dann wird sich sicherlich jeder fragen, wozu man sie geschaffen hat. All die Hypothesen, die bislang formuliert wurden, sind zwar Anläufe zu einer Antwort, aber keine scheint mir wirklich befriedigend. Mir kam dieses Problem sehr vertraut vor, denn wir suchen ja auch schon seit vielen Jahren für die Erdställe nach einer guten Idee, um sie zu verstehen - und haben nicht wirklich eine Lösung gefunden.

Nachtrag: Warum heißt der Nachbau "caverne du Pont d'Arc". Im Hintergrund stehen verschiedene Rechtsstreitigkeiten. Einmal geht es um den Namen "Chauvet", der ja von einer bestimmten Person stammt, und der rechtlich geschützt worden war. Da gab es dann mit dem Arbeitgeber von Jean-Marie einen Streit, ob die Tätigkeit des Höhlenentdeckens, der ja für die Naturschutzbehörde gearbeitet hat, nur seine Privatsache war oder ob er das nicht im öffentlichen Auftrag getan hat. Es geht da um eine sechsstellige Eurosumme, die vom Staat gezahlt werden müßte. Und der Grundbesitzer war auch sehr enttäuscht von den Behörden, die seinen Grund enteigneten, wegen der überragenden öffentlichen Bedeutung des Geländes, die aber nur 25 Centimes pro m² zahlen wollten, weil das Land unter der Oberfläche ja keinerlei wirklichen Wert haben würde. 

 

     
     

Es gab schon einmal eine Art von Kopie der Chauvethöhle - damals mitten in Vallon in einem ehemaligen Supermarkt.

 


Literatur:

Brunel, Eliette, Chauvet, Jean-Marie, Hillaire, Christina, Deschamps-Etienne, Carole La découverte de la grotte Chauvet-Pont d'arc: Primières images, premières émotions, les inventeurs racontent, 2014
Caillault, Serge Grotte Chauvet, imbroglio juridique, Speleo 25-1997
Chauvet, Jean-Marie, Deschamps, Éliette Brunel, Hillaire, Christian (Hrsg.) Grotte Chauvet - Altsteinzeitliche Höhlenkunst im Tal der Ardèche, 1995
Clottes, Jean et collectif La grotte Chauvet: L'art des origines, 2010
Maier-Albang, Monika Höhlengleichnis, Süddeutsche Zeitung Nr. 287, 12. Dezember 2013, REISE S. 39
Tscherter, Erwin Préhistoire de l'entrée des gorges de l'Ardèche, Spelunca n° 58, p 32ff.

Links:

https://de.cavernedupontdarc.fr/startseite/

http://archeologie.culture.fr/chauvet/fr

https://www.stein-magazin.de/blick-in-die-vergangenheit-die-chauvet-grotte/

https://www.welt.de/wissenschaft/article136113854/Grandiose-Kopie-der-Original-Hoehle-Chauvet-gelungen.html

http://www.chambres-hotes-morin-salome.fr/Pont-Arc-Grotte-Chauvet.html

https://bybeton.fr/wp-content/uploads/2016/07/Construction_Moderne_146.pdf

Landschaft und Höhlen an der Ardèche, F


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