Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Mallorca
- zwischen Riesenkarren und Drachenhöhlen


Ein Blick in einen alten Eisschacht, 6.11.2004


Die Artahöhle

Coves de Campanet

Eine Höhlenwohnung (sacova)

Cova de Sant Antoni bei Alaró

Landschaft und Höhlen an der Ostküste von Mallorca > Cueva del Drach

Serra Tramuntana

Eine Finca

...noch eine Finca

Spaziergang durch Palma


"Leuchtende Tage / nicht weinen, daß sie vergangen, / lächeln, daß sie gewesen."

- ein Zitat von Annette von Droste-Hülshof, gelesen in DIE ZEIT vom 2. 11.2000 auf dem Rückflug
- ein schönes Motto für meine Reise


Mallorca hieß in der Antike noch die "Pinieninsel" (ein Übersetzungsfehler?, normalerweise gibt es dort nämlich "Aleppokiefern), die "Goldene Insel", das "grüne Helvetien unter dem Himmel Kalabriens in der Stille des Orients" (George Sand in der Neuübersetzung)

dann stand sie für gewisse Zeit als Synonym für "Verkommenen Tourismus", Ballermann und Schinkenstraße, schon mittags den Schnaps aus penisförmigen Schnabelkannen den Frauen einflößend - zumindest waren Filme im deutschen Fernsehen zu sehen, die ein solches Bild vermittelten.

3 Millionen Deutsche sollen im Jahr dort Urlaub machen, insgesamt kommen im Jahr 10 Millionen Menschen als Touristen bei einer Einwohnerzahl von 650.000. Ist nun nicht alles verhunzt und verbrunzt dort? Wählt man nicht besser ein anderes Ziel? Und gibt es für den "Höhlenforscher" nicht lohnendere Ziele, als dieses 3640 km² große Eiland im Mittelmeer?

Ich hatte Vorgänger. Bernd Kliebhan für seinen MARTEL-Film war schon einmal dort, die Chiemgauer Höhlenbären auf der Suche nach schönen Canyons und Höhlen, Frankfurter Höhlenforscher, die auch schon einiges publiziert haben, zwei deutsche Höfos, Kevin Klipsch und Axel Seitz, fuhren genau 2 Wochen vor mir dorthin und machten wohl richtigen Speläourlaub.

Mallorca besteht zum großen Teil aus Kalkgestein, das früher einmal eine Höhe bis zu 2000 m über den Meeresspiegel erreicht hatte. Heute erhebt sich der höchste Gipfel, der Puig Major, noch 1445 m hoch in den Himmel. Er liegt mitten im bedeutensten Karstgebiet der Insel, der Serra de Tramuntana, die 90 km sind und bis zu 15 km breit. Dort finden sich alle ober- und unterirdischen Erscheinungsformen einer reifen Karstlandschaft. Mit völligem Recht sehr bekannt sind die phantastischen Karrenfelder, z.B. in der Nähe von Lluc, die ihresgleichen suchen. So etwas kenne ich nur noch aus Südchina.
Zwei weitere große Höhlengebiete gibt es noch: die Serres de Levant im Südwesten und Migjorn im südlichen Teil der Insel. Die Anzahl der Höhlen wird mit über 1000 angegeben.

Am bekanntesten sind die Coves del Drac bei Portochristo, die inzwischen eine jährliche Besucherzahl von etwa einer Million Menschen aufweist. Dann gibt es noch die Coves d'Arta ( ein paar *** alleine schon wegen der Lage), die Coves des Hams (die habe ich nach "Dienstschluß" besucht..... Riesenparkplatz, alle "tricks of the trade" benutzt, haben mich aber nicht "attraktiert"), die Coves de Génova und die Coves de Campanet.

Ein Blick auf eine gute Wanderkarte zeigt dann noch mehr unterirdische Objekte: Font de S'Avenc, Ca L'Herau, Cova de San Marti, Coves del Pirata, Cova des Drac, Coves de N'Hereua.... Und viele dieser Höhlen haben einen starken anthrospeläologischen Bezug. Aus zwei Höhlen stammen die frühesten Belege für die Anwesenheit des Menschen auf der Insel, später dann in der vortalaiotischen und talaiotischen Periode baute man künstliche Höhlen in die Berge und Hügel oder setzte megalithische Mauern vor die Höhlen. Hauptnutzungsaspekte waren das Wohnen in Höhlen und das Beerdigen der Verstorbenen. Zwischen 1229 und 1332 wurden die Höhlen dann wieder sehr interessant. Die Mauren mußten sich in den Bergen und Höhlen vor den sie verjagen wollenden Christen verstecken. Viele Relikte davon hat man in den Höhlen gefunden. Der Inselweise Ramon Llull habe in einer Höhle "die höchste Bewußtseinsstufe erlangt". In welcher? War es der Berg Randa, der von Höhlen durchlöchert sei und laut einer mallorquinischen Sage vollkommen hohl innen sei. Der Berg werde von 4 güldenen Säulen getragen, wovon drei bereits morsch seien. Wenn auch die vierte breche, dann werde Mallorca vom Meer überflütet. Es würde auch Höhlen geben, die "ganze Dörfer beherbergten, wie Son Curt bei Álaro".

Die Meereshöhle an der Cala s'Almonia

Der früheste schriftliche Bericht über eine mallorquinische Höhle stammt aus dem Jahre 1268. Er bezieht sich auf die Cova de Son Santmarti. Die frühesten Forschungsberichte stammen von Joaquim Maria Bover (Cova de Son Lluis) aus dem Jahre 1839 und Antoni Cabrer, der 1840 geschrieben wurde und sich mit den schon länger bekannten Coves d'Artà auseinandersetzt. Gespannt war ich, als ich aufbrach, was ich alles zu sehen bekommen würde.

Ausgebaute Höhle in der Cala Figuera Ehemals als Wohnstätte benutzte Höhle in der Cala Pi
Als Bootsschuppen benutzte Brandungshöhlen
an der Cala Pi

Ich flog am 29. Oktober 2000 morgens um 10 Uhr von München los und kam 2 Stunden später dort an. Herrliches Spätherbstwetter. Blauer Himmel, Wärme rundum, frische klare Luft.


Abgeholt wurde ich von Simone und Mark. In ihrer roten Ente mit deutschem "MB"-Kennzeichen.Und gebracht wurde ich auf eine schöne Finca im Südteil der Insel, es kam mir vor wie ein Stück vom Paradies auf Erden.

Ein kleiner Traum. Stein, Pflanze, Tier und Mensch geworden - mit Meerblick.

In den folgenden Tagen streifte ich quer durch die Insel, besuchte so manches landschaftliche, kulturelle und speläologische Highlight.

Ein paar Bilder von diesen Reisen...


Der höchste Berg: Puig Major

Die größte Schlucht: Torrent de Pareis
Ein Fliese mit Höhlenbezug aus Valldemossa

Begräbnishöhlen bei der Cala San Vicente
Traumbuchten
Das Mahl in einem Restaurant an der Cala Figuera
- eine Seezunge
Die Landschaft im Landesinnern - flach, bepflanzt mit
hunderttausenden von Bäumen
Es Pontas bei Santanyi

Die Cova di Son San Marti
Bei Santanyi

Ein besonderes Thema für mich waren die Lochsteine und Durchschlupfbräuche.

Ende Oktober/Anfang November 2004 - eine zweite Reise dorthin. Zusammen mit Alfred Schlagbauer. Flugtarifbesonderheiten zwangen uns zu Zwischenlandungen in Barcelona beim Hinflug und in Madrid beim Rückflug. Wir haben es geschafft. Und es war ein wunderbarer Urlaub. Simone, eine alte Freundin von mir, lebt dort seit vielen Jahren. Wir durften ihre Gäste sein, hüteten die Hunde und die Katzen in ihrer Abwesenheit, genossen die Ruhe, die Offenheit. Es hatte was vom "Paradies". Hier noch auf Erden? Unvertrieben von einem uns längst fremd gewordenen "Gott". Warum denn? Wegen des Essens von Früchten von einem Baum, der für "uns" verboten ist? Das Grundprinzip der Natur ist die "Fülle", ja die "Überfülle". "Knappheit"? Ein Begriff, den man nach ein paar Tagen in dieser Umgebung kaum mehr nachvollziehen kann. Das "Glück" lag praktisch auf der Straße. Für unsere Hunde zum Beispiel in Form von platt gefahrenen Vögeln. Die lagen da fressfertig auf dem Asphalt. Mit ihren Schauzen stöberten sie ihr "Fressifressi" in die Höhe und ließen es wieder fallen (wir haben diesen Ausdruck nie oral gebraucht). Das war schon wieder abstoßend, aber so ist unsere Welt. Selbst die Hunde lassen schon das Fressen auf der Straße liegen und rennen nach Hause, um aus dem Futtersack was Gehacktes aus dem Geflügelhof zu kriegen. Und da gibts ja noch die "Leckerli". Ein Spezialkapitel von Mallorca2004.

An meinem Geburtstag haben wir uns sogar auf den "BALLERMAN" getraut. Eine große Pizza in einem dieser schrägen "Nepplokale"? (Pelzkappe auf dem Kopf, Sonnenbrille in der Nacht, laute Musik, die jede Kommunikation unmöglich macht, 11,50 € für eine Pizza).

Einen besonderen Akzent bekam unsere Reise durch Angel Gines. Vor 4 Jahren hatte ich schon mal versucht, mit ihm zusammenzukommen, aber das hatte nicht geklappt. Diesmal schien es klar. Cafe Central in Palma, 19 Uhr. So einfach war es dann doch nicht (Ein Grund war, daß ich nach einem jungen Mann Ausschau hielt und dann mit einem sehr gereiften Lehrer zu tun bekam). Wir haben ihn am Ende doch noch getroffen, wir haben ihn auch im Vereinsheim der mallorquinischen Höhlenforscher in der Altstadt von Palma getroffen und an einem Samstag mit ihn eine wunderbare Berg- und Höhlentour zu einer alten Schneeschachthöhle in den Bergen gemacht. Schön war auch, daß sich eine auch ganz stark fachlich begründete Nähe ergab. Man plant dort eine Publikation über Karren, die den Stand der heutigen Forschung wiederspiegelt. Und dafür besucht uns Angel im nächsten Jahr mal, um persönlich das Gottesackerplateau kennenzulernen, das in diesem Forschungszweig eine ganz fundamentale Rolle spielt.


"Mallorca ist das Eldorado der Malerei. Alles dort ist pittoresk... Heute kann ich diese Reise ganz ehrlich nur robusten, gesunden Künstlern mit leidenschaftlichem Geistempfehlen." (George Sand, Ein Winter auf Mallorca)


Literatur:

FEDERACIO BALEAR D'ESPELEOLOGIA ENDINS N° 20, Settembre 1995 EL CARST I LES COVES DE MALLORCA,
Martel, M. E.-A. Les Cavernes de Majorque, SPELUNCA, Paris 1903
Goetz, Rolf Mallorca, Rother Wanderführer, Bergverlag Rother, 2. Auflage München 2000
Knüpfling, Jochen Mallorca, Wanderführer, Iwanowski's Reisebuchverlag, 3. Auflage Dormagen 2000
Schreiber, Hannelore und Bernhard Das andere Mallorca - Schauhöhlen und eine, die es werden wollte, Jahresbericht der Höhlenforschergruppe Rhein-Main 15, 1993, S. 57-66
Gerhards, Hannelore Schauhöhlen auf Mallorca Teil 2, Jahresbericht der Höhlenforschergruppe Rhein-Main 8, 1986, S. 76-80
Sand, George Ein Winter in Mallorca, Classic Collection Carolina, Meudt 1998, 6. Auflage 2000
Plachter, Harald Die Schauhöhlen Mallorcas (Balearen), NHG-Mitteilungen S. 8
Becker, Jürgen Wo in Mallorca nie die Sonne scheint, Der Schlaz 5, 1971, S. 26
Walraven, Karel, Theunissen, Henk Een weekja grotten op Mallorca, Pierk 4-1986, S. 20ff.
Hutchinson, Neil Caving in Mallorca, Caves & Caving 35, 1987, S. 14f.
Elliot, Dave & Donna The Best of Both Worlds, Caves & Caving 25, 1984
Pöhler, Andreas Tropfsteinhöhlen auf der Mittelmeerinsel Mallorca, Laichinger Höhlenfreund 4-1967, S. 31ff.
Ginés, Angel & Joaquin CARACTERISTICAS ESPELEOLOGICAS DEL KARST DE MALLORCA; ENDINS n°13, 1987, S. 3ff.
Oedl, Friedrich sen. Höhlen und Höhlenerschließung auf Mallorca (Balearen) Höhlenfahrten auf den Balearen, Die Höhle
Ginés, Ángel EL CONOCIMIENTO ESPELEO-TOPOGRÁFICO DE LAS CAVIDADES BALEARES; ENDINS, n° 19, 1993, S. 55ff
Donnelly, Elfie Gebrauchsanweisung für Mallorca, Piper-Verlag, München 2002
Crossley, R.I. Cova Sa Campana, Majorca, NPC Journal 1982, S. 82f.
Encinas, Sánchez, Jose, Antonio Lluganaika - La magia trascendente en Mallorca, Palma de Mallorca 1987
Font, Miguel 501 Grutas del término de Pollensa (Mallorca), Pollensa 1994

Links:

Speläolinks:

Literaturempfehlung:

Die Sonneninsel im Mittelmeer, die jahrelang mit dem "Ballermann"-Klischee zu kämpfen hatte, ist inzwischen zu einem beliebten Reiseziel für Individualtouristen geworden. Zu Recht, denn Mallorca ist vielfältig genug, um die unterschiedlichsten Urlaubsbedürfnisse befriedigen zu können. Das jetzt in der vierten, vollständig überar?beiteten Auflage vorliegende Buch zeichnet ein umfassendes Bild der Baleareninsel und gibt insbesondere Individualtouristen eine Fülle wertvoller reisepraktischer Informationen mit auf den Weg.
  Thomas Schröder, 312 Seiten + herausnehmbare Karte (1:200.000), 10. Auflage 2016, farbig, 16,90 EUR (D), 17,40 EUR (A), 24,90 CHF, ISBN 978-3-95654-210-7
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