Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Gletscherhöhlen in Norwegen



"In der ganzen Höhlung aber war es blau, so blau, wie gar nichts in der Welt ist, viel tiefer und viel schöner blau als das Firmament, gleichsam wie himmelblau gefärbtes Glas, durch welches Lichter Schein hineinsinkt..." Adalbert Stifter, Bergkristall


Der Alleinbesuch der Eiskapelle am Fuß der Watzmann-Ostwand 1984 durch mich und das dadurch erst richtig wachgerufene Interesse an dieser herrlichen, aber nicht ungefährlichen Höhle, war nicht zufällig. Sie fußte einem starken Höhlenerlebnis unter den Gletschern Norwegens, das ich im Jahre 1981 hatte. Damals war ich mit meiner Frau Norma in Skandinavien unterwegs.

Im Jostedalen besuchten wir die zweitbekannteste Gletscherzunge des Jostedalsbreen, des größten Gletschers Norwegens, den Nigardsbreen. Sie ist leicht über Fahrstraßen von Kroken her zu errreichen. Je näher wir kamen, desto deutlicher war das große Gletschertor in der Stirnseite sichtbar. Unterhalb der Mauer aus Eis brach ein starker Bach hervor und floß Richtung See. Seitlich ausweichend tat sich aber unter der Eisschicht ein Hohlraum auf, der bis zum Felsen reichte. Ich konnte einfach hineinspazieren. Eine unglaubliche Welt tat sich da auf. Das blaue Eis der Höhlendecke hatte eine unglaublich intensive Farbe. Es war wie in einem Zauberpalast hier, der dem Innern eines Edelsteins glich. Bergwärts zu verengte sich der Raum bald, war aber keineswegs zu Ende. In einem niedrigen Gang war ein Weiterkommen. Ich muß nur auf alle Viere und konnte mit dem Rücken entlang der glatten Eisfläche aufwärts gleiten. Zwischen den Beinen floß ein eiskaltes Bächlein. Eine neue Dimension erschloß sich mir da. Eine der wenigen Eigenschaften, die fast allen Höhlen gemeinsam sind, wenn sie mehr als Felsdächer oder Naturbrücken sind, nämlich die absolute Dunkelheit, galt hier nicht. Hier war echte Speläologie auch ohne Lampe möglich! Das Bächlein verzweigte sich in zwei Zubringer, was die Folge hatte, daß die vorhandenen Dimensionen abnahmen. Um da noch weiterzukommen, wäre es nötig gewesen, mit dem Bach ins eisige Wasser einzutauchen. Dazu hatte ich keine Lust und kehrte wieder um. Noch ein Foto vom Blick nach draußen gemacht und dann ein paar Schritte hinaus ins Freie. Ich atmete gleich wieder freier durch. Bei diesen Gletscherhöhlen weiß man ja nie, wenn wieder was nachgibt und abbricht! An einer anderen Stelle des Gletschers wurde geführte Begehungen der Oberfläche angeboten. Da mitzumachen lohnt sich auch aus speläologischer Sicht, denn immer wieder führt der Pfad an Eisspalten vorbei, durch die ein Blick in die Tiefe möglich ist. Dabei kam ich ganz nah an die Stelle hin, die ich vorher von unten hatte aufsuchen können.

Am Südende des Gletschers wurde 1991 in Fjaerland das norwegische Gletschermuseum eröffnet. Ich kenne es selber nicht, aber die Beschreibung verspricht einen starken Besuch zu den Gletscherhöhlen: "..die Nachbildung einer Landschaft unter dem Gletscher. In blauschimmernden, tropfenden Eishöhlen kann der Besucher die Kälte der Eiszeit auf sich wirken lassen. Dies leuchtende Blau entsteht durch die Reflektion des Blauanteils des Lichtes. Je mehr Luft im Eis eingeschlossen ist, umso weißer wirkt es."

Viele Hundert Kilometer nördlicher, bei Mo-I-Rana, ist ein weiterer großer Gletscher an einer Stelle sehr gut zugänglich, der Svartisengletscher. Auch dort war eine kleine Eishöhle bequem von der Seite erreichbar. Die Begehung war eine sehr feuchte Angelegenheit, weil ständig Tauwasser von oben herunter kam. Am besten versuchte man es mit einem Regenschirm. Ein übermannshoher Eisgang war frei. Er war durch das Herabschieben des Eisstroms über eine Felsstufe darunter entstanden, so daß sich einen Art Dreieck gebildet hatte, an dessen Fuß man einfach tief in den Gletscher hineinwandern konnte.

Literatur:

Eraso, Romero Adolfo Cavités de Glace, Regards/34 1998, S. 15ff.

Links:

Norsk Bremuseum

http://www.reuber-norwegen.de/NorgeInfoGletscher.html

 


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