Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Ali Baba und die 40 Räuber


Ali Baba & die Räuber, 2005


"Eines Tages, als Ali Baba wieder beim Holzhacken alleine in den Bergen war, stieg plötzlich in der Ferne eine Staubwolke auf, die sich schnell näherte und bald schon als eine Schar Reiter auszumachen war, wild und gefährlich aussehende Burschen mit Säbeln und Dolchen, daß einem Angst und Bange werden konnte. Ali versteckt sich in einem Baum und wird Zeuge davon, daß sie sich die Satteltaschen über die Schultern werfen und ihre Schritte zu einer nahen Felswand, die von dichtem Gestrüpp verdeckt war, lenkten. Dort rief der Anführer "Sesam, öffne dich!" Im selben Augenblick tat sich in dem Felsen ein Tor auf, ließ die Reiter ein und schloss sich wieder hinter ihnen...."

Die "Räuberhöhle", die "Schatzhöhle", das "Sesam öffne dich" - lauter Höhlenmetaphern, die überall bekannt sind. Entsprechend oft wird heute darauf zurückgegriffen, ein Blick ins Internet zeigt es sofort.

Ein gutes Thema für HÖ-RE-PSY 2005.

Von Willi Adelung, bei HÖREPSY 2005 gezeichnet

Und wer mehr über dieses wunderbare Märchen erfahren will, der sollte Verena Kasts Interpretation lesen. Eine gelungene Meisterinnenleistung.

Ein kleiner Auszug daraus: ""Sesam, öffne dich!" Wenn ich etwas beschwöre, wenn ich die richtige Formel weiß, dann kann sich sogar einen Fels öffnen. Ein Fels, der verschlossen, abweisend wirkt und von dem man gerade nicht annimmt, dass er sich öffnen könnte. In dieser beschwörenden Formel steckt die ganze Faszination, die wir mit dem Öffnen von Verschlossenem in Verbindung bringen, von Verschlossenem, zu dem es keinen Schlüssel gibt, das sich leicht öffnet. In dieser Formel steckt zunächst also eine Erwartung wider besseres Wissen: die Hoffnung darauf, dass etwas geschieht, was eigentlich gar nicht geschehen kann."

Reizvoll sind die vielen Illustrationen, die das Motiv inzwischen gefunden hat und die Verfilmungen.

Hinzuweisen ist etwa auf Walter Rieck, der die Ausgabe des Franz Schneider-Verlags geschmückt hat.

Das Ali-Baba-Motiv hat einen hohen Unterhaltungswert. Der wird heute auch kommerziell ausgenutzt. Ein weiteres Beispiel: Im Freizeitpark - Märchenwald im Isartal heißt die Station Nummer 11: Ali Baba. Man fährt da mit der Kleinbahn in einen Tunnel, in dem eine unterirdische Welt nachgebildet ist mit turbantragenden Räubern und vielen ausgebreiteten Schätzen.


Der Stoff wurde schon mehrmals verfilmt:

Titel Daten Einzelheiten  
Ali Baba 1954 Fernandel spielt die Hauptrolle
Ali Baba und die 40 Räuber 1980

Sakir Muchamedshanow (Darsteller), Dharmendra (Darsteller),
Latif Faisijew (Regisseur), Umesch Mejera (Regisseur)

Nahe der Stadt Guljabad treiben Räuber ihr Unwesen. Die Lage wird für die Stadt immer bedrohlicher, denn die Karawanen meiden die Gegend, so dass die Versorgungslage kritisch wird.
Unterdessen befindet sich die Karawane eines Kaufmanns auf dem Weg nach Guljabad, wo ihm seine Frau und dessen Söhne, Ali Baba und Kassym, bereits erwarten. Sie rasten am Damm des Stausees, als plötzlich Räuber auftauchen und den Damm, der die Wasserversorgung der Stadt sichert, sprengen. Der Kaufmann bleibt am Leben, wird aber von den reißenden Fluten bis ins entfernte Indien fortgetragen, wo er von einem Radscha aufgenommen wird. Dieser lässt eine Nachricht an die Familie des Kaufmanns senden. Ali Baba macht sich sofort auf den Weg, um den Vater heimzuholen. Doch in Indien gibt es eine Palastrevolte. Der Radscha wird getötet und der Kaufmann muss nun eilig mit der Prinzessin fliehen. Zum selben Zeitpunkt erreicht auch Ali Baba den Palast, wo er zunächst dem falschen Radscha, später aber auch seinem Vater und der Prinzessin begegnet. Während der Vater die eWachen aufhält, fliehen Ali und die Prinzessin aus dem Palast und schließen sich einer Karawane an. Schließlich wird die Prinzessin entführt. Wird es Ali Baba gelingen, seinen Vater nach Hause zu holen, die Prinzessin zu befreien und den lebenswichtigen Damm wieder aufzubauen?

Ali Baba und die vierzig Räuber 1943

Maria Montez (Darsteller), Jon Hall (Darsteller), Arthur Lubin (Regisseur)

In Bagdad wird Kalif Hassan nach Verrat durch den Prinzen Cassim von den Mongolen des grausamen Hulagu Khan ermordet. Hassans junger Sohn Ali kann fliehen und versteckt sich in der Höhle einer Diebesbande. Nach seiner Entdeckung nimmt ihn deren Anführer Baba bei sich auf. Zehn Jahre später hat es Ali zum Anführer der Diebe gebracht, die immer noch Widerstand gegen die Mongolen leisten. Nun plant Cassim die Hochzeit seiner Tochter Amara, Alis Freundin aus Kindheitstagen, mit Hulagu Khan...

Ali Baba 2007 Gérard Jugnot (Darsteller), Leïla Bekhti (Darsteller), Pierre Aknine (Regisseur)

Der orientalische Herrscher Rachid Pascha schickt einen Gesandten zu Karl der große, um über einen dauerhaften Frieden zu verhandeln. Die Mitglieder des Hofes, die diesen Schritt ablehnen, lassen den Gesandten von einer Räuberbande ermorden. Der Holzsammler Ali Baba entdeckt zufällig die Höhle, in der die Räuber ihre erbeuteten Schätze verstecken. Sein Bruder Cassim entlockt ihm das Zauberwort, das die Höhle öffnet. Doch er wird bei dem Versuch, die Höhle auszuräumen, entdeckt und er

mordet. Jetzt macht sich die Bande auf die Suche nach Ali Baba.

Ali Baba und die 40 Räuber 2004 Der arme Holzfäller Ali Baba kommt zu unverhofftem Reichtum, als er eine Räuberhöhle voll mit unzähligen Schätzen entdeckt. Unter den Kostbarkeiten ist auch eine juwelenbesetzte Vase mit einem Flaschengeist. Als die Räuber bemerken, dass sie bestohlen wurden, schwören sie bittere Rache. Doch sie haben die Rechnung ohne den schlauen Ali Baba und seinen treuen Flaschengeist gemacht...

Ali Baba und die Höhle waren schon wiederholt Briefmarkenmotive:

Bearbeitungen des Textes gibt wohl schon viele.

- Am 2. Juli 2010 wurde das Stück in der Bearbeitung von Dietrich Taube um 17 Uhr im Freilichttheater in Eberbach aufgeführt.


Auf einem Karussell auf dem Oktoberfest in München habe ich 2015 das folgende Bild photographiert. Es zeigte lauter Motive aus 1000 und einer Nacht.

 


Zum Schatzmotiv ein Zitat von Peter Sloterdijk: "Der einfache Schatz steht noch ganz im Dienst der Wert(auf)bewahrung. Indem er die materiellen Ergebnisse vergangener Ernten und Plünderungen beisammenhält, besitzt er eine rein konservative Funktion (um für den Augenblick von den imaginären Eigenwerten der Schatzbildung nicht zu reden). Er negiert die ablaufende Zeit, um das angesammelte Gut in einer permanenten Gegenwart zu verankern. Wer vor einer Schatztruhe steht oder eine Schatzkammer betritt, erfährt im vollen Sinn des Wortes, was Anwesenheit bedeutet. Die vom präsenten Schatz gestiftete Zeitform ist dementsprechend die vom Vergangenen gestützte Dauer als das ständige Dableiben des Angesammelten - mit der erhabenen Langeweile als erlebtem Reflex." (S. 212)

Noch viel deutlicher kennzeichnet Sloterdijk den "Schatz" in seinem Vortrag "Was geschah im 20. Jahrhundert?" Darin bezeichnet er ihn als "das universale Lebenserleichterungsmittel", "das nur gefunden zu werden braucht, um sofort seine Wirkungen zu zeigen." (S, 20. Jh, 132) Der kommt darauf, als er die Bemühungen der Alchemisten seit dem 16. Jahrhundert untersucht, wo er auf "das leitende Märchenmotiv der modernen Welt in kristalliner Reinheit" stößt: "Es geht von jetzt an immer darum, zu arbeiten, um nie mehr arbeiten zu müssen...Man ist zum letzen Mal geduldig, um endlich, nach dem großen Fund, nie mehr geduldig sein zu müssen. Der tiefste Traum Europas ist die Arbeitslosigkeit, die aus dem Wohlstand entspringt." (S, 20. Jh. 133). Die "Schatzfunktion" besteht in der "plötzlichen und magischen Lebenserleichterung" - damit hat Sloterdijk den Kern getroffen.


Eine seltsame Koinzidenz. Im Web bietet ausgerechnet eine Firma alibaba.com Schwalbennester aus Thailändischen Höhlen zum Kauf an!

http://www.alibaba.com/countrysearch/TH/cave-bird-nest.html


Ist die "Schatzhöhle" wirklich eine "Höhle" im klassischen Sinne? Es scheint schon auf den Übersetzer der Erzählung drauf anzukommen, daß der Unterschied wahrgenommen wird. In der ersten Übersetzung in die deutsche Sprache durch Johann Heinrich Voß jedenfalls heißt der Anfang des Höhlenteils der Erzählung so: "Die Neugier des...vorsichtigen Ali Baba trieb ihn zu versuchen, ob er auch mit den Worten, die er von dem Hauptmann der Räuber gehört hatte, den Felsen aufschließen könnte. Er drang durch das Gebüsch, und fand die Thüre, welche davon bedeckt war. Er stellte sich davor und rief: "Sesam, thue dich auf!" und plötzlich öffnete sich ein weiter Eingang.
Ali Baba hatte erwartet, eine Ort voll Finsterniß und Graun zu erblicken; aber zu seiner Verwunderung sah er eine sehr helle und geräumige Höhle mit einer hohen gewölbten Decke, von Menschenhänden gemacht, welche durch eine künstliche Öffnung von oben erleuchet wurde. Er sah einen großen Vorrath von Lebensmitteln, aufgestapelten Ballen von reichen Kaufmannsgütern, seidene Stoffe und Brokate, köstlich gewirkte Teppiche, und besonders eine Menge von Gold- und Silbermünzen, in großen ledernen Beuteln auf einander gehäuft. Mit einem Worte, er fand hier so viel Schätze und Kostbarkeiten, daß ihm diese Höhle schon seit Jahrhunderten der Sammelplatz von Räubern gewesen zu seyn schien..."


Literatur:

  Ali Baba und vierzig Räuber - Erzählungen aus Tausend und eine Nacht / Nach der französischen Ausgabe von Antoine Galland ins Deutsche übertragen von Johann Heinrich Voß / Herausgegeben von Ernst-Peter Wieckenberg, C.H. Beck-Verlag
  Märchen aus 1001 Nacht. Erzählt von Vladimir Hulpach, erschienen in der Reihe "Märchen der Welt" im Verlag Werner Bausien, Hanau/M. 1982
  Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Aus dem arabischen Urtext übersetzt von Enno Littmann, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1928, Bd. 4, S. 791-859
A.A. Ali Baba und die vierzig Räuber. Genehmigte Sonderausgabe für die Planet Medien AG, Zug o.J.
Choppy, Jacques cavernes et légendes, Mémoire du Spéléo-club de Paris n° 28, Paris 2004
Kast, Verena Ali Baba und die 40 Räuber - oder wie man wirklich reich wird, Kreuz Verlag, Stuttgart Zürich 2001
Neumann, Erich Die große Mutter, Walter Verlag, Olten 1956/1974, S. 251
Nöldecke, T. Ali Baba und die 40 Räuber, in: Zeitschrift für Assyriologie und verwandete Gebiete
Sloterdijk, Peter Zorn und Zeit, Frankfurt am Main 2006
Sloterdijk, Peter Was geschah im 20. Jahrhundert, Suhrkamp, Berlin 2016

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