Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Platos Höhle

Ein Blick aus der Tiefe des Gangs zurück nach draußen - die Grundperspektive aus dem Höhlengleichnis?


Zu den berühmtesten Höhlen der Erde zählt sicherlich die in der Politeia von Platon erwähnte Höhle. Welche ist es eigentlich? Ist es die Idäische Zeushöhle am Berge Ida auf Kreta? Jedenfalls steht schon in der Einleitung des Textes, daß 3 griechische Politiker auf dem Weg zu ihr seien, damit sie dort eine Art Nachschulung in Bezug auf richtige Staatsführung von einem dort lebenden weisen Mann bekämen.

Ein paar Bilder von diesem Ort:

Am Eingang

Das Höhlengleichnis

"Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht obenher ein Weg, längs diesem sich eine Mauer aufgeführt wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern sich erbauen, über welche herüber sie ihre Kunststücke zeigen. - Ich sehe, sagte er. - Sieh nun längs dieser Mauer Menschen allerlei Geräte tragen, die über die Mauer herüberragen, und Bildsäulen und andere steinerne und hölzerne Bilder und von allerlei Arbeit; einige, wie natürlich, reden dabei, andere schweigen. - Ein gar wunderliches Bild, sprach er, stellst du dar und wunderlich Gefangene. - Uns ganz ähnliche, entgegnete ich. Denn zuerst, meinst du wohl, daß dergleichen Menschen von sich selbst und voneinander je etwas anderes gesehen haben als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen gegenüberstehende Wand der Höhle wirft?....

Schatten an der Höhlenwand

Wenn einer entfesselt würde und gezwungen würde, sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehen, und, indem er das täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah. Was, meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und zu antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein ...

...wenn ihn einer mit Gewalt aus der Höhle, durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen sind....."

aus dem 7. Buch der POLITEIA

 

Die Folgen

Wie viele Bücher, Theaterstücke und Kunstwerke gibt es, die sich mit Platos Höhle beschäftigen? Keine Ahnung, aber ihre Zahl ist groß.

Ein paar Beispiele:

- Robert Motherwells meist ziemlich monochrom schwarze Gemäldereihe: Plato's Cave I .... (ein Exemplar hing in der Neuen Staatssammlung in München, Prinzregentenstraße)

- Hans Blumenbergs Buch "Höhlenausgänge", das auf 827 Seiten den geistigen Folgen des Höhlengleichnisses nachgeht

- In München probte eine dreiköpfige Theatertruppe seit 1996 an einer tanztheatermäßigen Umsetzung des Höhlengleichnisses in ein Bühnenstück im "Freiraum". Einmal konnte ich bei einer Probe dabei sein. Von der Fortentwicklung weiß ich nichts mehr, aber die ersten Ansätze waren faszinierend...

- Wilhelm Blum nennt in einer vergleichenen Untersuchung noch 6 andere Höhlengleichnisse: eines von Aristoteles, von Maximos von Tyros, Von Arnobius, von Gregor von Nyssa, von Papst Gregor I. dem Großen und von Symeon.

- In dem Stück "Welcome to Caveland / Swamp Club" läßt der französische Regisseuer Philippe Quesne, aufgeführt beim Steirischen Herbst 2016, Menschen in Maulwurfskleidern auftreten und in einer Art Bühnenhöhle vollkommen textlos agieren. Der Journalist Wolfgang Kralicek faßt seinen Eindruck so zusammen: "Die besondere, irritierende Qualität von Philippe Quesnes Theater besteht darin, dass sich dessen Metaphern eben nicht eindeutig dechiffrieren lassen. Wenn es sich bei der "Nacht der Maulwürfe" um ein Höhlengleichnis handelt, dann wird es nie aufgelöst - abgesehen davon, daß ein Höhlengleichnis mit Blinden natürlich ein Witz ist."

Zitate zum Höhlengleichnis:

Leo Strauss In Anknüpfung an die klassische Darstellung der natürlichen Schwierigkeiten des Philosophierens, an das Platonische Höhlengleichnis, darf man sagen: wir befinden uns heute in einer zweiten, viel tieferen Höhle als die glücklichen Unwissenden, mit denen es Sokrates zu tun hatte.
Beigbeder, Frédéric Beigbeder, 39,90, Reinbeck bei Hamburg 2002, S. 55 Die Menschen saßen in Platos Höhle. Im Gleichnis des griechischen Philosophen waren die Menschen in einer Höhle angeschmiedet und sahen an der Wand ihres Gefängnisses die Schatten der Wirklichkeit vorüberziehen. Nun gab es die platonische Höhle, Fernsehen genannt, wirklich. Auf unserem Kathodenschirm konnten wir eine "Canada Dry"-Realität bewundern: Das sah aus wie die Wirklichkeit, hatte die Farben der Wirklichkeit, aber es war nicht die Wirklichkeit. Man hatte den Logos durch Logos ersetzt, die an die feuchten Wände unserer Grotte projiziert wurden.
Zweitausend Jahre hatte es gedauert, bis es so weit war.
Süß, Christoph Wir alle kennen diese Szene, die Platon in seinem Höhlengleichnis erschaffen hat, überraschend genau. Vom letzten Kinobesuch. Hinter un sist der Projektor und wirft Bilder an die Leinwand. Die werden, untermalt mit kraftvollem Dolby Surround Sound, schnell zur erlebten Wirklichkeit. Wir vergessen unsere Kinosessel und die anderen Kinobesucher (außer sie haben ihre Handys nicht ausgeschaltet oder sie haben kurz vor dem Kinobesuch Zwiebeln gegessen und lassen dennoch nicht davon ab auszuatmen, dann fallen sie einem wieder ein). Wir fiebern mit der Handlung mit. Leiden, lachen und lieben mit den Helden. Kurz wir er-leben die scheinbare Wirklichkeit des Regisseurs bis hin zu körperlichen Sensationen. Überraschend ist nur, daß Platon schon 2500 Jahre vor den Gebrüdern Lumière das Kino gedanklich erfunden hat. Für ihn aber ist dieses Gleichnis ein Fanal für die Unzulänglichkeit des Lebens...(S. 61)
Sloterdijk, Peter, S. 62 Platons Revolution heißt Umdrehung oder Herumführung der Seele - griech: periagogé. Sie impliziert nichts geringeres als dei Gesamtumdrehung der Lebensfahrtrichtung. Wer sich an Platons Höhlengleichnis erinnert... Was ist unser Leben? - ein Herumtappen in sinnlichen Trugbildern, eine Illustriertenillusion, ein Hocken vor Videos, die die Welt bedeuten. Wie ist das möglich? Es ist möglich, und hört nicht auf, die allermächtigste Möglichkeit zu sein, weil nach Platon alle Erscheinungen in der Welt, alle Bilder, Anblicke und Sinnlichkeiten, von einem mentalen Projektor hervorgebracht werden, der Ideen auf Leinwände aus beweglicher Materie, also auf Körper, wirft. Die Welt im ganzen, soviel wird nach der erhellenden Umwendung klar, ist eine totalitäre Situation...
Vossenkuhl, S. 202 "Was wir aus dem Gleichnis lernen ist, dass es nur eine Welt gibt, zu der auch die Höhle gehört."
Dietz, Simone, S. 210 "Sie sitzen in einem dunklen Raum und schauen gebannt auf die bewegten Lichteffekte an der Wand. Sie hören Geräusche und Stimmen, die sie den Figuren auf der Wand zuordnen. Sie sprechen kaum miteinander und reagieren abwehrend bis aggressiv, als sie aufgefordert werden, den Raum zu verlassen und nach draußen zu gehen, weil das, was sie sehen, bloßer Schein und keine Wirklichkeit sei: Fußballfans, die die Übertragung eines Meisterschaftsspiels verfolgen? Jugendliche vor dem Computer oder Kinder vor dem Fernseher? Akademiker bei einer Power-Point-Präsentation oder Aktienhändler vor den Digitalanzeigen der Börsenkurse? Das Szenarium von Platons Höhlengleichnis ist geeignet, viele Assoziationen zu unserer Gesellschaft herzustellen....
Hernando de Soto, S. 250 "Seit Jahrtausenden hören wir von unseren klügsten Denkern, das Leben habe zahlreiche Wirklichkeitsgrade, von denen viele unsichtbar seien, und dass wir zu Letzteren nur durch die Konstruktion von Repräsentationsmitteln Zugang finden könnten. In Platons berühmten Gleichnis werden wir mit Gefangenen verglichen, die in einer Höhle mit dem Rücken zum Eingang angekettet sind, sodass die Schatten, die vor uns auf die Wand geworfen werden, alles sind, was wir von der Welt erkennen könnten. Die in dieses Bild gefaßte Wahrheit lautet, dass viele Dinge, die unser Schicksal lenken, nicht selbstevident sind."
Hannah Arendt, S. 329 Der Streit zwischen Wahrheit und Politik hat eine lange und vielfach verschlungene Geschichte, die durch Moralisieren und Simplifizieren weder einfacher noch verständlicher wird... Seit je haben die Wahrheitssucher und die Wahrheitssager um das Risiko ihrer Unternehmung gewußt: Solange sie sich abseits der Welt halten, sind sie nur dem Lachen der Mitbürger preisgegeben, wie Thales dem Lachen der thrakischen Bauernmagd; sollte aber einer versuchen, seine Mitbürger aus den Fesseln des Irrtums und der Illusion zu lösen, so würden sie, "wenn sie seiner habhaft werden und ihn töten könnten, auch wirklich töten" - wie Plato im letzten Satz des Höhlengleichnisses sagt. ...In Platos Gleichnis ist kein Feind erwähnt; die Gesellschaft, aus der sich der Wahrheitssucher löst, lebt friedlich in ihrer Höhle, betrachtet die Schattenbilder der vorbeigetragenen Gegenstände und handelt überhaupt nicht, ist also auch von niemandem bedroht. Die Mitglieder dieses Gemeinwesens haben keinerlei Grund, mit der Wahrheit auf Kriegsfuß zu stehen und den Wahrheitssager töten zu wollen, und Plato sagt uns mit keinem Wort, was denn nun eigentlich der Grund für diese erbitterte Feindschaft oder für diesen verzweifelten Hang zur Täuschung und Unwahrheit ist."
Heinrich/Blumenberg "Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass wir auch auf Platons Höhlengleichnis zu sprechen kommen...Platon hat damit enorme Verwüstungen des Denkens angerichtet...ich halte es für den kategorialen Sündenfall der abendländischen Philosophie, dass in Höhlen ein Veblendungszusammenhang und nicht etwa eine weltkonstitutive Zivilisationsleistung erbracht wird."

Von Ferne ist das Höhlengleichnis auch in folgendem Textauszug noch durchscheinend: "Aristoteles lehnt es ab, die Politik theoretisch zu begreifen. Politik ist praktische Philosophie, die auf das Handeln ausgerichtet ist, Aristoteles ist der Ansicht, dass jeder Bürger politisch urteilen kann. Jeder weiß, was er tun darf und lassen soll. Er bedarf dafür nicht eines Philosophen, der aus der Höhle steigt, oder eines Propheten, der vom Berge herabkommt. Es genügt, gemeinsame Überzeugungen vom guten Leben zu haben. Das ist ein guter Ausgangspunkt, um Politik zu gestalten." (Henning Ottmann, Bloß keine Experten, Süddeutsche Zeitung 28. Dezember 2012, Nr. 209 Seite 12)


Mir blieben diese Ideen immer ziemlich fremd. Als Student der Politischen Wissenschaften gab es einmal in meinem Leben die Gelegenheit, mich auch "wissenchaftlich" im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der LMU damit zu beschäftigen. Leider ging die an mir vorbie, andere waren "schneller" oder "mehr Vitamin B habender" oder sonst etwas. Ich jedenfalls hatte mich dann mit der "philia" von Aristoteles zu beschäftigen. Jetzt (2016) hab ich etwas gefunden, was mir das alles viel klarer zeigt: "Plato da er die wirkliche Welt selbst schon für eine zweite Welt gegenüber der ersten, idealen Welt hielt" (konnte er nur wenig Sympathie aufbringen für die Produktionen der Kunst, die er folgerichtig für eine bloß dritte Welt, eine Nachbild eines Nachbildes, halten mußte" , (Pfaller, Hiergeblieben, S. 164). Unsere Welt, nur eine "zweite Welt"? Andere wissen das besser? Wirklich? Müssen wir uns so etwas gefallen lassen?


Links:

Ideon Cave
http://www.thur.de/philo/philo5.htm
http://www.darklightimagery.net/
http://home.t-online.de/home/Demetrius.Degen/plato.htm
Eine Höhle für Platon  -  Überblick :  Montag Stiftungen
http://www.erdzeitrhythmusmaschine.de/22_23_hoehlenzauber.html

Literatur und mehr:

Arendt, Hannah Zwischen Vergangenheit und Zukunft - Übungen im politischen Denken, Piper-Verlag, München 2012
Blum, Wilhelm Höhlengleichnisse - Thema mit Variatonen, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2004
Blumenberg, Hans Höhlenausgänge, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1989
Dietz, Simone Lügen Bilder? Das Wahrheitsproblem in der Mediengesellschaft, in: Herbert Schnädelbach, Heiner Hastedt, Geert Keil (Hg.), Was können wir wissen, was sollen wir tun, rowohlts enzykopädie, Reinbeck bei Hamburg 2009
Grasser, Markus Die Sprengung der platonischen Höhle - Roman und Philosophie im Widerstreit
Heinrich, Klaus Über unseren Ausstieg aus den Höhlen. Ein Gespräch mit Manfred Bauschulte, Horst Bredekamp und Luca Giuliani. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Nr. 2 Sommer 2013
Kralicek, Wolfgang Erdlinge sind wir, Süddeutsche Zeitung Feuilleton, Nr. 225, 29. September 2016, S. 12
Lesch, Harald, Vossenkuhl, Wilhelm Die grossen Denker - Philosophie im Dialog, München 2011
Moor, Donald R. Auf einen Kaffee mit Platon, 2 CDs, Komplett-Media, Grünwald 2007
Niehues-Prösting, Heinrich Die Höhle und ihre Schatten - Blumenbergs Platon-Kritik, in: MERKUR 2-2014, S. 132ff.
Petrocheilou, Anna Die Höhlen Griechenlands, Ekdotike Athenon S.A., Athen 1984
Pfaller, Robert "Hiergeblieben" - Über Nutzen und Nachteil zweiter Welten für die ersten, in: DENKMAL, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a.M. 2015
Sapouna, Polina Die Bildlampen der Idäischen Grotte, Dr.-Dissertation, Univ. Heidelberg 1996
Scherer, Martin Die zweite Höhle - Frühe Philosophie von Leo Strauß, Süddeutsche Zeitung 7.1.1998, S. 12
Sloterdijk, Peter Nicht gerettet - Versuche nach Heidegger, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2001
Sontag, Susan In Platos Höhle, in: Über Fotografie, Fischer-Verlag, Frankfurt 1980
Soto, Hernando de Freiheit für das Kapital - Warum der Kapitalismus icht weltweit funktioniert, rowohlt-Verlag, Berlin 2002
Szalay, Matthias Wa(h)re Realität, Abenteuer Philosophie Nr. 120 2/2010, S. 46-49
Willing, Martin Die Blinden in Platos Höhle, rororo Krimi

 


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