Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Der Kaiser im Berg


Der Kaiser Karl als Fliesenmotiv am Untersberg


"Wir sprechen zu euch aus der Tiefe der Zeit.
Wir raunen. Wir warnen. Wir mahnen.
Wir rufen zum Kampfe. Wir rufen zum Streit.
Hör, Volk, auf die Stimme der Ahnen.

Wo einstens eine Linde stand,
wo eine Burg einst dräute
zur Wache überm Vaterland,
blüht neue Hoffnung heute.

Wenn sich die Sonne wendet
das Firmament erklimmt,
weiß man: Das Dunkel endet
und neues Licht erglimmt."   (Lewinsky, Kastelau, S. 179)


Bertolt Brecht hat "Das Lied von der Moldau" geschrieben. In ihm heißt es:

"Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Der Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden,  dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt..."

Da ist zwar ausdrücklich von der Moldau die Rede, und das Gedicht bezieht sich auf die Zeit der Besetzung von Prag durch die deutschen Besatzer, aber im Hintergrund steht der doch der oft wiederholte Glaube, daß sich die einstigen "Großen" doch noch irgendwo aufhalten und wiederkommen werden, dann, wenn ihre Zeit wieder gekommen ist. Elisabeth Borches nimmt in einem Kommentar darauf Bezug: "Beides, das Fließen und Bleiben des Wassers und der Steine, die die Strömung fortbewegt, ist ohne Ende und Ziel und ohne Bedeutung für die abertausendjährige Geschichte des Flusses. Ein kleiner beunruhigender Schauer kommt hinzu, denn die Steine sind nicht zu sehen, man muß es schon glauben, daß es sie gibt. Sie wandern dort, wo die Dunkelheit am tiefsten ist. Und tief im Dunkeln sind sie ein Rest; wie die Kaiser, die tief im Dunkeln begraben liegen, seit Jahrhunderten nur noch ein Rest sind von etwas, das einmal groß und mächtig war und dann verging." Man muß nur das Flußwort gegen "Berg" austauschen - dann steht man mitten in der Welt der Höhlen. Dann sind wir ja genau dort, "wie die Dunkelheit am tiefsten ist

Es gibt eine erstaunlich große Anzahl von Orten auf dieser Erde, wo im Grunde immer die gleiche Geschichte, nur in anderem Gewand, erzählt wird.

Beispiele:

 

Der Kaiser im Untersberg / Im Haus der Natur in Salzburg gezeigte alte Darstellung

 

Das Thema hat seine Weiterungen, denn es war eine zeitlang höchst aktuell, um bestimmten politischen Strömungen gewissermaßen Rückendeckung zu geben, besonders im 19. Jahrhundert. Durch die geistigen Erschütterungen, hervorgerufen durch die Französische Revolution und die Gründung der Vereinigten Staaten, war alle Herrschaftslegitimation in Europa durch Berufung auf den Feudalismus, auf Adel, Königs- und Kaisertum ins Wanken geraten. Der Wille des Volkes sollte nun maßgebend sein, nicht mehr die Berufung auf irgendwelche nebulösen Ideen von früher. 

Es ging hin und her im 19. Jahrhundert, mal eine kleine Revolution, ein Aufstand, ein Parlament, dann der roll back, die Restauration, Neuerrichtung von Königreichen, später etwa gar wieder ein deutscher Kaiser! Und das alles auf dem Hintergrund größter wirtschaftlicher und technologischer Veränderungen, die so manchen von der "guten alten Zeit" träumen ließ, in der Kunst etwa vom Biedermeier aufgenommen.

In diesem 19. Jahrhundert wurden auf einmal wieder Burgen erbaut, Schloß Lichtenstein auf der Schwäbischen Alb und Neuschwanstein bei Füssen, aber auch große Gebäude, die mehr oder weniger "nutzlos", wenn auch nicht absichtslos geschaffen wurden, um dem "Zeitgeist" Ausdruck zu verleihen, die auch etwas mit "Höhle" zu tun haben: 

1) die Walhalla bei Regensburg. Mit ihr wollte Ludwig I (König Bayerns von 1825-1848) dem "deutschen Geist" ein Denkmal zu setzen. Eine herrliche Stelle wurde gewählt - unterhalb von Regensburg auf dem Talhang mit unverbaubarem Blick über die Donau nach Süden in Richtung Alpen. Der Stil des Denkmal ist allerdings seltsam: ein griechischer Tempel, als Ausdruck "deutschen Geistes" mit Bezug, siehe Name, auf das "Kriegerparadies der germanischen Mythologie"? Die Klassik läßt außen grüßen. Innen sind die Wände mit Marmor vom Untersberg ausgekleidet - und hier tritt der Höhlenbezug zum Vorschein. Denn in diesem Berg sollte der Sage nach der Kaiser Karl noch leben, der dort auf seine Stunde wartet, um Deutschland endgültig zu retten. Von Ludwig stammt die Idee, der Untersberg sei  das "Marmorgrab der römisch-deutschen Kaiseridee", und er selbst verfaßte ein langes Gedicht über den "Untersberg", in dem es u.a. heißt: 
Kaiser KArl der Große muß verweilen,
In des zaubervollen Berges Schloß,
Wie vorbei Jahrhunderte auch eilen,
Bleibt Erstarrung doch sein altes Los,
Bis einst um die große Tafelrunde
Dreimal sich gewunden hat sein Bart
Dann erst schlägt ihm die Erlösungsstunde
Wie dem Heere, das um ihn gescharrt.
Und es öffnen sich die Marmorwände,
Mit dem Heere auf das Walserfeld
Zieht der Kaiser, und dann ist das Ende
Auch zugleich gekommen dieser Welt." 

 

War nicht gerade so eine Schicksalsstunde? Und war nicht Ludwig I die Wiederverkörperung Karls? Es ging auch darum, unter den Königen Deutschlands einen neuen Kaiser zu wählen - verschaffte es da nicht einen wichtigen Bonus, wenn man eine Ruhmeshalle der deutschen Geistesgrößen errichtet? Da sind sie nur alle versammelt, die bekannten und unbekannten vergangenen Größen in Form von weißen Marmorbüsten aufgereiht - und am Ende der Halle, auf einem Thron sitzend, Ludwig I. Ganz schön eingebildet. http://www.schloesser.bayern.de/deutsch/schloss/objekte/walhalla.htm. Ludwig wurde es nicht, sondern der Preusse Wilhelm.

> Barbarossa
Der König
Untersbergmarmor

und 2) das Kyffhäuserdenkmal im Vorland des Harzes, Kaiser Barbarossa gewidmet. 

 

 

In Tschechien gibt es nahe Kunstat am Rande der Ortschaft Rudka am Rande des Mährischen Karstes eine künstliche Höhle, die Jeskyne Blanickych Rytiru. Stanislav A. Rolinek hat eine rund 60 m lange Sandsteinhöhle künstlich geschaffen, in der er lebensgroße Figuren von Jan Hus und Jan Zizka darstellte. Außerdem gibt es eine Darstellung des heiligen Wenzel und seiner versteinerten, schlafenden Ritter. Dieser Wenzel übernahm 922 die Herrschaft über Böhmen. Dort wollte er die Leute christianisieren, wogegen sie sich aber wehrten und ihn an einem noch heute datierbaren Tag umbrachten, den 28. September 928. Hinterher galt er als Märtyrer und soll noch heute verehrt werden. Kommt auch er vielleicht eines Tags wieder?

 

 

 

 

Wird fortgesetzt....... ein gutes Thema für ein künftiges Treffen unserer anthropospeläologischen Interessengemeinschaft HÖREPSY!

Literatur:

Böldl, Klaus Die fernen Inseln, S. Fischer, Frankfurt a.M. 2003
Fielhauer, Helmut Sagengebundene Höhlennamen in Österreich, Wien 1969
Fielhauer, Helmut Sagen vom Untersberg und seinen Höhlen, in: Salzburger Höhlenbuch Band 1, Salzburg 1975
Kaul, Camilla G. Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser. Bilder eines nationalen Mythos im 19. Jahrhundert, Atlas. Bonner Beiträge zur Kunstgeschichte, Bd 4 I und 4/II, Wien: Böhlau 2006
Kusch, Heinrich und Ingrid Kulthöhlen in Europa, Verlag Styria, Graz Wien Köln 2001
Laxness, Halldór Mein heiliger Stein, Steidl, Göttingen 1995
Lewinsky, Charles Castelau, München 2014
Marcel Reich-Ranicki, Ausgewählt von Hundert Gedichte des Jahrhunderts - Mit Interpretationen, Insel-Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2000
Nell, Franz Maria Der Untersberg und Walhalla, Begrüßung der am 18. October 1842 eröffneten Walhalla, Wallishausser, Wien 1842
Rihl, Hermann Die Kunde vom Kaiser Karl, Salzburger Volksblatt, 13.06.1918, 48 Jg.
Schönau, F. Hochlandromantik um den Königssee. Die Untersberglandschaft von Salzburg und Berchtesgaden in Kunst und Dichtung des 19. Jahrhunderts, Berchtesgaden-Schellenberg 1952
Weißmann, Karlheinz Der Kaiser im Berg, Der Kaiser im Berg | Sezession im Netz

 

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