Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Das Gamslöcher-Kolowrath-System am
Untersberg, A

"Der dampfende Franziskus", Foto Alfred Schlagbauer, Modell Franz Lindenmayr


Wer selber einmal den Eingang der Kolowrathhöhle besucht, der stößt sofort links an der Wand auf ein kleines Leichtmetalltäfelchen mit der Katasternummer der Höhle 1139/1.

Mit der Bezeichnung Gamslöcher-Kolowrathöhlensystem ist heute (2002) die längste (16.500 m) und die zweittiefste (570 m) dieses herausragenden Gebirgsstocks benannt. Die Entdeckung der Kolowrathhöhle soll 1842 oder 1845 durch den Senner der oberen Rosittenalpe und die Sennerin der Firmianalpe erfolgt sein (lt. Fugger 1845).

Aus dem Jahr 1846 stammen herausragende Lithographien der Höhle von Beda Weinmann, die den damaligen prachtvollen Zustand der Eisbildungen zeigen, aber auch die Begeher der Höhle mit Zylinder, Gehrock und Fackeln. Georg Pezolt publizierte 1849 eine Lithographie "Gletscher in der Kolowrats-Höhle".

Mitte des vorletzten Jahrhunderts scheint sie sehr bekannt gewesen zu sein. Jeder Führer und jede Reisebeschreibung des Gebiets erwähnte sie. 1866 kam es zu einem folgenschweren Höhlenunfall. Der damalige bayerische Minister Freiherr von Lerchenfeld war unter den Personen, die eine damals schon vermorschte Holzstiege in der Höhle benutzt hatten und die dabei zusammenbrach. Wenige Tage danach starb er an seinen Verletzungen.Wie populär die Höhle mal gewesen ist, das zeigt ein Zeitungsausschnitt, der darauf hinweist, daß in einem drückend heißen Sommer "ein Wintersportfest mit Gastereien und Eistänzen" dort stattgefunden hat.

Um 1870 wurde die Höhle mit finanzieller Förderung des Grafen Kolowrat-Liebsteinsky, damals Ministerpräsident Österreichs, für die Öffentlichkeit erschlossen. 1876 erfolgte die Aussprengung des Zugangsweges, nachdem, so heißt es, mehrere Leute auf dem Weg zur Höhle zu Tode gekommen seien. Der Eingang wurde mehrmals erweitert, was als negative Folge hatte, daß das Eis in der riesigen Eingangshalle allmählich zurückging. Fugger war der erste, der systematisch den Eisstand in der Höhle untersuchte und seine Beobachtungen darüber veröffentlichte. Dafür stieg er zwischen 1856 und 1887 42mal zur Höhle hinauf, meistens ausgerüstet mit den "nöthigen physikalischen Instrumenten, speciell aber mit mindestens einem guten Thermometer".

Skizze aus dem Fuggerbuch

Eine besondere Befahrung fand am 2. August 1895 statt. Der eigens zur Erforschung des Eishöhlenphänomens aus Amerika angereiste Edwin Swift Balch besuchte mit seinem Bruder und einem einheimischen Führer die Höhle, der Jacob Gruber hieß und "in regular Tyrolese dress, with gray jacke and black chamois knee breeches" erschien. Von Salzburg aus fuhr man im "einspänner" in einer Stunde von Salzburg bis zum Fuß des Berges und hatte dann 3 Stunden Fußmarsch vor sich bis zum Höhleneingang. Kurzer Auszug aus seiner Höhlenbeschreibung: "Back of us was the daylight streaming through the entrance; opposite to us was first an ice floor, then a great ice slope, which came down from the further end of the cave. The ice was transparent and of a pale ochre-greenish hue, and filled the entire width of the cave."

Das vielleicht erste "gute" Foto der Höhle, aufgenommen am 16. Juli 1896 durch den Salzburger Fotographen Carl Hintner jr, Belichtungszeit 2 Stunden. Der Fotograf lehnte erst einmal ab, weil er es für unmöglich hielt, eine gutes Ergebnis zu erzielen. "It was only by promising to pay him in any case, that he could be induced to try."

1913 besuchte Alexander von Mörk die Höhle und fertigte eine Federzeichnung der Eishalle mit einigen Höhlenfotographen bei der Arbeit.

Nach der Entdeckung des "Rabenfensters" in der Nähe des Eingangs zur Richtergalerie hing seit 1914 aus der Decke ein hölzerner weißer Rabe in die Halle hinunter.


1876 wurde nicht nur der Steig zur Höhle gebaut, sondern auch der Dopplersteig durch die Dopplerwand erstellt. Er führt ganz nah an den Gamslöchern vorbei. Es handelt sich in der Hauptsache um ein hangparalleles Gangssystem mit vielen Ausgängen hinaus in die senkrechte Dopplerwand. In hintersten Teil führt ein Schlot in die Höhe, der 1912 vom Salzburger Höhlenverein mit Leitern erschlossen worden war. Er führt in die mächtige Halle des Bärenhorstes und in sich daran anschließende Labyrinthe mit vielen Gängen, Schächten und Hallen. Hier war bis zum Jahre 1979 im Hexenkessel Schluß. In diesem Jahr gelang es Salzburger Höhlenforschern, dort weiterzukommen. Diese Forschungen haben bislang nur ganz wenig Niederschlag in der veröffentichten Literatur gefunden. Der erste Hinweis findet sich im Jahresbericht des LVHK Salzburg für die Jahre 1979-80: "Die Erfolge im Salzburger Schacht waren ein großer Ansporn, auch wieder einmal die altbekannten und als erforscht geltenden Gamslöcher zu besuchen. Der Vorstoß bis in den "Höllentopf hinunter war lohnend: Anfangs kleine Gänge und Schächte erweiterten sich rasch zu mächtigen Tunnels und brachen schließlich in die Kolowarthöhle durch." Jahr für Jahr konnte das riesige Gang- und Hallensystem weiter erforscht werden. Die Anforderungen sind sehr hoch, wenn man tiefer in die Höhle vordringen will. Schon mehrere Unfälle hat es bislang gegeben, nicht zuletzt durch die lockeren Verstürze, die es an einigen Stellen gibt und in denen schon mehrfalls Forscher eingeklemmt oder verschüttet waren.

Die Forschung hat in den letzten Jahr verstärkt wieder eingesetzt und gewaltige Erfolge erzielt. Ein Faktor war sicherlich die Öffnung eines Winterzugangs, der nun wesentlich die Forschungen erleichtert. Weitere Verbindungen nach außen sind wahrscheinlich und werden intensiv gesucht. Mit Stand 2009 werden nun folgende Grunddaten für die Höhle genannt: L 33.063 m, Höhendifferenz 1.119 m.


Ein paar Bilder von einer Tour, die Alfred Schlagbauer, Marcus Preissner, Peter Forster und ich am 28. Juli 2002 dorthin gemacht haben. Hochsaison wars, prachtvolles Wetter herrschte, und deshalb ging es zu, wie am "Stachus" auf dem Dopplersteig. Mit Ruhe ist da vorbei, auch wenn plötzlich mitten aus der Wand das Bimmelgeräusch eines Handys ertönt. Direkt am Weg liegen ja noch die "Höhlen am Dopplersteig" (1339/6), die wir auch gleich noch besuchten.

Am Eingang kann man noch alten Inschriften sehen, auch natürlich neuere, und ein tief in den Kalk eingeritztes Kreuz mit einer eingehauenen Nische, vielleicht mal für die Aufnahme einer Kerze bestimmt.

Der alte Steig zur Kolowrathhöhle verfällt immer mehr, weil er nicht mehr gepflegt wird. Teilweise ist er gar nicht mehr vorhanden. Viele Drahtseile sind schon gerissen, die eisernen Halteklammern sind des öfteren schon aus der Wand gerissen. Wenn da nicht bald was passiert, dann ist dieser höhlenkulturhistorisch höchst bemerkenswerte Weg bald verloren. Bei der Höhle zogen wir uns um und kamen gerade noch zur rechten Zeit. Die Sonne schien direkt in das Eingangsportal und bewirkte ein wunderbares Nebellichtspiel bis hinab zum Hallenboden. Wir konnten herrliche Fotos machen. Vom ehemals prächtigen Höhleneis ist fast nichts mehr zu sehen. Ein Eisboden in der Mitte der Halle, zwei winzige Eisflecken am Boden, das ist alles, was heute noch übrig ist. Spektakulär war der Wasserfall, der aus der Decke pritschelte. Im hintersten Winkel der Riesenhalle (160 m lang, bis 40 m breit, 36 m hoch) ging es dann über aus der Decke hängende Seile in SRT-Technik noch ein bißchen weiter...

Alfred kam als erster zurück und strebte über den Dopplersteig hinauf zur Bergstation der Seilbahn. Wir anderen drei hatten vor, den Dopplersteig abwärts zu gehen und später Alfred auf dem Parkplatz im Tal wieder zu treffen. So ein Abstieg mit schwerem Gepäck ist ein eigenes Erlebnis. Stufen, Stufen, Stufen, der "Knieschwammerl" ließ grüßen und der tagelange Muskelkater hinterher. Trotzdem, eine sehr lohnende Tour.


 

 

Alte künstlerische Darstellungen der Höhle, 2004 ausgestellt im Untersbergmuseum


Literatur:

Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg, Klappacher, Walter, Gesamtredaktion

Salzburger Höhlenbuch Band 6, Salzburg 1996
Balch, Edwin Swift Glacières or Freezing Caverns, Johnson Reprint Corporation, New York und London 1970
Fugger, Eberhard Beobachtungen in den Eishöhlen des Untersberges bei Salzburg, Salzburg 1888
Stummer, Günther, Pfarr, Theo Die längsten und tiefsten Höhlen Österreichs, Wien 1988
Bouchal, Robert, Wirth, Josef Österreichs faszinierende Höhlenwelt, Pichler-Verlag, Wien 2000
Landesverein für Höhlelnkunde in Salzburg, Klappacher, Walter, Mais, Karl (Gesamtredaktion) Salzburger Höhlenbuch Band 1, Salzburg 1975
Knapczyk, Harald Jahresbericht 1979-80, ATLANTIS 3/4 1980, S. 5
Knapczyk, Harald, Zehetner, Speik gamslöcher system '82, ATLANTIS 4-1982, S. 5ff.
Knapczyk, Harald, Dumfarth, Erich gamslöcher system '83, ATLANTIS 3-1983, S. 3ff.
Knapczyk, Harald GAMSLÖCHER EXPEDITIONEN 1984, ATLANTIS 2/84, S. 7ff.
Haseke, Dr., Harald Gamslöcher-Expedition 1985, ATLANTIS 1-86, S. 8ff.
Dumfarth, E. Jubiläumsforschung 75 Jahre LVfHK in Salzburg, ATLANTIS 1/87, S. 3ff.
Dumfarth, E., Kals, Dr.R., Strasser, W. GAMSLÖCHER SYSTEM '86, ATLANTIS 2/87, S. 3ff.
Klappacher, Walter, Mais, Karl ICE CAVE STUDIES IN SALZBURG AND THE WORK OF EBERHARD FUGGER 1842-1919, SLOVENSKY KRAS XXXVII, Liptovsky Mikulas 1999, 115-130
Pointner, Peter Der tiefe Fall des Salzburger Trinkwassers oder Fahrtenbericht zur Silvesterforschung in der Kolowrathhöhle im Untersberg, ATLANTIS 1-2/2012, S. 17ff.
Zagler, Werner Altes und Aktuelles vom Untersberg Gamslöcher-Kolowrath-Salzburgerschacht-Höhlensystem, ATLANTIS 1-2/2010

Links:

Der Untersberg
Untersberg - Kolowrat-Höhle 2007 ein Fotoalbum in Flickr
Mit Sarah in der Kolowrathöhle ein Fotoalbum in Flickr

Landschaft und Höhlen im Land Salzburg


Die Dopplerwand mit den Höhleneingängen aus der Seilbahn

 


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