Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Gottesacker


Ein schöner Name. Wahre Schönheit ist aber oft auch zutiefst unheimlich, völlig unbequem. Nicht zuletzt haben ja auch immer die Friedhöfe Gottesäcker geheißen.

"Eines der merkwürdigsten Gebilde der Ostalpen ist zweifelsohne der Stock des Hohen Ifen. Geologisch der Kreideformation angehörig, ist er eines der interessantesten Alpengebiete , das man sich vorstellen kann. Schwer verwitternde Schrattenkalke schufen diese Gipfel und seltsamen Mauern, zwischen denen sich gewaltige, zerschrundene Hochflächen ausdehnen." (Das Hölloch im Mahdertal - Forschungsfahrt vom 13. September 1946 / Das schöne Allgäu - Nr. 19 / 1936)


17. Juli 2004, ein Samstag nachmittag. Ich war schon nachmittags zu Willi nach Kempten gefahren, damit wir in Ruhe unsere etwas außergewöhnliche Tour in Ruhe vorbereiten konnten - von der Auenhütte hinauf aufs Hahnenköpfl, hinüber zur Gottesackeralpe, hinab durchs Löwental und hinunter nach Schönenbach.

Die Sonne ging schon im Westen unter, als wir in Schönenbach, diesem seltsamen Relikt aus einer ganz anderen Zeit mitten in der Vorarlberger Bergwelt, eintrafen. Ich ließ meinen Passat auf dem Parkplatz für die Touristen vor dem Ort zurück, in Willis Corsa fuhren wir zurück nach Kempten.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr regten sich die ersten Lebensgeister, gegen 7 Uhr fuhren wir los. Herrlich war das. Prachtvolles Wetter, kaum jemand unterwegs, keine Autostaus, kein Massenauftrieb, vollkommen reibungslos kamen wir bei der Auenhütte an. Ein paar vereinzelte Bergwanderer waren auch schon da, aber das waren mehr nur kleine Farbkleckse als prägende Größen.
Die Bahn lief zwar schon, aber der Mann an der Talstation war erst einmal nur damit beschäftigt, die Liftsitze umzuklappen. 10 Minuten ließ er uns erst einmal warten, dann wurde doch das Gemurmle hinter uns zu groß und auch hier wurde das langsam schon richtig in die Jahre kommende Grundprinzip des Marketing wurde wiederentdeckt, daß nämlich an erster Stelle der "Kunde" der "König" sein solle und nicht die eigene Organisation.

So schwebten wir hinan in dieser wunderbaren Ruhe, warfen Schatten auf die Sommerwiesen, und stiegen zu Fuß auf den einmal aus ökologischen Gründen mühsamst erstellten Wanderwegen. Der Mensch wurde kanalisiert, das Rindvieh darf weiter abseits der Wege durch die einigermaßen blühenden Sommerwiesen tappen und beißen und scheißen.

Göttliche Ruhe herrschte dort oben, meistens. Bis auf eine Dreiergruppe Schwaben, die sich so viel zu erzählen hatten auch in dieser Landschaft, die soviele "breathtaking views" eigentlich dem Wanderer bietet, und einer Gruppe Jugendlicher, die man auch von weitem schon hörte, aber die waren irgendwann weg und ich konnte sie nirgends mehr hören. Auf einmal war da ein Bächlein zu hören. Es kam und verschwand wieder im Untergrund. Wenige Vögel. Ansonsten war es ruhig, ja still. Was für ein selten gewordener Luxus!

Oben, bei der im Sommer glücklicherweise nicht in Betrieb seienden Seilbahn, folgten wir diesmal nicht dem Weg über das Plateau, sondern ging über letzte Schneereste hinan bis zum Gipfel des Hahnenköpfls. Dieser kleine Abstecher lohnt sich unbedingt, weil sich ein ganz leicht erreichbarer Platz befindet, von dem aus man einen Drei-Sterne-Blick auf die Landschaft rundum hat. Über einem die Gipfelmauer des Hohen Ifen, dann wird auf einmal der Blick Richtung Westen frei, der Diedamskopf ist zu sehen, die aufgefalteten Felsschichten des Plateaus, die an die Churfirsten etwas erinnern, dann die weiten Karrenflächen des Gottesackers, die im Norden durch den Kamm der Gottesackerwände begrenzt sind. Nach Osten zu dann ein Königsblick auf die im Dunst liegenden Allgäuer Bergketten.

Ein schmaler Pfad führt weiter, hinein in die Karrenplattenwildnis des Plateaus. Der Höhepunkt ist bei den von den Naturkräften zersägten Riesenplatten erreicht, wo sich überall Spalten nach unten öffnen, die aber nicht tief meist hinunterreichten, weil sie vom Schnne verschlossen waren. Irgendwann stießen wir wieder auf den Normalweg, passierten den Grenzstein mit einem großen B wieder, der uns zeigte, daß wir wieder in dieses mal glückliche, mal unglückliche Stück Erde, Bayern, zurückgekehrt waren. Der Weg verlangt ja große Konzentration, will man da heil durchkommen.

Bei der nur noch aus einem niedrigen Mauergeviert bestehenden Gottesackeralm, nahmen wir diesmal nicht die Normalrouten, sondern bogen in Richtung Löwental ab. Sofort war zu spüren, daß wir wo hinkamen, wo nur wenige hingehen. Es war einfach schon an dem sehr schmal gewordenen Weg zu sehen. Tatsächlich trafen wir auf diesem Teil der Route nur auf ein einziges Paar, sonst niemand. Die Gegend ist für ein Höhlenforscherherz erregend.



Da ist eine kleine Höhlenöffnung, dort ein Schacht, dort noch einer, was ist da drüben? Die zerfressene Erdoberfläche zwingt zu aufmerksamsten Gehen im völlig weglosen Gelände. Rotweiße Markierungen sind zwar da, aber wir verloren sie immer wieder für kurze Zeit. Je tiefer wir kamen, desto grüner wurde alles wieder. Schließlich liefen wir, schon ganz ermattet, über richtige Wiesen, und da, da auf einmal: ein großer Höhleneingang, der noch ein wenig mit Schnee zugefüllt war. Die Lampe raus und rein. Die Warme Höhle. Schon eine Überraschung. Ein weiter hoher Tunnel auf einmal. Nur für wenige Meter. Aber immerhin. Was wir da heute noch an Höhlen finden, das stammt sicherlich aus einer Zeit, wo es ganz anders hier zugegangen ist. Ein letzter sehr beachtlicher Rest.

An der Löwental-Eishöhle sind wir wohl einfach vorbeigegangen, ohne zu merken, daß sie da war. Ich hatte sie ja schon zweimal früher besucht, aber diesmal. Ich fand sie nicht. Die Eingangsregion der Rubachhöhle ist auch leicht auszumachen, weil dort der stärkste Bach der Gegend entspringt, aber den eigentlichen Höhleneingang habe ich diesmal auch nicht besucht. Dort, wo das Wasser dem Berg entquillt, ist kein Durchkommen, der etwas höher gelegene eigentliche Eingang wäre nur über eine wenig vertrauenerweckende Baumstamm"leiter" zu erreichen gewesen. Es war alles ziemlich wackelig, so daß sich bei mir auch mal die Vernunft meldete und ich auf weitere Experimente lieber verzichtete.

Er ging immer weiter hinunter. Die Rubachalpe hatte auf einmal ein ganz anderes Aussehen, als noch vor Jahren. Sie wurde inzwischen einfach komplett neu erbaut. Alles war zu, niemand da, also auch niemand, den wir nach dem Weg hätten fragen können. Zweimal schon war ich in der Vergangenheit von hier aus hinunter nach Schönenbach abgestiegen. Ich dachte mir, daß wir das auch ein drittes Mal versuchen könnten.

Hinunter und hinunter und hinunter gings, weglos meist, und dann: Lotrechte Felswänder unter uns nur noch, kein Weg, kein leichtes Durchkommen, nichts. Da standen wir nun, müde, abgekämpft, gar nicht mehr weit von meinem Auto am Parkplatz bei Schönenbach weg, aber da ging es nicht mehr weiter. Alles Herumsuchen nach einem Ausweg blieb vergebens. Es half nichts. Alles rückwärts. Hinauf wieder zur Alm. Das klingt so kurz, war aber nur mühsamst getan. Hinüber zum normalen Weg, hinauf bis zur Jagdhütte und dann hinunter auf einem schmalen, rutschigen Bergsteig. Runter, runter, runter. Irgendwann kam dann ein Fahrweg, wir passierten eine Kuhweide mit einem vollkommen überproportionalen Rinderbestand (wahrscheinlich gibts EU-Prämien!), runter, runter, runter. Dann hatten wir den Talboden endlich erreicht und da stand dann ein Schild: "Sibratsgfäll 1 1/4 Stunden".

Wir hatten ja erst 9 Stunden Bergtour hinter uns. Erst wars ja noch ok. Immer horizontal dahin. Aber dann der erste Aufstieg, ein Abstieg, noch ein Aufstieg, nach ein Abstieg. Es wurde eher zum Durchbeißen, als daß ich das noch einen Genuß genannt hätte. Aber alle Gefühle zählten hier wenig. Es galt weiterzukommen. Dann kamen auf einmal Seilbahnstützen in den Blick, eine Teerstraße, wenige Meter noch, dann war da eine Imbißstube bei einem Campingplatz. Da gab es kühles Bier, ein Bankerl zum Hinsetzen. Zeit für eine kurze Erholung. Willi blieb dort zurück. Ich holte ihn später wieder ab. Das Schild sagte "Schönenbach 1 3/4 Stunden". Ich ließ den Rucksack zurück, nur mit Autoschlüssel, Geldbeutel und Handy machte ich mich auf die letzte Etappe. Es dauerte wirklich so lange. Dann noch 42 km mit dem Auto durch Vorarlberg, dann war ich wieder da, wo ich aufgebrochen war. Noch über den Riedbergpaß, Fischen, Kempten. Auch dieses "Vergnügen" hatte mal ein Ende, ein glückliches, Gottseidank.

 

 

 


Schon seit langem haben Willi Adelung und ich geplant, über diese hochgelobte Landschaft einmal selber zu gehen. Allein, das ist uns noch nie gelungen. Wir haben schon mehrere Anläufe gemacht, aber nie waren unsere Versuche vom Erfolg gekrönt. Vom letzten Mißerfolg sind ein paar Bilder hier zu sehen.

Geplant war alles perfekt. 26. Juni 1999. Abends fuhr ich nach Kempten, um morgens früh aufstehen zu können. Der Wetterbericht sagte für den nächsten Tag erst gegen Nachmittag Gewitter voraus. Am Wochenende zuvor war ich im Tennengebirge auf 2000 m Seehöhe schon unterwegs gewesen und wir hatten dort ideale Bedingungen vorgefunden. Man hätte das gesamte Plateau bestens überschreiten können.

Sonntag morgen. Wir, Willi, seine Tochter Johanna, und ich fuhren hin. Dicke graue Wolken über dem Allgäu. Vor der Alpenvereinshütte im Mahdtal stellten wir unsere Autos ab, um dann nur noch mit einem Fahrzeug hinauf zur Ifen-Seilbahn zu fahren, die uns hinauf aufs Plateau hätte bringen sollen. Alles war bereit. Da kam eine junge Frau aus der Hütte und fragte uns, was wir vorhätten. Wir erzählten ihr von uns unserem Vorhaben, und binnen Sekunden wandelte sich das gesamte Bild. Es sei noch viel zu viel Schnee auf dem Plateau, es sei gefährlich, und wir sollten besser Abstand von einer Überquerung nehmen.

Akzeptiert. Aber was sollten wir nun mit dem angebrochenen Sonntag machen? Die Antwort war einfach. Wir wendeten uns anstatt nach links nach rechts. Statt zum Hohen Ifen zu den Unteren Gottesackerwänden. Wir stiegen hinauf Richtung Hölloch, da fing ein massiver Regenschauer an, der erst oben an der Scharte nachließ. Ein Blick Richtung Westen war noch möglich, dann ging es weglos hinauf auf den Gipfelgrat. Irgendwann fanden wir dann wieder auch den ausgetretenen Normalweg und folgten ihm ganz gerne, denn er stellt einfach den energieschonendsten Pfad durch die Wildnis dort oben dar. Da es ja auch ziemlich abschüssige und kaum mehr ohne technische Hilfsmittel begehbare Teile gibt, muß man ja richtig froh sein, daß es da einen relativ einfachen Weg durch das wilde Gelände gibt. Von dieser Tour gibt es ein paar Farbbilder von Willi:

Sehr müde kamen wir am Nachmittag wieder beim Alpenvereinshaus an, glücklich, aber auch noch unbefriedigt. Schließlich hatten wir ja noch immer das Plateau nicht überquert. Wir werden es schaffen, "das großartigste Karrenfeld der Nördlichen Kalkalpen" (Kittel, Naturdenkmale in Bayern) zu überqueren. "Weather permitting".

Johanna Adelung vor einem freigeschmolzenen Schneeloch


Am 19. August 2000 war es endlich soweit. Um 8 Uhr morgens parkte Willi seinen VW am Parkplatz vor der Auenhütte. Zwar hatte der Wetterbericht in der Süddeutschen Zeitung für Samstag noch Regenschauer vorausgesagt, aber jetzt war Samstag, und die Sonne schien, ein paar feine Wolken zogen über den Himmel und verdeckten zeitweise die Sonne. Aber ansonsten perfektes Wetter. Auch der Schnee auf dem Plateau war allergrößtenteils schon geschmolzen, so daß ein gefahrloses Überqueren möglich war.
Die ersten 300 m Höhenmeter, hinauf zur Ifenhütte auf 1580 m Seehöhe, ließen wir uns durch die Seilbahn befördern. Dann ging es zu Fuß, begleitet von vielen Hinweistafeln, die die Wanderer dauernd aufforderten, auf den Wegen zu bleiben, hinauf bis zum "Bergadler"-Haus auf 2030 m Höhe. Kühe können noch nicht lesen, und die kümmerten sich einen Dreck, um irgendwelche festgelegten Wege. Sie treten mir ihren Hufen überall hin und hinterlassen tiefe Spuren in den weichen Bergwiesen. Ist das Naturschutz?

Beim "Bergadler" begann der besonders aufregende Teil des Wegs. Mit einem Schlag änderte sich der Charakter der Landschaft. Auf einmal war da kein gebahnter Weg mehr, sondern nur noch flache, aufgerissene Karrenplatten. Nackter Fels überall. Ein "Weg", der Weg, war nur noch durch Steinmännchen und gelber Markierungen erkennbar. Man hätte querfeldein laufen können. Überall Spalten und Gruben im Gelände. "Klingellöcher" heißen die angeblich hier, "wirft man Steine hinein, kann man es nach einigen Sekunden klingeln hören" (Kittel). Der Pfad führt beständig leicht abwärts, anfangs durch dieses Felsplattengebiet, dann beginnt irgendwann die Latschenzone, bei der verfallenen Gottesackeralpe auf 1832 m Höhe gibt es wieder richtiges Grasgelände. Hier verzweigt sich der Weg. Ein kürzerer Weg führt hinab durch das Kürental, der längere, aber landschaftlich viel lohnendere, wieder hinauf zur Gottesackerscharte (1967 m). Er schlängelt sich durch ein stark verkarstetes Gelände mit vielen Schächten. Einen davon muß über ein paar Felsblöcke gequert werden. Auf der Passhöhe wechselt die Szenerie. Ein letzter Blick über das ganze Plateau auf den Ifen ist noch einmal möglich, dann geht es nach Norden hinunter, und die Oberen Gottesackerwände bestimmen nun das Bild. Ein ganz schön langes Stück Weg lag noch vor uns - über den Windecksattel, die Mahdtalalpe, das Hölloch und die Höflealpe. Dann tauchte endlich das Mahdtalhaus irgendwann auf, wo ich meinen Passat geparkt hatte. Zuerst noch eine Radlermass und dann zurück in den Alltag.

Ein paar Bilder:

Der Ausgangspunkt: die Auenhütte
Die Ifenwände
Auf 2000 m Seehöhe
Das Plateau
Der Gipfel des Hohen Ifen im Hintergrund -
vorne der nackte Karst

Eine Höhle im Plateau

 
Die verfallene Gottesackeralpe
  Klingellöcher
Von der Gottesackerscharte über das ganze Plateau
Richtung Hoher Ifen geschaut
Die Gottesackerwände
Im Mahdtal beim Hölloch

1. Juli 2001

Die Tour im Vorjahr war ein solcher Erfolg gewesen, daß wir gerne etwas ähnliches gemacht hätten. Da gab es tatsächlich etwas. Das Kürental. Gegen 8 Uhr morgens stand ich diesmal mit meinem roten Passat auf dem Parkplatz vor der Auenhütte. Willi war natürlich wieder mit dabei. Nur ganz wenig war los. Der Wetterbericht hatte von Wolken und Regen etwas berichtet, und davon, daß es erst ab Mittag Sonnenschein geben würde. Um 8 Uhr früh waren nur dünne Risse in der Wolkendecke zu sehen, ansonsten war alles grau und düster. Das hatte auch seinen Vorteil, seinen großen. Niemand war sonst unterwegs. Auf der gesamten Tour begegneten wir niemandem, herrschte wunderbare Ruhe. Höchstens hier und da ein Vögelchen, das uns ein Liedchen sang.
5 Mark knüpfen die Liftbetreiber einem am Parkplatz ab, von denen wir 4 DM wieder als Preisermäßigung für den Sessellift zurückerstattet bekamen. Die Luft war unheimlich würzig, auch ein Effekt des "schlechten Wetters". Manchmal riß für ein paar Sekunden die Wolkendecke auf, konnte die Sonnte durchdringen und brachte die steilen Felspartien des Ifenmassivs zum Leuchten. Der geteerte Weg zur oberen Liftstation verfällt auch allmählich immer mehr. Vielleicht gar nicht so schlecht. In Höhe des Spitzecks suchten wir einmal nach den Eingängen in die Klaus-Cramer-Höhle. In dem Buch über das Gottesackergebiet ist ja ein ganzseitiges Foto drin und nach dem ist die Öffnung leicht auszumachen. Ich unterließ es aber, da reinzukriechen, obwohl es ja recht lockend aussieht, weil man sich ja gleich am Eingang einsaut.
Als wir dann endlich den Scheitelpunkt unserer Wanderung etwas unterhalb der Liftstation erreicht hatten, da zwang uns das Wetter für Momente zum Nachdenken. Plötzlich war praktisch gar nichts mehr zu sehen, wir waren mitten in einer dicken Wolkensuppe und konnten nur noch vermuten, wo der Weg hinführt. Weg war ja auch gar keiner mehr da, denn da, wo man im Sommer sich an markierten Felsen orientiert, war nur Schnee, weit und breit nur Schnee. Der Prachtkarst war begraben unter der meterdicken weißen Masse, die alles zudeckte. Das Fortkommen war wesentlich einfacher, als wenn sich da eine wilde Felsfläche erstreckt, aber ein bißchen unwohl darf es einmal manchmal schon sein. Denn schließlich sind da oft viele Meter tiefe Spalte und die man einfach hinwegschreitet. Wenn da bloß der Deckschnee drüber nicht zu dünn ist. Je tiefer wir kamen, desto weniger Schnee gab es natürlich nur mehr, kam das Grün durch, aber der Weg bleibt ja weiterhin ziemlich wild und zwingt zu äußerster Aufmerksamkeit, will man nicht einen Unfall oder Verletzung riskieren. Zwischendurch hatte es kurz mal wieder aufgemacht, schien die Sonne für Momente, aber dann kam es ganz dick schwarz aus Richtung Westen, schwere Regenwolken öffneten sich über uns und entleerten ihren Inhalt vollkommen über uns. Dank der intensiven Markierung ist es hier kaum mehr möglich, sich zu verlaufen.
Bei der Gottesackeralpe zweigten wir diesmal nach rechts ab. Das Kürental war erreicht. In der Grabensohle lag überall noch Schnee und erleicherte so den Abstieg enorm. Links und rechts prachtvolle Karrenwände, die noch vom Regen naß und nun wieder von der strahlenden Sonne zum Glitzern gebracht. Und über allem eine göttliche Ruhe, kein Mensch sonst außer uns. Langsam weiten sich die Schluchtwände, wird das Tal breiter. Auf einmal sehen wir links oberhalb vom Weg etwas glänzen, ein Blech lehnt da an der Felswand. Ob es die Grabungsstelle ist? Wir gehen hinüber, aber hinter dem Blech verbirgt sich nur eine Wasserstelle für die nahe Alm. Willi hat etwas oberhalb ein schwarzes Loch ausgemacht und steigt hinauf. Ein paar vorsichtige Blicke hinein, aber so recht überzeugend ist es nicht, wo sich da bietet.
Wir gehen hinunter zur Jagdhütte und da zeigt sich gleich, was wir gesucht hatten. Keine 10 Meter von der Hütte weg, direkt an der leicht geneigten Felswand, da sind gleich die Grabungsspuren nach dem mesolithischen Wohnplatz zu sehen. Einen sehr schönen Platz hatten sich da unsere weitentfernten Vorfahren einmal ausgesucht, prachtvoller Fernblick und ein kleines Seelein davor.
Wir steigen weiter durch den frisch ausgeholzten Wald auf einem felsigen Steiglein nach unten. Der erste Forstweg quert, aber die rot-weißen Markierungen führen geradeaus nach unten. Sumpfige Stellen werden auf Holzstegen überquert, die ersten Häuser sind unten wieder sichtbar, an einer alten hohen Buche kommen wir vorbei, dann kündet Kinderschreien vom Nahen der Zivilisation wieder. Auf einem Teersträßlein geht es wieder bergan, vorbei am Kürenwirtshaus und noch steil auf einem geteerten Wanderweglein. Dann steht man plötzlich gleich wieder am Auenhüttenparkplatz. 6 Stunden nach unserem Aufbruch können wir die Bergschuhe von den Füßen nehmen und wieder in die vielen bequemeren Sandalen schlüpfen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Literatur:

Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. München, Hrsg., Hochifen und Gottesacker - eine Karstlandschaft zwischen Bregenzer Wald und Allgäuer Alpen, Karst und Höhle 2000/2001, München 2000
Müller, Thilo Beginn der Forschungen auf dem Gottesackerplateau, Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten, Jahresheft 1994, S. 505ff.
Klusmann, Jens Aktuelle Höhlenforschung auf dem Gottesacker-Hochifengebiet der Speläogruppe Lethmate, STALACTITE 58, 1, 2008, S. 13ff.
Seibert, Dieter Wasserfälle, Tobel, Felsen - Wunderwelt aus Wasser und Stein, 48 Ausflüge im Allgäu, Franz Brack Verlag, Altusried 1992

Links:

Hölloch im Mahdtal
http://www.hoelloch.de/
http://www.ifen.de
http://www.mahdtalhaus.de/
Dominik Bartenstein Gottesacker
Schneckenloch
Landschaft und Höhlen im Schwarzwassertal
Höhlenkundlicher Workshop im Mahdtalhaus vom 1. bis 3. Juli 2005
Landschaft und Höhlen der Bayerischen Alpen


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