Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Istrien

- nahe beim Eingang zur Hölle?


 

Dieses Dreieck aus Kalk und etwas Flysch südlich des klassischen Karstes, an zwei Seiten vom Meer umgeben, von der Sonne verwöhnt, nicht mehr Italien, aber auch noch nicht so richtig "Balkan", ein Gebiet, das für viele ein richtiges "Urlaubsgebiet" geworden ist. Es war schon einmal viel besuchter, noch vor dem großen Krieg auf dem Balkan, am Ende des Jahrhunderts.

Heute fangen wieder Touristen an, hinzufahren, die für sie geschaffenen Einrichtungen wieder zu bevölkern. An Pfingsten 2000 war ich mit Freunden aus dem Allgäu, der Familie Adelung, in Rabac. Es liegt an der touristisch weniger erschlossenen Ostseite. Man hat bislang die Natur noch nicht so ausgebeutet, hat die Siedlungen auf bestimmte Zonen bislang beschränkt. Aber der Krebs wuchert auch dort langsam immer mehr. Wo bislang wilde grüne Macchia die Flanken bedeckte, da schauen immer mehr rote Hausdächer heraus aus. Die Straßen werden erweitert, verdoppelt, vervielfacht. Auch hier beginnt der Landfraß, die Natur zu verschlingen. Noch geht es.

Von Rabac aus erkundete ich die Gegend, vor allem nach speläologisch Interessantem. Wichtigster Begleiter war für mich der Führer von Peter Hofmann über Istrien. Es gibt einiges, nicht so spektakulär zwar wie weiter oben im klassischen Karst, aber auch ansehnlich.

Für die Öffentlichkeit am besten zugänglich ist die auch nicht mehr einzige Schauhöhle Istriens, die Jama Baredine,


Foto Adelung
Fotos Adelung
Foto Adelung

denn es gibt inzwischen eine zweite, die Romualdogrotte am Limskikanal (Caverna di S. Romualdo). Zwei junge, gut gebaute Damen betrieben im Juni 2000 ihr Höhlenführergeschäft, verleihen ihre Petzllampen an ganze Familien, die sich die anstrengenden 100 m bis zum Eingang dann hochquälen, um das altbekannte horizontale Loch für 13 Mark pro Person gezeigt zu bekommen. Von 9 bis 19 Uhr wird sie geführt. Wer früher da ist oder später kommt, der könnte auch so durch denn aufgebrochenen Gittereingang schlüpfen, zumindest im Augenblick noch.


Die Höhle ist seit Urzeiten bekannt, aus dem Jahre 1590 stammt die älteste bekannte Beschreibung von Cesare Barbabianca.

Am Grauslichsten war es in Pazin, der Hauptstadt des Regierungsbezirkes, wo es eine spektakuläre Karsterscheinung gibt, den gewaltigen Einbruch mit dem Namen Fojba, in dem das gleichnamige Flüßchen verschwindet. 130 m ist er angeblich (es kommt ganz darauf, wo man mißt - man könnte auch 50 m sagen) tief und hat einen ebensolchen Durchmesser. Daran schließt sich dann die Pazinska Jama an, eine altbekannte Höhle, in der sich aber auch heute noch Dramatisches abspielt. Zeitgemäß war das im August 1999 ein spektakulärer Ölunfall, wo aus einer geborstenen Pipeline große Mengen Öl in den istrischen Untergrund hineingespült wurden.

Wo würdest Du Deinen größten Feind hinschicken? Wo würde man ihn gerne die größten Qualen leiden sehen, die man ihm nur wünschen kann, weil er sich vielleicht vollkommen daneben benommen hat? Weil er vielleicht so gemein war, daß keine irdische Gerechtigkeit als Ausgleich dafür mehr möglich scheint.
Die christliche Antwort darauf war das Bild der "Hölle", wo all die "Schlimmen" und "Bösen" zum "Leiden" hinkommen. Wo ist der Eingang zu diesem "Inferno"? Von Dante wird gesagt, daß er als Vorbild für seine Schilderung der Hölle, den Schlund hatte. Ich kann ihm da nach einem einzigen Besuch dieser Örtlichkeit nur voll und ganz rechtgeben. Genau dorthin würde ich meine größten Feinde schicken. Einfach die Hölle.

Vom Schloß in Pazin folgt man der schmalen Straße abwärts bis zu der wenig benutzten Brücke, die die Schlucht überspannt. Ein betonierter Steig mit Geländer macht den Abstieg einfach. Man folgt der ausgetretenen Pfadspur weiter und steigt immer tiefer Richtung Bach ab. Wasser fließt da allerdings kaum mehr, eher schon eine richtige dunkelblau-schwarze Dreckbrühe, die penetrant stinkt. Geruchssinn und Höhle. Hier sind die beiden Begriffe eindeutig miteinander verbunden, aber auf ekelhafteste Weise. Am Chemiegerinnsel muß man über ein paar Felsbrocken auf die andere Seite - nur jeden Kontakt mit der Flüssigkeit vermeiden! Ein zerschmetterter Rollstuhl liegt herum. Ein schmale Spur zeugt davon, daß selbst hierher noch manchmal jemand kommt. Kleine Tritte sind den Fels geschlagen, um den Weg über die Felsstufen zu erleichtern. Die weite Eingangsöffnung nimmt einen auf. Auf den Blöcken läßt sich nach unten turnen bis zu einem vielleicht 5 m hohen Wasserfall, wo sich die Brühe in die Tiefe ergießt. Hier müßte man sich schon abseilen, aber wer täte so etwas schon freiwillig, dem seine Gesundheit noch etwas wert ist. Hier ist der Blick auch tiefer in die Höhle hinein möglich. Ein hoher Tunnel führt nun bergwärts, Platz hätte man da genug, allein der Boden ist bedeckt von der flüssigen Chemikalie. Vielleicht ließen sich darin Filme entwickeln? Man sieht, daß rechts seitlich vielleicht eine Umgehung der Felsstufe durch einen weiteren Eingang möglich ist. Ich versuche hochzuklettern an den Bergen von Treibholz, die überfall den Boden bedecken und hoch aufgetürmt herumliegen. Schön ist das nicht, schließlich alles überzogen von einem dünnen grauen getrockneten Film aus Dreck. An manchen Stellen sieht man auch noch schwarze Überzüge, vielleicht ein Rest von dem Ölunfall. Einen Stamm benutze ich als Steigbaum, versuche an ihm hochzukommen, aber es mißlingt. Er bricht zusammen und ich breche durch den Boden aus dünnen Ästen darunter, ziehe meinen Fuß wieder heraus aus dem Loch, da sich da plötzlich aufgetan hat. So genau will ich gar nicht wissen, wo ich mich da befinde. Schließlich gebe ich auf, es wird einfach zu mühsam, sich durch das chaotische Gelände zu schlagen. Eine kurze Verschnaufpause macht mich dann wieder aufmerksam, wo es da nicht alles zu riechen gibt. Willi ist längst zurückgeblieben, weil er als Arzt lieber vorsichtig ist. Er erzählt mir dann, was da alles in der Luft sicherlich ist - Faulgase, Methan, wer weiß, was sonst noch alles. Aber ein Höhlenforscher ist ja jemand mit einem "Mangel an Selbstschonung" (H. C. Blumenberg) und so probiert er es halb so lange aus, wie es geht. Der eine dreht früher um, der andere später.
Daß an dieser Örtlichkeit die Forschung nicht mehr fortgesetzt wird, das braucht einen zur Zeit nicht zu wundern. Ein Taucher könnte genauso gut in einer Wanne voller Altöl herumschnorcheln, Sicht Null. Die Krönung ist, daß wir es da mit einem "Naturschutzgebiet" zu tun haben!


Die Brühe, die in die Höhle fließt / noch kann man im Internet keine Gerüche weitergeben - ist vielleicht auch besser so

Spätestens, wenn man auf dem Rückweg ist und eine gewisse Entfernung vom Bach erreicht hat, erfährt man wieder, wie herrlich frische Luft sein kann. Man traut sich wieder tief einzuatmen, nicht nur die notwendige Menge Sauerstoff aufzunehmen, die gerade noch zum Überleben notwendig ist. Die Hölle ist dann wieder das, was da unten ist, stinkend, eklig, dunkel, draußen ist das Paradies, wo die Lilien in kleinen Hausgärten stehen, wo es aus den Küchen nach Mittagessen duftet, wo die Sonne mittags gnadenlos herunterbrennt und einen den Schatten suchen läßt. In solcher Umgebung könnte man dann den Hofmann-Führer herausholen und dann ein bißchen darin blättern, um ein weiteres Höhlenziel in Istrien auszukundschaften. Wer mehr darüber lesen will, sollte sich dort die Informationen holen. Er wird übrigens auch an der Schauhöhlenkasse der Jama Baredine verkauft! Seltsam, wie klein die Welt auf einmal wieder wird, wenn dort ein Plakat mit dem Namen "Peter Hofmann" hängt.

Besonders gut hat mir die Izvor kod Vosteni gefallen. Ohne Erwähnung im Führer würde man nie draufkommen, daß sich in der flachen Landschaft, die von kleinen Wäldchen, Wiesen und Feldern in den schüsselförmigen Dolinenwannen und einzelnstehenden Bauernhäusern geprägt ist, eine kleine Schachthöhle unter einer unscheinbaren Baumgruppe verbirgt. Richtige Steinstufen führen hinab in den Schacht mit senkrechten Wänden. Ein Wasserbecken ist eingetieft am Boden, gefüllt mit klaren Quellwasser, das ständig aus einer kleinen flachen Felsspalte still heraussickert. Die Sonne brach um die Mittagszeit durch das Blätterdach hindurch und sandte ihre Strahlen hinein in das rechteckige Steinbecken. Frisches Quellwasser ist immer ein Schatz, besonders in einer Karstgegend, wo wir kaum Oberflächenwasser haben. Einen Schluck daraus probieren, sich freuen, daß da nicht das Kloakengebräu von Pazin aus den Felsen kommt, sondern etwas, das unseren Durst stillt.

Ein paar Bilder von der Architektur und der Kunst Istriens...



Ein paar Bilder aus Höhlen in Istrien...

 

In Istrien habe ich auch meine Studien zum Thema "Karst und Küche" etwas weitergetrieben. Das macht ja so richtig Spaß und ist , soweit man es nicht übertreibt, recht nahrhaft. Ich bin dabei auf einen richtigen kleinen Führer gestoßen, "2000 Istra GASTRO" Restorani & Konobe. Eine Internetadresse ist da auch angegeben: http://www.istra.com.

Noch ein paar Bilder aus Istrien...

Blick rüber auf Cres

 


Literatur:

Bertarelli, L.V., Boegan, E. Duemila Grotte, TCI, Milano 1926
Hofmann, Peter Karst & Kultur - Wege durch Istrien, München 2000

Links:

Eine Literaturempfehlung:

Istrien, zu einem winzigen Teil slowenisch, zum größten Teil kroatisch, ist ein Reisegebiet mit langer Tradition. Die venezianisch geprägten Küstenstädte locken mit sehenswerten Altstädten, das hügelige Hinterland mit seinen beschaulichen Örtchen und mächtigen Trutzburgen eignet sich ideal zum Wandern, Mountainbiking oder auch zum Paragliding.
  ISTRIEN
Marr-Bieger, Lore, 360 Seiten, 4. Auflage 2014, farbig, 18,90 EUR (D), 19,50 EUR (A), 27,90 CHF
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