Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle
Landschaft und Höhlen zwischen
Muggendorf und Streitberg -
Fränkische Schweiz
Ehe die ganze Gegend in der Zeit der Romantik mal
zur "Fränkischen Schweiz" geworden ist, war sie vorher
das "Muggendorfer Gebirg". Und die relative
"Weltberühmtheit" dieses kleinen Konglomerats aus
Häusern und einer Kirche, heute auch noch einiger
Gewerbebetriebe, einer verkündet gar stolz 2005 weithin:
"Partner der Automobilindustrie", namens
"Muggendorf", hängt nicht mit seiner besonderen
architektonischen Qualität zusammen, sondern mit was ganz
anderem - den Höhlen nämlich. Im Kern
waren es 3: die Zoolithenhöhle, die Höhlen im "Hohlen
Berg" und die Rosenmüllershöhle. Erzählt wird, daß
Wissenschaftler aus aller Welt mal dorthin "gepilgert"
seien, um sich, neumodisch formuliert, zu "updaten".
Nach so etwas wurde u.a. gesucht, Bärnzähne - heute im
Naturhistorischen Museum in Nürnberg
Einer der Pioniere: Esper
Die Karawane der "Neulandsucher" ist längst weitergezogen, heute ist da einfach eine kleine Siedlung, die am 12. Februar 2005 zum Beispiel vollkommen verwaist war. Kein Wunder, heftige Regenschauer machten jedes Hinausgehen ins Freiland zu einem unangenehmen, weil viel Nässe verheißenden "Vergnügen". Beim einzigen nennenswerten, weil geöffneten, Gastronomiebetrieb mitten im Ort hielt ich an, ließ mich von der Ankündigung "Ganztätig warme Küche" verführen und betrat das Haus. ***-Betrieb laut Internet. Ich strebte dem Gastraum zu, lauter junge Leute als Service-Personal, zuvorkommend. Ich war fast alleine. Nur zwei junge Damen saßen am Nebentisch, schnell bekam ich mit, daß sie Nachwuchskräfte in unserem bayerischen Lehrpersonal sind. "Stundenpläne, Lehrpläne, Deutschunterricht (Streitgespräche als Thema), Ethik, Mehrarbeit..) Ich hielt mich ganz ruhig und bestelllte "Würzige Käsespätzle". Sind die Auswirkungen von HARTZ IV auch schon hier, abzulesen am Gästemangel, zu spüren? Ja, ganz schnell.
Im wohlbeschilderten Wanderwegenetz von heute ist der Ausgangspunkt zu den Höhlen im "Hohlen Berg" leicht an der Straße nach Doos zu finden. Allerdings mußte ich da erst ein rundes Sperrschild überwinden (ob wir uns solche Sperrschilder in Zukunft noch leisten können werden?), unter dem stand, daß nur "Anlieger" dort hindurchfahren dürften. Aber wer ist schon "Anlieger"? Dürfens nur "Menschen" sein, zu denen wir möglichst einfach wollen oder vielleicht auch "Felsen" oder eher das Gegenteil davon, das "Nichts im Felsen"? Keiner hat mich belästigt. Mein roter PASSAT, einzigartig inzwischen, dank der Beule, die ich mir in Montpellier beim Hinausfahren aus der Garage der Crochets in Montpellier geholt habe, war das einzige Fahrzeug lange Zeit dort.
Es duschte, was die Regenwolken hergaben. Und ich hatte keinen Regenschirm dabei. Windig wars auch noch. Ein greusligeres Wetter war kaum vorstellbar. Aber einen Vorteil hat so etwas - man trifft auf keine Leute. Auf bestens gepflegten und ausgeschilderten Wegen ging es steil aufwärts bis fast zur Hochfläche.
Die drei Höhlen dort, die Oswald-, Wunders- und Witzenhöhle, gehören zu bekanntesten der Fränkischen Schweiz, und das seit Jahrtausenden. Die Oswaldhöhle mit ihrem 12 m breiten und 6 m hohen Eingangsportal war schon immer den Menschen bekannt. Nach 60 m bequemem Durchgang hat man den Felsriegel durchquert und kommt auf der anderen Wandseite in einem etwas kleiner dimensionierten Portal wieder zu Tage.
Man kann ohne eigenes Licht die Höhle durchqueren, sollte aber im Mittelteil etwas vorsichtig sein, weil dort die Höhlendecke etwa herunterkommt auf etwa 1,50 Meter. Wenn man es so wie ich macht, und zu schnell sein Haupt wieder heben will, führt das leicht zu einem massiven Zusammenstoß mit ihr, was leicht zu einem schmerzlichen Erlebnis werden kann, wie bei mir, das noch Tage später an einer hinterlassenen Blutkruste auf dem Schädeldach zu sehen war.
Besonders schön ist es, im Winter dorthin zu
gehen. Dann erlebt man oft den starken Höhlenwind, der durch die
weiten Räume bläst, und sieht, je nach Günstigkeit der
Verhältnisse, mehr oder weniger große und viele Eissäulen, die
einen prachtvollen, aber halt auch leicht vergänglichen Schmuck
der Höhle bilden.
Eine Schilderung der Höhle aus dem Jahre 1795 von Johann
Gottfried Köppel zeigt die reichhaltige Folklore um die Höhle.
Er vermutet, daß dort schon die "unglaubige Heiden"
ihren Götzen geopfert hätten (links vom Eingang wurde ein
kleines Wasserbecken als "heidnischer Weihkessel" den
Besuchern beschrieben), ein frommer Einsiedler oder
"unglücklicher Ritter" hätte dort gelebt, der
"Oswald" geheißen hätte und damit der Höhle ihren
Namen gab (zumindest in dem Ritterroman "Heinrich von
Neideck" von Georg Friedrich Rebmann). Von ihm wurde
erzählt, er sei von allen Bewohnern im Lande weit umher
"geehrt und geliebt" worden, und man habe sich seines
Rates und seiner Weissagungen bedient. Dieses Motiv finden wir
von vielen Höhlen und ihren oft seltsamen Bewohnern in Europa,
in Bezug auf die "Weissagungen" sind es allerdings
meist Frauen, denen eine solche Fähigkeit zugeschrieben worden
ist.
Eine einstmals den Eingang abschließende große Mauer wird mit
dem Dreißigjährigen Krieg in Verbindung gebracht, weil sie
damals als Zuflichtsort der Dorfbevölkerung gedient haben soll.
Später bediente man sich den Räumen zu profaneren Zwecken: Sie
dienten der Kühlung des Bieres und der Lagerung von
Sommerfrüchten im Winter. Ich erinnere mich noch an meine erste
Befahrung der Höhle im Jahre 1966, als wir uns damals mit dem
Gedanken trugen, die Höhle als Kulisse für einen Film über
Steinzeitmenschen zu verwenden. Aus dem Projekt wurde nie etwas.
Für den Zeitpunkt der Entdeckung der Wundershöhle wird uns das ganz genaue Datum genannt: der 7. November 1772 nämlich. Damals sei der "Höhleninspektor" Wunder auf einen Schlüssel getreten, als er gerade versuchte, vor einem Gewitter unter dem Felsdach am Eingang Schutz zu suchen. Da hätte in ihm den Gedanken erweckt, dort nachzugraben, und tatsächlich, da ging es tiefer in den Berg.
Immerhin schon 1794 drang ein KÖPPEL in sie vor und schrieb dann später: "Dieß ist die gefährlichste unterirdische Reise nach den hiesigen Höhlen. Denn man lege sich vor dem Eintritt auf den Bauch, und indem man in der einen Hand ein brennendes Licht hält, hilft man sich mit der anderen wie eine Schlange durch die engen Krümmungen winden, und schlüpft so auf nassen, glatten und ungleichen Felsen eine Strecke von 15 Fuß hindurch (15 Füße! 5 Meter!) Damit ist aber die Reise noch nicht vollendet. Man muß sich sodann über ein Stück abgebrochenen Felsen schwingen und in einen engen Abgrund behutsam hinabklettern. Aber wie groß war das Erstaunen..." Wer noch mehr darüber erfahren will über dieses frühe Höhlenabenteuer, der sollte den Rest in dem schönen Höhlenbuch von Hardy Schabdach nachlesen.
Über einen sehr engen Verbindungsgang steht sie mit der Witzenhöhle in Verbindung, mit der sie ein Gesamtsystem von immerhin 285 m Gesamtganglänge bildet. Wer nicht weiß, daß es sie überhaupt gibt, der wird sie nicht finden. Denn der Weg zu ihr ist nicht ausgeschildet. Man allerfalls an den Trampelspuren im Wald sehen, daß da irgendwas wohl ist. Von oben her kommend ist ihr Eingang erst zu sehen, wenn man fast schon davorsteht.
Ihr Ruf ist zumindest zweifelhaft. Warum hat schon 1774 Johann Friedrich Esper folgenden Satz über sie geschrieben: "Alles ist Wust, alles Unordnung, alles dem Geschmack des zur Empfindung des harmonischen geschaffenen Menschen, gerade zuwider." Eine spannende Bemerkung! Ein echter Beitrag zur psychischen Wirkungsgeschichte der "Höhle" auf den "Menschen"! Dazu paßt dann auch die seltsame Diskussion um den Namen der Höhle, der von Esper mit dem Gott Wit oder Witte in Zusammenhang gebracht wurde, dem "Gott der Rache". Und er schreibt dazu: "Gewiß für den Gott der Rache läßt sich in Deutschland keine schicklichere Behausung als das Witzerloch finden." 20 Jahre später tauchen auf einmal Berichte auf, daß es in der Höhle ein Götzenbild des Rachegottes Swantowith geben würde. Wer mehr darüber lesen möchte, der sollte mal den "Kleinen Führer zu Höhlen um Muggendorf" zur Hand nehmen.
Mich verbindet ein kleines Erlebnis ganz besonders mit dieser Höhle. Als wir, die damaligen Teilnehmer von HÖREPSY 1992, einfach mal einige Zeit im Endraum der Höhle im Dunkel gegessen waren, um einfach mal wahrzunehmen, was da gerade ist, oder anders gesagt, zu meditieren, da fiel plötzlich nach einiger Zeit ein kleiner Stein aus der Höhlendecke und wir nahmen ihn erst war, als er auf dem Boden aufschlug. Ein leichtes Geräusch. Wir hatten alle ganz ruhig da gesessen, keiner hatte irgend etwas gemacht, und doch passierte da was. Was war da wohl die "Ursache"? Wahrscheinlich passiert das dauernd irgendwo auf unserer Erde, aber keiner ist halt da, um das wahrzunehmen. Waren wir schuld? Oder war es Zufall? War es "göttliche Fügung"? Ein Zeichen des "Ganz Anderen"? M=mc²? Wir nahmen dieses kleine Erlebnis mit nach draußen, aber was heißt schon "klein"?
Nordwestlich von Muggendorf liegt am rechten Wiesenttalhang in 625 m Seehöhe der Eingang zu einer der bekanntesten Höhlen der Fränkischen Schweiz, der Rosenmüllerhöhle. Sie hat ihren Namen von Johann Christian Rosenmüller, einem Anatomieprofessor aus Leipzig, der als ersten "Fremder" in den 16 Meter tiefen Eingangsschacht hinabstieg.
Wir kennen sogar das genaue Datum dieser Höhlentour, den 18. Oktober 1793. Die Höhle war von Johann Ludwig Wunder, einem Sohn des damaligen "Höhleninspektors" Johann Georg Wunder entdeckt worden und "durch Hülfe eines Seils" erstmalige befahren worden. Am Grunde des Schachts machte man eine schauderliche Entdeckung: "zwei Menschengerippe. Anfangs, ehe man sie berührte, noch der Länge nach hingestreckt liegen, aber so bald man sie antastete, fielen die Knochen auseinander." 1830 baute man einen kleinen Tunnel, der direkt in die Eingangshalle führt. Von 1836 an bis 1960 wurde sie als Schauhöhle geführt, womit sie zu ältesten Schauhöhlen gehört.
Heute ist der Zugang frei. Man kann unschwierig durch den 8 m langen und 1 m breiten Stollen, der allenfalls ein paar Pfützen am Boden aufweist, unschwierig in die große Halle im Berge gelangen. Von oben dringt Tageslicht aus dem Schacht herein. Im Winter bilden sich in dieser Eingangszone öfters kleine Eisfiguren. Man kann nun auf künstlichen Steinstufen den "Parnaß" erklimmen. Ein Eisengeländer gibt Halt. An ihm sind viele kleine Kerzenhalter, die auch heute noch Verwendung finden können, wenn Besucher mit einer entsprechenden Menge Kerzen kommen und sie bestücken. Oben angekommen ist der Blick zurück in die Halle recht eindrucksvoll. Bergeinwärts sieht man nur noch die Reste des einst wohl sehr schön gewesenen Sinterschmucks. Alles, was irgendwie mitnehmbar war, ist heute aus der Höhle entfernt. Man sieht nur noch die Stümpfe einstiger Pracht Decken, Böden und Wänden. Was da noch ist, rechtfertigt Namen wie "Allerheiligstes", "Wachskammer" und "Kleines Paradies" nicht mehr.
Beinahe wäre mal ein deutscher Dichter zur
größten Attraktion der Höhle geworden. Warum? Karl Immermann,
ein Dichter des poetischen Realismus, versuchte 1837 zu diesen
hochgelobten Schönheiten in der Höhle zu gelangen, die
allerdings nur durch ein enges Loch zugänglich waren. Es
versuchte es zumindest und beschrieb seine Erfahrung dann so:
"Ich kroch in das enge Loch, aber mein unglücklicher
Körper wollte nicht durch. Ich drängte mich mit aller Macht
hinein, vergebens! endlich saß ich fest, konnte nicht vor- nicht
rückwärts. Schon dachte ich in meiner Noth, ich würde sitzen
bleiben, würde nach und nach incrustiren, und nach Jahrhunderten
die größte Merkwürdigkeit der Rosenmüllers Höhle werden: ein
deutscher Dichter im Tropfstein - da haspelte mich der Führer
noch zum guten Glücke los."
Auf Streitberg zu kommt man am rechten Talhang zum Langen Tal. Dort finden wir einige Karstquellen, die insbesondere bei Hochwasser sehr aktiv werden können.
Bei der Binghöhle
Ein paar Höhlenbilder aus den Höhlen des "Muggendorfer Gebirgs"
Literatur:
| Kaulich, Brigitte, Schaaf, Hermann | Kleiner Führer zu Höhlen um Muggendorf, Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg e.V., Nürnberg 1980 |
| Lang, Stephan | Höhlen in Franken - Ein Wanderführer in die Unterwelt der Fränkischen Schweiz, Verlag Hans Carl, Nürnberg 2000 |
| Schabdach, Hardy | Unterirdische Welten - Höhlen der Fränkischen und Hersbrucker Schweiz, Verlag Reinhold Lippert, Ebermannstadt 2000 |
| Herrmann, Friedrich | Höhlen der Fränkischen und Hersbrucker Schweiz, Regensburg 1980 |
| Heller, Josef | Muggendorf und seine Umgebungen oder die Fränkische Schweiz, Nachdruck der 1. Auflage aus dem Jahre 1829, Palm & Enke, Erlangen 1979 |
| Bauer, Karlheinz | Alte Höhlenansichten der Fränkischen Alb, Reihe F - Geschichte der Speläologie, Biographien - Heft 2, München 1967 |
| Esper, J. | Ausführliche Nachricht von neuentdeckten Zoolithen unbekannter vierfüssiger Tiere. Nach der Original-ausgabe von G. Knorrs-Erben, Nürnberg, 1774 with an introduction by A. Geus. Wiesbaden 1978 |
Links:
http://www.fraenkische-schweiz.com/gemeinden/muggendorf.html
http://www.fraenkische-schweiz.com/sport/wandern/muggendorf.html
http://www.fraenkische-schweiz.com/sport/wandern/muggendorf.html
Landschaft und Höhlen der Fränkischen Schweiz
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