Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Im Triester Karst



Triest und sein Hinterland. Dort wurde eines der grundlegenden Kapitel einer Disziplin geschrieben, die heute "Höhlenkunde" oder "Speläologie" heißt. Höhlen wurden schon seit Urzeiten erkundet, bewohnt, genutzt. Aber es gab auch Grenzen, insbesondere, wenn es in die Tiefe ging. Und diese Tiefe wurde schon vergleichsweise früh im Karst, so heißt in der Ortssprache dieses Gebiet, erobert, mit den Mitteln, die man halt damals zur Verfügung hatte. Das hat seinen Grund. Triest, eine wachsende Stadt, ein Hafen, brauchte Wasser. Und das war an der Oberfläche kaum zu haben. Wenn es regnete, floß alles sofort nach unten ab. Es hab fast keinen oberflächlich abfließenden Bach, keinen Fluß. Weit entfernt gab es einen richtigen Fluß, der unvermittelt aus den Felsen trat, den Timavo. Dabei hätte man so gut Wasser brauchen können für die Bevölkerung der Stadt und die Schiffe, die dort gerne Wasser aufgenommen hätten für ihre weiten Reisen. In den Bergen oben hatte man längst die Eishöhlen im Tarnowaner Wald gefunden, hatte deren Eis heruntergeschafft und mit auf die Reise genommen. Ein Luxusprodukt damals.

Mit dem "Abisso di Trebiciano" wurde bereits 1841 eine Tiefe erreicht, die ihresgleichen suchte. 329 m Tiefe erreichte man, bis man am unterirdischen Ufer des Timavo stand und darin "die" Lösung für die Wasserprobleme der Stadt gefunden zu haben hoffte. Hunderte von anderen Höhlen hat man inzwischen im Triester Karst gefunden, erforscht und untersucht. Der jüngste große Erfolg war die Erforschung der "Claudio Skilan", wo man ebenfalls ein großes Stück des Riesenpuzzles um den unterirdischen Verlaufs des Timavo dazuentdeckte.

Heute ist das Wort "Karst" ein weltweit verbreiteter Begriff geworden. Etwa ein Fünftel der Erdoberfläche ist ähnlich beschaffen und sich entsprechend entwickeln. Wichtiges Kennzeichen: Wasserlosigkeit an der Oberfläche. Es regnet, das Wasser verschwindet, sobald das möglich ist, im Untergrund, sammelt sich dort zu immer größer werdenderen unterirdischen Bächen und Strömen und tritt dann gesammelt in einer großen Quelle wieder zu Tage. Das ist hier die Timavoquelle....

Fährt man von San Giovanni al Timavo westwärts, so gelangt man in das Gebiet des "Carso Goriziano". Den hatte ich mir am 1. November 2001 einmal vorgenommen, weil ich bislang noch nie vorher dort gewesen war. Es ging vom Meer aus zuerst einmal relativ steil hinauf, bis die Hochfläche des Karsts erreicht war. Mein Hauptziel sollten die "Grotte di Guerra" aus dem Buch "Duemila grotte" sein, ein Thema betreffend, "Krieg und Höhle", dessen Aktualität leider heute niemandem mehr verborgen bleiben kann. In dem Artikel tauchten Namen auf: Brestovizza, San Michele. Ich versuchte sie zu finden, wanderte wieder einmal ziemlich ahnungslos herum, fand auch eine kleine Schlupfhöhle, die in einen kleinen, "bestehbaren" Raum mündete, mit einem völlig verrosteten, aufgehängten Blechnapf am Eingang. Am Ende landete ich dann bei einem der Schauplätze der "blutigen Isonzoschlachten", dem Monte San Michele. Es ist unheimlich dort.

Was hat sich an diesem Ort vor bald 100 Jahren abgespielt? Ein Augenzeuge von damals, der k.u.k. Soldat und Kammersänger Julius Pölzer beschrieb die Situation in einem Kriegsbericht so: "Obgleich der Boden felsig war, lag drinnen eine äußerst zähe und schmierige, braunrote Lehmschicht, welche der fortwährende Gußregen aus den Gesteinfalten zusammengeschwemmt hatte. In dem Granattrichter stand dieser scheußliche, mit Leichenteilen wie Handfleischfetzen, Därmen, Schädeln, Rippen und halbverwesten Menschenfleischstücken untermischte Morast oft mannstief. Darin schwammen aufgedunsene Leichen herum, deren Fleisch schon in verfaulten Fetzen von den Schädelknochen fiel. Wenn sich dann, besonders nachts, ein Schwerverletzter mit dem letzten Rest von Kraft zum Hilfeplatz schleppen wollte, fiel er in so einen Teich, der wie eine Fallgrube wirkte, und ersoff elendiglich."

Die Österreicher hatten sich dort eingegraben, besser noch, eingesprengt, in den Fels. Wo es Höhlen gab, da wurden sie verwendet (z.B. in der Grotta di Mozci, der Grotta di Visogliano oder der Grotta Novello), wo nicht, da schuf man halt mit Hilfe von Alfred Nobels Wundermittel Unterstände. Italienisch-ungarische Truppen/Menschen griffen an und siegten am Ende. Heute ist hier ein Nationalheiligtum, ein Sanktuarium, nach oben hin leicht erkennbar an den typischen Friedhofsbäumen, den "lanzenförmigen" Zypressen, die inzwischen schon eine große Größe erreicht haben. Es gibt hier ein Museum, das Erinnerungsstücke an diese eigentlich ziemlich traurige Zeit aufbewahrt, aber das war gerade geschlossen. Einige Originalkanonen im Freigelände ließen aber etwas von dieser grausigen Vergangenheit erahnen. Markierte Wege führen rundum und passieren auch zu einige Öffnungen im Berg. Die sind eigentlich alle abgesperrt, "abmarkiert" oder mit Warnschildern versehen. Es ist aber überhaupt kein Problem, da hineinzugehen, -zuklettern, durchzulaufen. Eine Taschenlampe ist nicht schlecht, denn damit erspart man sich das Durchtasten. Passende Räume für die Kanonen sind da in die Felsen gegraben worden, Verbindungstunnels dazwischen, ein richtiges unterirdisches System von Felsgängen. Gleich neben dem großen System ist heute noch eine Art Durchgangshöhle erhalten, die einmal einem General als Unterkunft gedient hat. Da gab es wohl vor einigen Jahren noch eine Art Beleuchtungssystem, das die Begehung ohne eigenes Licht ermöglichte. Heute hängen die Lampen wie eine unheimliche Lichtskulptur durch den Raum. Mit einer Taschenlampe ist das alles leicht zu machen.

Der "Karst" ist natürlich für den "Höhlenforscher" noch viel mehr als nur traurig stimmende Kriegsvergangenheit. Da gibt es Höhlen für "Genießer" aller Grade. Vom "soft" bis zum ausgesprochenen "hard caver". Die soften Höhlen wurden alle schon seit Jahrtausenden von den Menschen aufgesucht und boten und bieten den Archäologen ein breites Arbeitsfeld. Ein eigenes Buch gibt es inzwischen darüber, das sie ziemlich erschöpfend beschreibt (Gherlizza, SPELAEUS). Für die zweite Kategorie gibt es "-100", da geht es vor allem um die großen Schächte, die oft in einem Stück 100 m und mehr in die Tiefe abbrechen.

Für die Öffentlichkeit ist die Grotta Gigante der große Anziehungspunkt, da hier eine Riesenhalle im Karst für das Publikum erschlossen worden ist. Über viele viele Stufen kann da auch der Höhlenunerfahrene einmal die Tiefe steigen und angesichts von Dimensionen, die schon mit dem Petersdom in Rom verglichen wurden, sich einmal einem kleinen Schauer hingeben, ob der fragwürdigen Tragfähigkeit aller Erdoberflächen. Wer weiß denn schon, ob nicht auch er nicht über einem riesigen Hohlraum wohnt und nicht auf der im Grunde nur unterstellten vollen Fülle seines Untergrunds.

Viele der "wilden" Höhlen des Karstes sind heute verschlossen und deren Besuch ist nur nach Kontaktaufnahme mit den entsprechenden Stellen möglich. Das ist einerseits schade, aber angesichts der vielen Zerstörungen in früher offenen Höhlen heute nicht vermeidbar.

Als tiefste und längste Höhle des Gebiets wird im Jahre 2009 die Grotta Claudio Skilan mit 6.200 m bzw. - 375 m geführt. In Bezug auf die Tiefe kommt dann die Grotta di Trebiciano mit - 350 m, die einmal als die tiefste Höhle der Erde galt, als sie erstmals erforscht wurde. Zweitlängste Höhle ist die Grotta Gualtiero Savi mit 4 km vermessener Gesamtganglänge, gefolgt dann von der Fessura del Vento mit 2.626 m und dem Complesso del Timavo mit 1.970 m.

Große landschaftliche Höhepunkte für jeden Besuch des Gebiets um Triest sind auf zwei Spaziergängen zugänglich, die sich besonders bei Sonnenuntergang lohnen. Zu recht sehr berühmt ist der Sentiero Rilke zwischen Sistiana und dem Castello nuovo di Duino. Die zweite Traumweg führt bei Contovello bei Prosecco als "Strada del Friuli" hoch über dem Meer auf der Route, die von Napoleon angelegt worden ist. Für Autos ist sie heute gesperrt, Kletterer turnen an den Kalkwänden, Katzen werden gefüttert und Kinderwägen geschoben. Hoch oberhalb ist die momumentale Betonkirche Santa Mariano di M. Grisa zu sehen. Traumstunden lassen sich hier verleben.


Am Hafen von Triest


Literatur:

Hofmann-Montanus, Hans, Petritsch, Ernst Felix Die Welt ohne Licht, Verlag Josef Habbel, Regensburg 1952
Vittorio, Verole, Bozzello Le Grotte d'Italia, Bonechi Editore, Firenze 1970
Gobetti, Andrea L'ITALIA IN GROTTA, Rom 1991
Ferlatti, Clara UNA GROTTA PER "EL FURLAN", Speleologia 27, 1992, S. 4ff.
Cicuta, C. Il Timavo, SOTTO IL CARSO, Anno II, N°2, pag. 24-45, Gorizia 1982
Crevatin, Gabriele u.a. ALLA RISCOPERTA DELL'ABISSO DI TREBICIANO, Speleologia 23,1990, S. 13ff.
Crevatin, G., Fabbricatore, A., Guglia, P. The Timavo Project, UIS-Cave Diving 4/1992, S. 10ff.
Boegan, E., Bertarelli, L.V. Duemila grotte, T.C.I., Milano 1926
Gruppo Speleo "L.V: Bertarelli" 30 GROTTE DEL CARSO GORIZIANO, Görz 1991
Gherlizza, Franco -100, Club Alpinistico Triestino Gruppo Grotte, Triest 1983
Gherlizza, Franco, Halupca, Enrico SPELAEUS, Club Alpinistico Triestino Gruppo Grotte, Triest 1986
Tabor, Jan Die Treppe der Giganten, MERIAN Friaul - Triest - Venetien, November 1994
Gudi, Pino Storie e Leggende del Carso e delle sue Grotte, mondo sotterraneo, anno XXV, 2001, S. 15ff.
Gherlizza, Franco, Radacich, Maurizio Grotte della Grande Guerra, Trieste 2005
Gherlizza, Franco Prime Grotte, Trieste 2004
Sedran, Sandro Speleo Per Tutti, Mira 2006

Links:

Allgemein:

 

Speläologisches:

Eine Literaturempfehlung:

Die kleine grüne Region im Nordosten Italiens erstreckt sich von den Alpen bis zur nördlichen Adria. Wer hier Ferien macht, kann am Vormittag bergwandern und sich am Nachmittag an prächtigen langen Sandstränden vergnügen. Eine Region mit kompliziertem Name und komplizierter Geschichte für ganz unkomplizierte Ferien.
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Fohrer, Eberhard, 264 Seiten, 2. Auflage 2010, 15,90 €
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