Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Geruchssinn und Höhle


Räucherstäbchen in der Dike Paku Gupha, Kathmandu, Nepal


Während unserer 9. Tagung in Sankt Claret bei Ulm Ende April/Anfang Mai 1998 hielt ich einen Vortrag zum Thema "Geruchssinn und Höhle". Der ausführliche Text steht im Tagungsband.

Nicht mehr nachvollziehbar ist der "Duftkreis", der zeitweise im Mittelpunkt unserer Tagung gewesen ist - 30 verschiedene Geruchserfahrungen, verpackt in kleine Filmdöschen - vom Odol bis Chanel. Den Karbidgeruch, der zur Einstimmung auf die "typischen Höhlengerüche" von mir verwendet worden war, und der keineswegs bei allen gleich Beifall gefunden hat, kann sich jeder richtige "Caver" leicht zubereiten.

Ein Auszug aus dem Text:

" Das Riechen in Höhlen"

 

Riechen Höhlen? Der französische Höhlenforscher Caillot behauptet, daß jede Höhle ihren eigenen Geruch (parfum) habe, der "sehr unterschiedlich sei, jede hat ihre eigene Art, die sie von allen unterscheidet, einzigartig macht".

 

Besonders deutlich treten außergewöhnliche Geruchsnoten hervor, die besondere Ursachen haben. So rochen eines Tages australische Höhlenforscher an drei Eingängen zu den Curious Cavern (J 220)/Jenolan/Australien für 30 Sekunden starken Vanillegeschmack. Woher der kam, konnte nie genau geklärt werden.

 

Mir ist eine Begebenheit noch sehr in Erinnerung, die sich vor bald 30 Jahren schon zugetragen hat. Ich besuchte mit Georg Kellerer Ende der 60er Jahre das Windloch bei Kürmreuth auf der Fränkischen Alb. Im Wald jenseits der Grenze zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr geht es in einen Schacht hinunter. In diesen war ein Reh gefallen und lag nun da am Grunde, aufgeplatzt und in Verwesung übergehend. Der Geruch im gesamten Eingangsteil war so bestialisch süß, daß wir wirklich drauf und dran waren aufzugeben und tiefer einzudringen, weil die Situation unerträglich war.

 

Ich habe eine kleine Umfrage unter meinen Höhlenfreunden gemacht und sie danach gefragt, was ihnen zum Thema "Gerüche und Höhle" alles einfällt. Die Antworten sind wohl repräsentativ.

 

Steffen Pohlenz berichtete mir von einem Vorfall aus den Schwammerllöchern im Wendelsteingebiet. Er seilte sich gerade in den 60-m-Eingangsschacht ab, als der Verwesungsgeruch einer im Vorjahr in die Tiefe gestürzten Gemse ihn noch etwa 20 m über dem Boden einhüllte. Der Gestank führte dazu, daß er sich übergeben mußte und den weiteren Abstieg abbrach. 3 Tage später kamen die Forscher mit Gasmasken wieder und vollendeten die Befahrung.

 

Immo berichtete von einem Randereignis bei der Erforschung der Windlöcher am Untersberg. Eine kleine Gruppe war gerade in dieser eigentlich nur wenig besuchten Höhle unterwegs, als plötzlich in der Luft der Geruch von Schwefel ganz fein und nur für einen Moment spürbar war. Dann nichts mehr. Dann roch es auf einmal kaum wahrnehmbar nach Zigarettenrauch. Aber niemand war da, keine Spuren, Geräusche, nichts. Und dann, doch, Menschenstimmen, ein Gruppe anderen Höfos war ansonsten völlig unbemerkt in der Höhle zur gleichen Zeit gewesen und jemand rauchte da eine Zigarette. Der feine Luftstrom in der Höhle hatte die paar Duftpartikel mit sich genommen und verteilt.

 

Eine ähnliche Geschichte berichtete mir Steffen Pohlenz von der Befahrung des Lamprechtsofens. Nach einer Begehung des Rivierateils gingen sie zurück zum Sandbiwak und kochten dort zuerst einmal Spaghetti mit viel Knoblauch. Anschließend wurde ein Glühwein heiß gemacht, später noch eine geraucht, dann wieder Glühwein gekocht und noch einmal eine geraucht.

Irgendwann traf eine Gruppe von polnischen Höhlenforschern ein, die tief drinnen beim Feierabendversturz gewesen war. Die konnte nun den Sandbiwaklern genau erzählen, was sich dort in der letzten Zeit dort abgespielt haben mußte, anhand der Geruchserlebnisse, die sie gehabt hatten, auf dem Weg zurück Richtung Ausgang. In kleinen Portionen hatte der Höhlenwind die Geruchsgeschichte ins Innere des Berges nachvollziehbar noch für andere getragen.

 

In Höhlen kann man auch angenehme Gerüche bringen. Ich denke da an die Höhlenfeste, veranstaltet etwa von der FHKF im Felslindl bei Saas. Fränkische Würstl und Koteletts vom Grill, verschüttetes Bier und der scharfe Geruch des Lagerfeuers unter dem Höhlendach - erdverbunden, uns an die Anfänge zurückführend, an ein einfaches Leben erinnernd, das voller Sinnenfreude Erfüllung schafft, weg von der Künstlichkeit und Sterilität unserer HIGHTECH-Zeiten.

 

Wenn wir in die Höhle gehen, dann bringen wir Menschen eine Menge "Gerüche" mit uns. Man muß sich nur einmal die kleine Geschichte vom "Wanderapfel", die Willi Hermann einmal geschrieben hat, gewissermaßen "riecherisch" durch die Nase gehen lassen, um zu spüren, was da los ist: "Schwitzend krochen wir zu zwölft hintereinander in einem der Gänge des Bismarkschachtes, als mir mein Vordermann einen bis zu Dreiviertel abgebissenen Apfel mit den Worten übergab: "Runterbeißen und weitergeben". Der letzte bekam den Putzen. Der Apfel stammte von Ilona an der Spitze der Gruppe. Freilich nur eine kleine nebensächliche Episode während einer Höhlenbegehung, aber nett."

 

Man stelle sich nur eine zwölfköpfige, verschwitzte Höfogruppe in einem engen Gang vor, an der Spitze ausgerechnet auch noch eine Frau, und einen frischen duftenden Apfel dazwischen. Was für ein Duft!

 

Witz aus GUT SCHLUF: "Neulich im Dom III des Goldfußschachtes: "Schlechte Akustik her." "Ja, jetzt wo Du es sagst, rieche ich es auch!"

 

Der zentrale Geruch bei vielen Höhlentouren kommt vom Karbid. So mancher rümpft die Nase, wenn er damit zum ersten Male in Berührung kommt, doch erkennt man leicht daran die Abgeklärtheit und Aufgeschlossenheit für die "Welt der Höhlen".

 

Schwefelgestank in der Höhle? Ein vertrauter Geruch bei uns, wenn man schon einmal Steinschlag in einem Loch mitgemacht hat. Der Kalkstein enthält bei uns des öfteren Pyritanteile. Ist’s viel, dann heißt er schließlich auch "Stinkkalk". Schlägt nun so ein Stein unten wieder auf, was in manchen Höhlen gar nicht so selten passiert, ohne daß auch nur irgendein Mensch irgendwie dafür verantwortlich zu machen wäre, weils von ganz alleine passiert, ganz natürlich, dann riechts plötzlich merkbar. Der Schwefel wird bei der chemischen Reaktion freigesetzt und wir können ihn wahrnehmen.

 

Weihrauch in einer Höhle? Jedes Jahr spielt dieser früher für heilig und sehr wirkmächtig gehaltene Duft bei einem Ritual eine Rolle, das in der Svetka Marinka, Bulgarien, stattfindet. Die verheirateten Frauen kehren die Höhle aus und zünden den Weihrauch an. Dann dürfen die unverheirateten Männer die Höhle betreten. Es wird dann zu ihnen gesagt, sie hätten nun den Ort wieder zu verlassen (ein paar sollen aber heimlich öfters zurückgeblieben sein). Anschließend dürfen erst die unverheirateten Mädchen hinein. Ihre brennenden Kerzen werden von den zurückgebliebenen Männern ausgeblasen, und was dann im Dunkeln passiert, das wird sinngemäß als "Zwicken, Kneifen, Einklemmen, Quetschen" bezeichnet. Kommt so ein junges Mädchen mit einem jungen Mann an der Hand wieder heraus, so gelten die beiden als verlobt. Geschieht keine solche Verbandelung, so ist alles, was da in der Weihrauch geschwängerten Höhle passiert ist, sozial völlig folgenlos.

 

Mit der Verbandelung der Menschen in einer Höhle, auch mit Hilfe des Einsatzes von Geruchsstoffen, öffnet sich ein wenig die Türe zum Numinosen. Tut sich mit den Gerüchen aus dem Erdinnern ein Tor zu uns ansonsten nicht zugänglichen Bereichen auf? Mit den Geschichten um die Pythia, die weissagende Frau über der Erdspalte, kommen wir in den griechischen Kulturkreis.

 

Ein besonderes Kapitel sind die "Heilrauchspalten" im Himalaja. Es soll sich um "Gebirgskluftspalten" im Sham-, Gamhu- und Lotghu-Tal in 4600 bis 6300 Metern Höhe in Tibet handeln. An 230 bis 280 Tagen im Jahr soll aus den Spalten "merkwürdiger Rauch oder Dampf aus der Tiefe aufsteigen", dessen nach "unbekannter Würze riechendem grüngelben Rauch" Heil- und Lebenskraft zugeschrieben wird. Schon nach 30 tiefen Atemzügen soll sich oft ein "starkes Lebensgefühl" einstellen, das bei der Bevölkerung in der Umgebung erheblich zur Erhöhung des Lebensalters auf weit mehr als 100 Jahre in vielen Fällen beigetragen haben soll. Die Spalten sollen übrigens auch geologisch schon erkundet worden sein. Grundlotungen seien "ergebnislos in mehr als 8000 Meter Tiefe abgebrochen worden. Nur viele siebartige Löcher von höchstens 30 cm Durchmesser hätten ausgemacht werden können.

Solchem heilkräftigen Dampf, der natürlich entsprechend riecht, begegnet der Besucher auch bei uns in Europa, ohne daß allerdings von einer extrem lebensverlängernden Wirkung berichtet würde. So ist westlich von Florenz schon seit langem die Grotta Giusti den Menschen wegen ihrer heilkräftigen Wirkungen bekannt. Die erste schriftliche Notiz stammt schon aus dem Jahre 1770 von Alexandro Bicchierai, wo er von einer warmen und dampfenden Quelle berichtet, die am Fuße eines Berges entspringe. Heute ist die Naturhöhle mit ihrem heißen Wasser und den riechenden Dämpfen in einer modernen Kuranlage für die Öffentlichkeit zugänglich.

 

Moderne Erscheinungsformen dieser Dampfgrotten sind ja in unseren Badezentren zu erleben. Dort gibt es häufig solche Dampfkammern, manchmal sogar "Grotte" genannt, wo man sich den heißen, feuchten und riechenden Elementen aussetzt, um was "für seine Gesundheit" zu tun.

 

Verändert der Aufenthalt in Höhlen die menschliche Geruchswahrnehmung. Das scheint in der Tat so zu sein, und zwar im Sinne einer Verfeinerung, die manchem auch schon wieder zu weit geht. Interessantes Material dafür liefen die Berichte von Langzeitaufenthalten in Höhlen.

 

Veronique LeGuen, die sich 100 Tage im Aven Noir, einer Schachthöhle in den französischen Causses aufhielt, berichtete an mehreren Stellen von der Wahrnehmung ihrer eigenen Körpergerüche und das mit recht negativem Akzent:

 

"Ich stinke. Unglaublich, wie ich stinke. Überall, wo ich hingehe, begleitet mich dieser moschusartige Geruch nach Lehm und Schweiß, dieser ganz modrige Geruch, der in Höhlen herrscht, wo einem die geringste Anstrengung in die Nase sticht, wo der kleinste Schweißtropfen noch schärfer wird und wo jede Geste sich negativ in Form eines Geruchs in die übersättigte Luft einprägt."

 

An anderer Stelle: "Es wird Momente geben, wo mir das (saubere Sonntagssachen) einen Ausweg aus der Verzweiflung weist, denn die seelische Verfassung hängt auch mit dem Äußeren zusammen. Außerdem muß man erfahren, welchen Grad an Verkommenheit man aushalten kann, beim Geruch zum Beispiel. Tagsüber vertreibt man ihn, wenn man sich bewegt, doch nachts, wenn man still daliegt, verdichtet er sich wieder und schlägt mir dann morgens entgegen."

 

Auf meine Frage nach den Geruchserinnerungen in Höhlen antwortete mir Walter Klappacher aus Salzburg mit den Erinnerungen an die Körpergerüche der Mitforscher, die sich bei den oft tagelangen Untertageaufenthalten deutlich olfaktorisch breitmachen.

 

Milutin ist augenblicklich der Mensch, der sich am längsten freiwillig in die Unterwelt zurückgezogen hat, um die Wirkung des Höhlenmilieus auf den Menschen zu erforschen. In seinem Bericht finden wir folgende Bemerkung über Gerüche: "The river supplied drinking water, water for my bath and ... people who explore caves know that human desposits in the underground (where the circulation of the air is normally slow) produce long lasting unpleasant odor:; thus the river was a natural solution for more than one hygenic purpose."

 

Hält sich der Mensch länger in der Urumgebung der Höhle auf, dann werden für ihn schnell die "bare necessities of live" wieder sehr wichtig. Die ganze Ablenkung der heutigen Außenwelt fällt weg und zurück bleibt er selbst und seine Lebensvollzüge, wozu natürlich auch seine "Entleerung" gehört, und die "riecht" halt "unfein", und das nicht nur für kurze Zeit, "long lasting unpleasant odor".

 

Was ein Mensch mit einem so verfeinerten Geruchssinn durch den Höhlenaufenthalt wahrnimmt, muß nicht nur unangenehm sein. So berichtet OPPERMANN an einem mehrtägigen Aufenthalt in einer Höhle auf Lanzarote:

 

"Mein Geruchssinn verfeinert sich zunehmend. Ich rieche, wenn eine Höhlengenossin Hunderte von Metern entfernt ihre Kerze ausbläst, nehme Angstschweiß wahr, manchmal eine salzige Meeresbrise mit Fischgeruch.."

 

Besonders stark ist die Veränderung der Sinneswahrnehmung, also auch des Geruchssinns zu spüren, wenn man die Höhle wieder verläßt. Da kann es sein, daß man viel stärker wieder den Duft des Bodens wahrnimmt, die Waldluft, aber eben auch heute den Gestank aus den Auspuffrohren der Autos oder den Kaminen der Häuser.

 

So berichtete mir Immo, Windlöchler, daß er sich noch heute gut an den Moment erinnere, als er zum ersten Male mehrere Tage tief in der Höhle aufgehalten hatte und beim Rauskommen für etwa 1 Stunde ganz stark den erdig-waldigen Geruch der Außenwelt vor der Höhleneingang wahrnehmen konnte. Binnen einer Stunde legte sich diese herausgehobene Wahrnehmung wieder.

.........."


Räucherstäbchen im Osterloch bei Illschwang anläßlich unserer 2011er HÖREPSY-Tagung


Wo gibt es etwas zum Riechen in Höhlen?

 


Literatu

Lindenmayr, Franz Geruchssinn und Höhle, in: Tagungsband des Arbeitskreises Höhle-Religion-Psyche, 1998

Links:

Die menschlichen Sinne und die "Höhle"

Höhle-Religion-Psyche

 


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