Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Der Ladstattschacht, Kleines Walsertal, A


"Non possiamo chiudere gli occhi" - ein Musiktitel von Eros Ramazotti / wir können/sollten (einfach) die Augen nicht zumachen..!


7. September 2002

Schon lange hatte ich diese Höhle mal besuchen wollen. Endlich war es soweit. Willi Adelung aus Kempten war auch mit dabei.

Dieser Ort könnte zu einer Art Wallfahrtsstätte für all die werden, für die "Höhlenschutz" nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, sondern etwas, was ihnen unter die Haut geht.

Die Höhle ist nicht schwer zu finden und doch nicht leicht auszumachen. Man kann zu ihr fahren, indem man bei Riezlern nach rechts Richtung Hoher Ifen/Kürenwald/Württembergerhaus abbiegt. Das Fahrzeug kann man entweder auf dem großen Parkplatz beim Fußballplatz abstellen und etwas bergauf dann laufen oder auf einer größeren Parkfläche links von der Straße und läuft dann ein paar Meter bergab wieder. Es geht dann auf der mit einer Schranke verschlossenen Schotterstraße ziemlich horizontal, vorbei an einem Holzumschlagplatz, auf die Ladstatt, "ein versumpftes, von Hochmoorinseln durchsetztes Areal", in dem man auch einige Ponordolinen sieht. Gleich in der Südwestecke zweigt nach links ein Weglein ab und da ist man schon am "Höhleneingang". Sehen tut man da heute nichts mehr, aber auch das ist ja ein bemerkenswerter Befund. Es sieht aus wie auf einer Grünzeugdeponie, Gartenabfälle, Rasenschnitt, Holzbretter und Baumstämme liegen kunterbunt durcheinander und verfaulen und verrotten da allmählich. Von einem Schachteingang oder einem Güllesee ist nichts mehr zu bemerken. Wer eine ganz feine Nase hat, riecht vielleicht noch ein bißchen was, aber ansonsten ist nichts mehr was zu bemerken. Eine große Kolonie Hallimasch wuchert auf einem abgestorbenen Baum gleich am Eingang, aber ob der eingegangen ist, weil dort so einen heute hervorragend kaschierten Umweltfrevel gegeben hat, wer weiß das schon?

Schon Helmuth Cramer, der 1943 den ersten Plan der Höhle aufnahm, klagte damals: "Graben und Höhleneingang sind leider durch das Einwerfen von Blechbüchsen und Scherben aus umliegenden Hütten stark verunreinigt. Das war aber noch gar nichts im Vergleich zu dem, was zwischen 1973-1975 dort passierte: Einfach ausgedrückt, der Schacht wurde "zugeschissen", indirekt. Man füllte den Fäkalschlamm der Gemeinde Riezlern einfach in diesen Schacht und überließ ihn seinem Schicksal.

Aufkam diese Ungeheuerlichkeit durch Zufall. Während einer Verbandstagung der deutschen Höhlen- und Karstforscher in Sonthofen im Jahre 1975 wollte eine Gruppe eine Exkursion machen und die Höhle besuchen. Das Eindringen war aber unmöglich, da sie vor einem Fäkaliensee standen. Auf einmal berichtete die Presse groß darüber, aber verändert hat sich da nicht mehr viel - außer, siehe oben, eine optische "Begrünung", und "reden wir nicht mehr drüber".

So ein Vorgehen ist typisch menschlich. Aus den Augen, aus dem Sinn. Man muß nur an die Pläne der amerikanischen Regierung denken, im Yucca Mountain bei Las Vegas den Atommüll verschwinden zu lassen, oder die Pläne der deutschen Atomwirtschaft, unseren Atommüll im Salzstock bei Gorleben zu "entsorgen". Weg damit, ein paar "Gutachten" bestellen, die einem die Unbedenklichkeit bescheinigen, und die Sache hat sich. Aber das Zeug ist nicht weg, sondern wirkt weiter. Im Falle des Ladstattschachts hat man mal wissenschaftlich untersucht, was da jetzt los ist. Nico Goldschneider hat das mit dem Institut für angewandte Geologie der Universität Karlsruhe gemacht. Das Ergebnis: Alle Karstquellen im unteren Schwarzwassertal erhalten Zuflüsse aus dem Ladstattschacht, die Aubach, die Bürgermeister-, die Kesselschwand- und die Sägebachquelle. Es dauerte 48 Stunden, bis der eingegebene Farbstoff den "Fäkalkörper" durchdrungen hatte. Weitere 32 bis 55 Stunden dauerte es, dann waren die Quellen erreicht. Allerdings sind nur 6 % des Farbstoffs wieder zu Tage getreten. Da keine der Quellen der Trinkwasserversorgung dient, und der "Scheißdreck" oder feiner formuliert, die "Klärschlämme", inzwischen mehr als 25 Jahre alt sind, sei das von der Schachthöhle "ausgehende Gefahrenpotential als gering zu bewerten". Immerhin merkt man, daß es nichts ist mit der "Dichtigkeit". Da kommt was durch, wenn auch nicht viel, so doch etwas. Nichts ist völlig abgeschlossen. Alles wirkt weiter. Ob wir das wollen oder nicht.

Und so ein Fall ist kein Einzelfall. So berichtet Bönisch von einer Deponie für Altautos bei Altheim auf der Schwäbischen Alb in einem aufgelassenen Steinbruch. Jahrelang drang da Altöl aus den Motoren in den Karst, verschmutzte in der darunter liegenden Höhle die Sinterformen und drang dann durch Spalten endgültig hinunter in den Karstwasserspiegel, woraus dann die Landeswasserversorgung ihr Naß herbezieht....

Am Rande des Schwarzwassertales

Die Ladstatt

Kleine Ponordoline auf der Ladstatt  
Der Ladstattschacht

bzw. was von ihm noch übrig ist

7. September 2002

 
 
Die Hallimasch auf dem
abgestorbenen Baum über dem
Schachtgrund
 

 


Peter Sloterdijk in einem SZ-Interview über ZUKUNFT: "Der Mensch der prähistorischen und historischen Zeiten konnte seine Dramen vor dem Hintergrund einer Natur aufführen, von der man dachte, sie werde nie reagieren. Man ließ sein Abfälle praktisch folgenlos irgendwo liegen, die Hufeisen der römischen Kavallerie stecken ja heute noch im deutschen Schlamm. Doch wir haben die glücklichen Jahrtausende humaner Expansion hinter uns. Natur war das Außen, in dem unser Handeln scheinbar spurlos verschwand. Diese Auffassung ist für immer dahin. Mit einem Mal funktionieren unsere Externalisierungen nicht mehr, die Abfälle kehren zurück, der Wahnsinn verpufft nicht mehr in der Weite der Ozeane. Nun zeigt sich, daß die Natur ein Gedächtnis hat, sie sammelt Eindrücke, sie erinnert sich an uns. Jetzt müssen wir uns mit einer bedrohlich erinnerungsfähigen, scheinbar immer rachelüsterneren Natur zusammenraufen."


 Die Dias wurden mir von einem alten Freund, Wilfried Lorenz, zur Verfügung gestellt, der sie am 28.09.1975 während der Verbandstagungsexkursion dort aufgenommen hat.

 

Der Plan der Höhle, aufgenommen von Helmuth Cramer, am 28. August 1938

Kroki von Kessler, 18.5.1950


 

Literatur:

Goldscheider, Nico Von der Zerstörung einer Höhle und den Folgen fürs Karstwasser, in: Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. München, Hrsg., Hochifen und Gottesacker - eine Karstlandschaft zwischen Bregenzer Wald und Allgäuer Alpen, Karst und Höhle 2000/2001, München 2000
Orth, Johann-Peter Ladstatthöhle, Die Höhlen des Gottesacker-Hochifen-Gebietes, verschiedene Autoren, Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. München, Hrsg., Hochifen und Gottesacker - eine Karstlandschaft zwischen Bregenzer Wald und Allgäuer Alpen, Karst und Höhle 2000/2001, München 2000
Bönisch, Joachim Ein nachträglicher Gedanke zum Internationalen Jahr des Höhlenschutzes 1975, Beiträge zur Höhlen- und Karstkunde in Südwestdeutschland, Heft 8, 1976, S. 2
Sloterdijk, Peter ..über Zukunft, Süddeutsche Zeitung INTERVIEW 3./4. Januar 2009, Nr. 2, Seite VII
Spöcker, R.G. Die Schachthöhle auf der Ladstatt im Kleinwalsertal, nach einem Forschungsbericht von Karl Kessler, S. 3,4

Links:

Gottesackerplateau

Landschaft und Höhlen im Schwarzwassertal

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