Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle

Die Postojna Jama / Slowenien

"Hier ist eine neue Welt, ein Paradies!" - Lukas Cec


 


Planinska jama


"Wer ist schon einmal in einer Höhle gewesen?" Schon oft habe ich diese Frage in meinen Schulklassen gestellt. Unter denjenigen, die dieses Erlebnis gehabt hatten, hatte eine Zeitlang der größte Teil davon die Postojna Jama gesehen. Das ist heute nicht mehr so, weil, bedingt durch die politischen Verschiebungen auf dem Balkan, der Touristenstrom in den südosteuropäischen Raum stark abgeflacht ist, und heute die Leute eher anderswohin fahren. Aber vielleicht wird es wieder. Daß da einmal viel losgewesen war, zeigt ein kleines Detail: noch erstreckt sich vor der Höhle der größte Parkplatz des ehemaligen Jugoslawiens - eine Riesenasphaltfläche, auf der sich in zu Beginn der 90er die paar Autos und Busse, die wieder hinkamen, eher verloren.

Der Haupteingang in die Höhle war immer schon bekannt. Ausgrabungen im vorderen Teil der Höhle haben steinerne und knöcherne Werkzeuge des Frühmenschen zu Tage gefördert. Im "Namensgang" gibt es Inschriften vom Beginn des 13. Jahrhunderts. Die frühesten Beschreibungen stammen aus dem 17. Jahrhundert. Die Höhle war einfach da, für jeden offen, "nicht gesichert, unbeleuchtet und ohne regelmäßige Führung" (France Habe). Die menschlichen Auffassungen in Bezug auf die Höhlen haben auch ihre Entwicklung! Alles fließt, hieß es schon bei den Griechen.

In einem 1821 erschienenen Buch von Johann Gottfried Sommer heißt es darüber: "In Krain ist die berühmte Grotte von Adelsberg, dem Fürsten von Auersberg gehörig, am fleißigsten besucht und durchforscht worden. Aber obgleich viele mehrere Meilen in derselben zurückgelegt und sich bemüht haben, ihre Länge, Weite und Höhe auszumessen, so ist dieß dennoch niemandem ganz gelungen, und man kennt bis jetzt ihr Ende noch nicht. Alle weiteren Forschungen scheiterten an zahllosen Irrgängen und fürchterlicher Abgründen. Was man davon kennt, sind hier unermessliche Höhen, unabsehbare Tiefen und dunkle Grüfte, dort schmale Gänge, Schluchten, viele Kammern und große Säle von von dicken Tropfsteinpfeilern unterstützt. Bruchstücke und lange Felsenblöcke sind von der Decke herabgestürzt und bilden zum Theil, von Tropfstein überzogen und dadurch wieder mit der Decke verbunden, unförmliche Säulen. Überall hat das Tropfsteinwasser sonderbare Gestalten gebildet, in welchen eine lebhafte Einbildungskraft Drachen-, Schlangen-, Löwen- und Tiegerköpfe, zum Theil auch menschliche Körpertheile von ungeheurer und verzerrter Form und gräßlichem Aussehen zu erblicken glaubte..."

Als 1801 Johann Georg Seume auf dem Weg nach Syrakus mit Hilfe eines angeheuerten Führers unter winterlichen Bedingungen die Höhle besuchte, scheint sie keinen starken Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Jedenfalls findet sich in seinen Aufzeichnungen folgender Absatz: "Die Bielshöhle bei Elbingerrode hat mehr Verschiedenheit und die benachbarte Baumannshöhle einige vielleicht ebenso große Partien aufzuweisen; aber sie haben nichts ähnliches, wie es die furchtbare Höllenfahrt in der ersten und der Fluß und die Brücke in der letzteren sind. Die Tropfsteine sind in den Harzhöhlen häufiger, grotesker und schöner als hier."

1879 bekam die Höhle schon Besuch von dem später zum Pionier der französischen Höhlenforschung werdenden Edouard-Alfred Martel. Es war die dritte Höhle seines Lebens und der Besuch blieb nicht ohne seelische Folgen. Er spürte zum ersten Male einen gewissen Neid auf die Entdecker, was in folgende Worte gekleidet wurde: "Les splendeurs de celli-ci lui firent envier les heureux pionniers souterrains qui, les premiers, avaient entrevu ses voûtes colossales et étincelantes, restées si longtemps inconnues."

Ein Markstein in der Entwicklung der "Adelsberger Höhle", wie sie früher hieß, zur weltbekannten Schauhöhle war sicherlich der Besuch des österreichischen Kaisers Franz I.. Der Besuch war bestens vorbereitet, man hatte Führer, "Höhlenarbeiter" und Fackelträger"dabei.Einer der Teilnehmer, Lukas Cec, erkletterte bei dieser Gelegenheit die Steilwand des Großen Domes. Er entdeckte damit die große Fortsetzung ins Innere des Berges, was ihn dann zu dem klassischen Ausruf inspirierte: "Hier ist eine neue Welt, ein Paradies!"

Im Gefolge dieser Entdeckung zeigte sich die Geschäftstüchtigkeit der Einwohner von Postojna. Die Höhle wurde verschlossen und war auf einmal nur noch als "Schauhöhle" zugänglich, man machte überall Werbung und profitierte von der verkehrsgünstigen Lage an der europäischen Hauptverkehrsstraße zur Adria. Auch die Forschung in der Höhle wurde weitergeführt, fand einen klassischen Niederschlag in dem Werk "Die Grotten und Höhlen von Adelsberg, Lueg, Planina und Laas" von A. Schmidl, wurde weitergeführt von der slowenischen Höhlenforschervereinigung "Antron". Sogar in die österreichischen Lesebücher für die Volksschulen wurde eine Beschreibung der Höhle 1905 aufgenommen, so daß sie einen Bekanntheitsgrad in der k.u.k.Monarchie erhielt, der wohl unangefochten von anderen war. Ein kleines Zitat daraus: "Die Adelsberger Grotte in Krain gehört zu den größten Höhlen Europas. Der Eingang bildet ein Stollen, der durch Sprengungen etwas erweitert ist. Nach einigen Schritten tritt man in einen hohen Dom; auf dem Grunde desselben rauscht die Poik, die sich bei Adelsberg in die Höhle stürzt. Eine natürliche Brücke wölbt sich über den Fluß; steinerne Stufen führen zu dieser hinab und jenseits wieder hinauf. Brücke und Felswände sind mit Leuchtern versehen. Immer stehen hier Kerzen in Bereitschaft, die angezündet ein feenhaftes Schauspiel zeigen...." Der kurze Ausschnitt zeigt schon, daß man damals noch in einer ganz anderen Welt gelebt hat, auch unter der Erde.

Zwischen den beiden Weltkriegen geriet das Gebiet um Adelsberg unter italienische Verwaltung. Damals wurde die Höhle durch künstliche Stollen mit der Crna Jama und der Pivka Jama verbunden. Durch eine dieser Verbindungen kamen dann am 23. April 1944 slowenische Partisanen und sprengten das Treibstofflager der "Okkupanten" (France Habe) in die Luft, das tagelang brannte und noch heute deutlich sichtbare Spuren hinterließ. Nach dem Krieg entwickelte sich zuerst ein blühender Tourismus, der zum Beispiel dazu führte, daß man am 16. April 1990 der 25 000 000ten Besucher der Höhle begrüßen konnte. Der Krieg auf dem Balkan veränderte alles mit einem Schlag.

In dieser Zeit waren wir einmal in Postojna und hatten Gelegenheit, erleichtert durch unsere guten Kontakte zu France Habe, eine Tour durch die Höhle zu machen, ganz ohne den Touristenrummel. Es waren ja auch gar keine Touristen da. Wir paar Höhlenforscher aus dem bayerischen Oberland waren die einzigen Besucher. Wir gingen zu Fuß mit brennenden Karbidlampen dem Schauhöhlenweg entlang, besuchten das ehemalige Laboratorium mit den vielen Becken, die der Untersuchung der Höhlentiere einstmals dienten, sahen die große und die vielen kleinen Inschriften an den Wänden, zweigten an der richtigen Stelle nach links ab, folgten den alten Schauhöhlenwegen, vorbei am "Baldachin", den heute keiner mehr zu sehen bekommt, und konnten durch die Stollen bis hinüber zur Crna Jama laufen - ein unvergessliches Erlebnis.... Wir waren noch einmal mit Führer drinnen, besuchten einen ganz selten betretenen Teil, was eigentlich unglaublich war, weil er nur wenige Meter von der Bahnstrecke entfernt begann.

Die intensiven Forschungen in der Höhle von Postojna und in den umliegenden Höhlen haben gezeigt, daß es sich dabei um einen zwar bedeutenden, aber keineswegs den einzigen Teil eines gewaltigen und viel größeren Höhlensystems handelt. Die Postojnska Jama bildet den unterirdischen Wasserweg der Pivka, die direkt beim Eingang im Untergrund versickert. Man kann auf sie an verschiedenen Stellen der Höhle wieder stoßen, verliert sie aber wieder, wenn sie in Siphonen wieder verschwindet. Man kennt längst die Stelle, wo das Wasser wieder zum Vorschein kommt: das System der Planinska Jama. Dort passiert etwas relativ Seltenes in der unterirdischen Welt. Es vereinigt sich nämlich mit dem Strom des Wassers aus einem ganz anderen Gebiet, das über den Zirknitzer See, die Karlovica, die Zelske jama und die Tkalca jama dieser gewaltigen Höhle zufließt. Das Wasser bekommt einen neuen Namen. Nun heißt der Fluß Unica. Auch nicht für lange.. Aber das ist eine andere Geschichte. Erwähnenswert ist hier auch, daß man schon einmal geplant hatte, die Planina und die Postojna miteinander zu verbinden. Es war im Krieg. Die Bahnlinie war gefährdet. Warum nicht einen Tunnel graben dafür - oder eine natürliche Höhle dafür benutzen, soweit es ging... Es wurde glücklicherweise nichts daraus.......

Ein paar Bilder:

Mächtige Sinterfiguren entlang des

Führungswegs

Leo Maier vor der angebrochenen Säule

gleich neben dem Schienenweg

Ein Vorhang aus Stein
Eine weitere massive Prachtsäule
Außergewöhnliche Körpersprache
Einer der frühesten Pläne des
Eingangsteils
Im Tanzsaal
Der Eingang zur Höhle
um die Jahrhundertwende
Alte Postkarten
 
 
Ein jüngeres Postkartenmotiv
Eingang in die Planinska Jama
- die Austrittsstelle des Höhlenbaches
der Postojna

2009

Darstellung eines Grottenolms außen am Karstinstitut
Das Karstinstitut mitten in Postojna
 
Hotel Jama
Die Eingangsregion
Höhlensouvenirs
 
 
 
Menü des Höhlenrestaurants
Die Höhlenschiebebahn
 
Haupteingang
Grottenolmdarstellung auf Türgriff
Gedenktafel am Höhleneingang an den
Partisanenangriff auf die Benzinvorräte in der
Höhle
 
Historische Bilder:

Quelle: Duemila Grotte, 1926

 

 

Wer mal nach Wien kommt und das Naturhistorische Museum besucht, der wird dort auf eine Tropfsteingruppe in der Mineralogischen Abteilung stoßen, die man in Postojna weggemeißelt hat und dorthin gebracht hat.

Eine Höhlenbriefmarke mit dem Proteus anguineus

 

Bildmaterial:

POSTOJNA/ADELSBERG/GROTTE: TA., Blick aus halber Höhe in Grotte mit bizarren Tropfsteingebilden, "Die grosse Adelsberger Grotte", BI., 1845 (ca.) Stahlstich, 15,5 x 10,5
ADELSBERG (Postojna)/Slowenien. Ansicht der grossen Grotte. B.I., um 1845. Stst., 11x15
ADELSBERG (heute POSTOJNA)/ Slowenien, Tropfsteinhöhle, Stahlstich, um 1850, 7x9 cm
ADELSBERG (heute POSTOJNA)/ Slowenien, Tropfsteinhöhle, Stahlstich, Meyer, um 1850, 10x15 cm
ADELSBERG (heute POSTOJNA)/ Slowenien, Tropfsteinhöhle, Holzstich, Angerer, um 1880, 27x20 cm
ADELSBERG (heute POSTOJNA)/ Slowenien, Tropfsteinhöhle, Holzstich, Aarland, um 1880, 16x19 cm
COLLECTIF: LA GROTTE DE POSTOJNA, , GRAND IN 12, Plaquette, Illustrations. 62 p.; DATE : 1964
POSTOJNA/ADELSBERG/GROTTE: TA., Blick aus halber Höhe in Grotte mit bizarren Tropfsteingebilden, "Die grosse Adelsberger Grotte", BI., 1845 (ca.) Stahlstich, 15,5 x 10,5
Adelsberg. "Die grosse Adelsberger Grotte. Stahlstich aus "Meyer's Universum", Bibliographisches Institut (BI), Hildburghausen, 1856. 10,8 x 15,4 cm

Literatur:

Habe, Dr. France Postojna, hrsg. von Postojnska jama, 1. Auflage, Postojna 1973
Stratford, Tim The Pivka-Rak Triangle, The International Caver (14) 1995, S. 3ff.
ohne Verfasser Speleo 15-1994, S. 49ff.
Hofmann, Peter Postojnska Jama - Der Klassiker, DER SCHLAZ Heft 76- Juli 1995
Vornatscher, Josef Eine Beschreibung der Adelsberger Grotte vom Beginn des 20. Jahrhunderts, Die Höhle 4-1983, S. 135ff.
Bohinec, V., Gospodaric, R., Savnik, R. 150 Let Postojnske jame 1818-1968, Postojna 1968
Trimmel, Hubert Symposium über die Rolle der Höhle von Postojna in der Welt in wissenschaftlicher und touristischer Hinsicht, Die Höhle 4-1979, S. 111f.
Habe, France Die Höhe von Postojna und andere Schauhöhlen des Slowenischen Karstes, Postojnska jama, Postojna, 1983. 86 Textseiten und zahlr. Fotos u. 1 Plan
  Die Höhle von Postojna. Padua, Offset Invicta, 1979, 3. Aufl., gr.-8°, 94 SS., mit vielen schönen farb. Abb., OPp., SU
Miran Fajdiga [Hrsg.] Die Höhle von Postojna. Postojna, Postojnska jama, 1979, 3. Aufl., gr.-8°, 100 incl.A mit vielen farb. Fotos, Kstst
Serko Alfred, Michler Ivan Die Grotte von Postojna (Adelsberger Grotte) und sonstige Sehenswürdigkeiten des Karstes, Laibach, Toneta Tomsica, 1963, ill. OKarton, 62 S., 19x12,5 cm, viele Tafeln
Gams,Ivan Versuch einer Klassifikation der Tropfsteinformen in der Grotte, von Postojna(S. A. Proc. 4th Internat. Congress Speleol. Yugoslavia Postojna-Ljubljana-Dubrovnik 12-26 IX 1965. Tome III)1968. S. 117-126. m. Abb. (St. )br. -2)
Gams,Ivan Concentration of Co2 in the caves in relation to the air circulation, (in the case of the postojna cave)(S. A. 6th Yugosl. Speleol. Congress)1972. 10 S. m. Abb.
o.V Grottes Royales de Postumia Trieste (Italie). o.O.:, o.J. 16 S., mit farbiger Deckelillustration sowie 7 ganzs. und 2 kleineren einfarbigen Abbildungen nach Fotografien, illustr. Or.br., geheftet. kl.8°. Heute heissen die Höhlen Postoina und gehören zu Slowenien. - Mit 7seitiger Beschreibung der Höhlen sowie vier Seiten Anzeigen für Hotels sowie Schifffahrts- und Buslinien
BARTOLINI Luigi (Cupramontana 1892 - Roma 1963): Invece di tre sono passati nove giorni... Merano 7 Settembre 1937 10,5x14,8 cartolina postale viaggiata "R.R. Grotte di Postumia", compilata al recto e al verso, 11 righe indirizzata a Mino Maccari "Direzione del Selvaggio": "Invece di tre sono passati nove giorni. Tu mi burli; o non saprei cosa pensare di te. Ti ripeto: rimandami tutto quanto. E' l'unica soluzione. Ti faccio [ ... ]. Tuo Luigi Bartolini".
Sommer, Johann Gottfried Gemälde der physischen Welt, Zweyter Band - Prag 1821, besprochen in: Klappacher, Walter, Auszug aus..., ATLANTIS 1-2 2003, S. 63ff
Rouire, Jacques Èdouard-Alfred Martel et les Causses, in: André, Daniel, Lozère des Ténèbres, Marvejols 1992
Kempe, Stefan, Henschel, H.-V. Alois Schaffenraths "Zerbrochene Pyramide" (Postojnska Jama), ein Zeuge glazialer Höhlenvereisung? Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. München Nr. 3, 2004, S. 76ff.
Lübke, Anton Geheimnisse des Unterirdischen, Kurt Schroeder Bonn, 1953
Bertarelli, L.V., Boegan, E. Duemila Grotte, Milano 1926
Seume, J. G. Spaziergang nach Syrakus, Bruckmann-Verlag München, 5. Auflage 1979

Links:

http://www.lochstein.de/hoehle.htm
http://www.postojnska-jama.si/
Postojnska jama
Landschaft und Höhlen im "Karst"
Skocjanske jama
Triester Karst


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