Franz Lindenmayr / Mensch und Höhle
Eremiten und Höhlen
St. Ursanne, Schweiz
"Denn nur dem
Einsamen wird offenbart,
und vielen Einsamen der gleichen Art
wird mehr gegeben als dem schmalen Einen..." R.M. Rilke
Stundenbuch
"Wir setzten
unsere Wanderung fort...Die bislang etwas wüstenartig wirkende
Vegetation bestand jetzt aus locker verteilten Büschen...ich
habe beispielsweise das Haus gesehen, in dem eine Königin am
Vorarbend ihres Todes geschlafen hat, und eine kleine in die
Felsen geschmiegte Kapelle, die Einsiedelei eines heiligen
Mannes, von dem die wenigen Bewohner des Landstrichs behaupteten,
er tue Wunder.
"Wunder sind doch etwas sehr Wichtiges, findest du
nicht?" fragte mich Petrus. (Coelho, Paulo, Auf dem
Jakobsweg)
"With some
uncertain notice, as might seem
Of vagrant dwellers in the houseless woods,
Or of some Hermit's cave, where by his fire
The hermit sits alone . . (William Wordworth, Tintern Abbey)
Ein gutes Thema für ein künftiges HÖREPSY.... Eine Fortsetzung von "Meditation und Höhle"
An vielen Orten der Erde findet man sie, die Mönchszellen in der Einsamkeit, oft nur aus einem windigen Mäuerchen bestehend, das eine winzige Felsnische nach außen hin abschließt. Gesucht wurde die Einsamkeit, das Zurückgezogensein vom Getriebe der Welt, man suchte Gott und seinen Frieden. Was man fand, war des öfteren nicht das, was man gesucht hatte.
Im christlichen Raum begann das Einsiedlerwesen
(éremos = Wüste, Einsamkeit) schon sehr früh und so mancher
dieser uns manchmal schon sehr seltsam anmutenden Eremiten gilt
heute als "Heiliger". Einsiedler war so mancher auch
nicht für immer. So mancher zog sich nur für gewisse Zeit in
die Einsamkeit einer Felshöhle zurück und kam dann mit neuen,
oft "revolutionären" Idee daraus zurück.
Ein paar Beispiele:
Antonius der Einsiedler
Er stammte aus Komé in Mittelägypten. Im Alter von 20
Jahren gab er um das Jahr 270 n.Chr. sein reiches Erbe
auf, verteilte die Güter unter den Armen und zog sich in
die Höhlen der Thebaischen Wüste im oberen Niltal
zurück. Von ihm heißt es, daß er sich "15 Jahre
übte, in einem Felsspalt lebend, in Askese und Gebet.
Alles schien ihm mit Leichtigkeit zu gelingen, ein
Minimum an Nahrung, Kleidung und Schlaf genügten dem
Eifrigen. Um sich diesen geringen Lebensunterhalt
erwerben zu können, knüpfte er, wie die anderen
Einsiedler, Palmblätter zu Körben und Matten. Die
Vollkommenheit, die er aus ganzem Herzen erstrebte,
schien nahe. Doch dann kamen Rückschläge, Versuchungen
suchten ihn heim. Vorstellungen der Wollust ließen ihn
nicht mehr los. Um allen Anfechtungen zu entgehen, zog
sich Antonius noch tiefer in die Einsamkeit
zurück..." (Das große Buch der Heiligen, S. 32)
Besonders der Teufel habe es auf ihn abgesehen gehabt,
aber mit all seiner Kraft habe er Gottes Widersacher
besiegen wollen. Ein Ruf der Vollkommenheit wurde ihm
zugeschrieben, er suchte sich eine neue Wohnstätte und
fand sie am Fuß des Berges Kolzim. Dort bildete sich ein
richtiges Einsiedlerzentrum um ihn herum. Im Alter von
105 Jahren sei er gestorben nach einem Leben in bester
Gesundheit. Zurück ließ er nur einen alten,
zerschlissenen Mantel und 2 Tuniken in Sackform.
Benedikt von Nursia
Er wurde um 480 geboren und stammte aus Nursia, dem
heutigen Norcia in Umbrien. Als Sohn adeliger Eltern
wurde er nach Rom geschickt, um dort Rechtswissenschaften
zu studieren. Das "laute Leben in der
Weltstadt" sei ihm aber zuwider gewesen, so daß er
sich bald in die Einsamkeit und Stille seiner Heimat
wieder zurückgezogen habe. Östlich von Rom fand er bei Subiaco eine
fast nicht zugängliche Höhle, wo er 3 Jahre ausgeharrt
haben soll. Die völlige Abgeschiedenheit sei ihm aber
nicht leicht gefallen. Um seinen brennenden Wunsch auf
Kontakt mit anderen Menschen zu besiegen, habe er sich
etwa einmal nackt in ein dichtes Gestrüpp von Dornen und
Nesseln geworfen. Der körperliche Schmerz habe ihm dann
geholfen, seine Wünsche nach menschlicher Nähe zu
besiegen.
Trotz seiner jungen Jahre erwarb er sich aber durch seine
Exercitien in der Einsamkeit einen gewissen Ruf und als
man im nahe gelegenen Kloster Vicovaro einen Nachfolger
für den verstorbenen Abt suchte, wählte man ihn. Nur
zögernd ließ er sich dazu bewegen, das Amt anzunehmen
und aus seiner Höhle herauszukommen. Als er mit strengen
Ordensregeln das Leben im Kloster reformieren wollte, da
fand er nur wenig Begeisterung und enttäuscht zog er
sich erst einmal wieder in seine Berghöhle zurück. Der
Erfolg seines "ora et labora" war aber nicht
aufzuhalten und wurde zum Leitsatz des abendländischen
Mönchstums.
Rosalia
Ignatius von Loyola
San Nicola
Hieronymus
..in der Einsamkeit seiner Felsenhöhle bei Chalcis
"litt er viel um Christi willen" (Legenda
aurea)
Indien ist auch ein Kulturraum, wo die "Einsiedler" wichtige Rollen spielen. Helge Timmerberg berichtet z.B. von der Ersteigung eines heiligen Berges mit einer Einsiedlerhöhle: "Ein frommer Jogi zog einstmals bescheiden und einfach im Gemüt auf diesen Berg hinauf, um endlich ganz Mönch zu sein. er meditierte sieben Jahre in einer nur schwer zugänglichen Höhle. Dabei wurde er unwahrscheinlich stark, wurde Herr aller magischen Kräfte, und es gab eigentlich nichts, was er nicht tun könnte. Schweben konnte er, und alle möglichen Dinge aus dem Nichts herausmaterialisieren konnte er. Er konnte den Atem über ein halbe Stunde lang anhalten und Lichter am Himmel entfachen. Alle Wunder konnte er vollbringen, und auf dem Höhepunkt seiner tantrischen Kraft verließ er die Höhle und den Berg, und er nahm das gesamte Tal darunter in Besitz. Seine Bescheidenheit war damit dahin...." Wie die Geschichte weitergeht, das steht im Timmerbergbuch (S. 133f.)
Sri Ramana Maharsi
Lebte 16 Jahre in der Virupaksha Cave am Arunachala in
Südindien
Orte, wo man noch heute "Einsiedlerhöhlen" besuchen kann:
Deutschland
- Eifel
(Klausenhöhle bei Kordel, Bruderhäuschen bei Kordel,
Eremitenklause "Hieronymushöhle" unterhalb der
Liboriuskapelle bei Echternach)
- Sankt Wendelin Höhlen bei Dörzbach/Jagst
- Anhäuser
Tuffhöhlen (ein Sage berichtet vom Aufenthalt eines
Eremiten dort)
- Beg(a)hardenhöhle
Österreich
- Einsiedelei-Halbhöhlen
am St.-Georg-Palfen bei Saalfelden (> Salzburger
Höhlenbuch Band 2, Salzburg 1977, S. 170f.)
- St.-Wolfgang-Höhle im Falkenstein am Wolfgangsee
- 18 Höhlenobjekte mit dem Präfix
"Einsiedler-" in Niederösterreich (> Die
Höhlen Niederösterreichs, Band 4)
- Einsiedlerhöhle westlich von Werfen, Salzburg
(1332/11)
Schweiz
- Einsiedelei in der Verenaschlucht bei Solothurn
- Mariastein südlich von Basel
- Beatushöhle bei Interlaken
Frankreich
- Grotte de l'Ermite bei Plambois-Vennes, Doubs
- Ermitage de Saint-Antoine de Galamus,
St.-Paul-de-Fenouillet, Pyrénées-Orientale
- Höhlenkirche von Remonot, Doubs (in der Höhle gibt es
einen Altar zum Angedenken der Einsiedler, die dort über
einen Zeitraum von 1000 Jahren gelebet hätten)
Griechenland
- Einsiedlerklause beim Kloster Governéto bei Chania,
Kreta
Italien
- "Spelunke der Valmasca" im oberen Roia-Tal,
Ligurien
- Höhle auf der Insel Gallinara, vermutete Heimstatt des
Hl. Martin
- Grotta dell' Eremita im Bormidatal, Ligurien
- Tana di S. Giorgio zwischen Finale und Vado, Ligurien
- Grotta del Frate bei Feglino, Ligurien
- S. Lucia bei Toirano, Ligurien
- Höhle des Hl. Ampelio, Ligurien
- Höhle des Einsiedlers zwischen Mentone und Sospel,
Ligurien
- Grotte di
Romito, Kalabrien
- http://www.abruzzoturismo.it/tourism/index.php?area=1&sez=6&ss=42&lan=en
Einsiedlerhöhlen in den Abruzzen
- Eremo
San Colombano bei Rovereto / Trentino
Ungarn
- Bathorihöhle in Budapest (2 Jahrzehnte lang
Aufenthaltsort von László Báthori, Ordensbruder im
Paulinenkloster im 15. Jahrhundert, nutzte die Zeit zur
Niederschrift von Kommentarten zur Heiligen Schrift
in ungarischer Sprache)
- Einsiedlerhöhle im Remetetal im Stadtgebiet von
Budapest
- Mönchwohnungen bei Tihany K
- Einsiedlerhöhlen bei Nagymaros K
- Einsiedlerhöhlen bei Szentkut K
Thailand
- Tham Russi-Höhle in Phang-Nga
Am Eingang ist die Figur eines yogiähnlichen
Einsiedlers.
China
- Zhanggong Dong
Die Höhle ist nach Zhang Guolao benannt, einem
taoistischen Einsiedler, der hier gelebt hat
- Gurugem Phuk, Westtibert
Im 8ten Jahrhundert soll dort der Bonmeister Gyerpung
Drengpa Namka gelebt haben. Auch in späteren
Jahrhunderten haben die größten Bonheiler darin gelebt.
- Milarepa's Cave
Die Höhle liegt 11 km nördlich der Stadt Nyalam unterhalb der Straße und
oberhalb des Matsangflusses im Nyalamgebiet in Tibet.
Die Höhle soll viele Jahre Aufenthaltsort von Milarepa, dem bekannten
tibetischen Philosophen (1052 - 1135 n. Chr.) gedient haben.
Russland
- Die Denisovahöhle im Altaigebirge wurde nach dem
Namen des Einsiedlers benannt, auf russisch
"Dionisij", der die Höhle in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts bewohnt haben soll. Der Ort
ist die bedeutendste ärchäologische Ausgrabungsstelle
im Altai und wurde seit 300.000 Jahren bewohnt.
Ein weiteres Kapitel dieses Themas sind die EREMITAGEN. Hier sollen nur die interessieren, die mit "Höhlen" zu tun haben, denn eine "Eremitage" in Sankt Petersburg etwa, ist dafür viel zu groß geraten.
Es gibt sie etwa in
Arlesheim südlich von Basel in der Schweiz
die Eremitage in Bayreuth, D
die Eremitage im Schlosspark Favorite bei Rastatt....
Bilder aus Hongkonger Antiquitätenläden - zeigen
die in der Höhle sitzende Eremiten?
R.M. Rilke hat in seinem Stundenbuch ein paar Zeilen zu den Eremiten, wohl im Kiewer Höhlenkloster, geschrieben:
"Weißt du von jenen Heiligen, mein Herr?
Sie fühlten auch verschloßne Klosterstuben
zu nahe an Gelächter und Geplärr,
so daß sie tief sich in die Erde gruben.
Ein jeder atmete mit seinem Licht
die kleine Luft in seiner Grube aus,
vergaß sein Alter und sein Angesicht
und lebte wie ein fensterloses Haus
und starb nichtmehr, als wär er lange tot.
Sie lasen selten; alles war verdorrt,
als wäre Frost in jedes Buch gekrochen,
und wie die Kutte hing von ihren Knochen,
so hing der Sinn herab von jedem Wort.
Sie redeten einander nichtmehr an,
wenn sie sich fühlten in den schwarzen Gängen,
sie ließen ihre langen Haar hängen,
und keiner wußte, ob sein Nachbarmann
nicht stehend starb......
Ziemlich trostlos, dieses beschworene Bild
...wird fortgesetzt
Literatur:
| Awad, Jocelyne, Doucet-Zouki, Annie | Le secret de l'ermite de la Quadisha, Dergham Jeunesse, 2009 |
| Barone, Nicola, Santi, Giancarlo | Etna grotte, viaggiatori e leggende, Speleologia 56-2007, S. 44ff. |
| Beer, Ulrich | Ein Garten, der jedem offen steht: das Glück der Einsamkeit, chrisma November 2000, S.44f. |
| Dobosz, Tullio, Galeazzi, Carla | Dimore celesti per Santi e Briganti, SPELEOLOGIA 50-2004, S. 46ff |
| Eszterhas, Istvan | Mittelalterliche Höhlenkirchen in Ungarn, Jahresbericht der Höhlenforschergruppe Rhein-Main 2001-2002, S. 30-33 |
| Gauchon, Christophe | Des cavernes & des hommes, KARSTOLOGIA mémoires n° 7-1997 |
| Hartmann, Helga und Wilhelm, redigiert von | Die Höhlen Niederösterreichs, Band 4, Wien 1990 |
| Illich, Heinz | Sankt Wendelin Höhlen bei Dörzbach / Jagst, Beiträge zur Höhlen- und Karstkunde in Südwestdeutschland, Heft 7, 1975, S. 7 ff. |
| Klappacher, Walter, Gesamtredaktion | Salzburger Höhlenbuch, Band 5, Salzburg 1992 |
| Kyrle, G. | Einsiedlerhöhle bei Peggau, in: Bericht der Staatl. Höhlenkommission 1. Jg. Wien 1920 |
| Leenen, Maria Anna | Einsam und allein? Eremiten in Deutschland ISBN 3-7462-1423-8 Benno Verlag 2001 |
| Melchers, Carlo | Das Große Buch der Heiligen, W. Ludwig Buchverlag, München 1999 |
| Micati, E., Boesch Gajano, S. | Eremi d'Abruzzo, Eremi e luoghi di culto rupestre d'Abruzzo. Pascara Edizione, Carsa 1996 |
| Micati, Edoardo | Eremi e luoghi di culto rupestri della Majella e del Morrone. Pescara: Editrice Carsa 1990 |
| Porter, Bill | Road to Heaven: China Encounters with Chinese Hermits, San Francisco, CA. Mercury House 1993 |
| Timmerberg, Helge | tiger fressen keine yogis - stories von unterwegs, solibrooriginär, Münster 2001 |
| Veervorn, Aat | Men of the cliffs and caves: the development of the Chinese eremitic tradition to the end of the Han dynasty. Hongkong. The Philosophical University Press 1990 |
| Watteck, Nora | Einsiedler, Inklusen, Eremiten, Klausner und Waldbrüder im Salzburgischen, Verlag St. Peter, Salzburg 1972 |
Links:
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